Im Techno-Vehikel von Frankfurt nach Glasgow
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 137

Arne Weinberg sieht zufrieden aus. Mit seinem massigen Körper sitzt er in einem Glasgower Pub unweit des Hauptbahnhofes und schwärmt von seiner neuen Heimat. Egal ob die Landschaft, die Mentalität, die Musikszene oder die generelle Kultur und Lebensart, Arne Weinberg, daran lässt er keinen Zweifel, fühlt sich hier an der schottischen Westküste rundum wohl. Vor knapp anderthalb Jahren ergriff er zusammen mit seiner Frau die Gelegenheit, die ihm die Pleite seines Arbeitgebers in Frankfurt und die dazugehörige Abfindung eröffnete.

Ein klassischer Neuanfang. Glasgow mit seiner vibrierenden Szene und seiner traditionellen Verbundenheit zu Detroit, war allerdings nicht die erste Wahl. Auch wenn man das bei Arne Weinberg, dessen Musik seit eh und je eine ebenso tiefe Verbundenheit mit der so hoffnungsvollen wie melancholischen Verlorenheit von Detroit-Techno durchzieht, annehmen könnte. Der erste Impuls ging Richtung Norwegen. Aber da weder er noch seine Frau die Sprache sprechen, was die Jobfindung ungemein erschwert hätte, wurde diese Idee schnell wieder verworfen. Glasgow war Plan B, und Plan B ist voll aufgegangen.

“Wir sind hier freier und haben weniger Druck. Ich gehe Abends nach Feierband nach Hause und muss nicht mehr über meinen Job nachdenken. Das hatte ich in Deutschland nie”, erzählt Arne. “Ich kann mich viel besser auf die Musik konzentrieren. Auch wenn ich in den letzten Monaten nicht so viel Zeit dazu hatte.” Sich von Druck zu befreien war auch der Grund, warum Arne in diesem Sommer nach fünf Jahren sein Label AW Recordings eingestellt hat. Die rückläufigen Verkaufszahlen mündeten darin, dass Clone, sein Vertrieb, unruhig wurde und ihn drängte, bei seiner Veröffentlichungspolitik mehr auf den Markt zu achten.

Aber sich Remixe von bekannteren Produzenten einzukaufen, auf diese Strategie wollte Arne Weinberg nicht umschwenken. Als im April sein Debütalbum ”Alpha & Omega” auf AW Recordings floppte, war das Schicksal seines Labels besiegelt. Auch hier musste ein Neuanfang her. Ein neues Label, ein neuer Vertrieb. Vor einigen Wochen erschien die erste Maxi auf Diametric, Arnes frisch geschlüpftem Label. 300 Stück hat er gepresst, handsigniert und -verpackt. Nachpressungen soll es nicht geben. Eine digitale Veröffentlichung auch nicht. Darauf, dass Arne für die erste Platte die Detroiter Electro- und Techno-Legende Keith Tucker gewinnen konnte, ist er besonders Stolz. Ein perfekter Label-Einstand von einem seiner absoluten Helden. Da ist ein Traum wahr geworden, sagt er.

Überhaupt scheint gerade eine gute Zeit zu sein, wenn es darum geht, dass sich lang gehegte und kühnste Wünsche erfüllen. Seit knapp zehn Jahren veröffentlicht Arne Weinberg jetzt Platten. Über den Status des Geheimtipps oder des “Underdogs”, wie er es nennt, ist er trotz Veröffentlichungen auf angsehenen Techno-Labeln wie Matrix, Frantic Flowers, Styrax oder Down Low nicht hinausgekommen. Das könnte sich bald ändern, denn vor nicht allzu langer Zeit bekam Arne einen Anruf von Derrick May. Der Transmat-Labelchef hatte schon oft angedeutet, dass er sein eingeschlafenes Label wiederbeleben will. Jetzt ist es soweit. Und Arne Weinberg soll dabei sein. Arne erzählt die Geschichte des Anrufs so zögerlich wie offensichtlich geehrt und überglücklich. So ganz mag er dem Braten noch nicht trauen. Derrick May gilt nicht unbedingt als der zuverlässigste Label-Betreiber.

”Ich will mich davon nicht verrückt machen lassen. Aber eine eigene Platte auf Transmat …. da kann ich irgendwann in Ruhe abtreten.” Dass es May mit seinem Plan Ernst ist, hat er mittlerweile mit einigen Interviews unterstrichen, in denen er Arne als einen der “unsung heroes” der Techno-Szene bezeichnet. Eine Bezeichnung, die er zu ändern gedenkt. Arne wird es freuen.

Optic Nerve, Reassimilation EP, ist auf >Diametric/DNP Music

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Elektronische Lebensaspekte.