Wir machen keinen Pop
Text: Sarah Elena Schwerzmann aus De:Bug 114


In Manchester hat man heute noch Angst vor den “237 Turbo Nutters”. Unter diesem Namen machten Tom Rowlands & Ed Simons damals als DJs Nordengland unsicher. Das ist 20 Jahre her. Dann kamen erst die “Dust Brothers”, schließlich die Chemical Brothers. Mit 20 gemeinsamen Jahren und einem Sack voller Hits nimmt sich ein neues ALbum gleich doppelt so gut auf. Vor allem, wenn man nichts zu verlieren hat.

De:Bug: Das neue Album klingt sehr düster und minimalistisch. Habt ihr eure dunkle Seite entdeckt?

Tom: Ja, aber nicht im negativen Sinne. Das Album ist eher befreiend und versucht der “normalen” Welt zu entfliehen. Wir machen keine negative Musik.

De:Bug: Klingt fast, als wäre diese normale Welt das Popgenre, in das ihr immer eingeordnet werdet.

Ed: Wir haben nie Pop gemacht. Davon halten wir nichts. Wir verkaufen Platten, das ist aber auch schon das Einzige, was wir mit Popmusikern gemeinsam haben.

Tom: Um so was wie Sparten scheren wir uns einen Dreck. Wir machen Musik, die wir um fünf Uhr morgens im Club spielen können und die abgeht.

De:Bug: Es ist also purer Zufall, dass ihr immer wieder Tracks in den Charts habt?

Ed: Was soll man machen, wenn man ab und zu den Nerv der Zeit trifft? Wir setzen uns nicht hin und überlegen uns, was wir produzieren müssen, damit es in die Charts kommt.

Tom: Wir machen, was uns gefällt. Und wenn unsere Musik im Club funktioniert und man sie gleichzeitig beim Abwasch am Radio hören kann, ist das doch super.

De:Bug: Als hätte der Track eine gespaltene Persönlichkeit.

Tom: Genau, sobald der Produktionsprozess abgeschlossen ist, entwickeln die Tracks ihr Eigenleben und hauen an die komischsten Orte ab.

Ed: Zum Beispiel in die Charts.

De:Bug: Das neue Album habt ihr “We Are The Night” getauft. Angeblich soll ein Erlebnis in der Schweiz ausschlaggebend gewesen sein?

Ed: Ja, wir haben in Bern in einem besetzten Haus gespielt. Als wir ankamen, haben wir erfahren, dass in den 70er Jahren die ganz großen Anarcho-Bands dort gespielt haben.

Tom: Wir waren hin und weg und haben uns vorgestellt, wie es wohl gewesen wäre, damals dort aufzutreten, und so haben wir “We Are The Night“ geschrieben. Das Ergebnis ist Anarchie pur.

Perfekte Anarchisten
De:Bug: Anarchie? Ich dachte, ihr seid Perfektionisten?

Ed: Ja wir sind Perfektionisten, aber nicht was Strukturen und Konventionen angeht.

Tom: Eigentlich wollen wir nur, dass das Endprodukt perfekt ist, obwohl das ja nicht sein kann, weil nichts perfekt ist. Um es anders zu sagen: Wir geben uns nicht sehr schnell zufrieden. “Ach komm, das passt schon, lassen wir’s so“ gibt’s bei uns nicht.

Ed: Naja, ich bin manchmal so. Ich bin ein bisschen fauler als Tom.

De:Bug: Wie weiß man als Perfektionist, dass ein Album fertig ist?

Tom: Wenn man nichts mehr ändern will.

De:Bug: Perfektionisten haben die Tendenz, nicht unbedingt zu sehen, wenn etwas perfekt ist, und dann weiter dran rumzubasteln.

Ed: Nein, bei uns ist das so: Wenn ein Album fertig ist, dann ist es fertig und dann muss es auch fertig sein.

De:Bug: Das kann ja Jahrzehnte dauern. Was ist mit Deadlines?

Ed: Also grundsätzlich scheißen wir auf Deadlines.

Tom: Wenn du den Track bis zum Ende hören kannst und nicht mittendrin wieder an den Computer rennst, weil du das Gefühl hast, du müsstest irgendwas ändern, dann ist er fertig.

Ed: Es ist aber wichtig, zum Computer zu rennen und etwas zu ändern, wenn er dir eben noch nicht passt.

Tom: Genau, sonst bereust du das dein Leben lang.

De:Bug: Ist das schon mal geschehen?

Tom: Jeder Track hat seine Zeit, verstehst du? In dem Moment, wo er rauskommt, findest du ihn super, und in 99 Prozent der Fälle ist das auch nach Jahren noch so, aber dann gibt es auch andere Tracks.

Ed: Ja, es gibt Tracks, die unseren Namen tragen, die wir aber nicht mehr so toll finden. Alles hat seine Zeit, das musst du immer im Hinterkopf haben. Jeden Track, den es auf der Welt gibt, hat jemand zu einem gewissen Zeitpunkt gemocht, das ist doch schön.

De:Bug: Ihr lenkt ab. Von welchen Tracks reden wir denn hier?

Tom: Na, das muss jetzt nicht sein. Ich sag nichts.

De:Bug: Dann frag ich Ed, der plaudert lieber aus dem Nähkästchen.

Ed: Nein sorry, ich kann da auch nichts sagen. Das ist einfach zu … schrecklich und so.

De:Bug: Ihr habt euch im Teeniealter zu heftigen Acidsounds die Nächte in der Hacienda um die Ohren geschlagen. Beeinflusst euch diese Zeit auch heute noch?

Tom: Musikalisch gesehen nicht. Wir wollten ja diese Tracks nie kopieren oder so.

Ed: Nein, aber ich glaube, diese Begeisterung für neue Musik, die ist immer noch geblieben. Es war eine sehr spezielle Zeit und wir können uns glücklich schätzen, dass wir damals da waren.

Reisen ohne Plan
De:Bug: Der erste Track auf dem Album heißt “No Path to Follow”. Klingt, als hättet ihr nicht wirklich einen Plan für dieses Album gehabt?

Tom: Das Konzept war eigentlich, Musik zu machen, von der nur wir wissen, wohin sie führt. Blöderweise hatten wir dann aber schlussendlich selber keine Ahnung, was wir taten. Wir haben uns einfach hingesetzt und angefangen.

Ed: Ja, irgendwie hatten wir das Gefühl, mit “Push the Button“ ein gewisses Genre abgehakt zu haben. Es musste was Neues her.

Tom: Das Verrückte ist ja: Alles ist da, alle Ideen, Sounds und so weiter, man muss sie nur entdecken, man muss auf die Reise gehen, und dann landet man schon irgendwo.

De:Bug: Zum Beispiel auf dem Teller, wie “Simi the Salmon“ in “The Salmon Dance“. Was soll das eigentlich?

Tom: Wir hatten MC Fatlip einen Beat geschickt und ihn gebeten, einen Text dazu zu schreiben. Rausgekommen ist “The Salmon Dance“, in dem der Lebenszyklus eines Lachses beschrieben wird.

Ed: Wir waren zunächst selber ein bisschen verwirrt. Wir wussten nicht so recht, ob wir es komisch oder schräg finden sollen. Obwohl wir es jetzt komisch finden, oder Tom?

Tom: Naja, ich glaube schon.

Ed: Hör nicht auf ihn, er kann sich nie entscheiden. Auf jeden Fall fanden unsere Manager und die Leute vom Label den Track gar nicht lustig. Wir mussten echt kämpfen, um ihn auf dem Album zu haben.

De:Bug: Letzte Frage: Das Leben ist ein Comic. Wer seid ihr?

Ed: Was ist denn das für eine Frage? Du bringst mich total aus dem Konzept. Viele Journalisten fragen, woher wir dieses oder jenes Drumbreak haben, und du stellst so schwierige Fragen.

Tom: Ja, wir sollten Journalisten verbieten, solche Fragen zu stellen. Das nächste Mal darfst du nur faktische Fragen stellen.

De:Bug: Ich warte immer noch auf eine Antwort.

Ed: Ehm … Spiderman, weil er so cool ist.

Tom: Ich weiß nicht …

Ed: Ach komm, sag was, du sagst immer so lustige Sachen.

Tom: Ehm, wer bin ich denn? Ja … vielleicht Mickey Mouse.

Ed: Wie die Faust aufs Auge.
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Elektronische Lebensaspekte.