Neue Gesichter aus Buenos Aires
Text: Alexis Waltz, Sascha Kösch aus De:Bug 116


In Südamerika hat sich längst eine zweite Generation von Minimal-Produzenten entwickelt. Gleichermaßen von deutschem Minimal wie durch ihr Latin-Umfeld geprägt, haben sie eine eigene Stimme gefunden, mit der sie längst aus der Diaspora herausgetreten sind. Wir haben uns mit Dilo, Barem, Funzion und Gurtz an einen Tisch gesetzt.

Die Flut der Minimal-Releases ist nach wie vor ungebrochen. Woche für Woche erreicht ein neuer Strom an 12″s und MP3s die Horde von DJs und nicht selten beschleicht einen das Gefühl, dass die Welt nach einem höheren Zufallsprinzip einfach ständig neue gesichtslose Minimal-Acts beliebig aus dem Ärmel schüttelt, weil die Technologie dafür nun mal einfach bereit steht. Blickt man aber hinter die Kulissen, dann entdeckt man nicht selten ein sehr eigenes Bild verschiedenster Szenen aus den diversesten Ecken dieser Welt, in denen Minimal eine ganz andere Bedeutung hat. Hier ist es eine Methode, um sich selbst zu positionieren, zusammenzuschweißen, eine Szene zu bilden und einen Untergrund zum eigenen künstlerischen Biotop zu machen, dessen Gesetze völlig anders sind.

Reduziert in Argentinien

Buenos Aires ist so ein Ort: In der Welt elektronischer Musik bekannt geworden durch die (nun schon fast zehn Jahre alte) Compilation, die damals den Startschuss von Traum Schallplatten lieferte, hat sich seit der großen Depression nach der Jahrtausendwende dort eine Minimalszene entwickelt, die seit ein paar Jahren nicht nur den heimischen Clubs beibringt, was diese Musik alles bewegen kann, sondern auch wieder den Sprung auf die hiesigen Dancefloors schafft und den Kampf gegen Progressive House und Trance in der Tango-Stadt schlechthin aufgenommen hat. Durch ihren mitreißenden Funk und ihre zielsicheren Produktionen sind in letzter Zeit die Clubtracks von Gurtz, Barem, Funzion oder Dilo aufgefallen. Während viele aktuelle Minimal-Tracks durch ihren beliebigen Umgang mit Melodien und ihre körperlosen Produktionen langweilen, entwickelt die argentinische Clique ihre Musik aus spannungsvollen Grooves und Basslines.

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Konnte die erste argentinische Technogeneration mit Produzenten wie Gustavo Lamas oder Leandro Fresco ihren peripheren Status nie überwinden, ist es der neuen Generation innerhalb weniger Jahre gelungen, auf diversen maßgeblichen europäischen und amerikanischen Labels und in der internationalen Clubszene präsent zu sein. Hier ermöglicht die softwarebasierte Produktion und die Distributionsmöglichkeiten über das Netz eine Szene, die anders kaum so produktiv und so sichtbar geworden wäre. Während Gurtz, Barem, Funzion und Dilo im vergangenen Sommer die europäischen Floors bespielt haben, halten fünf weitere Musiker (Seph, Violett, Franco Cinelli, Jorge Savoretti und Leonel Castillo) in Buenes Aires die Stellung – weitere zehn viel versprechende Produzenten seien schon in the making, berichten sie.

De:Bug: Wie habt ihr euch alle kennen gelernt?

Dilo: Ich habe zwei Label, Zensible und Igloo, und auf denen habe ich die Tracks der anderen released, daher kennen wir uns alle. Natürlich haben wir auch alle auf den gleichen Partys aufgelegt, die Minimal-Szene in Buenos Aires war ja sehr minimal. Dann sind wir zusammengewachsen, haben angefangen auch zusammen auf Labels in Europa zu veröffentlichen.

Barem: Und zusammen Musik zu machen.

Dilo: Das war immer schon ein Netzwerk-Ding. Wir haben uns untereinander immer geholfen.

Funzion: Die letzten vier Jahre haben wir sehr viele Tracks auch untereinander getauscht und viel voneinander gelernt.

Barem: Und wir mixen uns auch gegenseitig.

De:Bug: Habt ihr einen Bezug zu der älteren Generation?

Dilo: Vor uns war das alles sehr anders. Jeder war für sich alleine. Es gab keine Szene. Ich wollte aber unbedingt eine Szene.

Barem: Das waren auch alles nur DJs.

Funzion: Und es war vor allem ein ganz anderer Sound. Die meisten waren eher progressive.

Dilo: Es gab nur sehr wenige, die anders klangen. Gustavo Llamas z.B., aber der war sehr Underground.

Gurtz: Seine Platten kamen zwar auf Traum, Kompakt usw. raus, aber in Buenos Aires war er nach wie vor ziemlich unbekannt. Von der ersten Traum-Compilation über Bueonos Aires hat es sonst nur noch Leandro Fresco zu irgendetwas gebracht. Aber das war auch ein ganz anderer Sound.

Barem: Das war aber für mich schon wichtig.

Funzion: Unsere Einflüsse liegen generell doch eher in Europa und den USA, und natürlich Chile.

Barem: Für mich war der Startschuss Perlon und Minus. Das war für mich der neue Weg. Der war für uns viel wichtiger als der Kompakt-Sound. Irgendwie war Kompakt – so groß es auch ist – nicht so anders als Progressive House. Es war zwar reduziert, aber auch ein sehr voller Sound, und bei Perlon war viel weniger Substanz, dafür aber viel mehr Groove. Es hat auch mit den Shuffeln viel mehr Housegefühl. Und letztendlich sind wir ja auch Latin.

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De:Bug: Organisiert ihr selber Partys?

Dilo: Ich mache jeden Monat Igloo-Partys. Es gibt auch ein paar Orte, an denen Minimal gespielt wird, aber nicht so viele. Wir spielen manchmal auch auf den wirklich großen Mainstreampartys. Wenn Richie Hawtin spielt, oder jemand in der Liga, da passen wir dann einfach besser hin. Immerhin haben die Promoter das mittlerweile begriffen.

Barem: Vorher war der Sound aber auch generell so kommerziell in Buenos Aires, dass wir wirklich nirgendwo reinpassten. Da mussten erst so Leute wie Richie Hawtin mit ihrem guten Ruf kommen, damit die Leute begriffen haben, dass das ein Sound für den Dancefloor ist.

Gurtz: Am Anfang sind die Leute oft zu uns gekommen und meinten, das ist so merkwürdige Musik, so verrückt.

Barem: Sie haben jetzt keine Ausrede mehr, weil sie wissen, dass wir für diesen Sound stehen. Wenn sie minimal booken, dann müssen sie uns einfach mit dazu nehmen.

Gurtz: Wir sind aber immer noch weit davon entfernt in Argentinien zum Mainstreamsound zu werden.

Dilo: Das ist eher Goa. Trance. Die machen Riesenpartys mit mehreren tausend Leuten. Für unsere Igloo-Partys bekommen wir zwei-, dreihundert Leute. Das ist für uns schon gut, denn das sind dann die Leute, die den Sound auch verstehen. Wir haben auch hart dafür gearbeitet.

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De:Bug: Waren die Netlabels für euch wichtig?

Barem: Wir haben ja alle auf Netlabeln angefangen. Mein erstes Release war z.B. auf Synergy Networks.

Dilo: Und mit Igloo habe ich ja auch ein eigenes.

Gurtz: Und ich habe Natural Media, auf dem ich auch Multimedia-Releases mache.

Dilo: Das war immer ja auch ein Distributionsproblem jenseits der Netlabels. Argentinien ist doch sehr weit weg. Und Vinyl zu pressen ist einfach viel zu teuer. Es gibt eh nur ein Presswerk bei uns.

Dilo: Schallplatten sind sowieso nur für eine kleine Elite, die das Geld hat, überhaupt welche zu kaufen.

Barem: Ich habe früher mit Vinyl aufgelegt und konnte mir zwei Platten im Monat leisten.

Dilo: Freie Musik anzubieten, ist für ein armes Land wie unseres sehr wichtig.

Barem: Die meisten Leute in Europa verstehen die Wichtigkeit von Netlabels nicht so ganz. Aber je weiter man sich von Europa entfernt, desto mehr verändert sich der Status der Labels. Wenn man einfach mal nachdenkt, wie viele Artists in den letzten paar Jahren aus vorher eher vernachlässigten kleinen Ländern kommen, dann ist das mit Sicherheit eine der Folgen der Netlabels. Es gibt mittlerweile wirklich Künstler von überall, die minimale Musik machen.

Dilo: Die Technologie generell ist auch dafür verantwortlich. Man brauchte vorher einfach sehr teures Equipment. Jetzt kann man alles mit freier Software machen. Für die Musik in Ländern wie Argentinien war das sehr wichtig.

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De:Bug: Das verändert natürlich auch die Herangehensweise an Musik. Früher war das erste, was man machte, Platten aufzulegen, später dann selber Musik zu produzieren. Mittlerweile hat sich das komplett gedreht.

Barem: Auflegen ist einfach viel teurer.

Gurtz: Ich und Funzion sind eher von Musikern zu Produzenten geworden. Wir wissen immer noch nicht, wie auflegen geht.

Dilo: Ich war ein Indierocker. Und bin eher über Partys in die Szene reingerutscht, weil ich die Musik beim Raven so schlecht fand. Aphex Twin, Plaid, Autechre, das waren eher so die Sachen, die ich gut fand. Erst als ich im Plattenlanden gearbeitet habe, wurde mir klar, dass es auch für den Dancefloor wirklich interessante Musik gab. Aber das hat halt niemand aufgelegt.

Barem: In den Plattenläden konnte man höchsten fünf Minimalplatten im Monat finden. Eine Spectral, eine Minus, Perlon und eine Traum oder Kompakt oder Poker Flat. Selten und immer völlig unvermittelt gab es dann mal etwas anderes. Eine Karloff-Platte, oder Contexterrior. Das war sehr seltsam. Und völlig vom Zufall bestimmt.

Dilo: Ich brauchte sehr lange, bis ich verstand, wie die DJ-Welt bei uns überhaupt funktionierte. Die DJs fragen immer nach bestimmten Platten, und dann wurden die bestellt und es dauerte so zwei Monate, bis sie endlich da waren.

Barem: Auf meine erste Foundsound habe ich drei Monate warten müssen. Ich habe sie schon gar nicht mehr gespielt, als ich endlich das Vinyl hatte.

Dilo: Mittwochs kamen immer die Platten, und dann war der Laden für das normale Publikum geschlossen. Nicht mal alle DJs kamen rein. Ein paar kamen auch immer aus anderen Provinzen des Landes angereist. Das war sehr maffiamäßig.

Barem: Ich durfte mittwochs nie rein. Man musste auch sehr, sehr vorsichtig sein, was man bestellt hat, denn es gab immer nur sehr wenige Copys, und wenn man Pech hatte oder einen größeren Namen bestellt hat, waren die Platten manchmal mittwochs schon wieder weg. Ich habe dann irgendwann nur noch Platten über meine Schwester geordert, die glücklicherweise in Wien lebte.

Dilo: Deshalb gilt mein Support auch völlig Serato, Final Scratch und solchen Sachen. Es ist immer gut, mehr Leuten, nicht nur einer dummen Elite, den Zugang zur Musik zu ermöglichen.

Barem: Das ist auch viel privater. Man muss nicht immer allen Leuten zeigen und sagen, was man kaufen will. Was mich aber z.B. an Beatport nervt, sind die Charts. Leute, die die ganzen Tracks in den Charts ihrer Lieblings-DJs kaufen. Das ist ganz falsch. Dann spielen sie immer nur die gleiche Musik wie ihre Vorbilder. Ich selbst habe mehrere Stunden am Tag damit verbracht, die Tracks zu finden, die ich haben wollte. Leute müssen sich auch anstrengen, wenn sie etwas Eigenes machen wollen.

Dilo: Für mich gilt das Selbe. Sechs Stunden am Tag neue Tracks bei Beatport durchhören. Das kann auf die Dauer ermüdend werden.

Gurtz: Wie lange kann man das überleben?

Barem: Es muss einfach Leidenschaft dabei sein. Diesen einen Track zu entdecken, den niemand sonst hat und kennt.

Funzion: Ich weiß schon, warum ich nur Liveacts mache.

Dilo: Ich mag es mittlerweile am liebsten, unveröffentlichte Tracks von Freunden zu spielen.

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De:Bug: Was sagt ihr zu dem Backlash gegenüber Minimal, dem man hierzulande ganz schön oft begegnet?

Dilo: Das kenne ich schon seit über einem Jahr. Ich sage auch gerne, genug mit Minimal. Es ist schon etwas verrückt geworden. Man will schon nichts mehr damit zu tun haben, weil es so ein Hype ist. Wenn die Leute zu dir sagen, du machst doch Minimal, dann möchte man immer sagen: Warte mal …

Barem: Ich mache Minimal! Das ist nicht so eng als Konzept, dass es nicht immer in andere Richtungen gehen könnte. Ich mache Minimal, weil ich eben nicht mehr als zehn Sounds für einen Track benutze. Das ist meine Methode. Die Leute machen Minimal für etwas verantwortlich, was letztendlich Ableton oder MySpace zu verantworten haben.

Funzion: Ich mache einfach, was ich fühle. Wenn es morgen Rock ist, ist es eben Rock. Mache ich zurzeit wirklich Minimal? Ich weiß es nicht.

Barem: Aber es ist immer noch leer. Es passiert viel, aber der Gebrauch der Stille ist immer noch sehr wichtig.

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De:Bug: Als ihr alle angefangen habt, war die Zeit der großen Depression in Argentinien.

Funzion: Ja. 2001, 2002. Es ist zwar ein wenig besser über die Jahre geworden, aber jetzt geht es wieder bergab.

Barem: Mit dem Geld, das wir hier in einem Monat machen, können wir in Argentinien vier Monate gut überleben.

Gurtz: Das ist schon ziemlich traurig.

Funzion: Es wäre einfach schön, wenn man im eigenen Land das machen könnte, was man gerne tut, und damit auch überleben könnte.

Dilo: Ich pflege hier sogar einen anderen Lebensstil und kann, wenn ich zurückkomme, relaxt Musik machen. Wir zählen definitiv zu den Glücklichen.

Barem: Ja. Wenn du zurückkommst, fühlst du dich immer ein wenig schuldig.

Dilo: Aber du arbeitest doch auch hart dafür.

Barem: Aber die Hälfte der Bevölkerung bei uns würde dafür noch härter arbeiten, haben aber gar keine Chance dazu. Mit dem Geld, das ich hier manchmal für eine Taxifahrt ausgebe, kann zu Hause eine Familie einen halben Monat leben.

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Elektronische Lebensaspekte.