Er ist Detroits Mann der Stunde. Zumindest aus europäischer Perspektive. Seine handbeschriebenen Whitelabels erfüllen nicht nur jedes Detroit-Klischee sowohl ästhetisch als auch musikalisch auf grandiose Weise, sondern führen den rohen House-Sound der Stadt tief in minimale Gefilde.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 91

Auf dem Weg nach Mekka
Omar S

Viele deiner Tracks hören sich wie Skizzen an, sehr roh …

Omar S: Das ist mein Stil, Mann. Was als erstes kommt, wird aufgenommen. Ich bin sehr talentiert, ich muss mir nicht die Tage und Nächte um die Ohren schlagen, um Musik zu machen. Bei mir kommen die Tracks schnell.

Das heißt, alle deine Tracks sind live aufgenommen?

Omar S: Ja. Ich benutze keine Computer oder Programme. Nie. Ich bin voll analog. Außer du bezeichnest ein Keyboard und eine Drummachine als Computer. Drummachines Mann, das ist meine Spezialität. Ich habe nichts gegen Computer, aber, hey, am Mischpult kann ich sechs Sachen gleichzeitig machen, während ich für meinen Computer nur eine Maus habe. Man verschwendet zu viel Zeit. Während ich einen Track aufnehme, will ich mit dem Reverb, den Filtern und Decay rumspielen. Und wenn der Track aufgenommen ist, ist er fertig. Verstehst du? (lacht) Ich hab keine Zeit, wieder zurückzugehen.

In welcher Verfassung ist die House- und Techno-Szene Detroit? In der Auslaufrille deiner fünften EP hast du “Techno-Music is my heritage. Techno is not dead. DAMN IT!“ geritzt. Spielt das auf die generelle Situation in Detroit an?

Omar S: Ich ritze ja fast immer was in die Auslaufrillen, und als ich die fünfte EP geschnitten habe, ist mir einfach nichts eingefallen. Ich lehnte also da im Masteringstudio an der Wand und schaute mir die Platten an, die rum standen – und da stehen eine ganze Menge Platten rum – und entdeckte plötzlich eine, auf der “Techno is Dead!“ stand. Ich dachte mir sofort: Techno ist nicht tot, Mann. (lacht) Ich weiß nicht mehr, welche Platte das war. Ich kann mich erinnern, dass sie von 1994 war, das ist alles. Techno ist nicht tot. Ich versuche … nein, ich bringe House und Techno zurück. Meine Musik ist nicht limitiert, Mann. Ich liebe Ragtime, Little Richard, den ganzen Scheiß. Und Scott Joplin ist mir wichtig. Nicht Janis Joplin, sondern Scott Joplin, der schwarze Ragtime-Komponist. Sieh zu, dass du den als einen meiner wichtigen Einflüsse erwähnst.

Keine Angst, ich nehm alles auf.

Omar S. Gut, denn der ist wichtig.

Wie ist es, sich als junger Produzent in Detroit durchzusetzen? Gibt es Verbindungen zu den etablierten Produzenten?

Omar S: Ich arbeite gerade mit Theo Parrish an einem Album, das “Time Project“ heißen wird. Mit Theo ist alles cool, weil wir auch gegeneinander Race Car fahren. Mann, ich hab ihm echt schon den Arsch aufgerissen (lacht).

Du fährst mit Theo Parrish Race-Car-Rennen?

Omar S: Ja, aber ich hab jetzt aufgehört. Ich konnte mich nicht aufs Musik machen konzentrieren und gleichzeitig Rennen fahren. Die Rennen bringen nicht genug Geld und das, was du hast, musst du wieder in deine Autos stecken. Ich bin zehn Jahre lang gefahren, aber jetzt habe ich aufgehört.

Und Theo Parrish, fährt der noch?

Omar S: You know, we´re still messing around. Ich hab immer noch zwei Wagen. Kenny Dixon hat auch ein paar und Mike Banks auch. Das ist auch der Grund, warum Mike Banks und ich uns verstehen. Ich mag ihn. We are cool.

Du spielst jetzt deine ersten Gigs in Deutschland. Wie war deine Reaktion, als du eingeladen wurdest?

Omar S: Ich will nur sehen, wie es bei euch ist. Die Szene. Ich will nicht, dass die Leute das falsch verstehen, aber momentan ist es für mich so, wie als Malcolm X nach Mekka gegangen ist. Verstehst du?

Nein.

Omar S: Als Malcolm X nach Mekka gegangen ist, hat ihm das die Augen geöffnet. Verstehst du? In Amerika ist die Szene total abgefuckt und wenn ich nach Deutschland komme, vielleicht werden mir dann auch die Augen geöffnet. Weißt du, ich liebe die Deutschen, die Musik, die sie mir seit Jahren schenken. Meine beiden Brüder und ich haben jahrelang Kraftwerk gehört und momentan kommt so viel gute Musik, die funky ist, aus Deutschland. Ich weiß nicht, ob sie von Schwarzen oder Weißen produziert wird – ich bin kein Rassist – das einzige, das ich weiß ist, dass sie funky ist.

Dann verfolgst du die Entwicklung in Europa und Deutschland.

Omar S: Natürlich, Mann. You have to. So viele Leute hier machen das nicht. Ich werde jetzt keine Namen nennen, aber sie haben es sich in ihrer kleinen Welt gemütlich gemacht. Ich bin nicht so doof.

Für eine ganze Weile hatte man das Gefühl, dass das große musikalische Erbe in Detroit nur noch verwaltet wird, dass der Detroit-Sound in anderen Ecken der Welt weiter verfeinert wird.

Ende mit lahm!
Omar S: Das liegt an den ganzen alten Fürzen hier. Sie sind alt und gemütlich und sind auf ihrem Masters at Work-Scheiß hängen geblieben. Dabei will niemand, der nicht aus den USA kommt, scheiß Masters at Work hören, wenn er Platten aus Detroit kauft. Die Leute wollen Techno und Techno-House aus Detroit. Richtig oder Falsch? Warum soll man also lahme Tracks mit Congas und so einem Scheiß produzieren, den sowieso niemand hören will. Ich sehe die Dinge, wie sie sind. Verstehst du? Ich bin keine arrogante Person. Ich meine, jeder liebt mich, weil ich so ein straight up guy bin und wenn du von Detroit sprichst, dann sprichst du von Booty, Techno und House. Ich will Musik machen, der man anhört, dass sie aus Detroit kommt.
Aber was ich hasse ist, wenn Leute sagen, dass meine Musik sich anhört wie die von Theo Parrish oder Kenny Dixon Jr. Mein Scheiß hört sich keinen Deut so an. Ich habe meinen eigenen Stil. Versteh mich nicht falsch, wir sind Kumpels. Aber meine Musik hört sich nicht nach ihnen an, und ihre nicht nach meiner. Aber von allen Leuten aus Detroit verehre ich Theo am meisten. Und ich denke, ihm geht es mit mir genauso.

Wann hast du Theo Parrish das erste Mal getroffen?

Omar S: Das war 2002. Aber ich habe schon 1990 angefangen House zu produzieren. 2001 habe ich meine erste Platte veröffentlicht … Pass auf, die Geschichte, die ich dir jetzt erzähle, ist wichtig: Als ich mein erstes Album veröffentlicht habe, floppte es. Was tat ich also? Ich fing an, Remakes von den Songs anderer zu machen, wie die Produzenten in den Sechzigern. Ich machte Remakes z.B. von Joey Beltrams “Energy Flash“ – Tracks, die jeder kannte – und machte daraus mein zweites Album, das sich richtig gut verkaufte. Bei meinem dritten Album konnte ich dann wieder ich selber sein und die Leute kannten meinen Namen. Jetzt kann ich die Tracks machen, die ich will. Und ich verwende keine Samples mehr.

Ist dein Label FXHE Recordings exklusiv für deine Tracks?

Omar S: Nein. Ich bringe demnächst eine 12“-Compilation raus, auf der noch andere Artists sind. Ich wünschte, ich könnte mehr Musik von anderen herausbringen, aber dafür fehlt das Geld. Ich will niemanden abziehen. Ich kann die Künstler nicht bezahlen, weil einfach kein Geld dafür da ist. Darauf habe ich keinen Bock. Das Problem hier in Amerika sind die Vertriebe. Denen ist deine Musik scheißegal und die meisten versuchen, dich nach Strich und Faden zu bescheißen. Der Künstler wird immer verarscht. Hardwax und ein paar andere kümmern sich zum Glück gut um mein Label. Aber die amerikanischen Vertriebe sind voller Scheiße. Mann kann meine Musik in ganz Europa und sogar in Japan kaufen, nur in Washington D.C., Chicago oder Kalifornien nicht ….
Aber jetzt hab ich mal ein paar Fragen…

Ja?

Omar S: Wie steht ihr zu Derrick May?

Man bekommt hier nicht mehr viel von ihm mit. Er legt nicht in Deutschland auf und er hat ewig nichts mehr produziert. Natürlich werden seine alten Sachen nach wie vor geliebt.

Omar S: Und Juan Atkins?

Der war gerade hier auf Tour und bringt jetzt zwei Alben auf Tresor heraus …

Omar S: Und wie steht ihr zu meinem Label? Vergleicht ihr das mit UR oder Theo?

Du bist der erste junge Produzent aus Detroit seit einer Weile, für den sich eine Menge Leute interessieren. Richie Hawtin hat dich gerade in einem Interview erwähnt. Ich denke, dein Label hatte einen ganz guten Start.

Omar S: Was hat Richie Hawtin über mich gesagt?

Er hat dich als Beispiel genannt, für gute neue Produzenten aus Detroit.

Omar S: Ja Mann, ich mag Richies Kram. Wie heißt sein Label noch?

Minus. Oder meinst du Plus 8?

Omar S: Genau. Ich kann es kaum erwarten, in Deutschland zu spielen. Ihr Deutschen habt Funk und Soul. Schreib das: Omar S mag Deutsche, weil sie Funk und Soul haben. Deswegen liebe ich Kraftwerk auch so. Ich könnte den ganzen Tag mit dir quatschen. Ich liebe es, zu reden, Mann. Aber ich will deine Telefonrechnung nicht so strapazieren (lacht) ….

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Elektronische Lebensaspekte.