Text: Anna Stylianakis aus De:Bug 23

ANREISSER+ANFANGSKASTEN OBEN, SERVICE: Wie gestaltet sich Öko-Leben auf digitalem Biotop? Gehen daraus spezifische Lebewesen hervor? Softwareentwickler, Architekten, Kunsthistoriker und Mediadesigner trafen sich im März auf den i3 Spring Days ’99 in Spanien zum multidisziplinären Austausch und diskutierten Entwürfe für besagte “Arcadian Virtuality”. Für De:Bug berichtet Anna Stylianakis. Beiträge der Referenten und weiterführende Links unter: http://www.sics.se/arcadia. FLIESSTEXT Entgegen populistischer Meinungen finden elektronische Lebensaspekte nicht auf dem Informations-Superhighway, sondern im Park statt. Dies zumindest ist die Ausgangspositon des Workshops “Arcadian Virtuality”. Mit dem Shift von realen zu digitalen Umgebungen wird unsere Beziehung zur natürlichen Umwelt zunehmend komplexer. Wir sind Teil eines organischen Systems, aber gleichzeitig davon losgelöst. Die Veränderungen unserer Sichtweisen wurden bislang in der Gestaltung von virtuellen Räumen nur kurzsichtig reflektiert. Digitale 1:1 Versionen realer Welten gelten als plumper Versöhnungsentwurf. Dagegen ist die Vision von virtuellen Umgebungen als Ökologie die Vorstellung eines autonomen, in sich ausbalancierten Systems, in dem Mensch und Anwendung ein wechselseitiges Dasein führen. Vorbild sollen natürliche Umgebungen wie Landschaften oder Gärten (“Arcadia”) sein. Wie also gestaltet sich Öko-Leben auf digitalem Biotop? Gehen daraus spezifische Lebewesen hervor? Und führt die Interaktion in virtuellen Umgebungen zu einer erweiterten Realität? Ein Szenario – und dabei nicht das übelste – könnte so aussehen: In meiner Desktop Umgebung haben sich garstige Krümelmonster eingenistet, die emsig an meiner Informationsarchitektur herumwerkeln. Unbemerkt können sie Files beliebig umbenennen, Icons austauschen und damit Autoquartett spielen. Wenn sie Hunger haben, knabbern sie an den Icons, die unbenutzt auf der Festplatte rumdümpeln. Einmal verdaut, verschwinden diese im Paradies. So funktioniert ökologisch korrekte Datenentsorgung. Alan Munro von der Napier University, Edinburgh, provozierte mit seiner Eröffungsidee allseitiges Gekicher und warf damit gleichzeitig die Fragestellung auf, wie weit die Gestaltung von virtuellen Landschaften gehen kann. Teletubbieswelt oder doch die ländliche Variante von Fortune City? Die wenigen umgesetzten Projekte, die auf dem Workshop gezeigt wurden, tendierten eher zu letzterem. Hauptsächlich aber gab es aber viele interessante Theorie-Ansätze und wenig umgesetze Projekte. Ein Beispiel für letzteres: die Demo-Anwendung “Information Islands” vom Informatik-Fachbereich der Umea University, Schweden. Das Interface besteht aus vielen Inselchen, die verschiedene Contents darstellen. Thematische Inselcluster formieren sich zu Archipelen, die individuell zusammengestellt werden können. Interessant ist die Gleichzeitigkeit verschiedener Sichtweisen, die zudem durch die holistische – nämlich “God’s view” – getoppt wird. Unspannend ist jedoch die Adaption gängiger Paradiesklischees in Form von mediteran anmutenden Inselchenszenarios. Und es drängt sich die Frage auf: Brauchen wir wirklich Gott als Index? Der “digital garden”, eine 3D-Anwendung mit simultaner Online-Chat-Funktion von Mirko Ross, zielt auf eine ähnliche Adaption realen Lebens ab. Was diesen Ansätzen gänzlich fehlt ist die psychologische Dimension von zweckfreien Orten, steht doch der Garten für das zentrale Nutzenversprechen “Kontemplation” und damit die Flucht aus der realen Welt. Positive Impulse in Richtung “user-generated environments” kamen von der Kommunikationswissenschaftlerin Elaine Raybourn. Sie stellte ihr Projekt “Arcadia after the Fall” vor, ein ausschließlich textbasiertes Online-Experiment. Eine heterogene Testgruppe wird in der verkommenen und tristen Stadt “DomeCity” ausgesetzt. Innerhalb von 90 Minuten hatten die neuen Bewohner ein Reintegrationsprogramm aufgestellt und “DomeCity” in einen Leasure Dome verwandelt. Was sie damit aufzeigen wollte ist nicht, daß Menschen lieber Karussell fahren als Ballerspiele ausreizen, sondern daß menschliche Verhaltensmuster, ihre Bedürfnisse und Erwartungen als entscheidende Gestaltungsparameter im Aufbau von künstlichen Umgebungen anzusetzen sind. Diese Prämisse ist nicht neu, wird aber bislang mit wenig Erfolg umgesetzt. Die materiellen Architekten sind da schon viel weiter. Alan Penn präsentierte z.B. seinen Entwurf für eine Londoner Bürolandschaft: Die Anordnung der Raumelemente leitet sich aus Matrixen ab, in der die Bewegungs-, Kommunikations- und Interaktionsfrequenzen der Mitarbeiter protokolliert sind. Im virtuellen Raum lassen sich solche Matrixen durch Tracking-Auswertungen (wer von wo wohin klickt) einfach realisieren. Schade, daß diese Tools vornehmlich für die Erfolgskontrolle von Websites eingesetzt werden. Abschließendes Highlight unter den Beiträgen war der Prototyp “Information Garden” des British Telecom Lab, eine 3D-Plattform zur Generierung und Kommunikation von Informationen. User können hierin ein eigenes Wissensbäumchen anpflanzen, das mit den Inhalten der Anwendung wächst. Die Vegetation der Landschaft steht und fällt mit dem Klima, hier umgesetzt als Layerwolke, die je nach Nutzungsfrequenz der Anwendung mal dicht und dunkel oder transparent und luftig durch den Raum zieht. Bedingt durch die mulitdisziplänere Zusammensetzung der Teilnehmer, wurden viele Fragen aufgeworfen und wenig Konkretes erschlossen – aber, wie im echten Leben, war hier der Weg das Ziel. Was alle ziemlich ratlos stimmte, ist die Abwesenheit von körperlicher Beteiligung in virtuellen Räumen – von den nervösen Zuckungen am Joystick einmal abgesehen. Während englische Landschaftsgärtner im 18. Jahrhundert eine Achterbahn der Gefühle inszenierten, bewegt man sich jenseits der Natur meist unbeteiligt durch grobschlächtige Berg-und-Tal-Anmutungen. Digitale Architekten mögen sich deshalb in ihr Logfile eintragen: ”Arcadian Virtuality does not imitate realistic places but innovates real emotions”. LINKS ARCADIAN VIRTUALITY HOMEPAGE http://www.sics.se/arcadia MIRKO ROSS – DIGITAL GARDEN http://pictor.fh-nuertingen.de/~garden/

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Elektronische Lebensaspekte.