Zwischen Synthiepop und Gruftrock gab es schon so ziemlich jeden Musikstil auf Daniel Millers Label 'Mute'. Die drei Herren Brooks, Ireland und Parker aka 'Appliance' bilden soetwas wie die perfekte Schnittmenge eines Backcatalogues des englischen Major-Indies. Das dritte Album setzt neue Akzente.
Text: Christoph Jacke | cj@lebensaspekte.de aus De:Bug 50

Zwischen Sound und SingSing
Appliance

Angefangen bei ihrer Debüt-EP “Organised Sound”, die auf dem hauseigenen Label ‘Surveillance’ veröffentlicht wurde, entwickelte sich Appliance aus dem englischen Exeter immer deutlicher in Richtung Konzept-Band. Und Konzept steht hier für alles andere als Improvisation. Die Stimme von ‘Appliance’, James Brooks, deutet das vorsichtig an: “Wir sind ziemlich durchorganisiert.” Sucht man nach einer Struktur, innerhalb derer sicherlich Variationen und Prozesse möglich und notwendig sind, stößt man bei Appliance auf eine recht auffällige Konstante. James: “Wir haben von Beginn an versucht, die zwei Welten Songwriting und experimentelle Sounds zu vermengen. Und wenn ich von Songwriting spreche, so meine das nicht im traditionellen Sinn, sondern Worte innerhalb der Musik.” Das neue Album ‘Imperial Metric’ zeigt eine neue Einstellung zum Songschreiben. Was auf den ersten Releases noch sehr – und manchmal sogar etwas aufgesetzt – nach einem Rocktrio klang, welches sich zwischen Postrocky und Krautpoppy nicht ganz entscheiden kann, wirken die zwölf neuen Tracks weit entfernt von dieser Just-Another-Postrocky-Project-Attitüde.
James erläutert die instrumentalen und kompositorischen Wechsel im Zuge der Produktion von Imperial Metric: “Wir haben vermehrt Keyboards, Sampler und Drum Machines benutzt. Das war eine ganz klare Vorgabe des Albums. Diese Evolution unserer Band fasziniert mich selbst am meisten. Ich versuche das genau zu beobachten.” So ergibt sich über die Songs des neuen Albums ein interessanter Effekt: auf der einen Seite klingen die Stücke so ohrwurmig und popverdächtig wie selten zuvor, auf der anderen Seite operieren Appliance offensichtlich immer mehr in vertrackt-intellektuell-elektronischer Richtung. James: “Die neue Platte ist auch unser mit Abstand ehrgeizigstes Projekt bisher. Wir haben versucht, diese beiden Welten zu erkunden und unter einen Sound-Hut zu bringen. Das deutet ja auch bereits der Titel des Albums an.” Fragt sich, ob Imperial Metric eine Art prächtiges Maß für die Band selbst oder auch für andere Acts sein kann. Auf jeden Fall haben sich Appliance aus einer Beliebigkeitsfallenecke innerhalb der Postrockywelten herausproduziert. “Wir versuchen melodiös im maschinellen Sinn zu spielen”, bringt es James noch einmal auf den Punkt. Dieses Gegenüber von technischen Aspekten, einer offensichtlichen Vorliebe für das Technologisch-Kühle und der warmen Suche nach Pop erinnert in manchen Momenten stark an deutsche Elektroniker von Kraftwerk bis Kreidler, da scheint sich ein Faden zwischen Exeter und Düsseldorf, oder zumindest zwischen UK und D spannen zu lassen. James: “Wir haben uns nicht umsonst von Acts wie Tarwater oder To Rococo Rot für das ‘D 4’-Album remixen lassen. Diese Bands sind wichtig für uns. Und Kraftwerk sind sowieso die Überväter der elektronischen Musik, so dass es eigentlich kaum jemanden gibt, der nicht von ihnen beeinflusst ist.” Bei Tarwater mag James insbesondere deren poetischen Gebrauch der Worte in Kombination mit den spärlich-minimalen Musikbackgrounds. Diese imaginative Rezeption ähnelt derjenigen von Appliance ziemlich und mit Wortspielen und Bildern in der Musik haben sie noch einiges vor. Wir bleiben gespannt.

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Elektronische Lebensaspekte.