aus De:Bug 27

Revolution! Ach die Ars schon wieder… Auch dieses Jahr: die Ars Electronica (Infos unter: http://www.aec.at) findet vom 4.-9. September in Linz statt. Österreich, natürlich. Und mit zwanzigjährigem Jubiläum. Aufmerksamkeit widmet man dieses Mal der Bio- und Gentechnologie, weil man wissen will: Folgt auf die digitale Revolution die biologische? Debug findet die Frage hypverdächtig, aber intelligent, möchte jedoch trotzdem gerne wissen: Wenn es eine digitale Revolution gab, wer waren die Revolutionäre? Antworten werden an: bug@de-bug.de erbeten und bei innovativem und spassigem Handling veröffentlicht. (MB)

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: armin medosch aus De:Bug 16

Frontbericht vom Infowar: Ars Electronica 1998 Armin Medosch armin@mail.easynet.co.uk Linz – Das seit 1979 bestehende Festival Ars Electronica steht dieses Jahr im Zeichen des “Infowar” (http://www.aec.at/infowar). 280 Künstler und Theoretiker aus 29 Nationen setzten sich vom 7. bis zum 12. September mit dem Kontroversen geradezu herausforderndem Thema auseinander. Wie immer gliederte sich das Festival in drei Hauptbereiche auf, den Prix Ars Electronica, bei dem von Juries in verschiedenen Kategorien Preise verliehen werden, die Konferenz mit internationalen Vortragenden und eine Vielzahl an Ausstellungen, Performances, Konzerten und anderen Events – das kulturelle Programm. Preise Gegenüber den Vorjahren erschien das Festival kompakter geworden zu sein, da man sich auf das Brucknerhaus als Veranstaltungsort und das Offene Kulturhaus (O.K.) als Ausstellungsort konzentrierte. Die Ausstellung im O.K. wurde dieses Jahr ausschließlich mit Werken bestritten, die im Rahmen des Prix Ars Electronica mit Preisen oder Anerkennungen bedacht wurden. Wenig überraschend war die Verleihung der Goldenen Nica im Bereich Computeranimation/Special Effects an die Firma Digital Domain für “Titanic”. Man folgte dabei der eigenen Tradition, den Hauptpreis für Special Effects an die jeweils größte Hollywoodproduktion des Jahres zu verleihen (vor zwei Jahren war es “Toy Stories” gewesen). Der Hauptpreis in der Kategorie .net ging an die österreichisch-deutsche Gruppe “Knowbotic Research” für ihre Arbeit IO_Dencies, eine interaktive und mit dem Internet verbundene Rauminstallation, die Theorien zur Stadtentwicklung mit komplexitätstheoretischen Flussdiagrammen zur Überlagerung bringt. Die Goldene Nica für Interaktive Kunst erhielten Maurice Benayoun und Jean-Baptiste Barri?re, Frankreich, für World Skin. Dabei wird die immersive Virtual Reality Technologie CAVE für einen Durchflug durch ein virtuelles Schlachtfeld benutzt. Das Publikum ist mit virtuellen Kameras ausgerüstet. Jedesmal wenn ein Foto “geschossen” wird, wird der Teil des Schlachtfeldes, auf den die Kamera gerichtet war, ausgeblendet. Die Künstler wollen dabei auf die Inbesitznahme der Welt durch Bilder verweisen. Eine weitere Auszeichnung im Bereich interaktiver Kunst ging an Border Patrol von Paul Garrin und David Rockeby. Dabei wird eine dem Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko nachempfundene Installation mit Stacheldraht, Stahlzaun und Überwachungskameras aufgebaut. Die Kameras richten sich automatisch auf die Ausstellungsbesucher und “schiessen” Bilder von ihnen, das heißt die Besucher sehen sich selbst auf Monitoren im Fadenkreuz der Selbstschußanlage. Konferenz Die Konferenz im Brucknerhaus brachte eine illustre Mischung von Vortragenden zusammen: Prof. Friedrich Kittler, wohl anerkanntermaßen der wichtigste deutsche Medientheoretiker, CNN-Journalist Peter Arnett, NYTimes Kolumnist Douglas Rushkoff, Shen Weiguang, Mitglied des Finanzkomitees des Volkskongresses der Volksrepublik China, Lucky Green, Hacker und Cypherpunk, um nur einige zu nennen. So wurden zwar die verschiedensten Positionen präsentiert, was sicherlich informativ war, doch kam dabei wenig Neues zum Vorschein. Interessanterweise wurde das Wort “Kultur” bei dieser doch zu einem Kulturfestival gehörenden Konferenz kaum gehört und auch die sozialen Aspekte der Cyberkriegsführung blieben weithin ausgeklammert. Es schien viel eher, daß man sich mit einem chicen, dem Zeitgeist entsprechenden Thema schmücken wollte, jedem echten Risiko aber dadurch aus dem Weg geht, daß die schützende Glaswand des Monitors zwischen sich selbst und die realen Gefahrenzonen gebracht wurde. Open X Den lebendigsten und interessantesten Teil bildete OpenX im Brucknerhaus. Dabei handelte es sich um eine Mischung aus Messestand und Infoladen, Hackergarage und offenem Künstlerworkshop: Künstler, Hacker und Aktivisten saßen an den ihnen jeweils zugewiesenen Terminals, arbeiteten unter den Augen des Publikums an ihren Projekten oder gaben über diese Auskunft. In diesem kreativen Chaos, das für Nichteingeweihte sicherlich schwer zu entschlüsseln war, verbargen sich einige interessante Projekte: Xchange (http://xchange.re-lab.net) nennt sich eine Kollaboration von Netzradiomachern, die ihre Projekte über Web-Sites und Mailinglists koordinieren, und die häufig verschiedene RealAudio-LiveStreams zu Ringsendungen zusammenschalten, zwischen Riga – wovon Xchange unter der Regie von Rasa und Raitis Smite seinen Ausgang nahm – bis London, Lubljana, Sidney und anderen Netzradiozentren. Mit dabei auch Thomas Kaulmann vom ehemaligen Radio Internationale Stadt. Er hat in eigener Entwicklungsarbeit einen Server aufgesetzt, der es registrierten Usern ermöglicht, Audiofiles in verschiedenen Formaten hochzuladen, die anschließend automatisch in eine Datenbank Eingang finden, die wiederum vom Publikum mit Suchfunktionen nach interessanten Audioerlebnissen durchstöbert werden kann. Integriert ist auch ein Browser-gestützter automatischer Scheduler für LiveStreams. Ebenfalls im Rahmen von Xchange präsentierten sich XLR, Graz/Lubljana, die an eigener Software arbeiten, um die Konsumenten-Produzentenschranke im Netzradio zu überwinden. Ihr Kompositionstool ermöglicht es, eigene digitale Sound-Processing-Module zusammenzusetzen und in diese auch Live-Streams als Random-Faktor einzubauen. Weiter Highlights im Rahmen von OpenX waren u.a.: Die Gruppe Mongrel Media (Mongrel, engl.: Mischling oder Bastard, meist in einem rassistisch abwertendem Sinn gemeint) aus London mit ihrem Projekt National Heritage (http://www.mongrel.org.uk). Dieses ist einem im Look and Feel Yahoo nachempfundene Suchmaschine, die, falls jemand einen rassistisch gefärbten Suchbegriff eingibt, völlig entgegengesetzte Resultate bringt, so etwa Aufklärung über die Vielfalt afro-karibischer Kultur – sozusagen ein Projekt zur kulturellen Umerziehung, das aber auch auf rassistische Implikationen im Kunst und Technologiebereich aufmerksam machen möchte. RTmark (http://ratmark.com) aus San Francisco verstehen sich als Plattform für gegen Konzernallmacht und -Willkür gerichtete Sabotageakte. Sie behandeln vor allem den Themenkreis des intellektuellen Urheberrechts und haben eine gefälschte Beck-CD in Umlauf gebracht. Ironischerweise benutzen sie in ihrem eigenem Auftreten die Kleidungsordnung, Sprache und visuelle Ästhetik der US-Westküsten High-Tech-Industrie und haben jedenfalls die Lacher auf ihrer Seite. Den elektronischen zivilen Ungehorsam propagiert das dem “Digital Zapatismo” gewidmete Projekt Swarm (http://www.thing.net/^rdom). Es richtet sich gegen die fortgesetzte Repression der mexikanischen Regierung gegen die im Urwald von Chiapas lebenden Maya-Indianer. 1994 hatte das Projekt mithelfen können, das Anliegen der Mayas an die Weltöffentlichkeit zu tragen. Nachdem der Konflikt in diesem Winter wieder aufgeflammt war, hat die Gruppe ein Java Applet programmiert, das es Usern ermöglicht, an einem virtuellen Sit-in teilzunehmen. Wer die Web-Site mit dem Applet aufruft und die Site offen läßt, sorgt dafür, daß bestimmte mexikanische Regierungssites mit HTTP-Requests überflutet werden, bis zu dem Punkt, daß die entsprechenden Server nahezu vollständig blockiert sind. Die Reaktionen blieben nicht aus, auch während der Ars Electronica erhielt der Initiator des Projekts, Ricardo Dominguez, Drohanrufe in den frühen Morgenstunden. Rahmenprogramm Neben Prix, Konferenz und OpenX gab es ein reichhaltiges, vor allem musikalisches Rahmenprogramm und Events im öffentlichen Raum. Im Nachtprogramm Super Collider waren Aushängeschilder der österreichischen Musikszene wie “Kruder & Dorfmeister” und die “Sofa Surfers” zu hören. Vor allem diesen Events ist es zu verdanken, daß nach Auskunft der Pressestelle 25.000 Menschen in der einen oder anderen Form an der Ars Electronica teilnahmen. Den ästhetischen Höhepunkt bildete jedoch ein Insidertip, das nur von wenigen Menschen besuchte, weil kaum angekündigte und schwer erreichbare Projekt “Solar”, das sich für eine Nacht im Handelshafen auf einer Böschung zwischen zwei Hafenbecken installiert hatte. Zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang wurden Satelliten- und Radiosignale aus dem gesamten elektromagnetischen Spektrum empfangen und nach musikalisch-ästhetischen Gesichtspunkten manipuliert, was zu einer äußerst stimmigen Atmosphäre – eine Art ästhetisiertes Cyberwar-Feldlager – führte. “Solar” ist Teil der Wardenclyffe Projektserie von “Projekt Atol”, die ihre Performances Nikola Tesla widmen (Wardenclyffe heißt der Ort auf Long Island, wo Tesla zu Anfang des 20.Jahrhunderts seine Versuchsanordnung zur drahtlosen Energieübertragung aufgebaut hatte.) Fragen Wie jedes Jahr wirft die Ars Electronica die Frage auf, ob die interaktive Medienkunst endlich aus den Kinderschuhen gekommen ist, und wie jedes Jahr blieb diese Frage auch dieses Jahr offen. Viele Projekte kommen über das Experimentierstadium kaum heraus und sind für Leute, die sich nicht seit langem mit der Materie auseinandersetzen, absolut unverständlich. Andere Projekte sind reine Technologie-Showcases von geringem künstlerischem Wert, die Preise müßten hier eigentlich eher an Hard- und Softwarehersteller verliehen werden. Und wieder andere Projekte benutzen zwar eine interessante Rhetorik und stellen politisch-sozial vielleicht die richtigen Fragen, sind aber technologisch und organisatorisch “unterentwickelt”, um es noch freundlich auszudrücken. Mit verantwortlich für dieses multiple Dilemma sind wohl auch die völlig fehlenden Versuche der Ars Electronica, das was geboten wird, einem breiteren Publikum zu vermitteln und die Bestandteile des Festivals untereinander besser zu vernetzen. So erschien “OpenX” zwar als interessante Bastelstube überwiegend sehr junger Teilnehmer, war aber vom nebenan im Konferenzsaal laufenden Infowar-Symposium der internationalen Theoriestars weitgehend abgekoppelt. Und nicht zuletzt blieben OpenX und Konferenz – trotz der großzügig geschätzten 25.000 Besucher insgesamt – reine Insiderveranstaltungen, an denen ein lokales Publikum aus Linz, Österreich, oder dem benachbarten Ausland eigentlich überhaupt nicht teilnahm. Was sich da mit Audiorecorder, Fotoapparat oder Videokamera im Brucknerhaus tummelte, waren fast ausschließlich Journalisten oder Vertreter anderer Institutionen der Medienkunst. So muß sich das Traditionsfestival den Vorwurf gefallen lassen, mit nur geringem Grad an Selbstreflexion von einem Jahr zum nächsten zu stolpern. Und so wird es, als Selbstläufer, wohl auch noch bis ins nächste Jahrtausend gehen. Text mit Dank von http://www.telepolis.de ZITAT: Wie jedes Jahr wirft die Ars Electronica die Frage auf, ob die interaktive Medienkunst endlich aus den Kinderschuhen gekommen ist, und wie jedes Jahr blieb diese Frage auch dieses Jahr offen.

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