Auf seinem Debüt, "The Drawing Board", zeigt sich das kanadische Duo vor allem als eins: Unvorhersehbar.

Men Without Hats, Skinny Puppy, Richie Hawtin, Akufen: Elektronische Musik aus Kanada hat eine lange Tradition. Toronto allerdings hat in letzter Zeit eher durch Gitarrenmusik auf sich aufmerksam gemacht. Daran, dass sich das nun ändert, arbeiten eine beträchtliche Anzahl von DJs und Produzenten. Einer der geschäftigsten Akteure ist Jonny White, der mit seinem Label No. 19 Music und als Produzent seinen Teil zu dieser Bewegung beiträgt.

Mit seinen eigenen Releases sowie den stilsicheren Veröffentlichungen seines Labels hat er sich in den letzten Jahren seinen Ruf als einer der innovativsten kanadischen Produzenten erarbeitet. Den bisher größten Wurf landete er als eine Hälfte von Art Department mit ihrer ersten Single, ”Without You“, letztes Jahr.

Komplettiert wird das Duo von Kenny Glasgow, einem alten Hasen hinter den Plattenspielern. Seit über 20 Jahren legt er auf. Als Produzent hingegen ist er noch nicht so lange dabei, sein Debütalbum “Taste For The Lowlife“ erschien erst im Sommer 2009. Dass es so lange dauerte, bis endlich genug Material für ein Album zusammenkam, erklärt Kenny folgendermaßen: “Um ehrlich zu sein, hat es mich lange einfach nicht interessiert, Musik zu machen. Ich war zufrieden damit, aufzulegen und mein Leben in Toronto zu leben. Bis ich ihn da traf.“ Jonny habe ein Feuer in ihm entzündet, witzelt er. Aber tatsächlich war es dessen Vision eines Labels, die dem DJ-Veteran endlich die Inspiration für seine erste LP lieferte. Versteht sich von selbst, wo die erschienen ist. Seitdem wächst der Katalog des 2008 ins Leben gerufenen No. 19 Music schnell und stetig. Kein Wunder, wenn man die Fülle von befreundeten Produzenten betrachtet und Jonnys Willen, ihnen sowie sich selbst eine gewisse Autonomie zu gewähren. “Diese ganze Idee, zu warten, bis irgendein Label deinen Kram herausbringen will, ist einfach lächerlich. Davon wollten wir nicht abhängig sein“, erklärt Jonny, und dass sich der Name auf den 19. Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in dem es um “Freedom Of Expression“ geht, bezieht. Zur Sicherung ebenjener Freiheit sei die Gründung des Labels nun mal der nächste, ganz natürliche Schritt gewesen.

Crosstown-Kuppelei
Die beiden auf den ersten Blick sehr unterschiedlich scheinenden Produzenten – Jonny mit der permanenten mentalen Sonnenbrille auf, begleitet vom herzlichen Lachen der Freundlichkeit in Person – verband schon vor Kennys Debütalbum eine jahrelange Freundschaft. Auf die Idee, gemeinsam zu produzieren, brachte sie aber erst Crosstown-Rebels-Chef Damian Lazarus. Denn dank seiner Bitte um einen Remix von Riz MCs ”Don’t Sleep“ kreuzten sich ihre Pfade zum ersten Mal im Studio. Heraus kam ein düsterer Track, dessen treibender Beat und hypnotische Bassline die Worte “Don’t Sleep“ in eine Art Mantra und das störrische Original im besten Sinne in eine Art akustisches Schwarzes Loch verwandeln. Schon mit dieser ersten Zusammenarbeit wurde klar, dass die beiden auch beim gemeinsamen Produzieren etwas miteinander anfangen konnten. Also folgten weitere Remixe, zum Beispiel für No Regular Play und Jimmy Edgar. Mit Soul Clap nahm man zudem das dubbige “Glen and Boo“ für deren Mix-CD “Social Experiment“ auf, der erste Track, der unter dem Namen Art Department herauskam. Es wurde langsam klar, dass es nicht bei ein paar Remixen bleiben sollte, sondern Kenny und Jonny mehr miteinander vorhaben. Erstes Ergebnis der Arbeit ganz zu zweit war die Single ”Without You“ von 2010, die, ganz gemäß dem Ursprung dieser Kollaboration, auf Crosstown Rebels erschien.

Wie sehr Art Department damit ins Schwarze treffen würden, was die Clublandschaft zur Zeit angeht, haben wohl weder sie noch Kuppelvater Damian Lazarus geahnt: “Without You“ prägte die Dancefloors im letzten Jahr maßgeblich, der finstere Vibe saugte sofort erste Fans an, freie Plätze in Jahrescharts verschluckte die eigentliche B-Seite des Release sowieso ohne Ende. Bei einem so prägnanten Sound sind die Vorstellungen des Publikums vom Debütalbum klar. Auf “The Drawing Board“, dessen teilweise wirklich skizzenhafte Beschaffenheit den Titel merkwürdig verständlich macht, befindet sich jedoch alles andere als eine verzehnfachte Variation des ersten Hits: Der Opener, “Much Too Much“, ist ein melancholischer Downbeat-Track, der eher in die frühen Morgenstunden als auf den Primetime-Dancefloor gehört. Und auch im weiteren Verlauf scheren sich Art Department kein bisschen um die Griffigkeit, nach der es den Hörer nach dem ersten Teaser dürstet.

Im Mittelpunkt stehen oft Kennys Vocals, die mal in einem hypnotischen Singsang präsentiert werden, mal mit Unterstützung von Seth Troxler oder Osunlade in Gefilde ausschweifen, die eher Funk als House zugeordnet werden müssten. Einen wirklich runden Spannungsbogen findet man höchstens bei ”What Does It Sound Like?“, dessen Bassline aus Adamskis ”Killer“ entliehen ist. Aber um Tanzflächenkompatibilität möchte sich das Duo auch gar keine Gedanken machen, ebenso wenig wie um die obligatorische Düsternis, die ihnen stets zugeschrieben wird. Bereits mit den ersten Tracks macht “The Drawing Board“ klar, dass es sich nicht auf diesen Sound festnageln lassen will. Das britische DJ Mag wird für den Begriff “Gothic House“ nach dieser Veröffentlichung dementsprechend erst mal eine Alternative finden müssen. Art Department war er von Anfang an fremd: “Ich kann total verstehen, dass man versucht, uns so zu labeln, aber das war nur der Vibe des ersten Release, das Vampir-Ding und die finstere Bassline, die heruntergepitchten Vocals.“ Kenny betont sogar, dass “Without You“ eigentlich ein Liebeslied ist: “Ich finde es ehrlich gesagt überhaupt nicht düster. Wir sind auch nicht ins Studio gegangen und dachten, wir machen jetzt zwei düstere Tracks. Die meisten Leute werden wohl überrascht sein, wenn sie unser Album hören. Das Etikett ’Gothic House’ werden wir dann wahrscheinlich verlieren, und das ist uns ganz recht so.“

Einzige Konstante bleiben die Körperlichkeit und die Rohheit. In diesem Sinne ist ihr Sound bei genauerem Hinhören auch im Rahmen von Crosstown Rebels noch sehr nachvollziehbar. Denn vieles klingt beim ersten Hören unfertig und fesselt einzig durch die für das Label typische hohe Intensität, die den Tracks innewohnt. Da verwundert es nicht, dass Jonny zuerst Frauen als Inspirationsquelle nennt, das hört man den Lyrics und Vocals an, Dringlichkeit ersetzt schnell Düsternis als Schlagwort. Perfektes Beispiel dafür ist “I C U“, der letzte und melancholischste Track des Albums. In all seiner Leichtigkeit und Traurigkeit treibt auch er in dem Delirium, das schon die neue Version von “Vampire Nightclub“ weg von seiner In-Your-Face-Attitüde gebracht hat und hier und da wohl auch den einen oder anderen Hit verhindert. Der sich durch die ganze Platte ziehende Widerwille, primitive Bedürfnisse wie die Tanzbarkeit zu erfüllen, macht sie letztendlich aber auch besonders. Wo man einen Killer nach dem anderen gebracht haben könnte (denn an der Dichte der Songs ahnt man doch auch noch Hitpotenzial), entscheiden Art Department sich für ihr Gefühl, und das drängt sie, ihre Hörer zur Offenheit, zu einem Denken weg von der Geradlinigkeit des Floors zu erziehen.

Ein Damals im Jetzt
Auch ihre Einflüsse zeigen, dass die Welt der beiden gar nicht so bedrohlich ist, wie die erste Single vielleicht vermuten ließ. Man ist sich einig, dass man gern mit Morgan Geist arbeiten würde und Jonny sagt, dass Daft Punks “Alive“ eines seiner Lieblingsalben ist. Kenny nennt Robert Owens als große Inspiration für sich als Sänger. Die Gemeinsamkeiten dabei sind unverkennbar, von dem intuitiven Umgang mit Melodien bis zu den Texten. Denn auch wenn Art Department kein “Can You Feel It“ geschrieben haben, so haben die Lyrics stets etwas von dem, was Robert Owens diesem Track einhauchte, nämlich einer Message. “Living The Life“, in dem der Hörer gebeten wird, zu hinterfragen, ob er das Leben lebt, das er immer wollte, erinnert an diese Art tiefgründiger House-Vocals, die Kenny derzeit vermisst: “Oft kommt ein guter Song mit einem guten Sänger raus, aber die Worte dazu sind bedeutungslos. Eine Aussage ist aber wichtig, damit die Leute eine Beziehung zu der Musik UND den Worten aufbauen können. Ich denke, viele der Songs auf dem Album sind genau deshalb gut, weil sie das bieten.“ Und in der Tat, auch wenn es nicht viele Worte sind, aus denen seine Texte bestehen, transportieren sie doch intensiv, worum es in den Songs geht: zum Beispiel um die Liebe in “Without You“. Oder sie geben einen Exkurs in Techno-/House-Philosophie, wie in “What Does It Sound like?“.

Klar, dass bei solch ambitionierten Musikern auch die Clublandschaft nicht auf der Strecke bleibt. Die ist in Toronto laut Jonny zwar wie überall in Nordamerika: “Ein paar Leute machen wirklich coolen Kram und der Rest ist dieser Mash-Up-Scheiß. Aber wahrscheinlich fühlt man sich gerade wegen der Clubszene hier irgendwie gezwungen, gute Musik zu machen.“ Allerdings tragen Art Department und Kollegen rund um den Globus dazu bei, sie hier und da ein bisschen besser zu machen. Denn in ihrer Rolle als DJs kommen sie doch noch so tanzflächenkompatibel um die Ecke wie sie zunächst versprachen und spielen Hits in einer Zahl, die sich sonst wenige trauen. Sie präsentieren ein derartig feines Gefühl für das Publikum, dass man fast glauben möchte, sie hätten das Wort “Spannungsbogen“ überhaupt erst erfunden. Dementsprechend viele Auftritte bringen Kenny und Jonny in letzter Zeit hinter sich. Dass sie deshalb seit vier Tagen ohne Pause unterwegs sind, erklärt, warum sie sich abseits des Auflegens gern den Luxus der Untanzbarkeit leisten. Darauf muss man sich eben einlassen.

Mehr lesen zu Kanada:
My Favorite Robot
James Teej

7 Responses

  1. niko

    “…der eher in die frühen Morgenstunden als auf den Primetime-Dancefloor gehört. ”
    wann is denn dancefloor-primetime wenn nicht in den frühen morgenstunden?? um 20.15?? ;D