Kennon Ballou arbeitete zwei Jahre lang bei dem Filesharingsystem Audiogalaxy als Programmmierer. Der Informatikstudent der University Of Texas hatte einfach auf eine kleine Anzeige am schwarzen Brett der Cafeteria geantwortet. Die Home-Story der etwas anderen Art.
Text: Kennon Ballou aus De:Bug 62

Aufgrund einer Klage der amerikanischen Verwertungsgesellschaft RIAA hat sich unser liebstes Filesharingsystem Audiogalaxy dazu entschließen müssen, alle Songs zu blockieren, die man über Audiogalaxy runterladen konnte. Begonnen hat die Geschichte jedoch gänzlich woanders.

Der Blitz schlägt ins Netz

Audiogalaxy begann als eine FTP Search Engine namens “Borg Search”, die Michael Merhej geschrieben hatte. Im Physik Lab der University of Texas traf Michael auf David McArthur. Zusammen dachten sie sich Audiogalaxy, kurz AG, aus. Zunächst war AG eine einfache FTP-Suchmaschine, aber schnell begannen die beiden, Musikern Platz auf den Seiten anzubieten, um sich selbst zu promoten. Artist und Label hatten die Möglichkeit, selber MP3s zu posten, die dann jeder runterladen konnte. Zusammen mit einem kleinen redaktionellen Teil voll Reviews und Artikeln begann AG langsam zu wachsen. Drei Monate bevor ich angestellt wurde, schlug ins Netz ein Blitz ein: Napster. Michael und David realisierten die Macht von Filesharing-Systemen sehr schnell und beschlossen, dass so ein System eine großartige Art wäre, die Musik, die es auf AG schon gab, weiter zu verbreiten. Die Realisierung dieses Konzepts war der Audiogalaxy-Satellite. Es gab von Anfang an zwei Softwaredesign-Entscheidungen, die den Satellite von jedem anderen P2P-System unterschied: Zum einen ein Webinterface und zum anderen eine Queue für späteres Schicken von Tracks. Michael schrieb einen Großteil des Codes für den Windows Satellite Client und Tom Kleinpeter, ein anderer Programmierer, den Hauptteil des Linux basierten Codes für den Server, den die Satellites abfragen.

Von 500 Usern zu 80 Millionen

Als ich mit aufgenommen wurde, erfreute sich der Satellit einer recht dezenten Menge an Traffic. Um die 500 – 600 gleichzeitige User waren der Höhepunkt. Ich war schon damals überrascht von der Menge an Musik, die es in diesem Netzwerk gab, das meiste davon auch noch Musik, von der ich noch nie gehört hatte. Über die Foren auf der Webseite begann die AG Community dann zu wachsen. Viele der frühen Mitglieder waren selber Musiker und fütterten all ihre Tracks ins System.
Das erste Webinterface für den Satellite war funktional, aber weder hübsch noch besonders effizient. Ich sollte ihm ein neues bauen. Obwohl es einige Web-Programmierer gab, war ich wohl derjenige, der am längsten dabei war, ungefähr die Hälfte des Codes der Webseite werde ich wohl geschrieben haben. Ich sage das, weil: Es ist extrem befriedigend, Code zu schreiben, den so viele Menschen benutzen (als ich AG verlassen habe, waren es 80 bis 90 Millionen Seiten am Tag). Heute bin ich noch glücklich, dass sie sich entschieden haben, mich als relativ unerfahrenen Programmierer mit ins Boot zu holen. Ich habe viel gelernt und es überzeugte mich, dass ich wirklich Softwareprogrammierer werden will. (PS: Wenn jemand nach einer Weltklasse Computerscience-Ausbildung sucht, die nicht viel kostet, geht an die University of Texas, Austin).

Spyware und Transparenz

Gegen Ende meiner Zeit bei AG gingen die Anzeigen-Einkünfte extrem in den Keller und wir waren gezwungen, uns andere Finanzierungsmöglichkeiten zu suchen. Ungefähr in dieser Zeit begannen wir, Spyware in den Installer der Satellites zu integrieren, denn die bezahlten einfach gutes Geld und niemand anders sonst schien welches zu haben. Entgegen vieler Anschuldigungen gab es immer die Option, die Spyware nicht mit zu installieren. Außerdem gab es ein ReadMe-Dokument, in dem genau erklärt wurde, was diese Software tut – das ReadMe wurde natürlich von fast allen ignoriert. Wir alle haben Spyware nicht gemocht und hassten es, andere Software mit dem Satellite zu bündeln, aber irgendwie mussten wir Geld verdienen und versuchten wenigstens, das Ganze so transparent wie möglich zu machen.
Was die Technologie betrifft, die bei AG im Spiel war: Wir arbeiteten mit PHP, Apache, MySQL und Linux – ich vermute, dass Audiogalaxy eine der Seiten mit dem meisten Traffic in dieser Konstellation ist. Vor Audiogalaxy kannte ich PHP gar nicht, jetzt ist es meine Lieblingssprache. Es ist großartig, C Extensions einfach mit HTML Layout zu verbinden (manche Leute wollen mehr damit tun, wie immer). Ich musste eine Menge über das Skalieren von Scripts und Datenbank-Tabellen lernen, denn einige Dinge, die bei 1000 Anfragen gut funktionieren, legen sich bei 10 Millionen am Tag flach. Wir waren auch unter den ersten der vielen Filesharing Programme, die einen Linux Client hatten.

Firmenkultur, gibt es

Die Firmenkultur bei Audiogalaxy war einfach großartig: mit dem Music Staff und den Programmierern waren wir etwa 15 junge, intelligente, Musik liebende Leute. AG war immer sehr effizient mit Geld; die meisten Leute, die dort gearbeitet haben, waren wie ich College Studenten. Wir haben zwar nicht so viel Geld bekommen wie bei manch anderen Dotcoms, aber um Längen mehr als beim Pizza-Ausfahren. Vor allem aber konnten wir an etwas arbeiten, an das wir wirklich glauben konnten – und mir wird von Tag zu Tag klarer, wie wichtig das ist. Das Office war dezent, aber in einem sehr coolen Teil von Austin, ein paar Blocks von Waterloo Music entfernt und ich möchte gar nicht wissen, wie viel Geld ich in dieser Zeit für CDs ausgegeben habe. Manchmal hat Michael die gesamte Firma zu irgend einem teuren Restaurant geschleppt, meistens aber war er mit Geld recht sparsam. Alles in allem glaube ich, dass AG mit Geld sehr clever umging und deshalb auch den Dotcom-Tod sehr gut überstanden hat.
Ich hatte recht flexible Arbeitszeiten und einen sehr sympathischen Boss. Die Musik-Leute arbeiteten meist tagsüber, einige der Programmierer kamen abends und codeten die Nacht durch – auch um den Staus in Austin zu entkommen. Ich und einige andere hatten die Arbeitszeit dem Uni-Stundenplan angepasst, weil die meisten von uns ja in der Universität waren, auch unser Chef. Es ist schon ziemlich albern, wenn der Chef deiner Firma anfängt, über seinen Spanischunterricht zu jammern.

Online Community

Wir haben extrem viel Zeit und Aufwand dafür verwendet, die Community-Aspekte von Audiogalaxy zu entwickeln. Nahezu jede Einheit und jede Band der Seite hatte kommentierbare Boards. Diese Boards waren dafür da, um verschiedene Leute mit ähnlichem Musikgeschmack zusammenzubringen und ich glaube, damit hatten wir auch enormen Erfolg. Jeder einzelne User konnte seine eigene Seite haben, die ein Profil von ihm und den Dingen zeigte, die er mag. So hat sich eine ziemlich lebendige Community entwickelt, die auch jenseits von Musikgenres und Bands funktionierte. Eins meiner Lieblingsfeature von Audiogalaxy gab einem die Möglichkeit zu sehen, welche User die Seite, auf der man selber war, in den letzten 90 Sekunden auch gesehen hatten, unterteilt nach Ländern oder Staaten. Es war einfach faszinierend zu beobachten, von wo überall die Leute kamen, mit denen man reden konnte.
Abgesehen mal von den Community Features war unser Music Staff ganz schön aktiv und schrieb Reviews und eine Menge Artikel. Während vielleicht einige Schreiber wirklich etwas zu offenherzig böswillig waren und gelegentlich auch unter einem Fall von akutem Musiksnobismus litten, übersahen die meisten Leser dagegen, dass dieser Stil auch dazu da war, die Leser zu pushen. Es hat mich immer amüsiert, wenn jemand 15 Seiten voller Postings auf Audiogalaxy packte, um zu sagen, wie sehr er die Schreiber von AG hasst.
Es war immer das Ziel der Firma, nicht einfach einen Filesharing-Service anzubieten, sondern eine Community von Musikliebhabern zu schaffen, die aktiv an neuer Musik interessiert sind. Und wie ich schon gesagt habe, während ich bei AG gearbeitet habe, hab ich Tonnen (!) von CDs gekauft, und nahezu alles war Musik, die ich vorher als MP3 kennen gelernt hatte. Es war einfach aufregend, mit jemandem über seine Lieblingsband zu plaudern, während des Gesprächs Tracks der Band zu queuen und am Ende des Gesprächs schon die ersten Tracks zu hören, über die man eben noch geredet hatte. Bei einigen Bands, die nun zu meiner Lieblingsmusik gehören, änderte sich innerhalb von fünf Minuten meine totale Unkenntnis zu innigem Verliebtsein. Und vielen meiner Freunde ging es ähnlich. Das ganze System machte es einem einfach leicht, neue Musik zu finden, genau dafür wurde es auch designt. In seiner Höchstphase machte es das sogar brillant.

Der RIAA Komet

Während des Sommers, als Napster von der RIAA verklagt wurde, verfolgten wir den Fall sehr genau. Natürlich. Wir realisierten schnell, dass jede Art von gerichtlicher Entscheidung auch uns direkt betreffen würde. Als die RIAA uns kontaktierte, gingen wir dann auch ziemlich schnell auf sie ein und begannen Files, nach denen sie uns gefragt hatten, zu blocken. Und ich muss sagen, sie waren überhaupt nicht effizient. Jedes Mitglied, für das sie arbeiteten, hatte sein eigenes Format, die Daten zu speichern, in denen die Künstler und Tracknamen waren – und sie schickten uns einfach einen Haufen CD-Rs voller unorganisierter Daten. Wir brauchten fast einen Full-Time Arbeitsplatz, nur um all diese Daten zu importieren, obwohl wir ihnen ein System bereitgestellt hatten, dass es ihnen selbst und auf sehr einfache Weise ermöglicht hätte.
Allerdings ist es allgemein extrem schwierig, digitale Medien zu filtern. Wenn du niemanden hast, der davor sitzt und zuhört, ist es fast unmöglich herauszufinden, dass das MP3 “Unsigned Band – Lame Song.mp3” tatsächlich der neue NSYNC-Hit ist. Zunächst hatten wir einfach ein Textmatching-System, dass die Tracks anhand der Titel rausfilterte. Nur waren die User natürlich clever genug, die Files so umzubenennen, dass nur ein Mensch herausfinden konnte, was sich dahinter verbirgt. Nach mehr und mehr Druck von der RIAA haben wir dann tatsächlich eine Art Checksum-Analyse des ersten Megabytes von jedem Track gemacht. Ich hatte mit der Programmierung nichts zu tun, weiß also nicht genau, wie es funktionierte, aber es war recht effektiv. Nach diesem effektiv funktionierenden Filter gab es schnell eine Art genereller Übereinkunft, dass Audiogalaxy vor allem gut für Mitschnitte von Liveauftritten, unveröffentlichtem und nicht Copyright affiziertem Material war. Was mir eh lieber war, ich finde, dass Audiogalaxy damit eine neue Stärke entwickelte. Jemals versucht, eine Liveversion von “Scream The Sound” von Emerald Down auf Gnutella zu finden? Das gelingt nie im Leben.
Wie auch immer: Wir haben uns alle Mühe gegeben, mit der RIAA klarzukommen. Wir haben kein Stück den rebellischen Musik-Piraten gespielt, denn wir wollten die Infrastruktur für eine sehr gut funktionierende Musik-Community bauen. Und diese Anstrengung unsererseits, da bin ich mir sicher, gab uns auch ein paar Monate Gnadenfrist.

Die Klage

Wenn ihr noch nicht die Anklageschrift der RIAA gegen Audiogalaxy gelesen habt, würde ich euch vorschlagen, das mal zu tun. Es ist ein brillanter Fall von Schummelei. Dort behaupten sie einfach, dass Audiogalaxy vollkommen unfähig wäre, Piraterie zu stoppen. Sie sagen, dass das Filtersystem von AG “von einem Erstsemester-Studenten besser hätte geschrieben werden können”. Sie behaupteten auch, dass AG nur existiere, um Copyrights zu brechen und deshalb Royalties zurückzahlen müsse.
Wie ich in diesem Artikel versucht habe zu erklären, hat Audiogalaxy einiges mehr versucht. Aber das ist eigentlich nicht wichtig, denn die RIAA ist ein riesengroßer, schwerer Gorilla und selbst wenn AG versucht hätte, gegen den im Gerichtssaal zu kämpfen, wäre jeder Sieg nur ein Pyhrrus-Sieg gewesen. Die RIAA hat genug Geld, um jeden, der kleiner ist als sie, in den Boden zu stampfen – und das zeigen sie gern. Ich glaube, wenn man keine Megacorporation im Rücken hat, die Berge von Geld in einen reinsteckt, dann hat keine P2P-Firma auch nur den Hauch einer Chance gegen die RIAA.
Aber die RIAA macht natürlich genau das, wofür sie erfunden wurde. Die Interessen und Businessmodelle ihrer Plattenfirmen zu schützen. Und das macht sie brillant. Es ist wahr, dass sie niemals in der Lage sein werden, Filesharing ein für alle mal zu beenden, aber die Firmen, die die Software dafür produzieren, vernichten sie auf lange, lange Zeit. Und sie haben auch genug Geduld, weiter auf ihnen rumzutrampeln.

Ich vermisse es

Wenn ich rumtöne, dass Audiogalaxy das Beste war, denken vermutlich einige, dass ich voreingenommen bin. Vielleicht bin ich es, aber ich glaube, einige Feature machten AG einfach besonders gut: Zunächst mal war die Indizierung von Musik exzellent. Der Satellite Client schnitt sich die MP3-Filenamen in Artist und Trackname zusammen und fragte beim System an, ob es von denen schon mal gehört hatte. Wenn dem so war, gab es dem MP3-File eine Artist- und Song-ID, so dass, wenn jemand danach gesucht hat, das System wusste, wer sie hatte, egal ob sie mit anderen Filenamen benannt waren oder nicht. Dadurch wurde das Suchen nach Tracks extrem einfach. Obwohl so etwas natürlich eine Menge Junk produziert, konnte das System sich von Zeit zu Zeit ganz gut davon reinigen.
Da die Indizierung so gut lief, konnte man einen Song auch queuen, wenn keiner online war, der ihn hatte. Sobald jemand connectete, lud es dann runter. Dann suchte es auch nur nach Tracks, die die gleiche Größe und Bitrate hatten, so dass die Satelliten die Downloads sehr einfach und transparent machen konnten. Ich kann es einfach nicht leiden, fünf verschiedene Versionen eines Files auszuwählen, nur um dann eins zu bekommen. Es war einfach großartig, auf die Webseite zu gehen, bevor man eingeschlafen ist, ein paar hundert Tracks zu queuen und morgens beim Aufwachen die meisten auf der Festplatte zu haben.
Besonders gerne mochte ich außerdem die Tatsache, dass AG webbasiert war. So war es möglich, neue Feature sofort öffentlich zu machen. Obwohl der Satellite ab und an mal upgedated werden musste, war das längst nicht so häufig wie bei vielen anderen Programmen. Ein anderer Vorteil war, dass man zuhause den Satelliten laufen lassen konnte, und wenn einem in der Schule was einfiel, was man gerne hätte, konnte man es einfach in die Schlange der wartenden Tracks legen, so dass es zuhause auf einen wartete. Tatsächlich habe ich AG so ziemlich oft benutzt. Bis heute habe ich noch kein anderes System gefunden, dass einen so nahtlosen Übergang zwischen dem Finden von Musik und dem Treffen von Leuten herstellen konnte, die Musik mögen, die man selber auch mag. Sicher, Filesharingsysteme versorgen einen ganz gut mit Musik, aber eine Community wie AG hat kein anderes System hinbekommen.

Für immerhin viel Geld hat Audiogalaxy nun einen Deal außerhalb des Gerichts gemacht. Es blockiert nun alle Songs, die man über AG runterladen konnte. Die User werden sich in den nächsten Wochen wohl verkrochen haben. Audiogalaxy wird es hoffentlich in einer anderen Form weiter geben. Ich bin traurig, dass Audiogalaxy uns verlassen hat, aber es war ein verrückter Trip, solange es lief, und ich werde diese Zeit nie vergessen.

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Elektronische Lebensaspekte.