Aaron Bondaroff ist New Yorks Vorzeige-Hipster schlechthin. Mit großer Klappe, einer gehörigen Portion Sendungsbewusstsein und latentem Größenwahn designt er nicht nur T-Shirts für seine Marke aNYthing, sondern arbeitet an New Yorks Comeback als Stadt der Städte.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 97

Das Ding an sich

Es war sein erstes Jahr auf der Highschool. Und sein letztes. Es war sein siebzehntes Lebensjahr in New York. Und sein bestes. Aaron Bondaroff klaut in einer angesagten Boutique ein T-Shirt, ein lässiges, ein schlabbriges, wird erwischt und rabiat aus dem Laden geschmissen. Ein point of no return. Denn diese zunächst beiläufig anmutende Begebenheit klärt früh: Es ist das Ding Aaron Bondaroffs, eigenwillig und unvorsichtig durch die tägliche Echtheit von New Yorks Straßen zu stolpern. Betonlastige Skate-Spots, irgendwo zwischen Brooklyn und Queens, Keller-Verstecke und Erdgeschoss-Treffpunkte, Hinterhöfe und ausladende Boulevards. In der Folge soll davon als Hood die Rede sein, der Einfachheit halber, weil doch die Hood zwar keine örtliche Begrenzung meint, keinen Block, keine Ecke, dafür aber aus all dem eine abgezirkelte Herzensangelegenheit, ein Familiending macht, was genau genommen die Irrsinnsfreiheit eines gigantomanischen Abenteuerspielplatzes ist. Und natürlich, weil Aaron Bondaroffs Sätze stets auf Hood enden. Big Apple, große Güte.

“Okay“, sagt Bondaroff, “ich hatte also die Schule geschmissen und zog von zu Hause aus. Da war ich, da war die Stadt. Ich bekam die Augen nicht mehr zu.“ Bondaroff wird ab hier folgerichtig nur noch A-Ron genannt, denn er sagt: “Diese verdammte Sache hat mich auserwählt. Diese Sache übernahm mein Leben.“ Diese Sache ist mehr als nur New York, diese Sache ist ein rauschartiges Gefühl von New York, A-Ron nennt es gerne “ein Lebensgefühl“, diese Sache ist salopp gesagt ein New-York-Ding, weshalb auch eines seiner Projekte schlicht anewyorkthing heißt. Und dieses Ding ist tatsächlich so eine Sache. “Damit auch ihr in eurer Hood es versteht, sollten wir noch mal von vorne beginnen“, sagt A-Ron. Die Anekdote vom gescheiterten Ladendiebstahl also, sie sei essentiell für seinen Lebenslauf. Ein T-Shirt als prägende Erinnerung, ein T-Shirt, für das töten könnte, wer hip ist. Heute ist A-Ron der unbestrittene Downtown Don: 28, weiß, milchbübisch, besserwisserisch, nett, aufgedreht weise und so was von drin in all den Szenen, der Downtown D, den jetzt selbst hip findet, wer töten könnte. Und nicht zuletzt auf mörderfeschen T-Shirts, auf Tees, basiert sein Machtanspruch. “Ich mache schon immer aus wenigen Möglichkeiten alles“, sagt A-Ron. Genau wie die Offenbarung des Insidertums – die von A-Ron vertriebenen T-Shirts – mit wenigen Mitteln alle ganz narrisch machen: aNYthing heißt seit 1999 sein Label. Klar, dass in anything NY steckt, die Lettern gefettet sind, weil es ja darum geht. Um NY und was da so geht.

Die Stadt gehört mir
A-Ron und seine aNYthing-Posse schicken sich an, das “I love NY“-Logo vergessen zu machen. Mit simplen Shirts im HipHop-Format, nur geadelt durch diesen viel versprechenden Schriftzug, oder in bester Streetart-Manier verziert mit anspielungsreichen Motivklecksen und einigesmeinenden New-York-Zitaten. Logo-Shirts für Dazugehörige. Obligatorisch, dass aNYthing auch längst an ganz individuellen Sneakern werkelt, aber zunächst sind da diese ziemlich unaufregenden T-Shirts. Die gleichzeitig eine aufregende Wichtigkeit ausstrahlen, weshalb ja ganz In-New-York sie trägt und alle Hinteratlantiker sie belechzen. Mit ihnen verhält es sich wie mit A-Ron selbst: Kredibil erscheinen sie sofort. Nur, worin genau diese Kredibilität liegt, das bleibt vorerst unklar. Im Falle der Mode ist genau das der Reiz. Die T-Shirts sind ein Mythos zum Tragen, sie signalisieren: Den Träger kostete es nicht viel Geld, dafür aber Mühe, das Stück Stoff zu erwerben. Er ist nun Teil der stilisierten Kreativität der Lower East Side. Er weiß Bescheid und dieser Kenntnisvorsprung ersetzt die modische Relevanz. Gewissermaßen sind die aNYthing-Produkte zugleich eine massenkompatible Rarität und eine exklusive Version des Charity-Armreifs für urbane Hipster: Mit dem Kauf wird eine subkulturelle Szene unterstützt und das eigene Style-Gewissen beruhigt. “Letztlich aber“, sagt A-Ron, “ist aNYthing nur der heiße Scheiß, den wir leben. Jeden Tag.“

Meistens steckt A-Ron “mitten in etwas Wichtigem“. “What up“, sagt er dann und schnauft in sein Mobiltelefon, er habe gerade Lunchtime oder sei auf dem Weg zu einem Meeting. Die Eröffnung seines Gangstores steht kurz bevor. “In einer der letzten Straßen, in die keine Touristen finden.“ Dort sollen nicht nur aNYthing-Produkte verkauft werden, sondern auch Bücher, Musik zwischen Punk, HipHop und Aufwühlendem wie Italo Disco. A-Ron könnte es wohl selbst nicht beschwören, aber ja: Nebenher bringt er nämlich noch in kleinem Stile Platten befreundeter Künstler heraus. Der Überblick ist in diesem Gewusel schnell verloren. Und gerade deshalb soll sein Laden die Gemeinde zusammenhalten. Eine Bühne wird zur Verfügung gestellt, für Lesungen, Battles, Konzerte, für was auch immer. “Die Kids machen so viel“, sagt A-Ron und klingt dabei nicht nur wie der allwissende Downtown Don, mehr noch wie der euphorisierte Downtown-Pate in seiner dahin gesingsangten Nonchalance. Dann heißt es: “Hold on“, und A-Ron ruft in den Hintergrund sein “What up“ und fast väterlich: “Take care“. Die Leute aus dem Kiez, die “cool-guy-artists“, wie A-Ron sagt, Straßenaktivisten, Schreiber, DJs und sonstige Berufene“, kommen zu ihm. Sie bieten ihm Ideen und bitten um seine Erfahrung, seine Kontakte. Seinen Einfluss. Es ist wie in den good old days, und A-Ron beschwört sie. “Mit dem Laden ehren wir unsere Vorfahren. Die letzten zehn Jahre dieser Stadt, die letzten 20. Wir ehren uns.“ Es ist der Zusammenhalt, den er verstärken will, in Zeiten der staatlichen Säuberung und Glättung New Yorks. A-Ron sagt: “Wir verteidigen uns. Wir wollen Künstler sein, wie damals, back in the days.“

Vond er Halfpipe ins Museum
Nun kann so nur sprechen, wer noch nicht mal dreißig ist und trotzdem ein Veteran. Wer nach dem so wichtigen Ladendiebstahl zielstrebig begann, das Slackertum zu verinnerlichen, die eigene Unfähigkeit, den leeren Geldbeutel und die verwanzten Sofas seiner berühmten Grafitti-Kumpels, auf denen geschlafen wird, wenn die Party denn mal vorüber ist, zu stilisieren. Bei A-Ron klingt das rückblickend so: “Als ich achtzehn wurde, zog ich in Stashs altes Apartment in Brooklyn. Lee lebte da auch. Danach zog ich in das Atelier meines Partners K-Dog, unter der Manhattan Bridge. Das war bescheuert, denn er malte die ganze Nacht mit giftigen Farben, während ich versuchte zu schlafen und er mich mit Jazz volldröhnte. Er schmiss mich raus und ich zog mit meinem Kumpel Nemo zusammen. Der ließ dann lauter obdachlose Freaks in unsere Wohnung. Wir zahlten keine Miete mehr und besetzten die Bude für eine Weile. Bis Nemo beim Besteigen der Feuerleiter festgenommen wurde.“ Und so weiter. A-Ron vergleicht die damalige Stimmung mit der in Larry Clarks New-York-Eskalation “Kids“: fatal gut, hoffnungslos optimistisch. Er schließt sich der bekannten Surpreme-Crew an, merkt, dass Skaten, Sprayen, die Gemeinschaft, die dazugehörige Musik und die dazu passenden Symbole zusammen mehr sind als lediglich Jugendbegleitphänomene. Es ist anewyorkthing. Heute angereichert durch unzählige Fanzines, Blogs, Videomagazine, Veranstaltungsreihen und Kunstprojekte. “Es ist unser Leben und unser Tod“, sagt A-Ron. Und scheint zu gewährleisten, immer dort zu sein, wo Authentizität herrscht, immer das zu tun, was richtig ist. Er und sein Umfeld haben eine Zeichensprache entdeckt, eine Organisation, die Sehnsüchte schürt und Coolness gepachtet hat. Das wirkt nach außen, die aNYthing-Shirts beweisen es. Es funktioniert aber auch nach innen: A-Ron versammelt mit seiner Geek-Brille und der umgedrehten Basecap auf dem Stoppelkopf die Meute auf Vernissagen um sich, ist aber auch bei den schwarzen Dealern von nebenan respektiert. So wird aus einer Szene eine Generation. “Wir sind unterschiedlich, aber zusammen sind wir so gebildet“, sagt A-Ron. “Es sind so viele verschiedene Einflüsse und Erfahrungen, die uns prägen, und wir sind so voller Energie. Von Punk bis Pop, von der Halfpipe bis ins Museum. Das müssen wir bündeln, wir müssen uns weltweit mit den Szenen zusammenschließen.“

Die Downtown-Lebensart hat es in den USA immerhin schon ins Kabel-Fernsehen geschafft. “Kid America“ heißt eine recht durchgeknallte Mischung aus Soap, Talkformat und Muppet Show, initiiert von einem der “Kids“-Darsteller, den A-Ron natürlich aus vielen nebligen Nächten und Tagen kennt. Und so mischt er auch mit bei dieser krank-verdrogten Selbstdarstellung. “Das ist toll“, sagt A-Ron, “aber erst der Anfang.“ Er träumt von einem eigenen TV-Sender, vom “next level“, warum nicht auch “von der Veränderung unser aller Welt. Durch unsere Vibes, hier aus unserem Herzen, aus New York.“ Aaron Bondaroff sagt dies mit ernster Stimme. Er wird sich nicht entmutigen lassen. Damals haben sie ihn aus dem Laden gejagt. Jetzt wird er sie in seinen eigenen nicht hineinlassen.

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Elektronische Lebensaspekte.