Der japanische Filmregisseur Takashi Miike dreht lieber vier Filme im Jahr mit wenig Geld, keiner Moral und viel Blut als einen mit viel Geld und viel Moral und wenig Blut. An Kritikerpreisen kommt er damit trotzdem nicht vorbei.
Text: Ingrid Arnold aus De:Bug 44

Beauty is the Beast
Takashi Miikes AUDITION und DEAD OR ALIVE

Es liegt bloß am Starttermin, dass das Genre-Doppel AUDITION und DEAD OR ALIVE gemeinsam in einem Text gelandet sind. Außer dem Regisseur haben die Filme nämlich wenig gemein: Der eine ist ein ästhetisch ausgefeilter, langsamer Schocker, der andere ein lauter, bunter Gangsterfilm. Takashi Miike ist kein “Auteur”, vielmehr einer dieser Maniacs, die drei, vier Filme im Jahr machen, die meisten direkt für den japanischen Videomarkt. In Europa eigentlich erst vor einem Jahr auf dem Festival in Rotterdam entdeckt, kann Miike mit 40 schon auf rund 30 Filme zurückblicken, oft Yakuza-Thriller, die Low Budget und schnell gedreht wurden – und die erzählerische Freiheit von B-Movies nutzen.

Die Eingangssequenz von DEAD OR ALIVE, als fulminant, bildgewaltig und so weiter beschrieben, ist tatsächlich ein rasanter Musikclip oder besser noch ein überlanger Trailer, der koksschleudernd schon mal auf ein paar kommende Ekligkeiten vorbereitet; kugeldurchsiebte Nudelsuppe frisch aus dem Magen ist hier bloß der Anfang und wird später noch getoppt.
Im ersten Bild hocken unsere beiden Protagonisten – dargestellt von Sho Aikawa und Riki Takeuchi, zwei Stars der japanischen Video-Szene – nebeneinander an einem Flussufer und kündigen “One! Two! Three! FOUR!” das nun Folgende als ein großes Spiel an, das brutal, oft lustig und gänzlich moralfrei verläuft. Am Schluss schließt sich der Kreis mit einer hemmungslos überzogenen Sequenz mit abgerissenem Arm, vom Himmel fallenden Autos und einer atompilzauslösenden Energiekugel.
Dazwischen soll im skizzenhaften Plot ein Cop in Tokyo eine Bande zur Strecke bringen. Das fehlende Schuldbewusstsein dieser Gangster und Drogenschmuggler rührt daher, dass sie “Chinesen” sind – Kinder japanischer “Spätheimkehrer” aus dem Krieg, die gesellschaftlich zwischen den Stühlen sitzen. Klar, dass ihr Anführer nicht nur böse ist und der Cop nicht nur gut und dass beide sich schnell auf einer persönlichen Ebene bekämpfen. Damit dieses allzu bekannte “Männerfreundschafts”-Motiv nicht langweilt, springt der Film episodisch durch überdrehte Szenen seinen stoischen Protagonisten hinterher. Man übernimmt den distanzierten Blick auf Korruption, Attentate und Amoklauf, ein Bad in Scheiße und Schäferhunde im Pornogeschäft. Ein melancholischer, pessimistischer Kommentar zu einer Gesellschaft ohne Moral und funktionierendes Wertesystem scheint dabei Takashi Miikes Sache nicht zu sein, weshalb er die Yakuza-Story eben oft und gerne auf absurd und durchgeknallt hochfährt.

Anders dagegen AUDITION, Miikes wohl erster mit Kritikerpreisen bedachter Thriller, der langsam und ruhig die Geschichte eines Witwers erzählt, der sich endlich wieder verheiraten will. Ein Freund inszeniert deshalb ein Vorsprechen, angeblich für die weibliche Hauptrolle einer Fernsehserie. Die Brautschau verläuft erfolgreich und Aoyama lernt eine mysteriöse Schönheit mit unfreiwillig beendeter Ballettkarriere kennen. Nach der ersten gemeinsamen Nacht wacht er jedoch allein auf. Auf der Suche nach Asami muss er einige Ungereimtheiten in ihrem Lebenslauf feststellen und verstrickt sich immer mehr in eine widersprüchliche Geschichte. Die Darstellung steigert sich analog zur Verwirrung des Protagonisten zu einer fordernden Mixtur aus sexueller Paranoia und hasserfüllten Rachefantasien, quasi-masochistischer Willenlosigkeit und Horrorvisionen von Folter. Das Ende ist auch hier für eine Überraschung gut. Zarte Gemüter warnt Miike: “a film I know some of you will intensly dislike.”

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Elektronische Lebensaspekte.