Sascha Ring wird grundsätzlich
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 112


Sascha Ring zieht Zwischenbilanz auf dem Weg zu seinem ganz großen Gesangs-Album. Gerade zurück aus Japan, hat er einiges Grundsätzliche zum Westen zu sagen.

Elektronika statt Techno, weich statt hart, nein statt ja. Sascha Ring war immer gerne ein Fremdkörper. Mitmachen sollten bitteschön die anderen. Jetzt gibt es ein neues Album und man hört: Auch ein Daunenkissen kann ein super Vorschlaghammer sein.
Die Japanreise, das war nicht das schrille, geile Glitzerding. Eher anstrengend, von den lokalen Betreuern kaputtorganisiert und ziemlich konfus. ”Eigentlich hätten wir von dem Promoter in Osaka seinen kleinen Finger fordern sollen. Takeshi-Kitano-mäßig abgeschnitten. Das schuldet der uns. Unser Auftritt dort ist nämlich beinahe geplatzt“, sagt Sascha Ring, der Musiker Apparat. Er sitzt in seinem Berliner Studio, den wuscheligen Kopf aufgerichtet, ein Nest aus unglaublich vielen schwarzen Locken. Vor ihm ein Doppelmonitor, ein Mischpult und eine goldene Winkekatze, die nicht mehr winkt. Im Hintergrund: das übliche. Musikinstrumente, Gitarren, Schlagzeug, Klavier, Kabel, noch mehr Kabel und Pizzakartons. Im ganzen Haus sieht es wahrscheinlich mehr oder weniger so aus. Sascha Ring ist komplett eingesandwiched mit Musikern. Im Erdgeschoss dicker Bass, im zweiten Stock E-Gitarre und dazwischen dann er, der Soft-Berserker aus Quedlinburg in Sachsen-Anhalt.

”Das geht überhaupt nicht“, sagt Ring. ”Ist viel zu laut hier. Aber aus meinem alten Studio bin ich ja rausgeflogen. Richtig übel, mit Räumungsklage und Strom abstellen und so weiter.“ Seit ein paar Tagen ist er zurück und hat eine Flasche zehn Jahre alten Yamazaki Whisky mitgebracht. Das Highlight der Reise. Davon gießt er zwei Gläser ein, schüttet Leitungswasser nach und erzählt. Viel und lange. Zum Beispiel das: Eine Art geistige Klaustrophobie hat ihn letzte Woche in Tokio befallen. Es war eine Mischung aus Lost in Translation und Gullivers Reisen (Sascha Ring ist ein ziemlich großer und schlaksiger Typ, muss man wissen). Die Japaner haben ihn erst verwirrt und dann mit ihrer Höflichkeit gefesselt. “Die Leute verabreden sich dort immer im Mmhhp oder im Uhmmp, Das Problem ist: Kein Ausländer kann dieses Wort aussprechen. Da muss man dann ständig fragen: Hä? Wo spielen wir jetzt heute Abend. Wo? Was? Und es gibt so viele Sachen, auf die man achten muss, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Nein sagen zum Beispiel. Das geht gar nicht. In Japan manövriert man sich da immer so drum herum. Und am Ende heißt ja dann nein.“ So was kann ihn fertig machen. Aber Hallo. Wenn es um Konventionen geht, ist Sascha Ring sensibel. Irgendwann saß er geplättet und genervt von den freundlichen Menschen in seinem Hotelzimmer in Tokio und fragte seinen mitreisenden Kollegen ”T.Raumschmiere“ Marco Haas: ”Du, kannst du mich bitte mal kurz so richtig schlecht behandeln, bitte?“

Warum das hier nicht läuft
Sascha Ring ist kein Ja-Sager. Er,”Linkspunk-sozialisiert“, 29 Jahre alt, haut noch immer gerne auf den Tisch. Ein Nein-Sager also. Sollen wir die kontroversen Stellen im Interview streichen? War dir das zu viel? Nö, wieso denn, das musste doch mal gesagt werden. Auch die Sachen mit den Drogen? Klar, auch das gehört dazu. Ring redet drauflos, ohne Deckung, extrem reflektiert und konzentriert. Er hat so ein richtig krachiges Vokabular. ”Ey, hört sich scheiße an, aber Mauern sind dazu da, um eingerissen zu werden.“ Ey: Das ist so ein typischer Ring-Satz. Da steckt eigentlich schon alles drin: Das neue Album, die Vergangenheit, die Musik, Grenzen, Regeln und so weiter. Als während des Gespräches irgendwann ein ungebetener Gast an der Tür klingelt, biegt sich sein Zeigefinger instinktiv zur Fuck-You-Stellung. ”Fuck!“, sagt er laut, als es prompt zum zweiten Mal klingelt. ”Fuck. You.“ Er springt auf und hechtet mit einem gewaltigen Satz aus seinem Bürostuhl zur Tür. ”Bitte woanders klingeln, ja? Ey!“ In der Musik ist er subtiler. Das Berserkerhafte, Explosive liegt irgendwo tief unten begraben. Es ist in watteweiche Flächen und Streicher gepackt, im Tempo gedrosselt. Da entsteht ein sehr zarter und introvertierter Sound, der immer dann am heftigsten wird, wenn Ring seinen zerbrechlichen Gesang einsetzt.

Ist das am Ende das Gegenteil von Aggression? Blödsinn. Die Kampfzone ist schon lange nicht mehr der Klang, sondern das Leben. Auch wenn Sascha Ring sich natürlich auch viele Gedanken über Musik macht. Zum Beispiel darüber, wann man sich anbiedert und wann nicht. “Ich bin sehr froh, dass ich nie einen Hit hatte. Ich hoffe, ich bin nicht so ein Trend-Artist, der irgendwann wieder out ist“, sagt er. Apparat tritt praktisch jedes Wochenende irgendwo auf. Meistens allein, manchmal mit Ellen Allien, mit der er letztes Jahr das sehr erfolgreiche Album ”Orchestra of Bubbles“ produziert hat. In Spanien sind die Konzerte ausverkauft, da stehen die Menschen Schlange, um bei den beiden zu sein. Nur zu Hause sieht man Apparat eher selten vor Publikum live spielen. ”Es gibt Gegenden in dieser Welt, ich möchte fast sagen überall außerhalb Deutschlands, wobei Berlin ja nicht unbedingt Deutschland ist, da funktioniert diese Musik besser. Alles, was nicht auf der Techno-Schiene läuft, ist hier in den Clubs ja eher schwierig.“ Auch andere Labels beklagen das. Barbara Preisinger von Scape Records erwähnte zum Beispiel einmal, dass der Musiker Jan Jelinek mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen habe. Wo früher auf Partys noch Luft für andere Musik war, ist zur Zeit totale Tanz-Dominanz angesagt. Sascha Ring: ”Ich hatte mal das Gefühl, dass die dogmatischen Musikhörer aussterben. Es gab in Berlin damals eine Phase, in der es so aussah, als könnte man eine Party machen, bei der ganz viele verschiedene Künstler spielen können und es wird akzeptiert. Und ich dachte mir: Yeah! Alle Grenzen weg, eine Welt! Aber dann hat sich das wieder zurückentwickelt. Es gab, glaube ich zumindest, ein kleines Ecstasy-Revival und Feiern mit gerader Bassdrum war plötzlich wieder total angesagt.“

Der Klang, den es noch nie gab
Seit der ersten LP “Multifunktionsebene“ von 2001 ist Apparat ein wichtiger Name im Zuhörgenre Elektronika. ”Als ich mich entschieden habe, keinen Techno zu machen, war ich noch echt klein. Ich war 18, als ich nach Berlin kam, und wollte so sein wie Boards of Canada.“ Vorbilder spielen für ihn nach wie vor eine wichtige Rolle beim Produzieren. Nicht, weil er sie kopiert und nachäfft, sondern weil er sich bei ihnen immer wieder Anstöße holen kann. ”Dass einer komplett unbeeinflusst von irgendwas ins Studio geht und seine eigene Welt erschafft, das nehme ich übrigens keinem Menschen ab. Ne!“, sagt Sascha Ring. In den Anfangsjahren waren Musik und Technik noch extrem verwoben. Software war das heiße Ding und Ring galt als hervorragender Bastler und Programmierer. ”Dafür bin ich jetzt zu faul. Es ist viel interessanter, wenn man sich hinsetzt und eine Gitarren-Line einspielt, sich inspirieren lässt und dann was am Keyboard macht. Das ist ein Kick, wenn du dann sechs Stunden im Fluss bist, eine glückliche Situation. In der früheren Zeit habe ich das Ziel verfolgt, einen Sound zu machen, den es noch nie gab. Als IDM losging und alle mit Noise gearbeitet haben, war da plötzlich ein bisschen Spielraum aufgebrochen. Wahrscheinlich hat das im Endeffekt auch nur ein Nerd gehört. Boah, geil, das ist eine FM-Synthese kombiniert mit Wavetable und hier ein bisschen Granular, wow! Kein anderer hört’s, aber du kannst dir auf die Schulter klopfen. Haha, ein neuer Sound! Aber: Das hält nicht lange an, das Gefühl. So viele Leute beackern dasselbe Feld. Es ist echt ein Fluch, immer was Neues machen zu müssen. Aber ich habe mich davon befreit.“ Kurzes Schweigen, die erste Runde Yamazaki ist geschafft. ”Schau mal“, sagt Sascha Ring dann und zeigt in Richtung einer grauen eingeschraubten Kassette, die aussieht wie ein unappetitlicher, alter CD-Player. Ja, und? ”Das ist ein Korg-Triton-Rack, so ein echter Dieter-Bohlen-Synthesizer voller vorgefertigter Klänge. Wenn du seriös Elektronik machst, kannst du so ein Ding niemals vor dir rechtfertigen.“

Ganja Nannini
Als Ring neuen Whisky einschenkt, wird es schlagartig einen Tick dunkler im Studio. Der Computer hat sich und seine Monitore in den Schlaf-Modus befördert. ”Eigentlich müsste ich noch eine Platin-Schallplatte kriegen“, sagt er und hibbelt ein bisschen auf dem Stuhl rum. Platin? ”Wegen Giannas Album.“ Er prustet jetzt, lacht so richtig. Gianna, haha, kein Witz, das ist tatsächlich Nannini, die Rockröhre aus Italien. Sie hat Sascha Ring vor Jahren bei einem von seinen Apparat-Auftritten kennen gelernt und war offensichtlich begeistert. Mittlerweile arbeiten die beiden seit drei Jahren an einer Oper, die schon in Teilen fertig ist. ”Sie ruft mich oft an und sagt: Ey, Sascha, Ich brauch noch nen Remix. Ihr Studioknecht schickt mir manchmal total roughe Tracks. Das ist echt sympathisch. Gianna meint dann immer so: Ey cool, mach Noise rein. Die ist auch Kumpel mit den Einstürzenden Neubauten, musst du wissen, und steht auf sehr weirden Kram. Aber am Ende gibt’s immer noch ein großes Label und Produzenten hinter ihr, und dann heißt es: Ey, was ist das denn hier mit dem Apparat-Remix? Tja, und dann wird’s doch wieder nichts mit veröffentlichen. Bei ihrem letzten Album habe ich ein bisschen mitgearbeitet, was gar nicht so einfach ist, weil da wieder besagte Produzenten involviert waren, die es auf der klassischen Schiene haben wollten. Hier die Streicher und ja kein Risiko eingehen. Am Schluss war auf dem Album nur noch wenig von mir dabei, aber die Typen hatten ja Recht damit: Das Ding hat Doppel- Platin gekriegt.“

Der Computer fährt wieder hoch, das Gebläse klingt wie ein dicker fetter Fön, Ring sucht nach Dateien für eine Soundprobe. Wie heißt das noch mal? Hier, nee, hier ist das. Mausklick, und ab geht die Nannini. Der Beat ist ravig angefetzt und klingt ein bisschen nach Götterdämmerung. Ziemlich heftiges Pathos. Dann setzt der Gesang ein: Gianna Nanninis rauchige Stimme, Fußball-WM 1990 in Italien, irgendwas in der Art von: ”Lelele Corna! Lelele Corna! Lelele Corna! Lelele Corna!“ Eine sehr, sehr seltsame Mischung, wenn Stadionrock Elektronik trifft. ”Naja“, sagt er, ”das kann man nicht in alle Altersklassen übertragen.“ Wie das mal bei ihm sein wird im Alter, hat er sich schon überlegt. Er wird immer noch Musik machen, klar. Sich weiterentwickeln, aber nicht so wie Gianna Nannini. Die Frau mache ihm auf der einen Seite Hoffnung und auf der anderen Seite auch Angst. ”Sie ist der Beweis dafür, dass man in dem Business jung bleibt. Das ist diese Art von Leben. Da kann man sich ja nie zur Ruhe setzen. Die ist, glaube ich, 50 und ein sehr lockerer Mensch. So sehr, dass es fast schon ein bisschen anstrengend ist. Richtig erwachsen kommt Gianna einem ja nicht vor. Tausend Ideen auf einmal und ganz sprunghaft und immer noch mal schnell einen kiffen zwischendurch.“

Wände einreißen
Seit letztem Jahr ist Sascha Ring nur noch Produzent. Den Bürojob bei seinem Label Shitkatapult übernahm ein anderer. Mit der Musik gab es trotzdem erst mal Probleme. Geplant war ein reines Vocal-Album, nur sein eigener Gesang, mal was anderes, doch diese Platte ist bis heute nicht fertig. ”Wenn du ein Jahr ins Studio gehst und 70 Prozent der Zeit keinen Spaß hast, fragst du dich schon, was du da machst“, sagt er. Ein Kollege vom Plattenlabel riet ihm dann, es stattdessen erst mal ein bisschen weniger konzeptuell zu versuchen. Das Ergebnis heißt ”Walls“ und erscheint nun bei Shitkatapult. Es ist das dritte Apparat-Album und er sagt, es sei für ihn besonders wichtig gewesen, weil es ”der Ausweg aus der Krise“ war. Im Grunde ist ”Walls“ eine Art Best Of. Sascha Ring hat aus 59 Fragmenten 13 ausgesucht und fertig produziert. Klanglich spaltet sich das Album in zwei Pole. Einmal sind das die dunklen, soften Stellen, an denen die Musik porös ist wie Berg aus erkalteter Lava. Streicher und Flächen im Hall, Marimba-Rhythmen schieben sich übereinander und ab und zu singt Ring darüber. Hell, gläsern, wolkig. Und dann ist da die andere Seite. Offensiv poppige Tracks, gute gelaunte Lichtblitze, immer dann, wenn der Sänger Raz Ohara zu hören ist. Sascha Ring war sich ein bisschen unsicher. Da ist er sehr ehrlich. Andere würden an dieser Stelle bestimmt mit Promogelaber reagieren. Er hatte Zweifel am Erscheinungstermin. Schließlich ist das Album, wenn man von Raz Ohara absieht, ja doch sehr melancholisch. Und wenn die letzte Thom-Yorke-Platte nicht im Sommer, sondern im Winter rausgekommen wäre, hätte er selbst sie ja zum Beispiel auch viel öfter gehört, sagt Ring. Aber das sind Kleinigkeiten, Planspiele und Spekulationen. Natürlich ist er zufrieden. Vielleicht, sagt er, wäre das Album kompakter, wenn nur ein Sänger darauf zu hören wäre. Vielleicht. Aber Zusammenarbeit, so ein konstanter Arbeitsfluss, ist im Moment eben wichtiger als Strategie. Früher habe er in seinem Studio wie eine Art Höhlenbewohner gelebt. Sehr eigenbrötlerisch und abgekapselt. Mit anderen kommt er erst seit dem ”Orchestra of Bubbles”-Projekt so richtig gut klar. ”Da kriegt man seinen Vergaser aufgebohrt“, sagt er.

Für ”Walls“ hat er mit vielen Freunden zusammengearbeitet. Auch den Gesamtklang des Albums wollte Ring am Ende nicht alleine bestimmen. Josh Eustis von Telefon Tel Aviv hat ihm geholfen, das Album innerhalb von 20 Tagen in Chicago abzumischen. Die beiden arbeiteten Tag und Nacht daran. ”Zack Zack. Mixen. Coca Cola. Mixen. Coca Cola. Burger. Mixen. Das war so richtig Ami-mäßig“, sagt Sascha Ring. Mit diesem dritten Album hat er sich etwas in seinem Kopf niedergerissen, ein paar Regeln und Zwänge weggeboxt und ist jetzt wieder bereit für das große Gesangsprojekt, das noch immer irgendwo auf der Festplatte schlummert. Gesang ist ihm extrem wichtig. ”Ich habe jahrelang nicht gesungen, weil Texte schreiben so eine große Herausforderung für mich war. Ich dachte, ich müsste was sagen, was noch niemand gesagt hat. Das ist natürlich totaler Quatsch. Im Zusammenhang muss es stimmen. Mit dem Schreiben konnte ich nur anfangen, weil ich mir vorgenommen habe, möglichst abstrakt zu sein. So hat man ja wenig Angriffspunkte. Aber ich habe schon auch einen inhaltlichen Anspruch. Bei Madonna-Texten rollen sich mir die Fingernägel hoch. Es geht es bei mir immer um ziemliche Abkacker, nachdenkliche Phrasen. Ich verarbeite darin dunkle Seiten. Was ich mache, ist schon ein bisschen depressiv“, sagt Sascha Ring. Depressiv, das gehört für ihn dazu. Ohne die miesen Phasen, glaubt er, gäbe es auch die guten nicht. Musik ist ein Aufzug. Sie zieht ihn runter, wenn er stundenlang im Studio sitzt, hungert und nichts fertig bekommt, und sie zieht ihn hoch, wenn ihm alles gelingt. An einem sehr üblen Tag in Paris, erzählt er stolz, habe er auf einer Taxifahrt einen Text geschrieben. Einen ganzen Text, und dann war alles vorbei.

Das Ego und die anderen
Ring schraubt den Yamazaki auf. Letzte Runde. Es wird langsam spät und er muss noch rausgehen in die Nacht. Eigentlich macht er das ja kaum mehr, weil er so viel unterwegs ist, aber heute kann er viele Freunde treffen und ihnen von Japan und dem unfähigen Promoter aus Osaka erzählen. Oder von Gianna und der Oper oder Josh in Chicago. Er gießt ein, gießt Wasser hinterher. Drei Finger breit, in zwei Gläsern auf dem schwarzen Studiotisch. Prost. Frucht-Karamel-Geschmack auf dem Weg in den Magen. Der Schnaps ist wie ein Anker aus Blei. Er verlangsamt das Sprechen und zieht alles nach und nach hinab auf den Grund. Dahin, wo die Algen wachsen und die schweren Themen liegen. Yamazaki ist ein Oberflächlichkeitskiller, ein Pathos-Kitzler, eine heftige Prinzipien-Suchmaschine. Bei Sascha Ring hat der Yamazaki den Fluch gefunden. Immer wieder tauchte das Wort im Gespräch auf. Der Fluch, so vielseitig zu sein, der Fluch, immer neues machen zu müssen, der Fluch der japanischen Freundlichkeit. Notiere: Kunst als Kampf mit den anderen und sich selbst.

Den Titel des Albums fände er in dieser Beziehung übrigens sehr passend, sagt er. Gefragt, ob er das genauer erklären könne, antwortet Sascha Ring: ”Ein Fluch, das ist so ‘ne Wand, in der du Gefangen bist. Gesellschaftlich und sozial. Da gibt es viele Regeln, die mir total auf den Sack gehen. Ich bin jetzt kein Anarchist oder so. Das ist eine total weltfremde Einstellung.“ Aber haben Regeln nicht auch ihre Berechtigung? Geht es da nicht immer auch um geistige und körperliche Sicherheit? Machen Reihenhäuser, Klassenlotterien und Günther Jauch am Ende nicht auch Sinn? ”Klar“, sagt er. “Für Leute, die einfach so ihr Leben daherleben, ist es wahrscheinlich cool, wenn es ganz, ganz viele Wände gibt und sie wissen, was sie zu tun haben und wie sie es zu tun haben. Ich habe gelernt, dass vieles seine Daseinsberechtigung hat. Auch miese Partys, wo es nur um Saufen und Sex geht. Aber ich persönlich will diese ganzen Regeln für mich nicht. Das ist meine Entscheidung. Ich mache, wonach mir der Sinn steht, und passe auf, dass ich niemanden verletzte. Auf keinen Fall will ich die Welt verändern. Nur für mich selber.“ Er überlegt einen Moment, verschränkt die langen Arme über seinem Kaputzenpulli und schiebt dann doch noch einmal einen richtig guten Kracher-Satz hinterher: ”Das klingt jetzt sicher egoistisch, aber das ist mein Luxus, Ey.“
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Elektronische Lebensaspekte.