Attila Jahanvash macht Techno im Angedenken an Metal im Exil. Den Blonden in der Faust, den Styleguide von Gloria Gaynor über Snap bis Dimple Minds im Kopf, mit den Kumpels an den Knöppen macht der Iraner Musik, die darauf schwört, dass man an Bushs "Achse des Bösen"-Einordnung vorbei in jedem "Haus der Jugend" ein friedliches Bier nehmen kann. Raven ist eben doch kein Terror (siehe Recloose).
Text: oliver klangschneider aus De:Bug 59

Nackt In Teheran

George Bush benannte mit dem Iran kürzlich einen Kandidat seiner persönlichen “Achse des Bösen” und stellte damit eine ganze Bevölkerungsgruppe pauschal an den Weltpranger. Attila Jahanvash ist Iraner, der zwar schon seit 17 Jahren in Frankfurt lebt, dabei aber ein gutes Beispiel dafür ist, wie polemisierend und unzutreffend solch abstruse Pauschalisierungen sind. So versucht sich der 32-jährige, gemäßigte Muslim inmitten dieser politischen und kulturellen Wirren mittels Wort, Bild und vor allem Ton – wie auf seinem neuen Album “Haus der Jugend” – zu positionieren. Ich treffe Attila Jahanvash in seinem geschmackvoll eingerichteten Studio, das sich im Keller des Medienvertriebs “Neuton” in Offenbach befindet. Aufgrund der aktuellen Geschehnisse landen wir aber weit vor dem Thema Albuminhalt beim aktuellen Zeitgeschehen. “Es ist doch so, dass nach dem 11. September weltweit viele Leute die Moslems hassen und denken, dass wir alle Terroristen sind. Das Cover soll einfach sagen: He, es gibt auch Moslems, die beten, Bier trinken und Techno produzieren. Ich muss keine Bomben basteln…” Mit provozierenden Titeln wie “Nackt in Teheran” rüttelt er dazu mit einem zwinkernden Auge an den fundamentalistischen Grundfesten mancher Glaubensbrüder und fechtet unverdrossen mit “Liebe und Freundschaft” auf dem Schild gegen die übermächtigen Windmühlen der religiösen Vorverurteilung an. “Wir sind alle Opfer der Medien”, konstatiert er etwas betreten und hat damit wohl nicht unrecht.

Als Mitte der Achtziger im Iran der Krieg gegen den Irak tobt und Attila der Militärdienst bevorsteht, entscheidet sich seine Familie, nach Deutschland auszuwandern. In der ‘neuen Heimat’ besorgen Metallica und Konsorten die ersten musikalischen Eindrücke, von denen sich heute einige verfestigt haben. “Techno ist für mich Heavy Metal ohne Gitarren”, sagt Attila mit selbstverständlicher Überzeugung, “und wenn Leute sagen, dass die nur rumschreien und aggressiv sind, dann stimmt das so nicht. Ich sehe diese Musik als emotionales Ding, ein ganz persönliches Ventil für Schmerz.” Sein eigenes musikalisches Ventil entdeckt er, als er Anfang der Neunziger zusammen mit seinem Cousin aus Holland mehrfach im Frankfurter Omen zum Sound von Snap und Dr. Alban abgeht. Der Cousin ist es auch, der ihm die ersten Schritte mit dem Atari erläutert und ihm den Novizenstatus in Sachen “Sequenzing mit Cubase” nimmt. “Luxus”-Labelhead und späterer Intergroove-Kollege Olaf Pozsgay, der zu dieser Zeit schon einige Titel auf Frankfurt Trax veröffentlicht hatte, nimmt ihn darauf unter seine Fittiche. “Olaf war sozusagen mein Lehrer. Bei einem Track, der für mich fertig und perfekt war, sagte er, dass sich die Melodie ganz gut anhören und ob wir daraus nun ein Lied machen sollen. Er hat mir die Tricks gezeigt.” Die Labelsuche bleibt aber vorerst erfolglos, worauf Attila 1996 zusammen mit der finanziellen und beratenden Hilfe seiner Mutter das Label “Nicotine Records” ins Leben ruft. Über die dort veröffentlichte Mucke will er heute nicht mehr allzu viele Worte verlieren und beschreibt sie kurz und knapp mit den Termini Acid Trance und Techno mit einem Hauch von Goa.

Die Frage, was ihn eigentlich grundlegend musikalisch beeinflusst, lässt ihn nachdenklich werden: “Meine Einflüsse liegen auf keinen Fall in der iranischen Musik. Ich liebe einfach Musik, seit ich denken kann. Musik zu lieben hat für mich auch nichts damit zu tun, ob man selbst produziert oder nicht.” So steht in seinen Alltime Favourites Metallica neben Gloria Gaynor, Portishead neben Radiohead, Steve Bug neben Tanita Tikaram und zu guter letzt Vivaldi neben den versoffenen Dimple Minds aus Bremen. Ob Underground oder mutmaßlich kommerziell konzipierte Tracks, Attila schert sich einen Scheiß drum. “Für mich ist es egal, ob es ein Technotrack oder ein Top Hit aus den Charts ist, solange es mich emotional berührt, ist es für mich gute Musik. Es geht um die Liebe zur Musik und nicht darum, ob man cool oder uncool ist. Deine Gefühle sind der Filter.” Mit der Versiegelung des Kapitels “Nicotine” verschwinden auch die Klangkisten aus dem direkten Zugriffsbereich und Attila versucht sich fortan drei Jahre lang als Gastronom. In Frankfurt-Bockenheim führt er bis zur Jahrtausendwende die Szene-affine “Blue Bar”, bis ihm das Ordnungsamt und die unvorteilhafte Lage des Etablissements den Spaß an der Sache nehmen. Die Frustration darüber währt jedoch nicht lange und wird ein halbes Jahr später endgültig von einer musikalischen Renaissance vertilgt, da er zuvor mit Jürgen Link und Peter Armster zwei Aktivisten kennen lernte, die gerade im Begriff waren, ein Label aus der Taufe zu heben. Es folgen zwei Label-Debütrelease des Iraners, einmal für Peter Armsters “Punkt Music”-Imprint und zum anderen für Jürgen Links Z-Schallplatten. Letzterer war es wohl auch, der Attila von der Techno-Trance-Schiene holte und auf den Geschmack des minimalen Grenzgangs zwischen Techno und House brachte. “Der Jürgen hat schon einen Einfluss auf meine heutige Musik gehabt. Aber, mmh, wie bezeichnet man die? Die Richtung ist schon minimal, Dub House/Techno vielleicht aber nicht die treffendste Umschreibung. Man verändert das Ganze. Ständig. Ich bezeichne meine Musik nicht als etwas Neues, aber als etwas Besonderes.”

Wir sitzen bei der dritten Büchse Blondem, als wir endlich auf sein neuestes Werk, das auf Z-Schallplatten erschienene Debütalbum “Haus der Jugend” zu sprechen kommen. Entgegen seiner bisherigen Veröffentlichungen, die zwar im straighten 4/4-Takt, aber doch eher zurückgenommen zwischen heimischem Sofagenuss und redundantem Loungetechno agierten, ist “Haus der Jugend” um mehrere Umdrehungen Tanzflächen-kompatibler geraten. “Dadurch dass ich vor einem knappen halben Jahr angefangen habe, Platten aufzulegen, ist es vielleicht so, dass ich gerade unterbewusst eine Weiterentwicklung zu anderen Beats und Rhythmen erlebe.” Meine ausgesprochene Vermutung, dass bei “Haus der Jugend” mit zahlreichen analogen Gerätschaften hantiert wurde, wird knapp revidiert. “Das Album wurde nur mit zwei Sampling-CDs gemacht und sonst mit gar nichts. Ich arbeite nur noch auf rein digitaler Basis, meine analogen Gerätschaften habe ich im Keller.” Es braucht für ihn keinen Maschinenpark, um die gesteckten Ziele zu verwirklichen. Nur ein Digitalmischpult plus dickem Rechenknecht und immer genügend kaltes Henninger in der Fridge. “Musik beschreibt irgendwo die Seele dessen, der sie macht. Ich setze mich einfach hin und mache das, was aus mir herauskommt. Ich versuche es, mit meinen Mitteln umzusetzen. Die Gefühle spielen bei mir eine große Rolle und nach ein paar Gläsern kommt sowieso alles von allein…” Seit ein paar Monaten lädt er auch Stammheim-DJ und Producerkollege Marco Cannata gerne mal auf ein Gläschen zu sich ein, um gemeinsam mit ihm auf die zwei TFT-Screens zu starren, um Arrangement- und Soundideen abzugleichen und natürlich um viel Spaß vor der farzenden Monsterabhöre zu generieren. Infolgedessen erscheint im Herbst ein gemeinsames Album der Beiden, wobei bewusst auf einen Projektnamen verzichtet wird, um sich durch forcierte Präsenz weiter im Technobiz zu etablieren. Ein kleiner Vorgeschmack auf das Material wird mir beim vierten (und letzten) Halb-Liter-Mörser dargeboten, Attila grinst mir fußstampfend entgegen und skipt im Appetizer-Tempo durch die sechs, sieben fertigen Tracks. Anschließend legt er in der Vorfreude auf das tags darauf stattfindende DJ-Booking noch ein paar Scheiben auf, lacht mit funkelnden Augen und der was weiß ich wievielten Büchse in der Hand zu mir herüber und sagt bestimmt: “Ich will von Musik leben. Ich habe mich dafür entschieden.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.