Detroit, Motor City. Wiege vielzitierter Mythen, Legenden und den wohl enigmatischsten Elektroprojekten, die den Dancefloor zwischen Michigan und Berlin je zum Tanzen und den geneigten Journalisten zum Grübeln gebracht haben. Mit Arpanet huldigt jetzt eines dieser Projekte modernster Technologie. Wireless Detroitstyle.
Text: sascha kösch aus De:Bug 60

Stille Post
Arpanet: Wireless Internet Detroitstyle

Interviews mit Detroiter Legenden, die ungenannt bleiben wollen (es gibt noch genau eine davon, die Bande rings um Chlorzeiger, Dopplereffekt, Dataphysics etc., die ja bekannterweise auch nicht aus so vielen multiphrenen Biomassen besteht), gehen im Grunde so: Man fragt sie so zum Einstieg eine einfache englische Frage wie z.B. “Wie passt denn Arpanet in die anderen Projekte, die ihr so macht”, die geht dann drei Mal gefiltert von A&R über A&R mehrfach rings um den Globus und man bekommt als Antwort ein Leerzeichen. Ha, so leicht geben wir uns nicht geschlagen. Kontern also mit: “Ist Arpanet nur ein One-Off Projekt oder wird es mehr unter diesem Namen geben?” Elektronische Datenwege aller Art werden Sendung-Mit-Der-Maus-Style in Bewegung gesetzt und ja, diesmal kommt was zurück, wir sind uns sicher, die Antwort lautet: “Dieses konzeptionelle Projekt ist der mobilen Technologie gewidmet.” Aha.

Worüber wir versucht haben mit Arpanet – aka die drei Fragezeichen aus Detroit – zu reden, war ihr Album mit dem schönen, konzeptionell verheißungsvollen, uns gut in den Kram passenden Titel “Wireless Internet”. Da sind so Titel drauf wie “I-Mode”, “NTT Docomo” und eine Computerstimme erklärt einem gleich am Anfang mal die Befreiungsideologie der drahtlosen Kommunikationsformen. Nun mögen Detroiter ja denken, man könnte keine englischen Computerstimmen verstehen (ausgerechnet wir, die wir mit MacStimmsynthesizern aufgewachsen sind), und sicherlich mögen sie auch denken, dass wir noch gar nicht wissen wie hip diese Technologie in Japan ist (dabei können wir C-Html im Schlaf schnarchen), im Grunde aber sind sie warscheinlich Zen-Meister der Redundanz, schliesslich ist Redundanz ja eine der wichtigsten Grundlagen moderner Informationstechnologie. Vielleicht waren ja sogar in dem amerikanischen Englisch die Orginalantworten in Haiku Form verfasst.

Wir wollten trotzdem wissen, warum sie das standardmässig eher aufgrund seines “militärischen” Hintergrunds auftauchende Arpanet als Act-Name benutzt haben, anstelle etwas eher am Entertainment-Industriekomplex orientiertes, wie Wireless vielleicht näher legen könnte, zu benutzen. Die Antwort kam als Grundkurs Internet, so als würden Dataphysics die Fragen stellen, wir die Antworten liefern: “Arpanet war das Fundament des heutigen Internets. Es ist eine Hommage an diesen Vorgänger.” Aha. Die Wissensgesellschaft auf ihrem Höhepunkt. Man sollte Askjeeves umbenennen in Askdataphysics.

Weiterführende Fragen Richtung Militär wurden folgerichtig ignoriert, und als wir sie fragten, was sie denn an der Vorstellung einer Wireless-World am meisten interessierte, antworteten sie mit: “Die Möglichkeit, Mobilität und Zugang zu Informationen in einem zu haben, sowie weitere kabellose Anwendungen.” Wir hätten das Interview (und haben es übrigens dann auch mal als Kontrollversuch, der ziemlich unentschieden ausging) mit einem der AOL-Buddy-Bots führen können.

Call 0800-ARPANET

Wir führen das Interview jetzt also mal mit euch, quasi als Spiel. Also, was wäre die Frage auf die Antwort gewesen: “Jede Technologie hat seine Bausteine. Ton ist Ton, egal ob 8Bit oder 64Bit, legen die Leute zuviel Wert auf die Herkunft des Tons?” Richtig. Das folgende: Glaubt ihr, dass Elektro, und alles was darin auf eine “nicht-Breitband Kultur” hinweist, wie z.B. die 8Bit Sounds, die C64 Posse-Überschneidungen, zu denen ihr ja nicht so gehört, aber auch das monochrom zeilenmässige Cover eurer LP z.B. oder die ersten Anfänge des drahtlosen Internet wie z.B. I-Mode, etwas das immer eine Reminiszenz an älter Technologie sein muss?

Aber gehen wir mit Arpanet noch mal ein paar Schritte weiter zurück. Wenn also die Herkunft des Tons nicht wichtig ist, das Wichtigste an der Verbindung von Musik und Technologie die “Verbraucherfreundlichkeit und Flexibilität beim Komponieren” ist, “Musik bedeutungslos wäre wenn sie keine Thematik besäße”, dann ist “Wireless Internet” von Arpanet doch ein Marketing-Gag oder interpretieren wir das falsch? Eine Art Aufmerksamkeitsheischen von musikalisch halbwegs stehengebliebenen Detroitern mit Themen von gestern auf Computer-Bild Niveau.

Wozu übrigens ideologisch auch passen würde, das Arpanet für das Coolste an Wireless Technologie Global Positioning System halten, weil man damit entflohene Kriminelle ausfindig machen könnte (sic). Auch wenn sie es als Nachteil empfinden, wenn damit der Staat dann seine Bevölkerung überwachen würde. Wie das allerdings in ihr Konzept passt, dass der “Mensch von Natur aus totale Befreiung braucht”, von der “zu viel Knöpfe, Schalter, Submenus” etc. eigentlich nur ablenken, lässt sich nur durch eins erklären: Arpanet glauben an den Traum der Befreiung von der Technologie durch die drahtlose Technologie, also an die Wiederkunft des orginären Künstlers in der total befreiten, drahtlosen Welt der Bürgerlichkeit. Und wenn es nach den Lobbys der Industrie und der amerikanischen Regierung und ihrem Wurmfortsatz EU geht, könnten sie damit sogar recht behalten.

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Elektronische Lebensaspekte.