New York aus Küchenperspektive
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 110


Die drei New Yorker Freundinnen von Au Revoir Simone umschmeicheln mit ihren Vintage-Keyboards das melancholisch Banale im Synthie-Pop – und “Mädchen” ist plötzlich wieder eines der verheißungsvollsten Rätsel.

“Wir sind auf dieses wunderschöne Landhaus eines Freundes gefahren. In einem Vorort von New York. Mit ganz viel Natur. Und dort hat die magische Reise begonnen, in der wir drei uns letztendlich in einem Wald gefunden haben. Von dort wanderten wir zusammen weiter, immer auf der Suche. Wir haben alle verschiedene Charakterzüge. Ich zum Beispiel sammle Steine. Annie macht eine Flagge. Was hast du noch einmal gemacht, Erika?“ “Ich halte eine Karte.“

“Und ihr kanntet euch zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht?”

Der Interviewer ist recht verwirrt. Dachte er doch, die Frage nach der Entstehungsgeschichte der Band gestellt zu haben. Im Gewusel und aufgeregten Treiben im Backstage-Bereich des Berliner Clubs Magnet, eine halbe Stunde vor dem Auftritt im proppe gefüllten Club kann es schon einmal vorkommen, dass Dinge durcheinander geraten. Die drei Frauen sind für die Begriffe des Interviewers in diesem Moment noch recht unkonzentriert und zu unterschiedlich im Raum verteilt. Annie schmiert sich ein Brötchen, während Heather ihr Kleid richtet. Wo ist Erika eigentlich? Au Revoir Simone werden später einen famosen Live Gig hinlegen und gerade eben haben sie versucht, den Inhalt ihres Musikclips zu dem Lied “Fallen Snow” zu erläutern.

Mit der Auflösung des Kommunikationsproblems geht Gelächter einher. Man freut sich. Dass so was passiert. Aber die Geschichte, die sie da erzählen, ist gar nicht so weit entfernt von der eigentlichen. Erika, Heather und Annie treffen sich regelmäßig in ihren Wohnungen in Brooklyn. Was zuerst gar nicht als Bandprojekt mit Proben gedacht ist. Sie hören Platten, reden über Musik. Die Gäste kommen und gehen, aus dem Plattenhören wird ein Musiknachspielen, von den Gästen blieben die drei übrig. Und eine ganze Menge Vintage-Klaviere, Miniatur-Casios und Raritäten von Roland und Korg.

Brooklyn statt Süddeutschland
Au Revoir Simone ist eine All-Keyboard-Band. Sie spielen alle Synthesizer, Heather noch eine Drummachine. Sie singen alle und jede der drei schreibt Texte. Wenn sie live spielen, bauen sie sich nebeneinander, in einer Reihe auf. Es gibt also kaum ein Rockethos, der noch zu brechen wäre. Ins Publikum rotzen und ein Bein auf der Monitorbox beim Gitarrensoli, da mag man gar nicht dran denken. Tut man es doch, schämt man sich hinterher und wird ganz rot.

Diese Art von Musik hat man eine Zeit lang Electropop genannt. Im ersten Augenblick hört sich “The Bird of Music” auch an wie jene verspielten und beschaulichen kleinen Lieder von vornehmlich deutschen Bands wie Lali Puna, Ms John Soda oder Guther. Aber mit dieser Art des Pop, die in ihrer Hochphase um die Nullerjahre herum in Kleinstadt-Cafes und Studentenwohnheimen angekommen und irgendwo dort verloren ging, hat das Album nicht wirklich etwas zu tun. Diesen Bands hing immer dieses Verschlafene, leicht Tranige an, was sehr schön war, für einen Sommer.

Au Revoir Simone sind auch oft elegisch, leicht traurig, schwärmerisch und manchmal auch verschlafen. Vielleicht ist es einfach etwas anderes, ob man im Süden Deutschlands den Versuch startet, dramatische Unentschlossenheit zu zelebrieren, oder in Brooklyn, New York, pathetisch dem süßen Schmerz der Sehnsucht huldigt.
Vielleicht ist es sogar noch einfacher und es ist nur das Mehr an BpM, das bei den drei New Yorkerinnen den Schlag ausmacht. Den Mehrschlag.

Die Musik erscheint beweglicher, die leicht traurigen Lieder sind genauso von Melancholie getragen wie von einer, das können wir ruhig mal so sagen, mädchenhaften Leichtigkeit. Diese Art Mädchenhaftigkeit, die auch eine Band wie Phoenix auszeichnet: bei einem Hang zum Nachdenklichen und Traurigen trotzdem die traumwandlerisch-sichere Geste der schwerelosen Poppigkeit drauf zu haben, den Hang zum klassischen Popsong – statt in schlaffer Unentschlossenheit zu versacken. Wie geil ist das denn, wenn man gleichzeitig ein Gefühl von Zweifel besingt und trotzdem dazu getanzt werden kann.

Heather meint: “Bevor ich eine Band gründete, dachte ich, dass man es wie Belle and Sebastian macht. Traurige Lieder mit traurigen Texten in ein sehr schönes und oft lustiges Gewand kleidet. Man denkt doch immer an die Schönheit da draußen, dass es die auch gibt. Ich denke, wir sind recht optimistische Menschen, nur ein bisschen traurig.“

Und Erika ergänzt: “Ich versuche seit drei Jahren ein Lied zu schreiben, wie sehr ich meinen Freund liebe, und immer kommt etwas Trauriges dabei raus. Oder ein Text über das Brot aus dem Bäckerladen. Ich weiß auch nicht, warum das passiert. Er schreibt immer Lieder für mich und ich soll die singen und wenn ich das versuche, muss ich weinen, weil sie so schön sind.“

Messlatte Hipster-Bäckerei
“Ihr kommt aus New York.“
“Wir sind sicher nicht so eine New-York-Band, vielleicht sind wir auch eine, aber das ist nicht wichtig für unsere Musik.“
“Es könnte wichtig sein.“
“Also es wäre möglich, dann aber so etwas wie unser New York.“
“In New York sind ja alle in erfolgreichen Bands, da ist man fast gezwungen, das auch zu machen. In unserer Nachbarschaft: Clap your hands, TV on the Radio, Sufjan Stevens, yeah yeah yeahs, the Strokes, the Rapture …“
“Aber unser New York ist im Backyard und in der Küche.“

Die Damen leben in Green Point, Brooklyn. Nicht zu verwechseln mit Williamsburg, dem anderen angesagteren Teil von Brooklyn. Darauf bestehen sie – und die Kategorie der Unterscheidung ist das Nicht-Vorkommen von Hipster-Bäckereien.
“Mögt ihr denn keine Hipster-Bäckereien?“
“Da sind einfach keine.“
“Doch, es gibt eine.“
“Nein, die ist aber nicht in Green Point, die ist in Williamsburg. Da gibt es Tonnen.“
“Ich mag Hipster-Bäckereien.“
“Ich habe nie gesagt, dass ich die nicht mag.“

Au Revoir Simone ergänzen sich beim Musizieren und Sprechen auf eine so charmante und unterhaltsame Art, dass man fast denkt, sie wären nur eine Einzige. Man muss auch keine Frage stellen, die Wunderschönen sitzen beineüberschlagend da und reden, als würden sie nie etwas anders machen, in einem Selbstgespräch immer weiter, werfen permanent etwas ein und sich die Bälle zu. Aber nicht so klatschend, das ist eher die lakonische Art, wo gar nichts passiert, wenig Stoff kommt, dann aber dieser Hit von Satz.

Es gab schon ein Minialbum mit acht Liedern auf Moshi Moshi. Das Debüt nun ist von einer leichten Unaufgeregtheit. Minimale Synthiepop-Songs, die irgendwie Zuversichtlich klingen, dem Ohr so lange schmeicheln, bis es fast Gedudel ist, und eine gewisse Behaglichkeit auslösen. Wie Waldböden. Bei Sonnenschein. Wenn man da einschläft, im Spätsommer. Dann aber wacht man auf, es ist dunkel geworden, der Boden ist leicht feucht, man hat wirr geträumt, schlägt die Augen auf und weiß im ersten Augenblick nicht so recht, wo man sich befindet. Ach je.

Die Leichtigkeit grenzt auf grandiose Art an Banalität. Diesen Vorwurf musste sich auch Sophia Coppola für ihre Verfilmung von Virgin Suicides gefallen lassen. Auch dort spielen sehr schlaksige, sehr langhaarige und sehr gut aussehende Mädchen so sehr die Hauptfiguren, dass offenbar kaum mehr für etwas anderes an Plot Platz ist. Fast verschwand die Tragik hinter einer Oberfläche aus auf blumigen Wiesen schaukelnden Mädchen.

Auf dem Promocover inszenieren sich die Mädels von Au Revoir Simone ganz im Sinne von Mädels. Beim Klamottenaussuchen, mit schwerem Licht in einem schönen Raum, vielen Schuhen und schönen Kleidern. Man schaut wehmütig aus dem Fenster. Gibt sich wohlgekämmt, introvertiert und sensibel.

Die intime Stimmung und gleichzeitige Einfachheit des Bildinhalts verwirrt uns. Wir können uns nicht entscheiden, ob das nun einfach banal, hedonistisch-elegant oder unbestimmt tiefer gehend ist. Virgin Suicides jedenfalls, das können wir mit Sicherheit sagen, ist ein Meisterwerk.

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Elektronische Lebensaspekte.