Handys sind heute kleine Supercomputer. Die Emanzipation von reinen Kommunikationsmaschinen ist längst vollzogen. Mobile Applications und ihre App Stores sind nicht nur eine Developerkultur, sie sind zugleich die vielleicht wichtigsten digitale Ökonomiefaktoren der Zukunft.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 135

App_1
(Bilder: liquidx, flickr.com)

Die AppWall zeigt alle bei Apple erhältlichen Programme für das iPhone. Wird eine App verkauft, blinkt das entsprechende Symbol hier auf, in Echtzeit.

Es hört sich erstmal so einfach an. So logisch. No-Brainer. Da brauchte niemand drauf kommen, das muss einfach so sein. Ein App Store für Handys. In genau dem Moment, in dem Handys einfach nur kleine Computer sind, war klar, die können alles. Warum sich also vom Hersteller vorschreiben lassen, was genau sie dürfen. Applikationen für Handys gibt es schon ewig. Zusatzprogramme, die man sich auf merkwürdige Art und Weise installieren konnte, waren schon lange vor dem iPhone da.

Treib dich auf merkwürdigen Supportseiten rum, in Foren, lade dir ein eigentümliches .sis-File runter und rauf mit dem hoffentlich sicheren Programm auf das Symbian-Handy. Und selbst die waren nicht die ersten. Lange Zeit aber war das Installieren von Software eher was für die Hobbyfrickler. Es erforderte mehr als einen Gedanken, Programme auf dem Handy zu installieren. Meist musste man auch richtig suchen, um überhaupt welche zu finden.

Man musste Angst vor merkwürdigen Abos haben, wenn man sich in die Welt der Java-Spiele traute. Schließlich war diese Welt ein direkter Nachbar der Klingeltonmafia. Und – Spiele mal außen vor gelassen – selbst die Information, dass es sinnvolle Programme für ein Handy überhaupt gibt, war lange Zeit eher Geheimwissen.

Was sich für iPhone-User mittlerweile wie von selbst versteht, ist für die meisten anderen Handy-Nutzer noch neu. Die Welt der unendlichen Funktionalität. Als das iPhone Anfang 2007 vorgestellt wurde, war die Enttäuschung erst mal groß. Ihr könnt Software für das iPhone entwickeln. Web-Apps! So groß die Begeisterung auch damals für Services und APIs online schon war, und so gut die Integration solcher Webseiten speziell für das iPhone auch immer schon gewesen ist, denn mit einem Klick befördert man eine Webseite als App auf einen der Startscreens … Man hatte mehr von Apple erwartet.

App6

Applikationen waren der einzige Dämpfer bei der Sensationsmeldung Handyrevolution 2007. Das Verspechen auf mehr erschien damals – es sollte noch ein halbes Jahr dauern, bis das erste iPhone überhaupt auf den Markt kam und nochmals ein Jahr bis mit dem 2.0 Update der App-Store aufmachte – als viel zu weit weg. Aber es war auch die Zeit, in der Nokia z.B. als größter Konkurrent erst mal seine Webposition über diverse Versuche wie Mosh klären musste, bis schließlich die Ovi-Strategie Realität wurde.

Warum die Enttäuschung? Zugriffe auf das Netz erlauben weder die Schnelligkeit (man ist immer abhängig von der Qualität der jeweiligen Verbindung), noch die Vielseitigkeit (jegliche Grafik muss z.B. erst über das Netz transportiert werden und kann nicht von den internen APIs profitieren), noch den Zugriff auf alle Möglichkeiten, die ein Handy so bietet.

Klar. Aber da war noch mehr. Apple hatte mit iTunes und dem iTunes Store vorgemacht, dass wenn es ein Business-Modell für Inhalte gibt, etwas, das den Schwarzmalern der Umsonstkultur, den Kulturpessimisten des Digitalen so gerne entgeht, dass dieses Business-Modell integrative Soft- und Hardware heißen muss. Dinge müssen an ihre Funktionen und Inhalte geknebelt werden, damit jemand etwas kauft. Und dieses Knebeln muss sich so einfach darstellen, damit jeder andere Weg irgendwie umständlich erscheint.

Während man die ersten Jahre dieses Jahrtausends – für Kenner auch die letzten des vergangenen – als große digitale Befreiung bezeichnen konnte, als den Zeitpunkt, in dem sämtliche Inhalte plötzlich für jeden (wenn auch illegal) verfügbar waren, ganze Generationen dem fröhlichen Raubkopieren verfielen, ganze Nationen zu digitalen Dieben wurden und sich dabei zurecht wohlfühlten, sind es ab Mitte 2003 Modelle wie der damals noch iTunes Music Store genannte Onlineshop mit fester Integration in Software auf dem Rechner und direkter Kopplung an Hardware (iPods), die als Business faszinieren.

Versprechen, in einem Meer von Piraten kleine offiziell legale Inseln aufzubauen, in denen das digitale Business nicht zu einem werbefinanzierten zwischen Aufmerksamkeits- und Umsonstökonomie radikal neudefiniert werden muss. Ein Häppchen alte Ökonomie in der neuen. iTunes Store für Apps war nicht nur logisch, sondern, bei dem sensationellen Erfolg des iTunes Stores – acht Milliarden verkaufte Tracks, 70 Prozent Marktanteil, größer als fast alle traditionellen Musikverkäufer – nahezu ein Muss.

Was ich runterlade, gehört mir

3610316689_a702429052_b

Dabei war die Idee der Web Apps zunächst sehr modern. So modern, dass Google heute, nachdem sie selbst ihren Marketplace für Android entwickelt haben, die Zukunft schon wieder eher in der Wolke vermuten. Applikationen auf Handys, die sich über ihre enge Verbindung mit dem Gerät definieren, wirken ja zunächst altmodisch, tatsächlich aber ist der Unterschied zwischen Webservices und nativen Applikationen eher vorgeschoben.

Denn der Grund für den rasanten Erfolg des App Stores definiert sich weniger über das Zusammenspiel von Online und Offline, Hardware in der Hand und Hardware in Serverfarmen, sondern über das Gefühl der Sicherheit, Einfachheit, über eine kulturelle Praxis, die sich nicht über Geschmack definiert, sondern darüber, aus einem unübersehbaren Trampelpfad eine Schnellstraße machen zu können. Software installieren darf nicht wie eine Installationen wirken, sondern muss genau das sein, was wir Anfangs schon erwähnt hatten, ein No-Brainer.

In nur einem Jahr hat sich der App Store von 800 Apps zum Start auf aktuell 65.000 Programme zur Zeit aufgeblasen (Juli 2009) und nachdem am Anfang Juni diesen Jahres, nicht mal ein Jahr nach Öffnung, schon eine Milliarde Downloads verzeichnet wurden, waren es knapp einen Monat später schon eineinhalb. Der App Store Markt boomt wie kein zweiter auf dieser Welt. Auch wenn die meisten der Downloads umsonst waren, Zahlen beeindrucken immer.

In einem eigenwilligen Zusammenspiel von Verschärfung der Zugangsmöglichkeiten, Einschränkungen der Installationsmöglichkeiten und Vereinfachung des gesamten Prozesses von der Entwicklung bis hin zum Kauf, hat sich der App Store seinen eigenen Markt selbst zusammengezimmert wie kaum ein zweiter und nach seinen eigenen arbiträren Regeln ein Wirtschaftssystem gebastelt, dessen Beispielhaftigkeit vermutlich im nächsten Jahrzehnt als Vorbild für jeden Kurs der digitalen Ökonomie so wichtig wird, wie das Einmaleins für die ersten Mathestunden.

Welche digitale Ökonomie? Man darf nie vergessen, dass nach dem Computer das Handy erster in der Vermittlung einer neuen digitalen Dinglichkeit war. Früher ein Gegenstand, Telefon, war es nicht nur die Mobilität, die Handys so neu gemacht hat, die ständige Verfügbarkeit etc., sondern zuletzt auch die Tatsache, dass sich ein Handy zu einem Tool für alles entwickelt hat, zu einem digitalen Allrounder. Multimedia-Computer wollte Nokia das mal taufen, ohne dabei die Implikationen zu bedenken.

APP3

Ein Computer kann nicht nur alles, sondern muss auch leisten können, die Fähigkeit ständig zu erweitern und sich dem Benutzer anzupassen. Zu dem zu werden, was man selber daraus machen kann. Auf diesem Weg ist der App Store ein wichtiger Schritt. Und der Rest der digitalen Dinge wird folgen, angefangen von Navigationsinstrumenten, eBooks und Konsolen bis hin zu bislang noch harmloserer Peripherie wie Webcams, sonstigen Dingen des häuslichen Alltags bis zu bislang erst in den Kinderschuhen steckenden Netzwerken wie RFID Tags. Die digitale Ökonomie steht wirklich noch ganz am Anfang.

Ebenso wie das iPhone selbst, das, tausendfach kopiert, modifiziert, in seinen Grundfunktionen zu einem Muss, einem Paradigma für neue Handys wurde, ging es zuletzt dem App Store. Googles Android Market ging im Oktober letzten Jahres an den Start, BlackBerry zog im März gleich mit einer ganzen App World nach, Nokias Ovi Store kam im Mai, Palms App Catalogue und Sony Ericssons Play Now Arena im Juni, Microsofts Windows Marketplace soll mit Windows Mobile 6.5 Ende des Jahres folgen.

Mehr oder weniger jeder größere Handy-Hersteller, Handysoftware-Hersteller, ja sogar erste Netzprovider haben ihre Strategien für App Stores überdacht, neue angekündigt, umgebrandet, revitalisiert. Und auch alle anderen Kisten wie Nintendos DSi oder Amazons Kindle sind langsam ohne eigenen Shop nicht mehr vorstellbar. Die Frage nach dem Erfolg wird immer sein, wie gut Downloads integriert sind. Konkret: Wie schnell ist der Weg von der Idee über die Realisierung, zur Verfügbarkeit im App Store und somit beim User.

Noch weit bevor Apple endlich die Pforten zu ihrem neuen heiligen Business-Modell aufmachte, hatten sie ein Software Developer Kit und Entwicklerprogramme freigegeben, die für Handy-Entwickler völlig neue Möglichkeiten eröffneten. Emulation auf dem Rechner, Debugging auf dem Telefon, Geschwindigkeitstests, alles in Software mit einfachen grafischen Oberflächen. Für Handys entwickeln war noch nie so einfach wie mit dem iPhone. Und halbwegs erträglich war das Modell obendrein.

Die typische Entwicklung eines Programms sieht so aus: Irgendjemand hat eine Idee, geboren aus Notwendigkeit oder Langeweile, der sucht sich einen Programmierer oder eine kleine Firma, das Ding wird realisiert und schon rollt der Rubel. Wirklich reich sind damit nur wenige geworden, aber mehr als die Entwicklungskosten fällt bei den meisten schon ab. 70% bleiben bei dem Entwickler und auch der Zugang zu den Tools kostet mit 99 Dollar nur ein dezentes Einsteigerrisiko.

APP4

Kein Wunder, dass die Zahl der Apps schnell explodierte. Und es wäre noch schneller gegangen, wenn Apple in die Verwaltung des App Stores die gleiche Sorgfalt gelegt hätte wie in die Entwicklung der Tools. Denn hier begegnet man endlich auch den allzu offensichtlichen Nachteilen dieser neuen Form von Ökonomie, die zurück zu einer harten Bindung von Software und Hardware will. Zensur. Regellosigkeit. Nicht hinterfragbare Bedingungen.

Lang entwickelte Apps finden ihren Weg nicht zu den Usern, weil irgendwer meint, die wären nicht jugendfrei – es reichen schon ein paar schlimme Worte in einem eBook. Bei Amazons Kindle wurden reihenweise Titel gelöscht. Ein Glück, dass es Orwells 1984 war – jetzt sind wir vorgewarnt. Bugfixes brauchen schon mal ewig, bis die überforderten Mitarbeiter bei Apple einem etwas mehr Sicherheit und Stabilität gönnen, und ganze Zweige von Applikationen (Push Apps z.B.) dürfen erst Monate nach dem Freischalten der Funktionalität auch wirklich funktionieren.

Der Schritt vom Entwickler zum User ist im Vergleich zum Rechner unerträglich lang, unüberschaubar und steinig geworden und hat neue Aufseher bekommen, deren bloße Existenz manchen Wächtern digitaler Freiheit zurecht schon jetzt vorkommt wie eine neue Zwangsjacke. Und mit einer Verbreiterung der Stores werden auch die wirtschaftlichen Interessen und Strategien immer mehr zu einem Punkt, der neue Entwicklungen verhindert. Macht jemand eine Applikation mit U-Bahnplänen, können die zuständigen Verkehrsbetriebe schnell sauer werden, dass das nicht ihre Einkünfte sind.

Schlimmer aber wird es, wenn Konkurrenten wie Google mit Google Voice oder Latitude nicht auf das iPhone kommen, weil man hier Grundfunktionen des iPhones plötzlich in den Händen der Konkurrenz sieht. Und erreichen andere Stores ähnliche Größen wie der Apple App Store, wird das Gerangel zwischen Software- und Handy-Herstellern, Providern, die alle in diesem neuen Businessboot sitzen, und deren natürliches Verhältnis eh schon schärfste Konkurrenz ist, sicher nicht für Entspannung sorgen. Wenn dann noch die Zwangsjacke für andere digitale Bereiche zum Vorbild neuer Ökonomiemodelle wird, ist das nicht gerade ein Versprechen von Zukunft, auf das wir wirklich gehofft haben.

So sehr App Stores auch einen richtigen und notwendigen Weg anzeigen, um Handys aus der Enge ihrer vorinstallierten Funktionsmöglichkeiten zu befreien, um aus dem digitalen Ding mit begrenzten Möglichkeiten eine offene Plattform zu machen, auf der sich realisieren lässt, worauf man gerade so Lust hat: Genau diese Punkte der Entwicklung gilt es in den kommenden Monaten und Jahren genau zu beobachten, um die in den letzten Jahren gewonnene Freiheit durch das Internet, offene APIs und das Netzwerk als Basis aller Kommunikation nicht sehr schnell wieder zu verlieren.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

8 Responses