Zwischen Frankfurt und Chile. Atom Heart zieht sich das Se–or Coconut-Kostüm über und spielt mit chilenischen Sampler-Folkloristen Kraftwerk nach. Von Ländern, Menschen und Maschinen. Wir tanzen den globalen Stylecrash.
Text: sascha kösch [bleed@de-bug.de] aus De:Bug 36

/elektronika/südamerika Se–or Coconut Atomheart – Ein Mann für gewisse Zwischenräume Zwischenbericht Meine erste Begegnung mit der Musik von Atom Heart fand nicht etwa zu Lassigue Benthaus Zeiten statt. Obwohl irgendjemand meinte, Atom Heart hätte schon so viel gemacht, dass einem schwindelig davon werden könnte, waren die EP’s auf Frankfurter und Italienischen Labeln für mich neu. Die Musik auch. Atom Heart machte irgendwie Breakbeats, irgendwie in Bezug auf Aphex Twin, sehr strange, sehr verrückt, sehr aufregend. Dabei sollte es bleiben. Und mehr. Als Uwe Schmidt (so der Name von Atom Heart, Atomu Shinzu und wie er noch so alles hiess über die vielen Jahre) sein “Rather Interesting” Label begann, war schon vom Titel klar, dass es endlich mal Humor geben würde in der Szene elektronischer Musik. Eine Art von Humor, die weder anbiedernd an die eigenen kulturellen Werte von Party, Bla und Bla war, noch irgendein dämlicher Referenzhumor voller Verweise auf die Wichtigkeit von historischen Kleinstkrümeln. Rather Interesting bedeutete immer Humor im Umgang mit Produkten. Einheit von Sounddesign und Konzept ohne Verweise auf Kunst, Sammler-Minimalismus als Briefmarkenersatz, serielle Produktion als höchstes Kulturgut und kritisches Moment einer Szene zwischen Underground und seeliger Affirmation. Rather Interesting war das erste Label, dem man abnahm, nur CD’s zu produzieren. Jede neue ein strategisches Manifest auf mehreren Ebenen und ohne Verflachung oder innere Widersprüchlichkeit in den eigenen Strukturen, vor allem aber funky, sexy, hightech, und immer die passende Bemerkung aus dem lakonischen Paralleluniversum, in dem die komplexesten Fragen eine simple Antwort fanden: eine CD. Eine neue Rather Interesting, das war fast immer auch der drängenste, präziseste, relevanteste elektronische Lebensaspekt, den der Monat zu bieten hatte. Die Themen: Bass, Schnittstelle, Interactive Music, Naturalist, Semiacoustic Nature, Dots, Dos Tracks usw. bezeichneten nicht nur die jeweilige Entwicklung der Technologie, das Aufkommen neuer Produktionsweisen, sondern auch neue Methoden, neue Inhalte, wichtige Zentren der Entwicklung elektronischer Musik, in denen man wie in einer Monatszeitung oder Bibliothek oder einem Nachschlagewerk, aber eben auch im Musikhören nachschlagen konnte, was eigentlich der Focus sein könnte, der nächste Schritt. Die Tracktitel setzten neue Benchmarks für die Symbiose von Mensch und Maschine, oder eben der Mensch, das technologische Wesen: “Being Enveloped”, “My Mac can sing”, “My Life as a Zip File”, “Apfel Q”, “Asciied” usw. Seine Arbeit als Initiator von MACOS (durchgestrichenes Copyright C), Musicians against Copyrighting of Samples, begann das neue Zeitalter der Netze mit einem klaren Wort, das jeden Tag mehr an Bedeutung gewinnt. Wir sehen Sterne Kurzum. Atom Heart ist im Grunde der Held der elektronischen Musik. Weiss alles vorher, macht alles zuerst, arbeitet in einem fast unglaublichen protestantischen Wahn ständig an irgendwas (Cover, Design, Wort, Konzept, Musik, Samples) und kommt am Ende immer mit einem Produkt auf den Punkt, der den Worten der vergangenen Wochen ein unerwartetes Satzende beschert. (Und was ist mit Aphex Twin? Oval? Basic Channel? Kraftwerk? Während Aphex Twin glaubt, Musik zu gebären und immer eine grosse Sache draus machen will, ein undurchdringliches Geheimnis (“diese Oval Typen haben mich gesampled”), Oval immer glauben, das Interface hörbar zu machen und darin immer mehr CPU aufs Podest stellen (“Technik ist:”), Basic Channel immer etwas in den Untiefen von “Musik ist Musik” zu verschwinden drohen, und Kraftwerk, damals, der Naturalisierung von Technik etwas platt anheimfielen (weshalb Atom Heart jetzt zu seiner Kraftwerkcoverversionen Platte sicherlich nicht müde wird zu bekennen: “Ich war nie ein Kraftwerk Fan”), klappt Uwe Schmidt sorgfältig den Computer auf, lässt uns auf eine Horde kleiner Männchen blicken, die uns alle zuwinken mit einem freundlichen: “Hallo, hier lang”. In Worten hiesse das: Aphex Twin = Ich, Kraftwerk = Es, Basic Channel = Wir, Oval = Das da und Atom Heart = Guten Appetit. (Das soll jetzt hier keinem der Erwähnten ans Bein pissen und will auch keinen wissenschaftlichen Anspruch und Hegemoniebladiskurs eröffnen, (wir lieben sie alle), sondern soll einfach Differenzen zeigen, von denen ich glaube, dass sie ungefähr hinhauen könnten, aber eben nicht zuschlagen.) Warum Atom Heart nie eine Sonnenbrille trägt Als Atom Heart nach Chile zog, verschob sich sein Fokus langsam von einem eurozentristischen Musikgeschehen, das den Rest der Welt eher durch einen globalen Musiktourismus kennt, durch die massive Nuance und den Impact Chile, und setzte wie ein Spin Off im Atom Heart Universum grosse neue Themen frei. Lateinamerikanische Musik, die vielen wie ein Fluch erscheint, der dazu dient, den schwebenden Geist eines “schwarzen” Grooves aufgrund von Ballermann Erfahrungen den Franchisingsklaven erträglicher, dh. nicht ganz so schwarz, eher sonnengebräunt usw. zu machen, gliedert sich bei Atom Heart genau in diese ständige, immer überraschend konkrete Untersuchung zwischen den Kabeln, den Menschen und Maschinen ein, den Produktionen von Wirklichkeit, Ästhetik, diesem Oszillieren zwischen und Graben in einer “Semiacoustic Nature”, einem “Machine Paisley” und dem “Naturalist”. Schnittstellenarbeit. Chile, das liegt für Atom Heart irgendwo zwischen den Methoden, Ideen, Welten des grade erschienen Albums “Los Samplers” und Se–or Coconuts Kraftwerkcoverversionen “El Baile Aleman”, dessen Ankunft sich vor 4 Jahren mit einem Sticker ankündigte: “Este Producto Afecta La Capa De Ozono”. Tourismus ohne Zahnlücken Die erste (Ordnung schaffen) Se–or Coconut CD hiess: “Gran Baile con…”, stand unter dem Motto (nicht wenige Atom Heart Platten haben sowas) “Triggering the Latin Subconscious”, das wie immer halb ernst gemeint war, sich in den flirrenden kontextuellen Wahnsinn von “Rather Interesting” zwischen 1996 und 1997 perfekt einnistete, schlug neue Tanzstile vor: Rumba Funk, Neo Tradicional, Nova Raro usw. Und war wie einige der “Latin” Platten, der “Easy” Platten von Atom Heart auch, eine Auseinandersetzung mit Stilfragen. Was passiert, wenn man hochexplosive Stile elektronischer Musik mit einem nach lateinamerikanischen Grundsätzen ausstaffierten Soundfilesystem kollidieren lässt? Ein kleines CERN quasi. Atom Heart war noch recht neu in Chile. Die Platte nur in Teilen dort aufgenommen. Kulturschock. Das Offensichtlichste des Fremden (Kokosnüsse) war gleichzeitig auch das Banalste, das man für sich beanspruchen muss. Se–or Coconut heisst auch: Ich bin mit ganzem Herzen Tourist, auch zuhause. “Descargas” von Los Samplers, die grade erschienene CD auf Rather Interesting, hat einen ganz anderen Focus. Los Samplers ist eine Truppe aus “chilenischen” Musikanten, die alle Sampler spielen, aber so aussehen, als würden sie ihre Instrumente noch selber in einer Boutique auf dem Hochland jagen. Einer von ihnen spielt nicht nur Sampler, sondern programmiert sie auch. “Descargas”, ein Wort zwischen Jam und Entladung, beschreibt den unglaublichen Spass, ein virtuelles Chile zu projektieren, ein kommunikationstechnisch hochgezüchtetes (“Includes English Translations!”) mit dem Charme der kleinen Fehler der Übersetzungen zwischen Multiplizitäten. “Nocaut” heisst hier Knockout, und das Leben ist ein Wust von Kabeln ohne Reparaturkasten. Im Orginalwortlaut von “La Vida Es Llena De Cables (Son Disco Duro)” heisst das: “Life is a lot like an application, but without having the option to save my heart”. Ein halluzinierter Graben zwischen Chile und dem Technofetischismus eines Samplers, ausgehoben wie Atom Hearts Livesets (bei denen man immer zuschauen kann, wie er sich durch die MPC Menüs hangelt). Während die glücklich grinsenden Los Samplers Tradition in einen Pool aus Harddiscknattern und Rumbaschnattern giessen, in dem man es vor Lachen über sich selber kaum noch auf ihre gefakte Pornowebsite schafft (Motto: Future Folk, Sponsorhinweis: Los Samplers use No Name Floppy Discs), ist “El Baile Aleman” von Se–or Coconut ein ganz anderer Versuch einer Simulation. In Echt. Los Samplers sind so, wie man sich von hier aus (hier, aus dem Technokratenzentrum mit Humor) die Realität der Zukunft Chiles vorstellt. “El Baile Aleman” so, wie man sich die Realität einer besseren Vergangenheit Deutschlands jetzt vorstellen kann. Die letzte Kokosnuss Atom Heart ist berüchtigt für Coverversionen. Merkwürdigerweise liebt das Genre jeden, hartnäckig, auch wenn Coverversionen zum grössten Teil einfach nur eine grosse 0190 Lachnummer sind. Sein LB “Pop Artificielle” Album dürfte zumindest einige Leute zum ersten Mal mit Atom Heart bekannt gemacht haben. Sie werden “El Baile Aleman” hören wie die neue Tocotronic LP. Ach schon wieder der mit den Coverversionen bzw. der Jugendbewegung. Das Leben ist nicht gerecht. Während Anthony Rother das “Simulationszeitalter” schwarzmalt, zeigt uns Atom Heart auch hier wieder den Weg aus der Krise (Crisis? What Crisis? Na eben die, dass selbst clevere Menschen das Wort Medienrealität für einen Begriff halten, mit dem man leben kann und nicht für Gewäsch, der Versuch, im Big Brother Jahr tote Differenzen zwischen echt und was immer grade passt aufmachen zu wollen eben, diese Krise). Heilung: In einer immensen Sampleanstrengung die doppelte Vergangenheit simulieren und damit Nuancierungen in das Verständnis von Simulation einführen, die so notwendig wie aufregend sind. Simulation hat sowenig mit Zukunft zu tun wie Kraftwerk, oder die “lateinamerikanische” Band, die die Coverversionen von Kraftwerk zu spielen scheint. Simulation lässt im Se–or Coconut Style etwas zwischen “es war einmal” und “was war das nochmal” aufblitzen, das die Meinungen (Kraftwerk war wichtig, lateinamerikanische Musik ist sexy, groovy, echt, blabla) unter den Teppich kehrt, den Erdball eben mal umdreht und die Welt falschherum laufen lässt, schlimmer kann es nicht werden, warum also nicht doppelt so gut? Und aus dem langsam zu Boden sinkenden Teppich über uns purzeln die Meinungen herunter wie Schneeflocken am glühenden Firmament der chilenischen Mittagshitze. So, und jetzt gute Nacht. PS: In Chile fliesst das Wasser nicht in einem linksdrehenden, sondern in einem rechtsdrehenden Strudel in den Abguss.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Sascha Kösch aus De:Bug 14

Schnittstelle Fortschritt Schmidt, Rather Interesting Sascha Kösch bleed@de-bug.de Die Begriffe, mit denen wir über Musik nachdenken, sind meistens steinalt. Und selbst damals hatten sie schon viel mit Mathematik zu tun. Und das wäre alles nicht mal so schlimm, wenn sie nicht aus einem Zeitalter stammen würden, in dem man mit ganz anderen Vorstellungen an die Beziehung zwischen Musik und Mathematik heranging. Harmonielehre, Rhythmik in Takten, bestenfalls Obertöne und mythische Klangfarben halten sich beständig als ein Grad von Wissenschaftlichkeit, an dem sich moderne elektronische Musik messen müßte. Wer anderen vorwerfen will, daß seine Musik schlecht, langweilig, rückschrittlich ist, der braucht bloß eine der beliebten Geschichten oder Tracks der Musikgeschichte aus der Schublade zu ziehen, und kann immer sagen: das und das ist dort und dort besser oder schon gemacht oder, falls mal ein Kritiker freundlich sein will, angedacht worden. Heute ist Musik immer berechenbar. Frequenzen und Klangwellen werden fast immer in minimale Bestandteile aufgelöst und als verrechnete Einheiten verhandelt. Sie sind so gut beschreibbar, daß man sie ohne weiteres immer und immer weiter verdoppeln kann. Daß trotzdem keine wenigstens am heutigem Standard gemessene wissenschaftliche Beschreibung von Musik überhaupt jemals auftaucht, außer unter den Musikern, die sie mit jedem Knopf ihrer Geräte verwenden, ist eigentlich peinlich. Warum reden wir nie von 165,23456 BPM, warum immer noch in 16teln, anstatt in 44.000 Einheiten pro Sekunde, und warum, wo doch alles in Richtung scheinbar endloser Verfeinerung driftet, nie von dem, was da so in schönster beschreibbarer Berechenbarkeit auf dem Desktop liegt, sondern fordern immer noch eine Wissenschaftlichkeit aus einer Epoche ein die, wenn man sie in anderen Bereichen anwenden würde, dazu führen müßte, daß man Blinddarmentzündungen mit Salben aus zerstampften Fröschen und drei Monde lang im Morast gedünsteten Fingernägeln behandelt werden. Weil Ohren so selten wehtun? Weil die akustische Welt gegenüber der visuellen, für die täglich Milliarden aus “rein” ästhetischen Gründen ausgegeben werden, in das Ghetto der “Unterhaltung” fällt? ___________________________up to here on the cover. Es wird jedenfalls versucht exakter zu sagen was man hört und hören will. Eigennamen, wie der einer Maschine (303, 808, 909) oder hoffentlich vielen bekannter Methoden (Basic Channel) tauchen nicht umsonst oft genug auf, weil man sich mit Dingen wie Bassdrum und Snaredrum nicht mehr versteht, sondern, behaupten wir mal: wissenschaftlichere Beschreibungen sucht. Aber über ein gestammeltes Vokabular, das innerhalb relativ geschlossener Szenen wirkt, kommen wir nie hinaus. Es gibt keine Schule für die Beschreibung vom Hörbaren, keine Schule für das Erkennen und Benennen von Differenzen, die auf dem Markt keine oder nur marginale Relevanz haben außer der der Software. Das Problem Und so muß man sich nicht wundern, daß es Leute wie Atom Heart alias Uwe Schmidt, einem Exilchilenen und Exfrankfurter gibt, der seit über 5 Jahren sein CD-Only Label “Rather Interesting” mit einem Anliegen betreibt, das eine ganze Musikepoche zu mutieren versucht. Weg vom Track, weg vom Minimalismus, weg von der Bassdrum, weg von Techno, oder, was all das zusammenfaßt: weg von Cubase. Wenn man es überspitzt formulieren möchte, weg von Cubase Light, weg von der allerersten Funktion, die einem die Schnittstellen elektronischer Musik liefern. Daß er der einzige wäre, dem dieses Problem aufgefallen ist, ist natürlich Unsinn. Im Grunde kann man sagen, daß die Geschichte elektronischer Musik, wie man sie als Fortschritt usw. versteht, immer klar genau dieses Problem angegangen ist. Mit Umwegen, Eigenheiten und in Bezug darauf. Mike Ink und ein paar andere haben versucht, gerade aus der Gradlinigkeit neue Formen von Minimalismus herauszuschälen, quasi das Denken der 1 in Techno zur Basis zu machen ohne dabei in die platte Naivität eines Stücks zu aus nur Bassdrum zu verfallen, sondern immer die Annäherung daran suchen. Basic Channel haben mit geschlossenen Kreisläufen von Hall versucht dieses Prinzip der Linearität innerlich in bewegliche Räume eigener Gesetzmäßigkeiten zu pervertieren, sogenannte experimentelle Drum-and-Bass-Jungs (Squarepusher usw.) versuchen im Baukastendenken der Sequencer so viele Events zu produzieren, daß der glückliche Zuhörer an die Grenze seiner Fähigkeit des Unterscheidens kommt. Und alle wollen dabei etwas lernen: Die Wissenschaftlichkeit und Mathematik von Musik. Was für den einen die Gefangenheit im Minidiskurs einer Szene ist, kann für den anderen genau dieser Baustein, genau dieses eine Wort, genau die Erlösung sein, die alle weiterbringt. Was für den einen endlose Redundanz ist, die nur zu oft wirtschaftliche Gründe hat (denn was man oft genug wiederholt verkauft sich manchmal einfach besser), ist für den anderen möglicherweise der Punkt, an dem er mit all seinem Wissen an Kleinst-, oder Geheimwissenschaft, an Verschwörung, Beschwörung oder sonst welcher Strategie genau die Frage nach Fortschritt löst, die an anderen Stellen einfach nicht mehr wahrgenommen werden muß. Weil Fortschritt nicht nur immer vielseitig ist, jederzeit, sondern vor allem im Rahmen von nicht immer nachvollziehbaren Techniken passieren kann. Und solange wir uns in einem Rahmen zirkulierender Hipster, Nerds und neuer Tools bewegen, macht das alles enorm Spaß und ist mit Sicherheit einer der besten Auswege aus dem Dilemma der Verdummung, das an einigen Stellen der Dateneingabe und Büros sonst so als Lebensentwurf präsentiert wird. Ein Lebensentwurf, der sich zwischen industriellem Zeitalter und einem noch längst nicht definierten, aber besser erstmal besser gedachten aufreibt. Die Zukunft, die eben einfach, wie schon immer, etwas lange braucht, bis sie endlich hier ist. Spannung und Geduld Genau diese Spannung zwischen verschiedensten Techniken und den Werten, die man selber und die andere großen Mächte der Welt auf die verschiedenen Bereiche im Leben legt, macht die Geschichte gelegentlich so unerträglich langsam. Läßt uns auf der Stelle treten, auch wenn unter einem der Boden wegbröselt. Anstatt auf allen Ebenen endlich mal den großen Schritt nach vorne zu tun, warten wir geduldig auf die Normalität, die einen einholen soll, während sie einen an allen möglichen Ecken und Enden überholt. Wir schleppen schwere, analoge Plattenkoffer, deren Inhalt auf eine handvoll Videodisks passen würde und nennen das Minimalismus, wir produzieren Musik in stickigen Studios, die ein paar Zeilen Programm sicherlich ähnlich gelungen, auf jeden Fall aber überraschender herstellen könnte und nennen das experimentell und tanzen in alten Rockschuppen und Diskos landauf landab zu einer Beschallung, die man vor der Erfindung von Hifi sicherlich advanced gefunden haben muß. Wir produzieren Tonträger, deren Funktionen ein stumpfes An- und Aus höchstens noch in den handwerklichen Fähigkeiten eines DJ’s übersteigt, anstatt Interfaces zu haben, die aus vorgegebenen Klängen und Strukturen in datenreduzierter Effizienz ein paar Jahre abwechslungsreicher Musik aus einer CD holen könnten. Und es ist gut so, irgendwie, wenn auch die Verrücktheit der gesamten Geschichte, die einem so unendlich viel zu tun gibt, manchmal zuviel sein kann, und dann zieht man eben einfach nach Chile, erstmal. Und jetzt folgt: ein langer O-Ton Atom Heart. Distanz 93, 94 befand sich alles noch in einem anderen Kontext. Es war relativ einfach anders zu sein. Mittlerweile habe ich mich aus diesem Kontext etwas herausbewegt, ich sehe mich nicht mehr in einer Relation zu etwas. Schon vor meinem Weggang aus Deutschland war mein Ideal diese Relation aufzugeben. Eine eigene Musikentwicklung zu generieren, die unabhängig von dem ist, was sonst so passiert, in Deutschland oder den Ländern, in denen die Szene existiert, denn es sind nur sehr wenige Länder. Der Diskurs, den man betreibt und mitbekommt, ist sehr spezifisch, existiert vielleicht in 5 Ländern. Da gibt es die verschiedensten Interdiskurse und was wir machen ist noch mal wieder ein ganz anderer Diskurs. Irgendwann habe ich nicht mehr gesehen, wie das weitergehen kann. Die folgende Idee war, wobei Chile nur ein Teil dieser Idee war, daß es mir nicht so wichtig sein könnte dabei zu sein, weil der Diskurs für mich am Ende war. Es geht darum, sich weiter zu entwickeln, aber auf einem neuen oder ohne Gebiet. Die Abtrennung ist das erste. Wenn ich den Diskurs bräuchte, könnte ich den zwar auch in Chile bekommen, aber die Entfernung an sich hat schon so etwas wie einen sehr angenehmen Vakuumeffekt. In Chile existiert elektronische Musik in meinen Augen nicht. Berlin 89 oder so etwas vielleicht, da sind sie. Da passiert nichts, was ich aufgreifen könnte. Die Referenz löst sich auf. Wenn man nach einiger Zeit nach Deutschland kommt, bekommt man dieses Vakuum und Diskurs wieder zurückgesamplet, und man bekommt mit, daß gar nicht soviel passiert ist. Man glaubt nach einem Jahr müßte unglaubliches passiert sein, weil man den Medien glaubt. Aber man stellt fest, daß das alles gar nicht so großartig ist, nicht so innovativ, nicht fortschrittlich oder was auch immer. Formales Ich mache mir eher Gedanken über Form. Über eine andere Präsentation von Form. Man denkt nicht mehr drüber nach, ob etwas wie Drum and Bass klingt, sondern bewegt sich in einem sehr formalistischen Rahmen. Was mich als Musiker eh mehr interessiert. Schnittstelle ist aus der Idee gewachsen, Musik zu machen, die sich permanent bricht. Das ist ein ganz anderes Konzept als in der Schleife zu arbeiten. Das, was den Track ausmacht, sind Schleifen. Loops so und so lang, darauf wird geschichtet. Man denkt darüber nicht nach, wenn man drin steckt, weil es einfach banal ist. So ist es. Man macht das. Ich habe seit einigen Jahren die Idee, Musik zu machen, die damit bricht. Eine Komplexität mit möglichst geringem technischen und programmierttechnischem Aufwand, denn auch das ist immer ein Punkt, die auf diesem rein musikalischen Grundgedanken aufbaut. Man hat ja für so etwas keine Beispiele. Man kann das auf keine Platte beziehen und sagen: so in ungefähr klingt die Idee. Man muß es selber generieren. Das gute an Rather Interesting ist, daß es ein Spezialistenlabel ist. Niemand wird dort eine Drum and Bass Platte erwarten. Es hat den Vorteil, einem Platz zu lassen, man kann aber dann auch bestimmte Dinge, eben eine Drum and Bass Platte, nicht machen. Der Diskurs ist so hermetisch. Dichte Das gute an der europäischen Musikentwicklung ist, daß sie so dicht ist. Es arbeiten so viele Leute an einem Thema, daß sich sehr schnell eine Spezifizierung herausbildet. Es wird in zwanzig Jahren vermutlich noch eine Acidszene geben, die so klingt wie heute, aber immer an diesem Punkt weiterarbeitet. Es gibt in diesen Szenen kleine Sprünge, an denen etwas neues rauskommt. An dem Punkt, wo ich mit Rather Interesting arbeite, ist diese Szene nicht eingetreten. Und die Szene aus der ich komme, steckt immer noch im gleichen Schema. Es gibt so eine populistische, populäre Tanzkultur, die immer noch an den gleichen Punkten arbeitet, wie sie es vor 5 Jahren getan hat. Minimalismus, z.B. Es ist sicher auch klasse progressiv, innovativ usw. minimalistisch zu arbeiten, aber es bleibt nach so vielen Jahren doch einfach das gleiche Feld, in dem man halt an den Details bastelt. Für Rather Interesting existiert eine andere Richtung, die es ja auch schon gibt, für Leute die obskure elektronische Musik machen, obwohl mir auch der Wille obskur und elektronisch zu sein, eine Stagnation bedeutet. Verweigerung ist es ja nicht. Ich habe immer auch eine Vorstellung von Popmusik für die Sachen, die ich mache. In ferner Zukunft ist Rather Interesting bestimmt populistisch, auch wenn das mit dem populistischen Jetzt nichts zu tun hat. Es ist eine Art Spielplatz, um die formalen Parameter auszuarbeiten, die dann irgendwann vielleicht an dem Punkt ankommen, wo es populistisch sein könnte. Ich sehe den Ansatz in elektronischer Musik allerdings überhaupt nicht. Was populistisch bearbeitet wird ist Techno. Das funktioniert. 4/4tel Bassdrum, Schleifen, Modulation von Synthesizern und das in allen Spielarten. Vielleicht noch Drum and Bass, aber das ist eigentlich eher ein Hype als eine verstandene Sache. Die Vertriebe sagen, daß selbst in England die Verkäufe dort bei den ganz großen nicht über 25.000 gehen. In Deutschland sind es vielleicht mal 2. Das ist nicht so die Waffe im Vergleich zu einer Technotrancecompilation. Drum and Bass ist so eine Seltsamkeit, deren Name immer größer ist als die Wirklichkeit. Was populistisch ist, funktioniert halt sowieso. Aber das klingt für mich noch nicht ideal. Jahrzehnte Ich befasse mich seit einiger Zeit mit musikalischen Abschnitten. 60er, 70er, 80er, was machen die aus. Ich bin in den 80ern groß geworden, habe da meine erste Musik gehört und kann jetzt, nachdem es 10 Jahre vorbei ist, zurücksehen und überlegen was das eigentlich war. Der Retroflash. Nach 15 Jahren zum ersten mal wieder Heaven 17 hören. Man hatte das damals ganz intensiv aufgenommen und dann in den 90ern einfach nicht mehr verfolgt. Es war verschwunden. Man hatte so einen Klang im Kopf, jetzt muß man, wenn man es sich real noch mal anhört, feststellen wie furchtbar die 80er eigentlich klangen. Ich konnte es nicht fassen. Unglaublich. Pathetische Snaredrums, furchtbare Synthiepads und all so ein Zeug. Und die drastische Entwicklung von Depeche Mode zu Techno, die man selber immer nur in Schritten mitgemacht hat, überrascht einen einfach. Ich habe drüber nachgedacht, was die Jahrzehnte unterschieden hat. Es muß eine Sensibilität sein. In den 90ern hat man keine guten Melodien gehört. Schleifen und 303, Rudimente von Musik ausarbeiten, was selber schon eine Idee ist, und gut. So wenig Emotion und Tiefe wie möglich auf einer formal musikalischen Ebene. Die 80er haben gegenüber den 70ern versucht, etwas Kühles auszuarbeiten. Die hatten etwas Verweigerndes. Nur nicht lächeln. Versuchen futuristisch zu sein, aber immer noch klingen wie Reagan, Kohl und Thatcher zusammen. Die 90er lassen all das vergessen, sagen nein zum Diskurs, und splitten ihn auf, wie sie wollen. Eine klarere Fragmentierung. Es knallt immer so. So laut. Ein Hit von Backstreet Boys ist immer in your face. Gnadenloser. Alles vorne drauf. Die 80er hatten so etwas, aber waren dabei bemüht, eine Ästhetik, eine Grazie zu verkaufen. Furchtbar schleimig. Die 70er hatten dagegen eine kristallisierte, popularisierte Form von den weggedrehten 60ern. Alles was in den 60ern rauh und seltsam war, war in den 70ern die Essenz davon, die schöne Oberfläche. Disco. Und ich versuche zu verstehen, was diese Musik gemacht hat. Die 70er kann ich schon gar nicht mehr verstehen, weil ich da einfach zu klein war. Aber aus den 80ern heraus kann man sehen, was die 90er eigentlich wollen, und wo das hingeht, und wo ich stehe. Was ich mit Rather Interesting will. Eine populistische Sprache entwickeln, die eben nicht in your face ist. Wir werden das, was in den 90ern passiert irgendwann unglaublich einfach und primitiv finden. Das komische ist, daß das Einfache wirklich gut war, daß es funktionierte. Man stellt aber fest, daß es mit der Bearbeitung von dieser Idee nicht mehr weiter geht. Auch wenn man sehr gute Platten machen kann, wenn man sich dem Trackgedanken widmet, ist es nicht das was passieren wird. Ich versuche eine Sprache zu erarbeiten, Systeme, die woanders hingehen. Eine andere Komplexität und Sensibilität entwickeln als die, die zur Zeit existiert. Dafür muß ich dann eben auch nicht hier sein. Es kann gut sein, daß man eine Infrastruktur dafür aufbauen muß, aber erst einmal muß ich das für mich erarbeiten. Ab und an habe ich so Anfälle, wo ich glaube, Dinge zu generieren, die die Masse verstehen muß, oder einfach gut findet. Aber dann. In gewisser Weise habe ich die Hoffnung aufgegeben, daß es im großen Rahmen funktionieren könnte und Rather Interesting wird vielleicht mehr und mehr zu so etwas wie einem formellen Wegbereiter. Schnittstelle zum Beispiel könnte so etwas sein. Ein Vokabular, was in der Form nicht mehr so aufgegriffen wird, sondern nur die Essenz davon. So wie David Bowie seltsame Techniken der 60er popularisiert hat, wird es vielleicht jemanden geben, der die seltsamen Techniken von Schnittstelle eines Tages mal popularisiert. Den Versuch nicht mit Schleifen zu arbeiten. Weder Tracks noch Songs zu machen. Kurze Schnitte zu machen, Brüche in das Zentrum der Tracks zu machen, die keine mehr sind, weil sie sich nicht wiederholen, zu holen, vom Sampler auf die Festplatte und zurück, und daraus ein Stück zu entwickeln, das am Anfang noch gar nicht weiß, wo es hingehen könnte, aber nach ein wenig Zeit eine eigene Struktur auftauchen läßt, die man verstehen kann, und den Rest löschen. Löschen ist immer gut. Und jetzt auch viel einfacher. ___________________________________________ Zitate Weil die akustische Welt gegenüber der visuellen, für die täglich Milliarden aus “rein” ästhetischen Gründen ausgegeben werden, in das Ghetto der “Unterhaltung” fällt? Löschen ist immer gut. Und jetzt auch viel einfacher. Jetzt muß man, wenn man es sich real noch mal anhört, feststellen wie furchtbar die 80er eigentlich klangen

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