Uwe Schmidts Mega-Fuge und die Bezüge zu Romantik, Kraftwerk und Biedermeier.
Text: Multipara aus De:Bug 129


Uwe Schmidt hantiert mit Pseudonymen im Dutzend, wobei Senor Coconut und Atom Heart die bekanntesten sind. Sein aktueller Longplayer kommt unterdessen unter dem Namen Atom™ auf Raster-Noton. Im Anzug am Küchentisch sitzend erläutert Schmidt seine Mega-Fuge und die Bezüge zu Romantik, Kraftwerk und Biedermeier.

innere Symmetrie

Uwe Schmidt aka Atom™ hat sich für “Liedgut”, seinem neuen Album auf Raster-Noton, ein so elementares Thema ausgesucht, dass die Möglichkeiten, es zu verarbeiten, unendlich scheinen: Es geht um Rauschen und Wellen, also um die Grundformen von Klängen und damit auch die Basis jeder Musik. Ein Meta-Album also.

Der Pfad durch dieses Chaos der Optionen, den er uns hier leuchtet, ist ihm ebenso klar wie persönlich gelungen, so originell und spielerisch wie einleuchtend. Und außerdem tief. Nicht wegen der jahrhundertealten Sedimente, in die er dabei hineingräbt – denn das Album führt klassische Musik, moderne Technologie und physikalische Begriffsgeschichte zusammen -, sondern vor allem, weil er das Elementare des Themas nutzt, das Album mit einer Fülle innerer Symmetrien zu versehen.

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Symmetrien, also inhaltliche und strukturelle Querbezüge und Korrespondenzen, die sich nicht nur zwischen Elementen, sondern auch Ebenen und Kanälen abspielen können, haben in der Musik einen niedrigen Stellenwert, wenn es wie meist in erster Linie um den vollen Floor, ums Einschlafenkönnen, ums Mitsummen beim Hausputz oder die Laune beim Joggen geht. Da braucht man sie nicht.

Symmetrien sind eher in Werken zu Hause, die man früher mal als ernste Musik bezeichnet hat, Werke, die einen längeren Atem dadurch belohnen, dass sie einen entlassen mit einem Kopf voller Ideen. Solche, die reingesteckt wurden, und andere, die man trotzdem drin gefunden hat.

Das ist schön, kann aber auch verwirren, und deshalb wollten wir Details und Hintergründe wissen. Uwe Schmidt schaute auf dem Weg von Köln nach Frankfurt in Berlin vorbei und setzte sich mit uns im Anzug an den Küchentisch.

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Müssen wir Uwe Schmidt eigentlich noch vorstellen? Ganz kurz: Zahllose Projekte und Kollaborationen mit zahllosen Releases über fast zwanzig Jahre; Lassigue Bendthaus, Atom Heart, Señor Coconut. Frankfurt, Santiago de Chile, und immer wieder im Flugzeug um die Welt. Die Geschichte von “Liedgut” beginnt in Barcelona und man sollte sich anschnallen.

Atom™

Carsten und Olaf von Raster-Noton sprachen mich 2005 am Rande des Sónar-Festivals an, als ich dort einen Auftritt mit Towa Tei hatte, und baten um ein Album mit der Ansage: Mach, was du willst, mach was Besonderes, und mach bitte nichts “für” Raster-Noton. Im Sinne von: Ich höre mir die Platten an und mache dann so was Ähnliches.

Mein erster Einfall war, ein rhythmisches Album zu machen, eine Art Mega-Fuge, ein durchgehender Rhythmus, der immer wieder morpht. Aber ich arbeite ja immer an vielen Dingen gleichzeitig und sammle ständig nebenbei Fragmente und Ideen, die sich aus Themen ergeben, mit denen ich mich beschäftige.

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Die Zeit der Romantik, Stücke von Schubert, etwa das Klaviertrio, das Kubrick im Barry-Lyndon-Soundtrack eingesetzt hat und das ich sehr mag, Walzer, dann kam dazu das romantische Moment bei Kraftwerk bis hin zum Tracktitel “Franz Schubert” auf der Trans-Europa-Express, Bücher von Helmholtz und Nietzsche, und schließlich eine Ausstellung in Wien vor zwei Jahren, “Biedermeier – die Erfindung der Einfachheit”.

Einfach ohne Funktionsstress

Ich hatte mich davor mit Ornamenten auseinander gesetzt, wie sie entstehen, mit Fugen, mit Bach, mit Fraktalen, und bei der Ausstellung ging mir auf, dass wir heute immer noch im Post-Biedermeier stecken, dass wir mit dem überall vorherrschenden Postulat des Minimalen, gerade auch in der Musik, immer noch dabei sind, das Ausufern und das Fraktale, den Barock, zu glätten und einzudämmen.

Das alles wollte ich zunächst in einem Stück verbinden, und eines Nachts fiel mir im Traum “Weißes Rauschen” ein, was für ein romantisches Bild das ja ist. Dass sich da eine Parallele öffnet zwischen dem technisch-mathematischen Begriff und metaphysisch-emotionalen Lebensaspekten.

Zunächst gab es also den Text dieses Stücks und einige Melodiefragmente. Mit diesen ganzen Spielbällen fing ich dann an zu arbeiten, irgendwann geht’s auf Autopilot, und dann ist auf einmal ein Album fertig.

Das hab ich dann Raster-Noton vorgeschlagen, die drei Punkte ihrer Ansage waren ja erfüllt, war aber erst unsicher, weil das Album ja diese historische Komponente hat, und es sollte auch nicht als Retro-Album missverstanden werden. Und in ihren eigenen Arbeiten bemühen sie sich ja eher, nicht an Zeiten und Stile anzudocken, die wirken eher referenzlos, aseptisch. Aber so dogmatisch, wie ihr Werk vermuten lassen könnte, sind die ja überhaupt nicht.

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Debug: Mich hat ja der Walzer in Kombination mit diesen gedehnten Robotervocals an Kubricks “2001” erinnert …

Das hab ich so nicht bewusst reingesteckt, würde aber auch passen, da auch dieser Film und der Walzer mich schon ewig begleiten. Ich muss dazu sagen, dass diese Hintergründe ganz bewusst nicht im Booklet stehen – das wirkt schnell wie ein Überbau, wie ein Konzept.

Es gibt keine codierte Message, auch keine textliche Aussage mit der Musik als Transportmedium. Ich spiele mit für mich inspirierenden Momenten und versuche die in eine Form zu bringen, die mit dem Zuhörer kommuniziert. Da ist viel Unbewusstes dabei, das nicht schlüssig sein muss. Helmholtz und Schubert zusammenzubringen, ist ein Spiel.

Helmholtz und Schubert spielen

Debug: Um dem näher zu kommen, wie die beiden zusammenpassen – um was für ein Buch geht es bei Helmholtz?

Eine Einführung mit physikalischen Erklärungen zur Psychoakustik – “Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik” von 1863. Im Lauf des Buchs entwirft er sogar Maschinen, die Vokale und Konsonanten erzeugen. Florian Schneider schickte mir das.

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Debug: Maschinenhafte Stimmverfremdungen sind für euch beide charakteristisch – auf dem Album kombinierst du auch deine eigene Technik, die du auf der “Pop Artificielle” eingeführt hast und die darauf basiert, innerhalb der einzelnen Sprachlaute von Hand Loops zu setzen, und an der man dich auch sofort erkennt, mit typischen Kraftwerkismen – überzeichnetes “r” oder überlanger Verschluss in “t” oder “k”.

Hast du die gleiche Technik wieder angewandt? Im Stück “Funksignal” fiel mir auf, dass die Zischlaute sich anhören wie synthetisiert, wie bei parametrischer Datenkompression, die in der Mobiltelefonie verwendet wird …

Sie sind tatsächlich synthetisiert, aber aus einem anderen Grund. Ausgangsidee für mich war das weiße Rauschen. Dazu fiel mir ein, die auf Rauschen basierenden Klänge – Konsonanten wie “k”, “s”, “t”, “f” – eben künstlich zu erzeugen und dann mit dem Rauschen zu spielen.

Nun hab ich bis vor kurzem ja nur mit Laptop und ProTools gearbeitet, aber mir gefiel das digitale Rauschen nicht, das klingt zu brutal und zügiges Arbeiten ging mit PlugIns auch nicht, man sucht ewig nach den exakten Resonanzfrequenzen.

Ich hab also die betreffenden Laute in den Vocals alle von Hand ausgestanzt, mir von einem Freund einen MS20 geliehen und von diesem über einen Send-Kanal Rauschen in die Löcher eingeblendet und dran gedreht, bis es stimmte. Und dabei gemerkt, wie wichtig und charakteristisch das Rauschen für die Stimme ist.

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Ein Helmholtz-mäßiges Experiment – man bricht alles auf in Rauschen und Wellen, und man kann mit dem Rauschen dann ebenso spielen wie schon mit den Loops bei den wellenbasierten Lauten. Ich wüsste keine Software, die so etwas kann, die dieses Aufbrechen in Partikel ermöglicht. Wenn man was Gutes will, landet man eben doch immer wieder bei Handarbeit.

Debug: Die Maschine, die du in der Danksagung ansprichst, ist also der MS20. Warum klingt die so altertümlich?

Das ist die Danksagung aus dem Helmholtz-Buch – die passte, ich musste nur Namen austauschen!

Debug: Wie kommen wir nun zu Schubert?

Es gibt ja noch ein zweites Lied, das von Wellen und Feldern, Bergen und Tälern handelt. “Wellen und Felder”, auch Rauschen, Strom und andere physikalische Phänomene, sind belegt mit Begriffen aus der Romantik, man sieht dabei förmlich Landschaften vor sich. Im Fortgang der Theorieentwicklung haben sich die physikalischen Begriffe aber von ihren ursprünglichen Bedeutungen gelöst, da werden etwa plötzlich Wellen zu Partikeln. Mit diesem Umklappen von Begriffen hab ich dann gespielt, Rauschen in Teilchen zerlegt oder aus Sinuswellen erzeugt durch Überlagern oder Übersteuern, wiederum vieles mit dem MS20 …

Debug: … und die doppelte Begrifflichkeit in “Berge und Täler” in einem Voralpengemälde inklusive künstlicher Vögel gipfeln lassen. Davor gibt es aber noch einen Mittelteil, der sich vom Rest, der ziemlich klar, linear und quasi wellenförmig – bis hin zur Strophenhaftigkeit der Lieder und der Wiederkehr des “Wellen”-Vokalmotivs – strukturiert ist, deutlich unterscheidet: die “Mittleren Compositionen”, die sehr unberechenbar sind, aber doch musikantisch.

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Das sind Fragmente aus Schubertliedern, Harmoniefolgen, die am Rechner neu kombiniert und mit eigenen Elementen ergänzt wurden, fast eine technische Demonstration, aber auch volkstümlich und leicht, um das Album in der Mitte aufzulockern.

Debug: Diese Editier-Orgien zwingen ja dazu, sich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren. Auch das ein Thema, das an anderer Stelle wieder auftaucht, in “Im Rausch der Gegenwart”, mit – wie man aus Text und Musik heraushören kann – verpackter Kritik am modernen Lebensstil, der uns im groovenden Rausch der Informationsflut und permanenten Verfügbarkeit am nervenden Mobiltelefon den einen, klaren, unverrauschten Moment verpassen lässt: das Jetzt. Etwas Message gibt es also doch …

Im letzten Jahr wurde mir grade anhand der musikalischen Arbeit am Rechner bewusst, wie man im Rausch der Optionen den Faden verliert – indem man sich dem ökonomischen Denken der Hersteller ausliefert, dem Updatewahn. Steht man vor einem praktischen Problem, kommt demnächst der neue Treiber. Das Kompressor-PlugIn klingt noch nicht so gut wie das Hardwarevorbild (ist aber schon so angemalt), wird aber bald viel besser. Das Reverb klingt noch nicht so gut – du brauchst einen schnelleren Rechner.

Ich hab in den zehn Jahren drei, vier Mal einen grundlegenden Systemreset gemacht, um da mithalten zu können. Irgendwann kann man seine Mails nicht mehr lesen, hat aber überall Dropshadows. Das ist so uneffektiv. Wo es sinnvoll ist, setz’ ich jetzt wieder Hardware ein, wie hier den MS20.

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Dieses Ökonomische schlägt auch in einem anderen Bereich durch, nämlich dem der Idee der Einfachheit, wie vorhin erwähnt, aus dem Biedermeier, ein deutsches Thema, das mir vielleicht nicht bewusst geworden wäre, wenn ich in Deutschland leben würde. Vereinfachung, Minimalismus, Reduktion in der Kunst, besonders der Musik, ist eine ganz inflationäre Idee, es gibt hier so einen künstlichen Kulturüberbau des Minimalismus, der gar nicht hinterfragt wird und zu einem Lifestyle geworden ist.

Vereinfachung meint ja eigentlich Funktionalität und ist in der postkapitalistischen Wirtschaft zu Hause, Bauherren müssen vereinfachen, um Kosten zu sparen, Designer müssen vereinfachen aus Gründen den Lesbarkeit. Aber hat Einfachheit außerhalb der ökonomischen Funktion heute eine Bedeutung? Jedenfalls war eine der Ideen, bei “Liedgut” die Einfachheit von diesem funktionalen Aspekt lösen.

Debug: “Liedgut” hat mit dem ersten Atom™-Release vor acht Jahren ja wenig zu tun. Du hattest ja immer viele verschiedene, recht konkrete Formate. Warum erscheint das Album unter dem Projekt Atom™?

Ich hab lange Zeit sehr “dialektisch” gearbeitet, mich nach jedem Statement in Form einer Platte wieder davon abgestoßen und unter dem nächsten Namen was ganz anderes gemacht. Im Lauf des Rückblicks über die zehn Jahre meines Labels Rather Interesting ist mir bewusst geworden, dass das schon ein angenehmes Spiel ist, in dem man aber irgendwann gefangen ist und von dem man dann nur wegkommt, indem man es nicht mehr spielt. Señor Coconut wird weiterlaufen, aber sonst ist deshalb ab jetzt alles Atom™.

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Debug: Warum bist du nicht beim eingeführteren “Atom Heart” geblieben?

Zu lang! Das war der Grund vor acht Jahren … ein Bonus ist natürlich, den ewigen Pink-Floyd-Bezug los zu sein.

Debug: Vom Vereinfachen noch mal zurück zu Kraftwerk. Du dockst ja nicht nur über die Vocals bei ihnen an, sondern auch bei deiner Verwendung von Arpeggiator-Modulationen …

… die sie wiederum von Oskar Sala haben, ein weiteres Glied in der romantischen Kette.

Debug: … und nicht zuletzt über den Humor. Deren Musik wie auch dein Album sind ja auf eine eigene Art auch sehr komisch.

Das Spiel mit den deutschen Stereotypen, ja – das geht einem auf, wenn man lange im Ausland lebt. Man muss aber vor deutschem Publikum vorsichtig sein, denn sobald es um die Vergangenheit geht, nicht nur um die kritische, sogar schon um die jüngste wie die 90er, da haben die Deutschen einen Defekt: Wie auch die Angelsachsen verstehen sie sehr viel über Ironie und interpretieren alles komisch verzerrt. Man muss also den Humor eher klein halten. Auch deshalb die Reduktion aufs Wissenschaftliche, worin man ja eher wenig Schenkelklopfendes findet.

Debug: Also so was wie die Kadenz im Presetsound am Ende des Mittelteils.

Ein Schlussakkord nach so einem zerschredderten Teil, genau.

Text aus De:Bug 129

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Elektronische Lebensaspekte.

5 Responses

  1. De:Bug Musik » LB – Pop Artificielle

    […] Heart veröffentlicht einfach zu wenig. Steile These, klar, und de facto superfalsch. Dennoch: Liedgut ist schon wieder viel zu lange her. Und weil man eben dieses Album in Teilen wie eine Fortsetzung […]