Die Folientastatur kennt man vielleicht noch vom Moog Source oder aber vom Heimcomputer ZX Spectrum. Studio Electronics haben ihrem neuen Analogsynth ATC X dieselbe Bedienoberfläche spendiert. Oh happy days ...
Text: Benjamin Weiss aus De:Bug 98

Analogsynthesizer mit Folientasten

Folientasten kannte ich bisher ja nur von einigermaßen exotischen Synthesizern aus den Siebzigern wie zum Beispiel dem Moog Source. Nichtsdestotrotz hat die kalifornische Firma Studio Electronics diese Technik ins neue Jahrtausend gerettet und dem monophonen Analogsynthesizer ATC X eine komplette Folienoberfläche mit nur einem Drehregler verpasst.

Übersicht
Ein Rack, 2HE hoch und mit genau einem Drehregler, einem kleinen Display und 50 Folientasten auf der Oberfläche, so sieht er aus, der ATC X. Hinten findet sich ein Monoausgang sowie ein Monoeingang und je ein Aus- und Eingang für den Ringmodulator und Midi In und Out. Alle Funktionen werden mit den Folientasten angewählt und dann mit dem Drehregler editiert, wobei einige der Tasten auch Doppelbelegungen haben. Das erscheint zunächst umständlich, funktioniert aber erstaunlich gut, allerdings ist die Skalierung des Drehreglers mitunter etwas grob (zum Beispiel bei der Presetanwahl, so dass man leicht ungewollt von einem Patch ins nächste kommt).

Bedienung & Oberfläche
Der ATC X ist ein monophoner Synthesizer mit zwei synchronisierbaren VCOs, die ihre drei Wellenformen Dreieck, Sägezahn und Puls interessanterweise gleichzeitig spielen können, was beim ersten Ausprobieren erstmal verwirrend ist, klanglich aber durchaus interessante Ergebnisse bringt. Verwirrend ist auf den ersten Blick auch der auf der Oberfläche benutzte Font, der nur mäßig lesbar ist. Ansonsten ist diese aber durch aussagekräftige Icons ziemlich selbsterklärend. Eine weitere Spezialität ist die Filtersektion: Der ATC X hat vier verschiedene Filter, die Nachbauten berühmter Vorbilder sind: Wahlweise kann man so einen Oberheim-SEM-Filter, einen Moog-Filter, den aus der 303 oder den aus dem Arp 2600 nutzen; leider nicht möglich ist dagegen eine Reihenschaltung der verschiedenen Filter, die allesamt recht gut zupacken und auch durchaus hörbar in Richtung ihrer Vorbilder gehen.

LFOs und Hüllkurven
Zwei LFOs sind mit an Bord, wobei jeder mit sechs verschiedenen Wellenformen ausgestattet ist. LFO 2 ist in folgenden Schritten zur Midiclock synchronisierbar: 1 (ganze Note), 2 (halbe Note), 4 (viertel Note), 4-3 (viertel Note triolisch), 8 (achtel Note), 8-3 (achtel Note triolisch) sowie 16 (16tel) und 16-3 (16tel triolisch). Mit LFO 2 kann man auch den ersten LFO modulieren, wahlweise zusätzlich auch die Filterfrequenz, was recht spezielle Effekte erlaubt. Drei invertierbare ADSR-Hüllkurven gibt es auch: Nummer 1 ist für die Frequenz gedacht, Nummer 2 steuert den VCA und Nummer 3 lässt sich individuell auf vierzehn verschiedene Modulationsziele routen, darunter die LFO Rates, Level und Frequenz der VCOs und Main Pitch.

Sound
Schon die 512 üppigen Presets zeigen deutlich, was der ATC X kann: fette, saubere, runde Bässe en Masse, aber auch klassische Leads, Drehorgeln und weirdere, verzerrte Sounds sind möglich und vorhanden. Überhaupt die Presets: Normalerweise nerven sie extrem schnell und man ist bestrebt, sie entweder so schnell wie möglich zu löschen oder aber zu ignorieren, beim ATC X sind sie nicht nur ziemlich vielseitig, sondern auch mit Geschmack programmiert und gut einsetzbar. Insgesamt ist der Sound sehr druckvoll und durch Features wie Crossmodulation, die umkehrbaren Hüllkurven und die verschiedenen Filter auch sehr variabel. Alles in allem ist der ATC X ein prima Universalwerkzeug fürs Studio, wenngleich mit immerhin 1349 Euro für einen monophonen Analogsynthesizer nicht ganz billig; ausprobieren lohnt sich aber in jedem Fall und natürlich ist der ATC X mit seinem Audioeingang zusätzlich eine vollwertige Filterbank. Die kleinere Variante ATC-1 gibt’s auch noch, die ist für knapp 1000 Euro zu haben, hat aber nur die Moogfilterschaltung.

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Elektronische Lebensaspekte.