Text: stefan heidenreich aus De:Bug 06

. . . . a r . t . . . . . . f o . . r u m . . . . . . . . b e r . l i . n Der aus führenden Galerien zusammengestotterte K…u..ns..tm…arkt zum 2. Mal Stefan Heidenreich stefan.heidenreich@rz.hu-berlin.de Nachdem es im letzten Jahr mit den Verkäufen nur so lala lief, versucht die Messe Berlin 1997 zum zweiten Mal, mit einer leicht veränderten Galerienmixtur, Kunst zu versilbern. Die Lage scheint schwierig, ist doch die Karawane der ausländischen Sammler schon einmal in diesem Sommer durch Europa getourt. Auf dem Weg zwischen Kassel, Münster und Venedig hat sie dabei die Messe in Basel beschert. Die bange Frage war, ob die Damen und Herren, kaum Tausend lassen so richtig Schotter für Kunst springen, noch ein zweites Mal in das vorwinterliche Berlin kommen. Nach allem was zu hören war, scheint es nicht der Fall gewesen zu sein. Aber zum Glück ist in Deutschland mehr Geld für Kunst unterwegs als das der privaten Sammlerkarawane. Allein den Reichstag soll, zum Leidwesen des Architekten Norman Foster, Kunst für 30 Millionen Mark schmücken. So sorgt auch bei knapperen Budgets Vater Staat nach wie vor dafür, daß Kunst öffentlich wird, um im weitesten Sinne “als ein Spielzeug für Erwachsene” zu dienen, so das Vorwort zum Messekatalog von Claudia Büttner. Nun wüßte ich gerne, warum auf Staatskosten Spielzeug angeschafft wird … sei’s drum. Dann vielleicht schon eher ganz privat bei Sammler Erich Hoffmann in der Sophienstrasse samstags zwischen 11 und 17 Uhr nach telefonischer Voranmeldung und Bestätigung der Anmeldung. Gegen Abgabe von zehn Mark darf man seine Spielzeugsammlung besichtigen und an dem heiteren Ratespiel “Von wem ist das?” teilnehmen. Die sonst obligatorischen Namensschildchen fehlen in der exklusiven Sammlung. Aber schließlich geht es bei der Kunst nicht um die Namen, sondern um Kunst. Das heißt: in diesem Jahr fast ausschließlich um Fotografie. Fotos hatten bislang den Nachteil, zuwenig Distinktionsgewinn zu versprechen. Alle können sie machen, jeder Drogeriemarkt entwickelt das Zeug und ganze Kioske verkaufen nichts als Fotoblättchen. Nicht zuletzt dank besserer Verfahren, Fotos schöner, größer und vor allem teurer zu machen, springt die Kunstwelt zusehends über ihren Schatten und setzt auf Fotos. Hinter Plexiglas verschweißt oder auf Aluminium gepreßt versprechen sie die Haltbarkeit, die der nun bald fünfhundertjährige Diskurs “Kunst” fordert. Galerien, die ramschig aufgezogene Bilder mit Wellen oder Blasen zeigen oder mit Doppelklebeband befestigte Abzüge, bei denen gelbe Streifen durchs Bild scheinen, blieben die Ausnahme. Nun haben weder Künstler die Fotografie erfunden noch sind Künstler besonders gefragte Fotografen oder setzen besondere ästhetische Maßstäbe. Die Fotografie hat in den letzten Jahrzehnten der Mode und dem Journalismus viel, der Kunst so gut wie nichts zu verdanken. Wodurch unterscheiden sich also Fotos, die Kunst sind, von Fotos, die gedruckt werden ? Solange Kunst Dinge oder Performances produziert hat, wurden Fotografien allein durch die Ablichtung vom Kunst auch zu Kunst. Diese Art der Transsubstantiation scheint mittlerweile durch den Unterschied der edlen Oberfläche ersetzt worden zu sein. Kunstfotos kommen als Gemälde-Imitate daher. Außer dieser buchstäblich oberflächlichen Auszeichnung fällt noch eine weitere auf. Kunst veredelt nicht beliebige Fotos. Im Gegensatz zu anderen Fotografien kann sie sich zwar den Anschluß an die Regeln eines Genres sparen, sieht sich aber dazu verpflichtet, die Figur des Künstlers zu bewahren. Der spielt nicht nur als historischer Standard der Kunst ein Rolle, sondern auch bei der Verteilung der Namen auf Ausstellungslisten und bei der Preisbildung. Die Fotografien folgen dem strikten Gebot, neben dem Namen des Künstlers keinen anderen zu dulden. Entweder ist jemand im Bild, weil er mit dem Künstler zu tun hat, oder es ist etwas im Bild, das keinen Namen hat. Ich habe auf der Messe kein Foto eines Künstlers gesehen, das einen anderen Namen als den des Künstlers zeigte. So lichten die Künstler am liebsten namenlose Dinge und Figuren ab, totgeschminkte Unbekannte, grafische Muster, unwichtige Freunde und Freundesfreunde oder Landschaften, die keiner kennt. Die Fotografie hat in den letzten Jahrzehnten der Mode und dem Journalismus viel, der Kunst so gut wie nichts zu verdanken.

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Elektronische Lebensaspekte.