Der Techno-House-Zwitter "Deeparture in Time" wird nach 10 Jahren neu aufgelegt
Text: Tim Caspar Boehme aus De:Bug 150

Vor zehn Jahren schraubte Aril Brikha sein Debütalbum “Deeparture in Time” zusammen, das prompt auf Derrick Mays Transmat-Label landete und heute als Detroit-Klassiker gilt. Jetzt hat der schwedisch-assyrische Produzent sein eigenes Label gegründet und bringt seinen Geniestreich noch einmal in großzügig erweiterter Form heraus.

Aril Brikha, 1976 in Teheran geborener Assyrer, nutze drei Geräte für sein vor gut zehn Jahren erschienenes Debütalbum: eine Roland TR-808, den billigen 303-Klon Bass Station von Novation und einen Ensoniq SQ80 Synthesizer. Damit gelang dem im weitgehend technofreien Bible Belt Schwedens aufgewachsenen Musiker aus dem Stegreif ein Techno-House-Klassiker, der so prächtig gealtert ist, dass er einen guten Teil aktueller Techno-Produktionen umso betagter aussehen lässt.

Auch heute benutzt Brikha im Grunde nur drei Geräte zum Musikmachen: einen Mac, einen Evolution UC-33 Controller und ein Launchpad. Seine Analoggeräte hat er schon vor langer Zeit verkauft: “Ich habe aus nostalgischen Gründen meinen MS-20, meine 808 und die 303 behalten, benutze sie aber nie. Sie stehen einfach da und sind hübsch anzusehen. Aber monophonen Basssound ohne MIDI und Speicher kann ich wirklich nicht gebrauchen.”

Die letzte Schnapsidee
Hört man sich “Deeparture in Time” dieser Tage an, staunt man immer wieder über den Reichtum an Klangfarben – bei Brikha bekommt dieses reichlich abgegriffene Wort tatsächlich einen ganz eigenen Sinn – der in so überschaubaren Gerätschaften steckt. Ganz abgesehen davon, dass seine Techno-House-Zwitter anscheinend weder Verfallsdatum noch Halbwertszeit kennen. Sie wollen immer noch unverzüglich auf den Tanzboden. Da lässt man ihm selbst den Kalauer im Titel durchgehen.

Das Klassiker-Potential der Tracks erkannte damals wohl auch Derrick May, der 1998 zunächst die “Art of Vengeance”-EP mit Brikhas Killer-Nummer “Groove la Chord” auf seinem Sublabel Fragile herausbrachte, zwei Jahre später folgte “Deeparture in Time” auf Transmat. An die Über-Institution des Detroiter Techno geriet Brikha damals aus purer Not.

“Ich habe jahrelang versucht, meine Musik auf europäischen Labels zu veröffentlichen. Das hat nicht geklappt. Als letzte Schnapsidee dachte ich mir, scheiß drauf, schick die Sachen einfach nach Detroit. Also habe ich mir die Adressen rausgesucht und zwei Demos an Transmat und 430 West geschickt. Es hat weniger als eine Woche gedauert, bis sich beide bei mir gemeldet haben. Ich war echt schockiert. Da versuche ich zwei Jahre lang, meine Musik lokal oder in Europa zu veröffentlichen, und dann melden die sich bei mir. Transmat wählte “Groove la Chord”, was gar nicht mein Favorit war. Ich hatte das als B-Seite eingeplant.”

Flatterhaft
Doch auch in der Folgezeit stellte sich die Zusammenarbeit mit Labels nicht immer einfach dar. Sein zweites Album erschien 2007 bei Poker Flat, seitdem gab es erst einmal nichts Neues. Dabei hat Brikha die ganze Zeit weiter Musik produziert. “Ich mag es schon, das Label zu wechseln, aber ich bin es echt leid, drei Jahre zu warten, bis mal ein Track erscheint.” Daher hat er jetzt sein eigenes Label Art of Vengeance gegründet, bei dem allein er entscheidet, welche Musik er wie und wann veröffentlicht.

Den Anfang macht der Reissue seines Debütalbums, zu dem er eine komplette zweite CD mit bisher unveröffentlichtem Material aus der Zeit von 1995 bis 1999 hinzugelegt hat, das den ursprünglichen Album-Tracks in nichts nachsteht. Eine Remix-EP hat er ebenfalls im Programm. “Es sind alte Sachen. Seit ’Groove la Chord’ herauskam, sind bestimmt zwei Generationen von Hörern nachgewachsen, die das nicht gehört haben. Das Naheliegendste war, ein Zehnjahres-Jubiläum als Label-Kickoff zu wählen, um dann die neuen Sachen rauszuhauen.”

Deepe Phaste: abgefrühstückt
Mit dem Album ist für Brikha die deepe Phase denn auch erst einmal abgefrühstückt. “Wenn ich einen Hit habe, mache ich es mir zur Aufgabe, nicht denselben Sound ständig zu wiederholen. Das ist einfach meine Flatterhaftigkeit in meinem Musikstil. Für mich gibt es nicht dieses ’Ich mach nur diese Musik’. Solche Entscheidungen haben für mich keinen Sinn, und jetzt kann ich die Sachen eben selbst rausbringen.”

Auch wenn Brikha im Gespräch eher straight und organisiert erscheint, darf man sich ihn keinesfalls als Labelmanager mit festen Bürozeiten vorstellen. Besonders seine Musik entsteht ausschließlich dann, wenn ihm etwas einfällt. “Wenn Inspiration da ist, gibt es auch Musik. Wenn keine Inspiration da ist, dann esse ich was oder gehe trinken.”

Kompromisse stehen für Brikha erst recht nicht auf dem Veröffentlichungsplan. “Ich will bloß Musik machen und sie so herausbringen, wie ich sie hören möchte.” Der nächste Titel auf seinem Label sollte ein bisschen wie seine Kompakt-EP “Winter” werden, melodischer und tranciger, “um die ganze Deeparture-Kette zu sprengen”. Allerdings hatte er sich den Titel “Frost” ausgesucht und fürchtet nun, dass die Leute vom Winter so sehr die Nase voll haben, dass sie von Kälte erst einmal nichts hören wollen.

CITY SLICKER – DEEPARTURE IN TIME – REVISITED by Art of Vengeance

Alphaville statt Miles Davis
Brikha selbst ist kein großer Plattenkäufer, er tritt auch nie als DJ auf: “Ich suche nicht nach elektronischer Musik, wie es ein DJ tut. Es ist ein Fulltimejob, sich durch die ganzen Sachen durchzusuchen. Wenn ich guten House oder Techno finde, gibt es für mich nichts Besseres. Ich habe nur keine Lust, in Plattenläden zu gehen. Ich liebe Musik, aber ich war nie ein Sammler, weder von Synthesizern noch von Platten.”

Statt Platten aufzulegen, spielt er ausschließlich live. Seine Arbeitsweise auf der Bühne versteht er ein bisschen wie bei einem Jazzmusiker, der über eine Melodie improvisiert. “Mein Liveset ist ganz ähnlich, Bass und Melodie sind zwar schon vorbereitet, aber ich improvisiere damit, wann die Elemente hinzukommen, wie ich sie filtere, justiere oder die ganze Stimmung des Tracks verändere.” Jazz im engeren Sinne hört er jedoch erst seit ein paar Jahren. “Ich würde gern sagen, dass ich schon als Kind Miles Davis gehört habe. Ich habe aber Alphaville gehört.”

Aril Brikah, Deeparture In Time, ist auf Art Of Vengeance/WAS erschienen.

http://www.artofvengeance.com

4 Responses

  1. Terry Bell

    der fall aril brikha beweist doch nur, was für schwache heuchler ihr seid. zuerst hat sich kein schwanz für ihn interessiert, dann kam transmat, und nach transmat der fame und die kanonisierung. ihr loser, ohne eure bestenlisten und meinungsführer könntet ihr doch gar keine eigene meinung bilden. gehts schwänze fressn..

  2. dieter polen

    ich muss terry bell zustimmen :
    DE:BUG, ihr seid die größten WIMPS unter den europäischen musikzeitschriften überhaupt.

  3. mahik

    Und von allen die noch die kommen …

    Gudde Laune !