Text: Sascha Kösch aus De:Bug 21

WAS GEHT. AUF JEDEN. Music sounds better with Albert Gabriel Sascha Kösch bleed@de-bug.de Das da oben sind so in ungefähr die Worte, die er am Handy sagt, das sich selbst in den Berliner Kunstwerke Höfen strikt weigert, eine Art von PC der Mobiltelefonie zu bezeugen. Und man hat ihn sofort im Visier. Arj ist ein HipHopper. Irgendwie schon, oder?. Nichts kommt von ungefähr. Das sagen alle. Alles macht Sinn. Er trägt eine dicke Collegejacke, viel zu lange (Photo + drei Monate) blonde Haare, muß also ein Oldschool Faible haben. Er wuselt nicht mit den Armen herum, wenn er etwas erklärt, also ist er Producer, und er fordert und sieht vor allem eins bei deutschem HipHop: wir werden erwachsen. Sein Promoter, Phillip, sitzt mit kochendem Hirn vom Telefonieren und widerrechtlichen Rauchen daneben und bezeugt dies. Es muß stimmen. Und um die Verwirrung komplett zu machen, ja, natürlich ist er einer der besten Houseproduzenten des gesammten Euro-Landes. Und kein digitaler Franzose, sonder ein echter analoger Rheinländer. Von ganz anderer Seite hat Arj Snoek, aka Albert Gabriel, jetzt zum ersten mal eins drauf bekommen. Gemein. Lofi und dumpf wurde seine Platte “Albert Gabriel” (Ladomat) in einer Schülerzeitung genannt. Dabei ist er jetzt erwachsen. Das geht also so nicht, außerdem war es grundlegend falsch. Irgendjemand muß seine Vorliebe für analoge Mischpulte, die Phattness der Beats und Basslines einer langen und guten HipHop Schule da mit etwas verwechselt haben. Schließlich waren nicht nur Roulé und Bob Sinclar für ihn Initialmomente, die man auf seinen Housetracks durchaus raushören kann, sondern vorher längst Disco, Funk und natürlich immer wieder Hip Hop. Und so wird er einer der ersten Deutschen, die ihre Beats auf einer Lyricist Lounge Compilation wiederfinden können. Groß, oder? Fett. Auf jeden. Der Kölner Arj kommt aus einer gut situierten (irgenwo draußen vor den Toren der Stadt glaube ich) Künstlerfamilie, bei der Leute wie Kai Althoff und Justus Koehnke, die ich beide dieses Wochenende im Sixpack, Kölns neuster, sehr Kölscher Ravelocation, gesehen habe, der eine zuckend zu Sägezahn in Schneemotorradjacke, der andere halb trauriger Clown mit verschmierten Mundwinkeln und halb ausgemergelte Hekla, oder wie mahnende Engel heutzutage sonst so heißen, ein und ausgehen, erzählt man sich. Beide in diesem Fall irgendwie direkt vom Rosenmontagszug herein- und durchgespült. Albert war nicht da. Obwohl er jetzt dürfte, denn er ist nicht mehr Deutschlands Heintje der Housemusik, längst nicht mehr, nicht mehr das Wunderkind, der alberne Kindervolkshousemusikant, der so irre süße verrückte Tracks gemacht hat und schon gar nicht mehr Deutschlands kleinster Killerhouse und -HipHop DJ (1, 20 incl.Stuhl). Wenn er irgendwas davon je war (Nein!!! natürlich nicht). Und um das auch den Schülerzeitungen zu beweisen, gibt es sein zweites Album. Nun ja, Kommunikation geht zuweilen seltsame Wege. Ausgezogen ist er, steht jetzt auf eigenen Beinen, ist folglich größer, und ja, er hätte seine LP auch “Das bin ich” nennen können. Sicher. Irgendwann muß man ja mal damit anfangen. Damit aufhören kommt dann noch schnell genug. Wie gesagt, er war nicht da. Weil: erstens hat er ein Studio, das schon in der Arte Sendung über Rap und Söhne der nun verstorbenen Produktionsgesellschaft Turner & Taylor zu sehen war, und zweitens gehört er zu der Generation, für die Produzieren dann doch schnell wichtiger wird als Bier. Die Kids gehen nicht mehr aus, weil die Software zu gut ist. Ein Interface, mit dem eine Kneipe, selbst wenn sie sich als Ravelocation verkleidet, einfach nur schwer mithalten kann, wenn man nicht grade mal jemand neues kennen lernen will. Dafür hat er seine Abende im Elektra, wo er “alte Platten” mitnimmt, und eine nach der anderen auflegt, ohne sich dadurch das Mixen abzugewöhnen, keine Angst. Das Schlagzeug im Studio…wie bei Q-Tip Arj produziert grundsätzlich gerne ohne Samples von anderen. Wer “Albert Gabriel” hört, dem wird es etwas schwer fallen, das zu glauben. Ganze Herbie Hancock Passagen fast 1:1. Und noch das ein oder andere andere klingt auch sehr vertraut. Aber in seinem Studio steht unbestreitbar ein Schlagzeug (“so macht Q-Tip das auch, schnell selber einspielen, und dann zu dem bearbeiten, was man haben will”), er hat Gastmusiker eingeladen und es werden wohl noch mehr, auf den nächsten Platten. Und feilt an seiner Mahl-Kurven-In-Den-Editor Filtertechnik, die immer versierter wird und auf jedem der Tracks etwas anderes bedeuten kann, sollte und bei ihm als einer der wenigen im Genre anfranzösisierter Housemusik auch tut. House oder Hip Hop, das ist für ihne keine Frage. Wenn es eine Schizophrenie geben sollte zwischen diesen Genres, dann löst sie sich dieses Jahr auf, da ist sich Arj oder Albert, was ja auch niemand für schizophren halten würde, sicher. “Leute wie mich, oder Rabauke und DJ Kotze, die hätte es noch vor zwei Jahren gar nicht geben können.” Nicht mal mehr die HipHopper wundert es, wenn jemand House produziert, soweit zur reinen Lehre einerseits und zur anderen Kölschen Legende. Nein, Arj klingt definitiv nicht wie Mike Ink. Es kann nur einen geben. Aber in seiner Stadt disst ihn keiner mehr. Auch wenn er, was kaum jemand vor ihm geschafft hat, kein Lokalmatador werden will. Aber jetzt, mitten im größten deutschen HipHop Hype den die neuen Bundesländer je am Fernsehn mitverfolgen durften, sofern sie nicht grade von einer Horde doppelter Staatbürgerschaftsjäger mit Kampfhunden gejagt werden, weigert sich Arj seine HipHop Tracks an ein Label in diesem Land zu geben. “Das haben sie doch nicht wirklich verdient. Als Producer habe ich mich nicht an ihnen orientieren können. Also warum sollte ich dann dort meine Tracks hingeben?” Logisch. Wenn man es auch so schafft, Kontakte zu knüpfen (Handy) und eh schon für seine Housegeschichten ein Label hat, das selbst die ärgsten Stürme in den Chefetagen der Musikindustrie überlebt (Lado), außerdem oft genug durchs Land kommt, um sowohl House wie auch Hip Hop aufzulegen und damit auch noch entsprechend erfolgreich ist, verwundert es einen auch nicht mehr, wenn plötzlich ein Rapper aus den Staaten vor der Tür des eigenen Studios steht, und die wenigen wirklich fetten Beats (wir reden von HipHop in Köln, nicht vergessen, es gibt auch noch andere Studios in dieser Stadt, prozentual auf den Bevölkerungsanteil sicherlich übermäßig viele, und eine Menge, in denen auch noch fette Beats in anderen Genres produziert werden) der Stadt mit in die Staaten nimmt. Und, was sagt uns das alles? Durch Arj Snoek ist eine ganze Stadt auf dem Weg, ihre eigenen Grenzen zu sprengen, über die Stilfragen hinweg in freudiger Geselligkeit miteinander und nicht mehr nur übereinander zu reden, die Verteilung der Güter und Zuneigungen ständig neu, immer überraschend und irgendwie gerecht zu strukturieren und vor allem zu jedem, der etwas tut, was das Leben angenehmer macht, so richtig nett zu sein. So jedenfalls das Ideal. Muß wohl mal jemand formulieren. Und kaum jemand macht es sympathischer als Arj Snoek auf seiner neuen Platte, Albert Gabriel. Arj Snoek, Albert Gabriel, ist bei Ladomat (Rough Trade) erschienen _______________ ZITATE ”Leute wie mich, oder Rabauke und DJ Kotze, die hätte es noch vor zwei Jahren gar nicht geben können.” Durch Arj Snoek ist eine ganze Stadt auf dem Weg ihre eigenen Grenzen zu sprengen

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.