Enrico "Volcov" Crivellaro mischt sich mit seinem Label "Archive" erfolgreich von Italien in das West Londoner Fusionsgeschehen ein. Ulrich Gutmair begibt sich auf Bildungsreise nach Mailand, wäre fast Helmut Berger begegnet und trägt atemlos und ohne Absatz ein neues Kapitel zum Baedeker bei.
Text: Ulrich Gutmair aus De:Bug 54

Broken Beats im Centro Sociale
Archive

Das nennt man wohl Globalisierung von unten: Ein Mann sitzt in seinem Homestudio in Verona, hat ein Label mit Sitz in Mailand, auf dem er Musik von Freunden aus West-London veröffentlicht, deren Platten dann von japanischen Kids gesammelt werden. Man kann die Geschichte selbstverständlich auch anders erzählen, was sie nicht unbedingt unkomplexer werden lässt: Direkt gegenüber vom De:Bug-Büro in der Brunnenstraße befindet sich Rossi Records, ein kleiner, aber gut sortierter Plattenladen, der bis vor kurzem von Patrick betrieben wurde, der jetzt nach Barcelona gezogen ist. Vor zwei Jahren hat Patrick, der seine Käufer vor allem mit ausgewählten Houseproduktionen, mich seit Jahren auch mit Platten von Theo Parrish versorgt hat, einen Stapel Platten von Archive und Visions bestellt, von denen nach kurzem Vorhören zwei in meinem Einkaufskorb landeten. Bei Archive, so kommuniziert das Kleingedruckte, handelt es sich um ein Label aus Mailand, bei der von mir erworbenen Platte um das “Document 1” des Archivs: Nubian Mindz geben dort Shouts an Mark, Dego und Alex Mustang. Mustang ist das Pseudonym von Alex Attias, dem Besitzer von Visions, deren 001, nämlich Mustangs “Transitions”, ich in der selben Tüte nach Hause getragen hatte. Während Nubian Mindz im weitesten Sinn Drum and Bass mit Electro kreuzen, genauer Beats aus der 808 auf die darken Sounds von 2Step treffen lassen, kann man auf Mustang mit “krank” durchaus adäquat beschriebene Vocal-Samples über elegant vor sich hin stolpernden Beats genießen. Fast zwei Jahre später in Mailand: Während ich Johanna besuche, die ich in Zürich kennengelernt hatte, als sie dort für eine kleine Milaneser Designfirma an der Website für ein Onlinebankprojekt einer der größten Banken der Welt gebastelt hat, deren Projektmanager inzwischen entlassen worden sind, weil das Projekt nie online ging, rufe ich bei Dipiu an, unter deren Dach Archive operiert. Bald darauf bin ich im Besitz der Mobilnummer von Enrico, der Archive betreibt und Käufern von Reinforced-Platten unter dem Pseudonym Volcov bekannt sein dürfte. In Mailand, das unter seinem damaligen Namen Mediolanum immerhin einige Jahrzehnte Hauptstadt des Imperium Romanum war, trifft man heute in der U-Bahn außer Models, die einem irgendwie bekannt vorkommen, vor allem Männer in gut sitzenden dunklen Anzügen, die perfektes Englisch sprechen und mit Tickets aushelfen, wenn man noch keinen EC-Automaten gefunden hat. Unter solchen Bedingungen ist Enrico leicht zu identifizieren, auch wenn man am Telefon vergessen hat, Erkennungsmerkmale auszumachen. In einer Stadt, in deren Zentrum man die eben neuen Kollektionen italienischer Designer nicht nur kaufen kann, sondern auch trägt, Underground dagegen immer noch schwarze Lederjacken, Autonomie und Industrial meint, machen sich Leute mit Camouflage-Jacken schnell als Inhaber avancierter Labels identifizierbar. Enrico hat zwei Jahre in London verbracht, der erste Londoner, den er traf, war Kirk Degiorgio, der ihn mit Mark und Dego bekannt machte, die Enrico noch vor Mad Mike für die talentiertesten Leute der Welt hält, weil sie in allen Formaten produzieren können, die man auf längere Sicht gesehen für relevant hält. Noch in London gründete er Archive, seitdem hat er auf 14 EPs und zwei Alben außer sich selbst keinen einzigen Italiener, dafür einen guten Teil seiner Posse aus West-London veröffentlicht – abgesehen von IG Culture, dessen New Sector Movements in der öffentlichen Wahrnehmung als die Speerspitze eines neuen Sounds gelten, der so neu allerdings nicht ist. Man kann die Veröffentlichungen von IG Cultures Label Main Squeeze, von Archive, Visions, Friends und anderen ohne weiteres mit den knapp zehn Jahre älteren Veröffentlichungen auf Shut Up and Dance mixen, ohne dass rhythmische Brüche oder kulturelle Inkompabilitäten entstehen würden. Was britische Popjournalisten nun unter Nu Tech Jazz und Broken Beats verkaufen, ist als Breakbeat immer noch seiner Zeit voraus gewesen. Das Modell für New Sector Movements und die eben auf Archive erschienene LP “Up + Down” von Domu, der mit Sonar Circle als knapp Zwanzigjähriger auf Reinforced noch Drum&Bass veröffentlicht hat, hat Nicolettes 1992 mit dem prophetischen Titel “Now Is Early” versehenes Album abgegeben, das von Shut Up and Dance produziert und veröffentlicht wurde. Die damals wirklich revolutionären Breaks, die bestenfalls halbherzig kopiert knapp zehn Jahre später von den amerikanischen HipHop-Industrien unter dem Trademark R&B verkauft worden sind, hatten bereits Shut Up and Dance mit äußerst sparsamen Samples unter Verzicht auf Basslines kombiniert, um den Soul von Nicolettes Stimme und Lyrics zu betonen. Das Modell der Fusion von avancierten Beats, von Jazz-inspirierten Harmonien und soulful Vocals funktioniert noch immer. Der blutjunge Domu macht auf seinem Debütalbum “Up + Down” genau das, die Sounds und Produktionsweisen von Drum&Bass werden herunter gedimmt, bis die dort angelegte Geschichte von Funk und Soul wieder zum Vorschein kommt, auch wenn zwischen eher langsamen, vocaldominierten Stücken auch 140bpm-Breakbeat-Instrumentals Platz haben. Der neue, “eklektizistische” Breakbeatsound wird jetzt von einer Allianz aus Labels, “a family of labels”, sagt Enrico, forciert – “it’s really strong now”. Man hat sich mit Goyamusic auf einen Vertrieb geeinigt und mit Co-Op ein Modell entwickelt, das die Ressourcen bündelt. Als Verbund kleiner Labels materialisiert sich Co-Op als Serie von Compilations, deren zweite Folge im Dezember erscheint, sowie als zweiwöchentliche Clubnacht in den Lokalitäten der Londoner Velvet Rooms. Wenn er nicht gerade an Tracks für Visions, 2000 Black, Archive und Neroli arbeitet, unter anderem unter den Pseudonymen Volcov und Stellar, zusammen mit Domu auch als Rima, oder Remixe für People oder Jazzanova/Compost erstellt, gibt Enrico in Mailand den Gastgeber der monatlichen Archive-Nacht in der Pergola, einem Centro Sociale, die in Italien für linksanarchistische Politik und in der Nachfolge von Hardcore-Punk auch für gute Clubnächte bürgen. Auch hier sind regelmäßig Freunde an den Plattenspielern, etwa 4 Hero, Ross Allen, Patrick Forge, Gilles Peterson, Kirk Degiorgio oder Jazzanova. Photek, dessen Frau Filmemacherin ist, hat Enrico erzählt, dass Helmut Berger ihr erzählt hat, einen Abend in der Pergola verbracht zu haben. Als er der Lover Viscontis war, hat sich Berger einige Jahre in Mailand aufgehalten, einmal hat der Regisseur für Helmut die Beatles nach Hause eingeladen. Möglicherweise hat Berger einige Jahrzehnte später in der Pergola nun Theo Parrish gehört, der ebenfalls auf Archive erschienen ist, in Mailand auf Einladung Enricos Platten gedreht hat und in Detroit seine eigene Idee von Soul verfolgt. Dort wiederum ist Chateau Flights “Pergola” wegen seiner an Carl Craigs Landcruising-Phase erinnernden warmen Sounds auf Begeisterung gestoßen, das auf einer Vier-Track-EP auf Enricos neuem Label Neroli vor kurzem erschienen ist. Im Gegensatz zum Songcharakter der Archive-Veröffentlichungen ist Neroli track-oriented, erklärt Enrico. Seit ein paar Tagen ist Neroli Nummer 2 in den Läden, der Produzent, der hier unter dem Pseudonym Nutmeg erscheint, wird geheim gehalten, den Remix auf Seite zwei haben Enrico und Domu gemacht, nächstes Jahr werden sie als Rima ein Album veröffentlichen. Die Japaner – “they are rational in their passion”, sagt Enrico – werden sich freuen, die Ideen fließen, die Migration der Sounds und Rhythmen geht weiter, die Mikrostrukturen wuchern, der Markt ist offen.

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Elektronische Lebensaspekte.