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Text: sascha kösch aus De:Bug 32

HIER WEITER. REST SCHON DRIN. Geld Wer ein Unternehmen aufziehen will, für den reicht heute im Zweifelsfall folgende Formel: Idee + Internet + Businessplan = Venturekapital (zweistellig, in Millionen) macht Börsengang + noch mehr Kapital (vielstellig, in Aktien). Hätte man die Vierteljahresberichte sämtlicher Internetaktien vor zehn Jahren gesammelt auf den Tisch bekommen, es hätte eine Weltwirtschaftskrise, einen Börsencrash und weltweite Finanzkatastrophen ausgelöst. Aber passend zum Jahrtausendwechsel erkennt die Finanzindustrie die Wahrheit ihrer “Wall Street Love-Affair” mit den Internetstocks. Die Financial Times geht dazu über “real” Money nur noch in Anführungszeichen zu schreiben. Sind wir nicht alle ein bischen Lala? Noch vor drei Jahren coverte Wired, damals noch Internetrevolutionspostille der “kalifornischen Ideologie” (übrigens lange nicht mehr gehört, das) mit dem Verdacht, dass die alten Medienkonzerne das Internet schlucken könnten. Jetzt schluckt AOL mit seinem “Internet Money” (Umsatz 4,8 Millionen Dollar Ð Börsenwert 164 Milliarden Dollar) das real viel grössere Geld von Time Warner (Umsatz 26,8 Millionen Dollar Ð doch Börsenwert nur 83 Milliarden Dollar) und die “Realität” des Geldes gleich mit. Die “alte” Industrie bekommt dafür die Anführungszeichen. Und Anführungszeichen sind bekanntlich ansteckend. Eine neue Währung also, und die heisst bestimmt nicht Euro. Also: Wie funktioniert das? Da die Realität der alten Medien offensichtlich nur noch eine “Realität” ist, dann sieht der ehemals spekulative Wert der Internet Aktien auf einmal ganz real aus. “The value creation in the internet is real” so die genauen Worte von Gerald Levin (Time Warner) zum Merger, der sich damit als Chef von Time Warner selbst entlassen hat, denn in Zukunft übernimmt die oberste Stelle des neuen Konzerns Steve Case von AOL. Schmusen für die Revolution Mr. Levin findet dafür die Typen von AOL hip. “Bright, aggressive, hip and new-media orientated”, das ist ihm am wichtigsten. Besser als das erste Mal (“vor 49 Jahren”) meint der weisshaarige und -bärtige, superadrette Superplayboymilliardärguru Ted Turner mit 9 Prozent von Time Warner in der Tasche durch die Fusion gerade ein paar Milliarden in Stock reicher geworden (dafür ohne Ehefrau Jane Fonda, der das viele Arbeiten ihres Mannes zuviel wurde). Man tauscht also Plätze in einem grossen Akt der Liebe, bekommt Revolution und Zukunft, durch eigentlich keine neue Idee: Generationswechsel. AOL gibt seine ehemals instabilen Aktien unter Wert her, dafür aber bekommt es im neuen Konzern 55%, während Time Warner nur 45% des Kuchens. Fernsehen oder Internet Die Ideologie dahinter formuliert Mr. Case, neuer Chairman des Gesamtkonzernkomplexes ganz genau: “Das Fernsehen wird in den nächsten zehn Jahren neu erfunden werden, und es wird mehr dem Internet gleichen”. Ein Satz, der ziemlich widerspruchsfrei durch die Presse, das Bewusstsein eines jeden Brokers und den Rest der Welt geistert. Wer würde das heute nicht unterschreiben. Das arme, alte, instabile Fernsehen gegen das endgültig stabilisierte Internet. Dass das Internet in den nächsten zehn Jahren neu erfunden werden könnte und mehr dem Fernsehen gleichen wird, das dem Internet gleicht, spielt dabei irgendwie keine Rolle mehr. Winke-Winke Internet. Denn in der Tat hat AOL das Internet nie als das ãBottom up”-Medium benutzt, das die kalifornische Ideologie so feierte: als ein symetrisches, demokratisches Medium, das dem User ebensoviel Zugriff und Mitsprache ermöglicht, wie den Anbietern. Ganz im Gegenteil hat AOL eigentlich schon von Beginn an das Prinzip der klassischen Medien den Nutzern Angebote zur Verfügung gestellt, der Mitmach-Effekt beschränkte sich jedoch auf das Zahlen mit Kreditkarte. Ah-Oh Konvergenz. Konvergenz Übrigens ist der Clou der Fusion: Dass AOL und Time Warner nahezu frei von Monopolvorwürfen fusionieren können. Zwei der grössten Medienkonzerne. Wie das geht? Während die Kartellbehörden Bill Gates im Nacken sitzen und Microsoft zerschlagen wollen, weil alles an seiner Firma auf den Computer ausgerichtet ist, ist für Kartellämter dieser Erde der Zusammenhang zwischen Entertainment und Kommunikations offenstichtlich schleierhaft. Dabei beteuert selbst unser heimischer Konvergenz-Papst Middelhoff vom Merger sichtlich brüskiert, denn als Bertelmann immerhin AOL-Europe und -Australien Mitbesitzer (weshalb Middelhoff bis Ende des Jahres mit 0,6 Prozent im Aufsichtsrat des zukünftigen “Hauptwettbewerbers” AOL “sass”), er betont: Dass das genau seine Strategie ist. Das Internet, oder so. Auch wenn aktienlos (Bertelsmann ist eine Stiftung). Broadband Multimedia, all das. Eierhoff, Multimedia-Vorstand bei Bertelsmann (nicht zu verwechseln mit Middelhoff) wagt es sogar, die nun noch enger gewordene Situation, die Netztechnologien eh schonzu einer Sache der Amis macht, in der Europa “mitzuspielen” hat, ganz wie Moses mit dem Hochhalten des Buches zu begegnen. Brauchen Bücher Broadband? Wir sehen einen weiteren Stuhl wackeln. Europa Kurze Verwirrpause, oder wie sieht das eigentlich bei uns aus, im Regionalprogramm: Will man sich eine deutsche Entsprechung zur AOL Time Warner “Fusion” ausdenken, dann läge es natürlich nah, T-Online und Springer Verlag zu rufen. Aber wie Vorstandsvorsitzender Wolfgang Keuntje beteuert: Eine Fusion im Stil von AOL “steht derzeit nicht zur Diskussion”. Warum auch. Erstens hat T-Online sowohl mit den Verlagen Springer und Holzbrinck längst eigene Firmen gegründet und arbeitet mit Gruner + Jahr eh schon zusammen. Und dass das deutsche oder europäische Kartellamt dem gerade eben erst privatisierten BTX-Nachfolger “T-Online” erlauben würde, mit einem Medienunternehmen zu fusionieren ist “derzeit” noch recht unvorstellbar. Stürmische Zeiten für Europa, sagt sogar CNN (gehört Time Warner und dem Ted Turner SuperOpi), und behauptete frech Stunden nach dem Merger: Europa könnte der wahre Playground dieser Fusion sein. Wir sitzen alle im selben Boot, Aktionäre, Entertainmentkonzerne, Abonnenten, Kabel und Stecker. Die Evolution entlässt ihre Kinder. Wohin? Ins Netz. Wer, wie zur Zeit 90% aller HipHopper, glaubt, die Welt funktioniere wie Matrix, für den haben wir eine neue Schreckens-Vision. Wo sind die Teletubbies? Was hat das alles mit den Teletubbies zu tun? Die Teletubbies sind nach Auskunft ihrer Macher erfunden worden, um die Kleinsten unter uns zu “Screen Literates” zu machen. Bildschirm-Literaten. Was ist daran falsch, zu lernen, wie Medien funktionieren? Europa leidet unter einem Mangel an “Screen Literates”, die ganze Welt tut das. Definitiv. Wären unsere 10% Arbeitslosen alle Unixspezialisten und Medienfachmänner, das Bündnis für Arbeit hätte kein Thema mehr. Aber warum ist die Vorstellung von “Screen Literates” des Teletubby-Landes so real geworden, dass die Schwachsinnigkeit, die viele Kritiker Tinky-Winky & Co vorwerfen, von der (in den ersten Vorführsitzungen offensichtlich selbst sprachlosen) BBC in Kauf genommen wurde? Warum ist das so? Weil “real” sich jetzt in Anführungszeichen schreibt. Und warum eigentlich sehen die Teletubbies eigentlich so aus, wie man sich ein japanisches GPS-Handy für Kleinkinder eines “Überwachen und Strafen”-Foucaultkosmos vorstellt? Weil Identität eben nur noch ein Teil des mobilen Entertainment/Kommunikationskomplexes ist. Und überhaupt, warum sind die Tubbies so mobil, dass man sie ständig suchen muss, vor allem aber immer und überall findet? Weil Teletubby Land seit dem Mega-Merger Jahrhundertwechsel überall ist. Gliedert man das Teletubby mal in einer kurzen, etwas schmerzhaften Operation in die klassischen eurozentristischen Bereiche auf: Natur, Technik und Mensch, dann wird Ð nochmal – klar, dass die Teletubbies eine Revolution darstellen. Die Tubby-Raveolution Das Teletubby-Land ist geschlossen, die perfekte Medienlandschaft eigentlich. Die Natur eine Halluzination, die einem Werbespot der Grünen entsprungen sein könnte: Eine Oase (Wüsten mit all ihren Afrikanern usw. bleiben draussen), die Technik ist überall in den Menschen implementiert (Antenne, Fernsehen im Bauch, falls man die Teletubbies als Menschen bezeichnen möchte). Der Mensch wiederum ist von Technik überhaupt nicht mehr zu trennen (wie würde das aussehen, ein glatzköpfiges Teletubby ohne Antenne und mit Loch im Bauch? – die Antwort findet man in jedem Katastrophengebiet). Die Interaktion mit den Nahrungsmitteln ähnelt eher einem Dreamcast Spiel und nicht umsonst sieht unser täglicher Tubbytoast aus wie ein Icon der kleinsten ranzigsten Geldmünze und kann ohne viel Aufsehen und mit viel Spass jedes zweite Mal von Noonooo, dem Staubsauger-Hund, geklaut werden (Verfolgungsjagd). Der Schluss liegt nah, und kleine Kinder verstehen das laut Teletubby-Machern intuitiv: Wir sind die Teletubbies. Das Teletubby-Operating System ist gerüstet für regionalen und userspezifischen Inhalt. Auf einem Kernel (ComPotergrundstruktur) von “Ah-Oh” (Hallo), “Winke Winke” (Hallo), “Was das?” (News), “Nochmal” (Wiederholung) und “Schmusen” (Liebe) dürfte selbst eine Artifizielle Intelligenz keine Mühe haben, stabil in Anführungszeichen zu laufen. Der Content wird in einer geschlossenen Medien-Welt (von AOL bis Time Warner, dem Netzwerk und den darauf zirkulierenden Informationen, die alle eins geworden sind, Teil einer grossen Firma, deren Bewohner, Waren, Erbauer und Aktionäre wir sind) wie magisch direkt in den Konsumenten produziert, der nach all seiner wahnsinnigen Freude, dass er Empfänger des Contents sein darf, kurz einnickt, um sich ganz und gar auf ihn zu konzentrieren, und wenn es vorbei ist, im Normalfall “nochmal” ruft. Nahezu jedes Bild der jetzigen Medienwirtschaft ist bruchlos übersetzbar in die sympathischte Vorabendserie der Erde. Das Internet, Motor der erfrischendsten Demokratie-Diskussionen der letzten zehn Jahre mit seinem “Bottom-Up” Modell, gegenüber dem “Top-Down” der Hierarchien des letzten Jahrtausends, schluckt also das Fernsehen? Klar, wird der Screen-Literat und nebenberufliche 3-Jährige sagen. “Lala”. Welche Internet-Firmen muss Asien nun mit welchen Medienkonzernen fusionieren, um die 100 Millionen Abonnenten des AOL Time Warner Giganten zu übertreffen, lautet die grosse Frage, die sich die Finanzgrössen überall stellen. Wer weiss die Antwort? Ein Blick ins Teletubby-Land lässt keine Fragen offen: “Ah-Oh, Po” lautet das Orakel des durchschnittlichen Bettnässers in Teletubby-Land, und übersetzt heisst das in dem dem I-Ging nachempfundenen kryptisch klaren Aussagesatz: “Po kann auf kantonesisch weiter als bis drei zählen” (wirklich wahr). Also lass uns China kaufen. Wer den Glauben pflegt, dass Geld die Welt regiert, der wird sich damit abfinden müssen, dass die Welt des in Anführungszeichen “realen” Geldes in nicht unüberschaubarer Zeit nicht nur so “real” aussieht, sondern auch real so funktioniert wie die Teletubby KommuniNation. Und “händchenhaltend” wie AOL die vielen unwissenden User ins Internet geführt hat (Financial Times) zeigt uns AOL Time Warner den Weg ins Teletubby Land (egal ob Gütersloh, New York, Dulles oder Peking). Teletubby Land ist der Dauerzustand der Fusion/Konvergenz (Schmusen) von Technik und Mensch (Teletubby), von Globalem (Tele) und Lokalem (Tubbies), das LSD und der Tubbytoast der Börse und des Internets. Ein Wunder eben. Die Sonne: Das lächelnde Glanzbild-Baby der Zukunft. Der grösste Fehler der nächsten Jahre dürfte sein, das Teletubby Land für eine Metapher zu halten, in der es etwas Menschliches hinter dem Medium zu entdecken gäbe, die Message sozusagen. Die grösste und unlösbare Aufgabe: Auch noch das letzte Fleckchen Erde, den letzten Menschen und alle Dinge in Teletubby Land zu portieren und alle Welt zu glücklichen Abonennten von BBC++ zu machen, denn “die elektromagnetischen Wellen verbreiten sich vielleicht überall hin (Das Globale), aber eine Antenne, ein Abonnement und ein Decoder (Das Lokale) sind trotzdem notwendig um (Teletubbies) zu empfangen”. (Schreibt Bruno Latour in âWir sind nie modern gewesenÔ, Fischer Verlag, Klammern von uns). Woher kommt die Musik? Anmerkung: Schliesslich sind wir ja eine ordentliche Musikzeitung. (Was das?) Während die Teletubbies sich eigentlich nie fragen: Woher kommt das Filmchen, eine blöde Frage angesichts der Tatsache, dass die Grenze zwischen “Realität” und Tummy (engl:Bauch) ja genau in der Konstruktion und fassigen Dicke (engl:tubby, anderer Ausdruck für Broadband) des Teletubby Körpers aufgehoben wurde, und sich das gesamte Teletubby Land ja in einer endlosen Spiegelung von Screens und Körpern aufhält, erwischt man gelegentlich das kleinste Teletubby, Finanzexpertin Po, dabei wie sie nach der Herkunft der Musik forscht. (“Nich untern Tisch”). Vorläufiges Endergebnis ihrer wissenschaftlichen Studien: Sie ist da, solange man sie wiederholen kann. Und das ist das mysteriöseste Grundgesetz in Teletubby Land: Was man wiederholen kann, ist nicht nur umsonst, sondern macht am meisten Spass. Kasten: Landeskundliche Hinweise: Firmensitze der erwähnten Kompanies: AOL (Dulles, Virginia), Bertelsmann (Gütersloh), Time Warner (New York City, NY), der chinesische Staat (Peking, China)

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Elektronische Lebensaspekte.