"Is it all over my face" ist auch heute noch die Hymne aller besserwissenden Disco-Connaisseure. Aber ihr Produzent, der Komponist und Cellist Arthur Russell, ist zwanzig Jahre nach seinen sensationellen Tracks immer noch ein Geheimtipp.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 121


Die 80er werden mittlerweile mit dem Läusekamm nach verbleibenden Perlen durchforstet. Letzte lohnende Ausgrabungen: Chaz Jankel auf Tirk, die Compass-Point-Produktionen und Kid Creoles frühe Produktionen auf Strut. Ehemaliger Dancepop als Digger-Kultur. Zwischen Mainstream und Underground blühte Anfang des Jahrzehnts eine vitale Phase, in der Disco ausläuft, großgeschriebener POP sein jubelmelodiöses Haupt erhebt und elektronische Produktionen von HipHop und Electro her ihren Siegeszug antreten.

In New York brodeln die verschiedenen Szenen durcheinander: New Wave mit Blondie, Talking Heads, Liquid Liquid, ESG, NoWave-Acts wie James Chance & The Contortions oder DNA, elektrisch zugespitzter Freefunk mit James Blood Ulmer oder Defunkt, Electro um Afrika Bambaataa, Arthur Baker, Jelleybean Benitez und die aufkommende House-Szene mit Todd Terry oder den Basement Boys.

Und mittendrin Arthur Russell, der mit psychedelischem Cello und zittrig intimer Stimme durch alle Facetten dieses Stildickichts gleitet. Seit der Feingeister-Disco von Metro Area und Kelley Polar flüstert man sich den Namen des 1992 an AIDS gestorbenen Komponisten wieder ehrfürchtig zu, vor allem als Produzenten der Disco-Ausnahmetracks “Is it all over my face“ unter dem Alias Loose Joints und “Go Bang“ als Dinosaur L. Unter Disco-Connaisseuren gilt sein Porträt mit der Truckercap, auf der “Master Mix“ steht, als so ikonisch wie René Burris Foto von Che Guevara bei allen Pickelpubertierenden der Industrieländer.

Die aktuelle Popularität der Konzeptdisco von Hercules And Love Affair hat das Interesse an dem Vorbild Arthur Russell noch mal angekurbelt. Viele Tracks aus Russells diversen Schaffensphasen sind auf jüngeren Compilations (auf Souljazz oder Audika) problemlos zugänglich. Tanzmusik klang nie anrührender nach einsamen Tagebuch-Eintragungen als bei seinen driftenden Experimenten zwischen 4/4 HiHat und psychedelischer Formverwischung unter diversen Pseudonymen wie Felix, Indian Ocean, Bonzo Goes To Washington, aber vor allem unter seinem Geburtsnamen.

Bevor das 1951 geborene Landei 1972 nach New York zog, hatte Russell schon eine Musikerkarriere hinter sich, die mit Disco nur das spirituelle Gemeinschaftserlebnis teilte. Er lebte unter Hippies in San Francisco, begleitete Allen Ginsbergs Mantras mit dem Cello und studierte indische Musik. In New York angekommen, zog es ihn als Komponisten einerseits in die Avantgarde-Richtung – er arbeitete mit Philipp Glass und John Cage zusammen –, andererseits in die Rock’n’Roll-Alleinunterhalterecke des ewigen Kindskopfes Jonathan Richman, einer Ikone der Indie-Pop-Gründerzeit, erst von da zu Disco – wo er nie ganz ankam, immer eine künstlerische Randerscheinung blieb, aber eine absolut gefeierte.

Der verkürzten Sicht auf Arthur Russell als Disco-Produzenten stellt die Doku-Fiction “Wild Combination“ jetzt das ganze Bild entgegen. Der New Yorker Regisseur Matt Wolf, Freund von Hercules And Love Affair, ist viel mehr an der multiplen Persönlichkeit Russells interessiert, die sich zwischen Kindheit im Kornfeld, Jugend in San Francisco, schwulem Querkopf-Künstler in New York spreizt. “Wild Combination“ legt dabei von der Eingangssequenz mit einer durch Wasser treibenden Kassette bis zur abschließenden Rückenansicht vor New Yorker Skyline viel mehr Wert auf Atmosphäre als auf historische Exaktheit. Der Film hat eine einheitliche Ästhetik, der sich die Originaldokumente unterordnen sollen.

Wolf liegt nichts an einer kriminologischen Spurensicherung, er will den Mann und seine Aura inszenieren. Damit ist ihm eines der kongenialsten Musikerporträts gelungen, bei dem der Mix aus Fakten und Fiktion genau das mythische Träumen ankitzelt, dessentwegen man sich überhaupt nur für Popkultur begeistert (nebenbei, ein weiterer Erfolg des Films: Im Laufe des Jahres werden Russells Folksongs aus den frühen 70ern auf Audika erstmals zugänglich gemacht).

Wir sprachen mit Matt Wolf am Rande der Berlinale, auf der “Wild Combination“ uraufgeführt wurde.

De:Bug: Du warst gestern DJ auf deiner eigenen Filmparty, die du im Rahmen von Berlins aufgetakeltster Boy-Nacht “Berlin Hilton“ im NBI veranstaltet hast. Was hast du aufgelegt?

Matt Wolf: Neben Arthur Russell The Wire, Diamanda Galas, Talking Heads … Postpunk. Kunsthochschulen-Disco.

De:Bug: Normalerweise arbeitest du als Künstler?

Matt Wolf: Ich habe diverse Galerie-Ausstellungen gemacht mit Dia-Shows, Installationen, Film-Projektionen. Aber die letzten zwei Jahre waren ganz “Wild Combination“ gewidmet.

De:Bug: Eigentlich wolltest du nur Musik von Arthur Russell benutzen, gar keinen Film über ihn drehen.

Matt Wolf: Ich komme aus dem experimentellen Film. Für einen meiner Filme wollte ich Arthurs Musik zur Untermalung einsetzen. Aber als ich Tom, seinen ehemaligen Lebensgefährten, traf, um die Lizenzen zu klären, war ich so beeindruckt davon, wie lebendig seine Erinnerung an Arthur ist, was für eine große Rolle er immer noch für Tom spielt, dass ich ahnte, hier liegt Stoff für ein größeres Projekt. Nachdem ich Arthurs Eltern gesprochen hatte, war klar: Das muss ein abendfüllender Dokumentarfilm werden.

De:Bug: Einen Hauptunterschied zu üblichen Dokumentationen finde ich besonders wichtig. Oft werden in historischen Porträts von Verstorbenen die alten Bekannten und Freunde befragt. Die sieht man dann als mittelalte dickbäuchige Langweiler in ihren piefigen Wohnzimmern sitzen, während sie über die wilden alten Zeiten räsonieren. Auf der Bildebene ist das absolut nichtssagend. Man hätte besser ein Hörspiel daraus gemacht. Bei “Wild Combination“ liegt das anders. Vielleicht ist es ein New-York-Ding. Die interviewten Typen sehen auch jetzt, zwanzig Jahre nach ihrer Szene-Zeit, immer noch nach spannenden Charakterköpfen mit Action-Leben aus.

Matt Wolf: Ernie Brooks vor allem. Yeah. Generell soll sich “Wild Combination“ nicht nach einem Jetztzeit-Film anfühlen, er soll wirken wie aus der alten Zeit. Besonders in den Schlusssequenzen. Die Interview-Passagen wollte ich so knapp wie möglich halten. Es sollte keine “Behind the music“-Doku werden mit dem Fokus auf den “Talking Heads“. Die Interviews sind wichtig und geben emotionale Substanz, aber der Film soll vom Visuellen getragen werden.

De:Bug: Du löst das Dilemma von spärlichem Originalmaterial interessant.

Matt Wolf: Wir haben die Originalaufnahmen, die hauptsächlich aus einer Galerie stammen, künstlich ausgedehnt durch nachgedrehte Sequenzen mit einem Arthur-Russell-Lookalike. Die Eltern von Arthur gaben mir einige seiner originalen Klamotten. Unter anderem die Strickjacke, die er auf vielen der Originalaufnahmen trägt. Immer wenn man einen Mann in der Strickjacke von hinten sieht, ist es nicht Arthur, sondern unser Double.

De:Bug: Befürchtest du nicht, dass sich die Zuchauer durch die Vermischung von Archivaufnahmen und nachgedrehten Szenen betrogen fühlen könnten?

Matt Wolf: Nein. Es geht ums Filmen, darum, das Material zum Leben zu erwecken. Ich will nicht Fakten vorführen, sondern die damalige Erfahrungswelt von Arthur nacherleben lassen.

De:Bug: Alle deine Arbeiten drehen sich um das Thema “queer“. Hättest du den Film gedreht, wenn Arthur Russell nicht schwul gewesen wäre?

Matt Wolf: Höchstwahrscheinlich nicht. “Wild Combination“ muss nicht als schwuler Film wahrgenommen werden, aber für mich ist wichtig, dass es einer ist. Ich will Biografien über unterbewertete Ikonen aus der Vergangenheit drehen. Arthur bot sich dafür perfekt an. Ich werde verstärkt in die expressionistische Richtung gehen, sehr visuelle Dokumentationen, deren Erzählung hauptsächlich über atmosphärische Bilder läuft.

De:Bug: Welche anderen Musikdokumentationen überzeugen dich?

Matt Wolf: Zum einen “Unheard Music“ über die Punkband X aus Los Angeles. Es ist eine Montage aus Kulturprodukten, die die Musik inspiriert haben. Eine gigantische Collage. Zum anderen “Be here to love me“ über den Countrysänger Townes Van Zandt, die viel konventioneller ist, aber wunderschön inszeniert.

De:Bug: Hast du je “Wild Style“ von Charles Ahearn gesehen, den Film über den frühen HipHop in New York, über die Zeit, in der auch Arthur Russell aktiv war.

Matt Wolf: Nein, ich habe ihn nie gesehen. Für mich ist Arthur aber auch mehr ein Künstler, nicht nur ein Musiker. “Wild Combination“ soll über eine Musikdokumentation hinausgehen. Man kann ihn als schwule Liebesgeschichte sehen oder als AIDS-Film oder als Arthaus-Experiment, wenn man Cineast ist.

De:Bug: Hast du die Rechte an der “Master Mix“-Kappe? Sie wäre ein tolles Goodie zum Film.

Matt Wolf: Leider nicht. “Master Mix“ hat übrigens nichts mit Musik zu tun, es bezieht sich auf eine Saatgut-Mixtur.
http://www.arthurrussellmovie.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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