Athina Rachel Tsangari liftet das griechische Kino
Text: Christian Blumberg aus De:Bug 160

Was macht das Kino in Zeiten der Krise? Einfach weiter. Ausgerechnet der junge griechische Film erfährt in den letzten Jahren auch international zunehmend Beachtung. Nach einem beeindruckenden Festival-Marathon kommt nun Attenberg auf die deutschen Leinwände. Darin findet Regisseurin Athina Rachel Tsangari ganz eigene, oft skurrile Formen für klassische Topoi des Kinos. In nicht ganz unwichtigen Nebenrollen: BBC-Urgestein Sir David Attenborough und die Musik von Suicide.

Wenn Marina und Bella Zungenküsse austauschen, dann ist Marina angewidert. Aber es hilft ja nichts: Das Küssen bedarf ein wenig Übung, bevor es in freier Wildbahn praktiziert wird. Und da Bella nicht nur Marinas einzige Freundin ist, sondern sich noch dazu in den Substitutionslogiken der Zärtlichkeit bestens auskennt, beginnt Attenberg mit einem mehr als ungelenk performten Probekuss. Im Film findet sich Protagonistin Marina in eine etwas skurril anmutende Coming-of- Age-Situation geworfen. Als Setting dient eine an der griechischen Küste gelegene, modernistische Wohnsiedlung mit angeschlossener Fabrikanlage, für deren Reißbretthaftigkeit Marinas Vater Spyros zumindest indirekt verantwortlich ist. Der nämlich ist Architekt, ein Umstand, mit dem er ebenso hadert wie mit seiner Gesundheit: Spyros ist an Krebs erkrankt und wird sterben. Und eben darum – und vielleicht auch, weil es der Wunsch des Vaters ist – scheint die immerhin schon 23-jährige Tochter Marina gewillt, ihr eigenbrötlerisches Leben aufzugeben und zu lernen, unter Menschen zu sein. Wozu eben auch die Sexualität gehört.

Marinas Lernprozess ist jedoch, weil Attenberg eben nicht in der Tradition filmischer Schicksalsdramen angelegt ist, etwas anders geartet als man vielleicht erwarten könnte. Marina weiß nicht, wie Sex geht, weil sie nicht weiß, ob sie diesen mit einem Mann oder einer Frau oder, noch viel grundlegender, überhaupt vollziehen soll: Sie hält sich nämlich für möglicherweise asexuell. Ja, eigentlich ist sie sich nicht einmal sicher, ob sie der Klasse der Säugetiere angehört. Zurückzuführen ist dieses taxonomische Problem wohl auf Marinas exzessiven Konsum der Dokumentationen von BBC-Tierfilmer Sir David Attenborough, seines Zeichens Schöpfer britischer TV-Reihen wie “The Life of Mammals” oder “Life On Earth” und bekanntermaßen Godfather der neueren Naturfilmerei. Der Film huldigt Attenborough schon im Titel: Attenberg ist ein Versprecher Bellas – und obendrein eine schöne Neukodierung des Namens Attenborough zu einem fiktiven Ortsnamen. Marina kann Attenboroughs Filme nicht nur mitsprechen (meint hier: mitzwitschern, mitgrunzen, mitknurren), sie verfällt auch abseits des Fernsehers regelmäßig in animalische Verhaltensmuster, oder besser: in Attenborough-Reenactments. Auf Konflikte reagiert sie in geduckter Haltung, fauchend, und durchaus ernste Gespräche enden oft in Tierlauten. Allein ein Balzverhalten ist bei ihr eben nicht zu verzeichnen.

Dann kommt ein Ingenieur in die Siedlung. Der teilt nicht nur Marinas Vorliebe für die Musik von Suicide, sondern bietet sich auch als Partner am Tischkicker an, was letztlich das Ende der Enthaltsamkeit einleitet. “I surrender” croont Alan Vega dazu im rührigsten aller Suicide-Momente. Von da an freilich verschieben sich die Koordinaten der ohnehin nicht konfliktfreien Dreiecksbeziehung zwischen Marina, Vater Spyros und Freundin Bella. Erst subtil, letztlich aber gründlich.

Dass Attenberg trotz seines klassischen Plots mit gepflegt-arthousiger Konsensware so gar nichts gemein hat, verdankt sich einerseits diesen spleenigen Eigenschaften seiner Protagonisten, vor allem aber einer Filmsprache, die sich nur am Rande an traditionellen Erzähltechniken orientiert. Stattdessen prallen hier ganz unterschiedliche Darstellungsmodi aufeinander. Tsangari montiert sehr komische Tanzeinlagen (welche die Choreografien einer Trisha Brown ebenso zitieren wie Monty Pythons Ministry of Silly Walks) mit quasi-dokumentarischen Szenen: Wenn Vater und Tochter wortlos beim Essen, beim gegenseitigen Waschen oder gemeinsamen Dösen vorm Fernseher gezeigt werden, dann scheint es, als sei David Attenborough höchstselbst hinter die Kamera getreten, um die kreatürlichen Gründe des menschlichen Verhalten zu sezieren. Ein forschender Blick ist das, der sich in Attenberg durchaus auch auf technische Vorgänge richtet. Beispielsweise in der vielleicht besten Szene des Films, die Vater Spyros letzte Reise als logistischen Prozess zur Schau stellt. Ein unbeholfen anmutender Gabelstapler verlädt seine sterblichen Überreste im Containerterminal des Athener Flughafens.

Und schließlich sind da noch ausdauernde Autofahrten durch die entvölkerte Wohnsiedlung und die verschlafenen Industrieanlagen. Diese Sequenzen inszenieren nicht nur die im Kino meist notorisch unterschlagene Zeit zwischen den für die Handlung bedeutsamen Ereignissen, sie erzählen dabei auch eine zweite Geschichte: Die durchfahrenen Nutzbaukomplexe wirken wie die verlassene Kulisse eines Films von Antonioni. Doch das utopische Versprechen, das in Antonionis Inszenierungen modernistischer Architektur noch strahlte, ist hier längst verloren. Die Ideen der Moderne, auch die Ideen eines modernen Griechenlands: In Tsangaris Geländen scheinen sie nur als fahle Erinnerung ihrer selbst, als Ruinen einer Haltung, die ihr eigenes Coming of Age im 20. Jahrhundert nur über ihre Selbstaufgabe hat bewältigen können. Womit wir wieder bei Marina wären und auch bei ihrem Vater, der sich als Architekt und Atheist als von der Geschichte überholt erkennt und somit auch sein eigenes Dahinscheiden als fast schon logischen Schritt begreift. Darin liegt die vielleicht größte Leistung von Tsangaris Film, dass er solch schwergewichtige Themenkomplexe ganz beiläufig einflechtet. Wie es ihm überhaupt gelingt, all seine thematischen Figuren fast schon virtuos in vielfältige Beziehungen zu setzen – ein Punkt, in dem Attenberg dann doch einem sehr klassischen Konzept der Komposition folgt. Aber bevor dem Zuschauer derartiges (zu sehr) auffällt, tänzeln Marina und Bella schon wieder ihre wunderlichen Synchronschritte, unterhalten sich über Penisbäume (sic!) oder singen die Lieder von Françoise Hardy.

Attenberg, (Griechenland 2010)
Regie: Athina Rachel Tsangari
Deutscher Kinostart: 10. Mai 2012
Verleih: Rapid Eye Movies

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