Der linke Kahn eiert zwischen Institutionsdurchmarsch, Selbstermächtigung und Selbstbeweihräucherung über das Tote Meer der einstigen großen Bewegungen. Auf die Frage, ob man Reform-Manager oder Revolutions-Marginalisierter werden soll, lässt sich nur eins mit Sicherheit sagen: Mehr als ein Hobby scheint beides zur Zeit kaum zu sein.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 62

Das politische Bedürfnis
Nur wohin damit?

Der Begriff des Politischen hat dieser Tage wieder völlig unverhofft Konjunktur. Nicht erst mit der diesjährigen Documenta befällt einen das Gefühl eines allgemeinen Bedürfnisses nach politischer Sinnstiftung. Nach den Jahren des postpolitischen Rückzugs vieler ehemals “radikaler Linker” in den Bereich der Kunst, Kultur oder schlicht Karriere scheint Politik wieder angesagt und hip zu sein. Politik als Modus der Sinnstiftung erfährt gerade dann ihre Renaissance, wenn die “große Politik” im Zeitalter von Schröder-Stoiber immer sinnentleerter erscheint. So ist das Phänomen “Politikverdrossenheit” mitnichten mit einer Entpolitisierung zu fassen, sondern vielmehr Symptom einer Verschiebung zugunsten anderer Politikformen: Politik findet heute fast überall statt, wenn auch immer weniger in den klassischen Organisationen und Parteien. Politik verspricht “echte” Sinnstiftung dort, wo sonst vielleicht kaum mehr Sinn zu finden ist. Ob erlebnisorientierte Polit-Events der GlobalisierungskritikerInnen, kulturkritische Anmerkungen zum Kapitalismus im Feuilleton der FAZ oder Szenetratsch auf indymedia.de: Politik ist eine Möglichkeit der Subjektwerdung nach dem Ende des Subjekts.

Dennoch zeigen sich viele bemüßigt, gerade diese Auslagerung des Politischen außerhalb seiner klassischen Formen von Wahlen, Streiks oder Demonstrationen zu kritisieren. Dem Rückzug an den Stammtisch und dem Gefühl, dass sich in der Demokratie ja doch nichts ändern lasse, weil “die da oben ja sowieso machen, was sie wollen” werde von linker Seite nichts entgegengestellt. Nun, die Frage ist tatsächlich, ob das Engagement der “radikalen Linken” hier gefragt ist.

Vom Stammtisch

Der Stammtisch als berüchtigter Schauplatz des rechten Diskurses ist im Vergleich zu anderen deutschen Freizeitbeschäftigungen leider das durchaus kleinere Übel. Deshalb tun Linke gut daran, nicht in das Lamento über eine angeblich unpolitische Jugend einzusteigen oder gar den deutschen Mob zu mehr politischer Mitgestaltung aufzufordern. Jedenfalls wären die wenigen Nichtdeutschen in “national befreiten Zonen” für die Verlegung öffentlicher Meinungsäußerungen von der Straße zurück an den Stammtisch sicherlich dankbar. Ein Weniger an politischem Engagement und ein Mehr an profanem bourgeoisem Desinteresse muss auch die Linke weit geringer fürchten als eine echte “Volksdemokratie” in Deutschland, bei der sich sicherlich einige nach einem sicheren Drittland umzuschauen hätten. Sollte es aber tatsächlich aufgrund einer vermeintlich unpolitischen Bevölkerung zum Ableben dieser Demokratie kommen, wäre es ein Ausdruck linker Selbstüberschätzung zu glauben, dann noch als letztes Aufgebot derselben irgendwie gebraucht zu werden. Das heißt nicht, dass die “radikale Linke” nicht dann und wann ihren Demokratiefreunden helfen sollte, wenn es gilt, größere Übel zu vermeiden. Aber als Juniorpartner der Schröderschen Zivilgesellschaft ständig Tipps zur Demokratieverbesserung geben zu wollen, ist doch arg vermessen.

Über die erste Person Singular

Das politische Bedürfnis der Linken allerdings – das sei hier zugegeben – hat kaum noch originäre Felder der Selbstbetätigung. Nach dem Wegfall der Großsubjekte der ArbeiterInnen-, Frauen- oder StudentInnenbewegung markierten die Autonomen in den 80er-Jahren mit ihrer “Politik der ersten Person” das Ende einer bewegungslinken Repräsentationspolitik. Als reine Subjektemphase gerieten autonome Zusammenhänge schnell zur bloßen Befindlichkeitsveranstaltung. Vor allem aber bewiesen die Autonomen – worin sie moderner waren, als sie dachten – , dass sie ihre Hausaufgaben in Sachen “Punk” gemacht hatten: Im Verschmelzen von Style und Politik, Inszenierung und Anschauung, Pose und Protest war es später nicht mehr möglich, so zu tun, als könnten diese beiden Aspekte völlig getrennt werden. Da jede Politikäußerung zumindest auch Inszenierung ist und ein Bewusstsein darüber recht hilfreich sein kann, besteht kein Grund zur Nörgelei, wenn “radical” manchmal auch “chic” ist. Zwar sind die Autonomen dem 80er-Revival zum Trotz nicht wirklich schick, die linke Kritik an einer “Ästhetisierung des Politischen” aber kaum mehr haltbar.

Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich für die marginalisierte “radikale Linke” nicht mehr die Frage von revolutionärer oder reformistischer Politik, sondern die geschmäcklerische Alternative eines Mitmachens oder Ausweichens auf andere Baustellen persönlicher Sinnproduktion. Das langsame Ende der sozialen Bewegungen nach ’89 kann allerdings mitnichten als bloß persönlicher Defätismus einiger Linker missverstanden werden. Es ist nicht einmal das Beispiel der Grünen oder das eines Außenministers Fischer zu zitieren, um ein Ende radikaler emanzipatorischer Perspektiven zu bilanzieren. Es scheint sich doch vielmehr um eine Tendenz von Politik selbst zu handeln, wenn sie immer wieder nur zur Modernisierung und Fortschreibung dessen taugt, was sie einst in radikalem Impetus kritisierte. Wie erfolgreich und folgenreich linke Politik sein kann, zeigt sich leider nur in ihrer Anschlussfähigkeit an herrschende Diskurse. Der Vorwurf des Verrats an die Adresse des ex-linken Polit-Establishments kommentiert das eigene (politische) Scheitern dann oftmals als heroische Tat, ohne sich seiner Irrelevanz bewusst zu werden.

Wer aber denjenigen der Restlinken, die dem Jammertal bewegungslinker Selbstvergewisserungsdiskurse den Rücken gekehrt haben, vorwirft, sich in einer selbstgefälligen wie folgenlosen “Radical Chic”-Pose einzurichten, blendet diese Entwicklungen konsequent aus. So wenig ein “Radical Chic” kulturlinker Provenienz im klassischen Feld des Politischen arbeiten kann, so sehr kann es doch subversiv in politische Diskurse eingreifen. Vor allem aber stellt er die Möglichkeit dar, ästhetische oder politische Kritik in einem Bereich zu formulieren, der sich nicht sofort an den praktischen Notwendigkeiten des politischen Alltags messen muss.

Das Wort zum Sonntag

Der hilflose Appell, man müsse doch schließlich etwas tun, ist so spannend wie das Wort zum Sonntag, weil daraus noch nicht folgt, was zu tun ist. Der linke Eifer, möglichst schnell mit irgendeinem Gegenstand wieder politikfähig zu werden, findet seine Entsprechung in der bürgerlichen Beschwerde über eine angeblich sinnfreie Spaßkultur. Politisches Engagement scheint in der Linken wie im Mainstream genauso Bedürfnis wie Selbstzweck zu sein. Da es ohnehin keinen privilegierten Gegenstand der Kritik mehr gibt, die Zwistigkeiten über Haupt- und Nebenwidersprüche des Kapitalismus ganz undogmatisch überwunden sind, kann sich jede/r ihrem/seinem persönlichen Sinnstiftungshobby widmen. Da kommen so nervige Selbsterfahrungs-Netzwerke wie Attac gerade recht, auch wenn denen seit einiger Zeit die richtige Street-Credibility abhold zu werden droht. Den JungmanagerInnen von Attac allerdings ihren Erfolg vorzuwerfen, ist genauso einfallsreich, wie Gewerkschaften und StudentenvertreterInnen ob ihrer konsequenten Langeweile zu loben.

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Elektronische Lebensaspekte.