Antonelli Electr. und sein nächster Streich. Mit dem Album
Text: Oke Göttlich / Erk aus De:Bug 42

Click
Antonelli Electr.

Strom. Unsichtbare Ionen schwirren vor Beginn der Aufnahme durch die Leitungen. Einen Mausdruck von Definition und Bedeutungszusammenhang entfernt. Click, das Gehör wird von der Maschine zum Takt synchronisiert. Muster entstehen und werden übereinander gelegt. Vorgänge, die vereinfacht mit dem simplen wie klangvollen Wort “Click” beschrieben werden, sind inspirative Momente, aus denen heraus Antonelli Electr. sein neues Album benannt hat.
Start. “The Strings”, die kommende Auskopplung, an deren Video gerade gebastelt wird, beginnt dann auch mit ebendiesem Click und läutet ein weitaus minimaler gehaltenes Antonelli-Album ein, als wir uns das nach den letzten Maxis gedacht haben. Sogar klanglich ist der neue Antonelli digitalästhetisch trockener geworden. “Click is made by machines” steht in den Credits, und genau das ist es. Es folgen Reisen zu Souvenirs von Techno, also das, was einen packt und friedlich wiedergibt. Feinsten Tooltechno, der Positives ausstrahlt, hat die Discomachine Stefan Schwander hier zu 8 blinkenden Stücken geformt. Minimal Nation 2000. Mit gesundem Hedonismus den neuen Markt überstehen.
Freitagnachmittag im Café des ostasiatischen Kulturmuseums zu Köln treffen wir uns zu einem von älteren Kellnerinnen gut bewachten Clubmusikgespräch mit Antonelli Electr. –

De:Bug: Name und Coverartwork deines neuen Albums lassen auf einen Kommentar zu der “Clicks and Cuts”-Compilation auf Mille Plateaux schließen. Wie kam es zu dem Titel “Click”?

Antonelli Electr.: Im Gegensatz zu meiner letzten Albumveröffentlichung “Me and The Discomachine”, die so ein bisschen programmatisch war und eine persönliche Haltung hatte, wollte ich jetzt etwas Einfaches, was modern klingt und offen ist zum einen. Und zum anderen ist “Click” die Bezeichnung des Metronoms meines Sequenzers, ein taktgebendes Element. Außerdem steht “Click” in meinen Augen für das Auslösen eines Fotoapparates, das Festhalten der Jetztzeit, und dann gibt es noch diese “Clicks and Cuts”, die jetzt irgendwie in verschiedenen tollen Musikstücken vorkommen. Das ist halt auch ein kleiner Bezug. Titel entstehen bei mir häufiger dadurch, dass sie eine Schnittmenge von verschiedenen Aussagen bilden. “Click” ist jedoch nicht als Kritik an anderer digitaler Musik zu verstehen. Ich finde es interessant, wenn Sachen durch einen Titel mitschwingen. Der eine kennt “Clicks And Cuts” gar nicht, der andere ist Fotograf usw. Ich mag, wenn es mehrere Bedeutungsebenen gibt.

De:Bug: Stellt diese Platte tatsächlich einen Bruch mit Bisherigem für dich dar, oder hast du dich mit dem doch recht eindeutigen Bezug zu Robert Hood und seinem Minimal Nation-Entwurf lediglich eines weiteren Pools bedient, nachdem “Me, the Discomachine” eher 80er-Popbezüge in sich trug?

Antonelli Electr.: Es kommen immer mehr Aspekte hinzu als wegfallen. Ich sehe das als Entwicklung. Ich habe für mich nichts erledigt. Das, womit ich mich musikalisch und persönlich beschäftige, sollte sich auch abbilden. Dass es ein bisschen strenger geworden ist, hat eher was mit der Arbeitsweise und meinem Live-Konzept zu tun. Ich habe jetzt nicht gedacht: Achtung! Konzept!: Ich mache jetzt eine Platte, die noch minimaler ist, und dann das ganze Eighties-Zeug raus. Das war eher eine Analyse von Leuten, die das so gehört haben. Andere hören vielleicht einen Eighties-Bezug, viele vielleicht auch Pop in meinem neuen Album. Ich mache das einfach und analysiere das nicht besonders.

De:Bug: Die Strenge oder hörbar gemachte Konzentriertheit in deinen neuen Stücken ergab sich also aus dem Live-Kontext in Clubs heraus?!

Antonelli Electr.: Wie schon vor “Click” entstanden meine Stücke durch meine minimale Arbeitsweise und meiner Vorliebe für minimal instrumentierte Musik. Ich produziere mit einem Instrument, einem Sequenzer quasi alles, was ich auch live mit meiner “Discomachine” umsetze (Anm.: ein imposantes lightshow-produzierendes Sequenzer-Stativ). Außerdem arbeite ich Dinge ein, die in einem Live-Set vielleicht nicht unbedingt das gängigste sind. Zum Beispiel Streicherarrangements. Während der Live-Performance zeige ich auch nicht zehn gleiche, durchgängige Stücke, sondern variiere zwischen melodiöseren und härteren Stücken.

De:Bug : Trotzdem ist es ein Tanzalbum.

Antonelli Electr.: Ja, es ist eher ein Clubalbum geworden. Früher habe ich eher versucht alles abzudecken, also auch Stücke aufs Album zu nehmen, die nicht nur nach vorne gehen. Da ich Clubmusik aber auch zu Hause höre, gibt es für mich diese Trennung zwischen Club und Wohnzimmer eher nicht. Wenn ich eine gute Platte habe, ist es unerheblich, wo ich sie anhöre. Obwohl – Lautstärke kann schon viel ausmachen. Zu Zeiten der EGO-Bar hier in Düsseldorf war es ein großer Vorteil, die Stücke direkt nach ihrer Produktion in Clublautstärke anhören zu können und zu sehen, wie das Publikum reagiert.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: kerstin schäfer aus De:Bug 28

Minimal Pop Antonelli Electr. Pop – ein Begriff, der Erinnerungen weckt. Im Laufe der achtziger Jahre zur neonpinken Stellungnahme ganzer Genres mutiert, hat Pop allerdings auch einen nicht genau definierbaren Charakter. Was ist Pop eigentlich? Jeder hat dafür seine eigene Auslegung, die auf konkreten Erfahrungen und Vorlieben basieren mag und je nachdem ein positives oder negatives Bild entstehen lässt. Im Kontext von elektronischer Musik beginnt heute die Idee des Pop wieder zum Leben zu erwachen. Faszination nicht ausgeschlossen. Antonelli Electr. ist das beste Beispiel. Wie? Kurz – kein Song länger als fünf Minuten, catchy, man summt mit, und es ist von früher – das ist Pop, in meiner jugendlichen Definition. Pop regiert durch das kurzweilige Spassprinzip. Jedem fällt etwas dazu ein, jeder kennt es. Pop ist global, altersunabhängig, Pop ist einfach, verkauft sich und ist bunt. Und Pop kann Spass machen. Dazu kommt die elektronische Musik der neunziger Jahre – fertig ist der leckere Kuchen, der schmeckt, vorausgesetzt, man verträgt die quietschbunte Zuckerglasierung. Gleitende Gegensätze Antonelli Elektr. macht elektronische Musik. Minimal mit Popattitüde. Genau das macht ihn anders. Stefan Schwander aus Düsseldorf versteht es, mit Gegensätzen zu jonglieren. Minimale elektronische Musik beruht auf der Reduktion von Klängen, Pop hingegen lebt vom Überladenen, die Übetreibung hat das Ruder in der Hand. Aber sind das überhaupt Gegensätze? Hat Antonelli seinen Sound nicht nur um eine spielerisch eingefügte Klangkomponente erweitert? Schliesslich verlässt er das Genre des reduzierten Klanguniversums nicht, sondern schichtet lediglich diverse Ansätze von Pop und minimalistische Spielarten übereinander. Ein Mann will durch die Wand und dieser Knall garantiert einen sofortigen Wiedererkennungseffekt. Es fühlt sich gut an, den Spassfaktor in Antonellis Musik zu entdecken. Ob das jedem gelingt, sei dahingestellt, aber immerhin ist er da. Summsende Vocodervocals und plinkernde Melodiehooks. Spass im Sinne vom Pop? Das kann man so verstehen: Der Sound triggert Bilder im Kopf, die Assoziationen an die Kindheit (Jugendzeit?) wecken. Und… Kindheit war nunmal Spass: utopische Reisen in Phantasieländer, SciFi-Hörspiele und Popmusik. Antonellis musikalische Sozialisation während der Anfänge des Pop ist nachvollziehbar. Akustisch sind seine Veröffentlichungen ein besonderer Leckerbissen. Nicht nur, weil er es schafft, Lieblingsplatten zu machen. Klänge entstehen bei Antonelli nicht in stundenlangen Auseinandersetzungen mit seinen Maschinen, sondern mit klaren Bezügen auf House und Techno. Electropop in den Neunzigern auf dem Dancefloor. Also doch clubkompartibel. Und Tanzen ist schliesslich auch Spass. Was & Wann Was Antonelli so alles bis zu seiner Veröffentlichungsreihe auf Italic gemacht hat, ist genauso spannend, wie seine aktuellen Platten zu hören. Seit Mitte der 80er veröffentlichte er auf dem Düsseldorfer Label ‘Ata Tak’, das mit Namen wie Der Plan, Andreas Dorau oder Pyrolator bekannt wurde. Also NDW pur. Und NDW war eindeutig Pop. Antonellis Platten werden auch mit Kurt Dahlke von Pyrolator produziert. Beeinflusst? Auf jeden Fall. Anfang 1998 wurde dann auf dem Kölner Label ‘Italic’, in Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Label ‘Stewardess’, der Startschuss für den unverwechselbaren Antonelli-Sound, so wie wir ihn heute lieben, gegeben. Die CD/Doppel-LP ‘Peng Peng Baby’ war das erste Ergebnis dieser Zusammenarbeit. Die Folge: Monatelang die Nummer 1 in vielen CD-Playern, mit gedrückter Repeat-Taste. Mit den Maxis ‘I don’t want nobody else but you’ und ‘Dubby Disco’, konnte dann 1998 das eher spröde Housepublikum diverser Clubs gewonnen werden, denn: “Tanzbarkeit steht für mich an erster Stelle”, so Antonelli. Nach der Maxi ‘The Source’ gibt es dann in diesem Herbst nochmal doppelten Nachschlag: die neue Maxi ‘Automatic Music’ und ‘Me, the Disco Machine’ auf CD. Letzere ist sowas wie eine ‘Antonelli Electr. – Best Of von ’97 – ’99…Antonellis Entwicklung komprimiert in 60 Minuten. Special ’Me, the Disco Machine’ ist auch ein Verweis auf Antonellis selbstentworfenes, minimales Disco-Liveset. “Ich bin die Discomaschine, ich mache und erschaffe den Sound, aber auch du oder alle Tänzer im Club sind während meines Auftritts eine Discomaschine. Sie nehmen die Musik auf und verarbeiten sie in Bewegungen, ich sehe mein Publikum und nehme dessen Reaktionen in meinen Sound auf. Somit sind wir eigentlich alle zur selben Zeit eine Discomaschine”, erzählt Antonelli. Im Club, also dort, wo es zur endgültigen Auseinandersetzung zwischen Produzent und Rezipient kommt, muss nicht immer der DJ die tanzende Menge in Extase versetzen. Ein Liveset kann ungeheure Fazinationen wecken. Ausserdem schaut man sich doch den Macher seiner Lieblingsplatten gerne mal an. Popstar? Nein, Pop nur als Herangehensweise, nicht als musikalisches Ausdrucksmittel, das hauptsächlich im Kopf arrangiert wird. Wir leben ja auch in den Neunzigern.

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