Sascha Ring verführt als "Apparat" auf dem Berliner Label "Shitkatapult" die Musik zu leichtfüßigem Glückskick und die Sprache zu aufgedrehten Bilderfluten. Anett Frank wirft sich in beides. Geordnet wird hinterher.
Text: anett frank | anettfrank@debug-office.de aus De:Bug 52

/elektronika

Leichtfüßiger Glückskick
Ring um den Apparat

Thetisch
Ein Apparat ist ein technisches Gerät in konkreter Stofflichkeit, das seine benötigte Energie aus organischen Quellen speist, um bestimmte Aktionen wiederholen zu können. Dahinter steckt Sascha Ring und seine neueste Veröffentlichung “Multifunktionsebene”, die es sich bei Shitkatapult gemütlich macht.

Poetisch
Im Auftrag der hallenden Fläche und des klickernden Drummusters unterwegs, erschließt uns Apparatschik Sascha Ring sein Universum aus knispelndem Non-Analog-Elektro, leichtfüßigem Glückskick und umschwirrendem Sehnsuchtsweb. Seine Stücke sind zwar mathematisch kalkuliert, wenn man mal die detailiert verhedderte Modulation der randomized Beats durch die Tracks beachtet, enthüllen aber auch viel harmoniesüchtige Umschmeichelungen in tönendem Soundfrühling. Man wird regelrecht in durchströmende Flächen mit feinknarzigem Zischel und lebendigem Gewusel hineingezogen, um sich von künstlichen Insekten umschwirren zu lassen und um sich im Plucker-Ström von Knatterfiltern umwattet in gezeitenhaft hervorwabernde Klangvolumen treiben zu lassen. Die Gegensätzlichkeit aus Ohrmuschel-streichel-und–umschmeichel-Hypnose und automodulatorischer und tonal verwirrungsstiftender Sequenzdichte gebiert nirvanatisches Fernweh und Traumschwere.

Historisch
Man möchte gar nicht mehr aufhören, diese mikrokosmischen Syntagmen-Reparaturen zu beschreiben, und doch ist man genötigt, in musikalischen Parallelwelten nach Verbündeten zu suchen. Man findet sich in Erinnerung an Autechre, Funkstörung und Arovane wieder. Bezüglich der elektronischen Beeinflussung winkt Warp von weitem. “Ich bin sehr durch die englischen Produktionen infiziert und schon immer auf dieser statischen Musik unterwegs gewesen. Man darf das ja mittlerweile fast keinem mehr sagen, um nicht sofort auf der Warp-Schiene zu landen.” Es ist der Umtriebigkeit eines Freundes zu verdanken, dass diese WAV-Dateien in Marco Haas’ Hände fielen. Marco, seines Zeichens Labelchef von Shitkatapult und als T.Raumschmiere hinter den Decks agil und auch sonst sehr rundumreleast u. a. bei Kompakt, sorgte dafür, dass sein Graphiker, das ist Sascha Ring im eigentlichen, seine visuellen Talente multifunktionalisiert und den akustischen Output verstärkt.
Doch zunächst einen Klick zurück auf die Jetlag-Ebene – denn damit fing alles an und geht auch alles musikalisch richtungsweisend weiter. “Jetlag” ist das Leipziger Label, auf dem Sascha seine ersten 5 Tracks veröffentlichte, die sich bereits dieses Frühjahr einen Platz auf den oberen Rängen der Jahrescharts sicherten. “Der Stoff auf der Jetlag ist neuer als die Multifunktionsebene. Spitzt man die Ohren, dann hört man das auch ein bisschen. Die Jetlag ist noisiger, repetitiver und voller. Und auch einen Tick böser.” Auf der Multifunktionsebene sind sozusagen Saschas algorithmische Erstlingswerke anno 99/2000 zu erlauschen, die auch schon mal mit handwerklicher Eigenleistung bestückt werden.

Musikbastellogisch
“Ich baue mir meine eigenen schrottigen Drum-Maschines zusammen, die kann man ganz gut programmieren. Manchmal setze ich mich abends hin und bastel ein bisschen. Ich schraub emir ganz viele schrottige Module zusammen und freue mich, wenn lustige Klappersounds rauskommen. Ich mag auch nur kontrollierten Noise und keinen sinnlosen ohne Struktur und Raster. Es muss schon einen Beat geben oder wenigstens einen Takt.” Doch nicht nur seine Fingerfertigkeiten bestücken seine soundtechnischen Endfassungen. Wenn der Rechner abstürzt, werden auch Zufälligkeiten gerne eingebaut. “Wenn ich mit meinem Audio-Interface irgendwas sample, sind manchmal Knackser drin, und die lasse ich dann auch. Ich hab eben gerade für einen Live-Act ein paar Loops rausgespielt, und die waren sehr verknackert im Hintergrund. Es mag sein, das es Leute gibt, die beim Hören von derartigen Unreinheiten in Tränen ausbrechen, aber ich freunde mich mehr und mehr mit diesen zufälligen Fehlern an, ich mag sie. Mein Computer spielt mir manchmal böse mit, aber ich hab meinen Spaß am Zufall.”

Messianisch
Und den hat er auch bei seinen laptopischen Live-Acts mit Ausschallproduktionen seines sogenannten 70% Abfalls, der es nicht ins Presswerk schafft. Was wird man von dir noch erwarten können? “Instrumentaler wird’s werden; im nachhinein verändert, also keine puren Gitarrensoli. Grundsätzlich mag ich Flächen und Hall. Die akustischen Instrumente sollten dann auch schon eher den harmonischen Anteil repräsentieren, und ich werde sie nicht so quälen. Für mich sind die Beats das Abgefuckte. Man darf weiterhin verschachteltes Beatmuster mit klickernden und teilweise vielleicht auch mal nervigen Geräuschen erwarten, was ich dann versuche, mit etwas nettem Schönen aufzufangen. Ich möchte nette Musik machen, die man sich zu Hause oder zum Einschlafen anhören kann. Ich sehe das nicht als Beleidigung. Quasi angenehme leichte Kost. Dieses Jahr oder zu Weihnachten wird noch mal was nachkommen, damit man mich nicht vergisst.”

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Elektronische Lebensaspekte.