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Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 32

Fussel, fussel, fertig Arovane gibt den DSPs die Seele zurück ãVon Autechre habe ich kein einziges verdammtes Bit gesampelt”, sagt Uwe Zahn aka Arovane, ein Mann, der so oft mit Sean und Rob aus Sheffield verglichen wurde, dass er sich darüber nur noch kaputtgrinsen kann. Vor allem, weil der Vergleich einfach an den Haaren herbeigezogen ist und auf einem journalistischen Verständnis beruht, dass musikalische Schubladen nur in Flugzeughangargrösse wahrnimmt. Die Geschichte hat nichts mit Autechre zu tun, viel mehr mit Berlin. Die Vorstellung, dass in der Berliner Ecke meines Plattenregals bis vor rund anderthalb Jahren keine einzige Arovane Platte stand, gar nicht stehen konnte, macht mich nervös. Arovane hat es geschafft mit seinen drei E.P.s und dem soeben veröffentlichten Album ÔAtol ScrapÕ auf DIN zur festen Grösse in der Berliner Elektroniklandschaft zu werden, dem von Labeln wie Chain Reaction geprägten Klang der Stadt eine bislang nicht repräsentierte Komponente hinzuzufügen. Und einem obendrein nicht nur das Gefühl zu vermitteln, er sei schon immer da gewesen, sondern dass er auch noch eine ganze Weile bleiben wird. Gut so, denn zu viele gute Geschichten haben inzwischen ihren Lauf genommen und müssen dringend zu Ende erzählt werden, auf weiteren Platten. Rundflug von Berlin… Es ist noch gar nicht solange her, da segelte mir ein Tape auf den Tisch. Electronic Source stand drauf und Drum and Bass war drin. Uwe Zahn hatte diese Tracks produziert, einfach nur mal so, denn er war ziemlich frisch aus München nach Berlin gekommen und mehr oder weniger frustriert und in München finden an Potis schraubende Musiker offenbar schneller zueinander als in Berlin. Bei samstäglichen Erkundungstouren durch Berlin-Mitte verirrte er sich dann in Drum and Bass Kellern und war angefressen. Also ab ins heimische Studio, Sampler angeschmissen, losproduziert, und die unfreiwillige musikalische Einsiedelei von der Seele gerumpelt. Einfach nur mal so eben, vielleicht würde sich ja jemand dafür interessieren. Und wie. Auch wenn Arovane heute bestimmt keinen Drum and Bass mehr machen würde: Ohne die Tracks von Source Direct, Hidden Agenda oder Photek, zu denen er damals die Wände der einschlägigen Clubs hochgetanzt ist, gäbe es wahrscheinlich keine einzige Arovane Platte. Danke, Amen-Break. Aber der Reihe nach… …über Hameln… Genau hier werden Popstars geboren, denn in solchen schläfrigen Kleinstädten haben Einfamilienhäuser massige Kellergewölbe, in denen die Arovanes dieser Welt mit einem Vierspurrecorder in Papas Hobbyraum im Schneidersitz auf dem Boden Stunden verbringen können, um mit Opas übriggebliebenen Mikrophon lang und ausgiebig das Brummen des Heizungskellers auf BASF-Kassetten aufzuzeichnen, um schnell zu merken, dass nicht das Brummen interessant ist, sondern vielmehr die kellerigen Hallräume, die einem selbst im Hameln so etwas wie das Gefühl von Weite vermitteln. “Blöd war nur, dass ich mit meiner Casio-Orgel dann nicht wirklich weit gekommen bin, bei der Weiterverarbeitung dieser Klänge, und ich in der Küche nur sehr bedingt Percussionmaterial fand. Also kaufte ich mir einen analogen Modularsynthesizer. Der war vom Klang dann schon eher das, was ich mir so vorstellte. Die Elektronik interessierte mich schon am meisten bei meinen Kellerexperimenten. Hätte ich damals schon einen Sampler gehabt…” Hatte er aber nicht, nur eine Klarinette, und so dauerte es noch eine ganze Weile, bis aus Arovane wirklich Arovane wurde. Was blieb, war die Faszination und Liebe für Musik, egal ob noisig, mit oder ohne Vocals, poppig oder langgezogen verschroben. Als bettelnder Journalist kann man in Arovanes Schubladen einiges entdecken. Wichtiger aber noch als der grundsätzliche Wille, Musik zunächst nur als solche zu begreifen, und sich nicht auf bestimmte Spielarten zu beschränken, entwickelte sich in dieser Phase eine fast schon unheimliche Lockerheit dem Medium Musik gegenüber, die Arovane heute immer noch zugute kommt. Wenn eine Idee da ist, dann wird sie umgesetzt, am besten an einem Stück, ohne Pause, egal, welches Equipment gerade zur Verfügung steht. Hinsetzen, kurz nachdenken, fussel, fussel, fertig. Keine Angst vor Maschinen, gute Musik ist nicht vom Gerätefuhrpark abhängig, Hauptsache erstmal machen. Im Improvisationsorchester ‘Six & More’ malträtierte er jahrelang Sinuswellen und musste schliesslich irgendwann in Berlin landen, wie ja irgendwie alle in letzter Zeit. …nach Berlin zurück Wir fassen zusammen: Liebe für Hallräume, Interesse für Sounds jeglicher Art, Synthesefachmann, kurzzeitiger Drum ‘N’ Bass Aktivist…ist das das Geheimrezept, um von Null auf Hundert in der Championsleague der DSP-Fanatiker mitzuspielen und mit grossen Melodien nur so um sich zu schmeissen? “Drum and Bass war eine gute Schule, zumindest, was das Schneiden und Bearbeiten von Beats angeht. Ich merkte aber ziemlich schnell, dass ich ohne fetten Rechner da nicht zu wirklich befriedigenden Ergebnissen kam. Monitore kommen mir aber nicht ins Studio, mit Computern checkt man Mail. Fertig. Ich arbeite ausschliesslich mit Hardware. Das ist verlässlicher und intuitiver.” Jungle ging, Digital-DSP-Knurschpel kam. Dass Arovane damit plötzlich ein Feld beackerte, das in allen Hipness Charts ganz oben rangierte, ist mehr oder weniger Zufall. “Meine Liebe für ungewöhnliche Sounds passt einfach hervorragend in dieses Genre. Egal, ob es jetzt Klänge von abgestürzten Machinen sind, kranke Effekte, wieder und wieder geresampelt…völlig egal. Ungehörter Klang, das ist der Motor, der mich treibt.” Das hört man den Produktionen von Arovane an. Wo andere Musiker mit ihren Programmierkünsten protzen, Beats in ihren Molekularstrukturen präsentieren und sich immer weiter dem weissen Rauschen annähern, was prinzipiell ja völlig in Ordnung ist, bringt Arovane Ruhe in die aufgescheuchte Digitalmusiklandschaft und bepinselt die Hochleistungschips in Sampler und Effektgeräten, denen vor lauter Krch Krch schon ganz schwummerig ist, mit Blattgold, lehnt sich zurück und schaut zunächst mal aus dem Fenster. Mit Schreddersounds zu posen, lernt man heutzutage in der Vorschule, auf das richtige Verhältnis von neuen Sounds, Wärme und einer Gitterstruktur zum dran festhalten kommt es an. “Im Keller in Hameln habe ich gelernt, dass Hall der Musik eine gewisse Transparenz und Räumlichkeit verschafft. Man kann so die einzelnen Elemente besser staffeln. Beats und Bässe stehen bei mir im Vordergrund. Dann kommt die Melodie und ganz zum Schluss, weit, weit im Hintergrund am Horizont das, was ich inzwischen die Berliner Fläche nenne. Ich mag Hall. Hall macht Dinge tief.” Damit ist Arovane auf dem Berliner Label DIN mehr als gut aufgehoben. Sein jahrelanges Machen, Experimentieren und Probieren fügt dem Berliner Sound, wenn es den denn gibt, das hinzu, was bislang gefehlt hat. Prima.

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Elektronische Lebensaspekte.