Justine Electra hat bei Static und Tarwater gesungen und parallel Techhouse aufgelegt. Jetzt findet sie eine Heimat in einem Folk, der so gar nichts Heimatverklärendes hat.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 103

Ich bin ja gern Spielverderber, und wo ich Recht habe, habe ich Recht. Wie sich der Technotanz mittlerweile auswächst, ist ein Schlag ins Gesicht jedes Musikers. Techno wird immer hemmungsloser zum Taktgeber für den kollektiven Drogenrausch degradiert. Skandalös. Auf der Tanzfläche kann man die Zähne der Speed-Opfer einsammeln, die ihnen zu Oliver Lieb, Musik Krause oder Richie Hawtin – völlig egal, bumm, bumm – ausfallen. Drei Traktormotoren, die im Rhythmus laufen, täten’s auch. Fehlt nur die einmalig coole Location: ein Bauernhofsilo, das mit Chemodünger kontaminiert ist (spart Geld fürs Ketamin). Das ist keine Bewusstseinserweiterung mehr, sondern nur noch Bewusstseinsversumpfung. Als Künstler muss man da raus, wenn man nicht nur einohriger Dienstleister unter Tauben sein will.

Was macht man also? Man kauft sich eine Ukulele – bleibt aber in der Stadt. Und spielt anti-nostalgischen, anti-sentimentalen Folk. So wie Coco Rosie, Davendra Banhart, Jose Gonzales.
Dieser Folk verhält sich zu traditionellem Folk wie der Italowestern zum traditionellen Western. Er ist übertrieben, reflexiv, moralisch unabhängig, er pfeift auf die edlen Indianer, sondern hält es mit den schmuddeligen Mexikanern. Und er ist kein Rückschritt, keine Heimat-Vertonung, nicht das Äquivalent zu ”Das Wunder von Bern“, sondern das Aufwachen aus der ”Und täglich grüßt das Murmeltier“-Raveblase, ohne etwas zu vergessen oder zu verleugnen. Er macht es nur wieder diskutierbar.

Techhouse-DJ und Studentin der Musik des 21 Jhdts. Justine Electra klinkt sich genau da mit ihrem Album ”Soft Rock“ ein. Und wenn jemand das Zeug hat, im Genre der leisen Töne laut einzuschlagen, dann sie. Denn Justine Electra ist ein ”Padauz“-Mädchen. Wo sie hinkommt, weiß man unweigerlich, dass sie da ist: padauz. Hinter jedem Padauz-Charakter steht ein Schattenheer. Hinter Coco Chanel reihen sich Boy Capel, Misia Sert, Dimitri Pawlowitsch, Ernest Beaux auf. Auch Justine Electra hat schon ihr Schattenheer: Jazzanovas Alex Barck, Schneider TM, Hanno Leichtmann, Ronald Lippok und vor allem Tarwaters Bernd Jestram. Weil sie viel besser aussieht als Kevin Blechdom, muss sie auch nicht so verschrobene Tomboy-Musik einspielen. Aber weil sie für Folk eine viel zu forsche Klappe und ein viel zu vereinnehmendes Wesen hat, wird sie nicht als lieblich poetisches Mauerblümchen vertrocknen. ”Soft Rock“ kann sich ländlich geben, weil Justine so eindeutig großstädtisch ist, kann romantisch tun, weil sie immer eine Portion Haare auf den Zähnen behält, und kann auch barfuß sexy sein, weil sie nie vergessen würde, ihre Fußnägel zu lackieren.

Debug: Wieso bist du nach Berlin gekommen. Wäre London oder New York nicht viel nahe liegender als englische Muttersprachlerin?

Justine Electra: Du verstehst den Berlin-Sog, oder? Amerika mag ich nur im Fernsehen. Ich finde es so schön, den Fernseher anzuschalten und zu denken, aha, das ist Amerika. Das ist viel besser, als dort hinzugehen. Franz Kafka hat ”Amerika“ geschrieben, ohne je dort gewesen zu sein.
Das war auch der Gedanke hinter dem Album. Wenn ich nach Amerika gegangen wäre, hätten alle gesagt, sie ist beeinflusst von ihrer Zeit im Ursprungsland des Blues, in New Orleans oder so.

Debug: Ich höre nicht viele Bluesschemata auf der Platte.

Justine Electra: Das ist gut. Ich will auch alles verdecken, so dass niemand weiß, was ist was.

Debug: Ist ”Soft Rock“ dein Statement zum Anti-Folk?

Justine Electra: Oh, ich hatte Folk unter meinen nackten Fußsohlen. In Australien habe ich viel auf Hippie-Festivals rumgehangen und zwei Jahre keine Schuhe getragen, bin durch die Gegend getrampt und hatte Folkmusik dabei. Ich habe dort an der Uni Musik des 21. Jhdt. studiert, Blues, Jazz, Funk. Die Leute nehmen Folk aber zu Ernst im Moment, die Harmonie der 60s.

Debug: Aber das leicht Ironisch-Getwistete aus deinen Tracks höre ich auch bei Coco Rosie, zum Beispiel.

Justine Electra: Ich habe sechs Jahre Techhouse aufgelegt. Das hat mir schon ein anderes Ohr gegeben.

Debug: Du willst also auf keinen Fall mit Lagerfeuer-Romantik verbunden werden?

Justine Electra: Das Coole an den Folk-Festivals fand ich, es ist wirklich fürs Volk. Die Leute können alle die Stücke spielen. Es ist wie beim Fußball. Man kann zusammenkommen und die fucking Stücke teilen. Darin liegt der Zauber. Mir ist der Folk-Anteil in meiner Musik wichtig, weil ich weiß, dass Leute sie zum Lagerfeuer mitbringen werden.

Debug: Aber teilt man beim Tanzen, wenn du Techhouse auflegst, nicht viel mehr Gemeinsames, betreibt aktive Body Politics?

Justine Electra: Du meinst, man kann zu meiner Musik nicht tanzen?

Debug: Vielleicht Klammer-Blues.

Justine Electra: Da hast du es. Es ist Fick-Musik. Zum Streicheln – oder zum Zimmerputzen, das geht auch gut.

Debug: Die Platte klingt, als ob du dich mit deiner Mädchengang getroffen hättest. Jungs ausgeschlossen.

Justine Electra: Es war ein Versuch: Die Mädchenstimmen sollten alle auf der gleichen Höhe liegen. Ich wollte das Fußball-Gefühl für die Platte. Frauen stehen viel zu oft gegeneinander. In R&B-Stücken guckt die eine Frau immer, wie die hübsche Schwester mit ihrem Typ flirtet. Bei mir sind alle Frauen gleichgewichtig, gleich wichtig, unterstützen einander und arbeiten zusammen.

Debug: Das Stück ”Il Presidente“ richtet sich direkt gegen Männer-Machtmodelle mit der Gegenüberstellung von Sexallmacht und Kriegspolitik?

Justine Electra: Nein, es ist kein Gender-Stück. Es ist Zufall, dass Männer Soldaten sind (außer in Israel). Ich wäre gerne Soldatin. Nein, schreib das nicht, ich bin nur gerne physisch, das meinte ich. Es ist eher ein Anti-Bush-Stück.

Debug: Die sexuelle Orientierung in deinen Texten kriege ich nicht klar. Manchmal singst du als Frau über weibliche Partner, dann wieder über männliche.

Justine Electra: Das Album ist eine It-Story im Gegensatz zur His- oder Her-Story. Es meint nicht: keine Sexualität. Sondern nur ein bisschen mehr Flexibilität. Gestern jobbte ich an der Garderobe, da kam eine Frau auf mich zu, gut aussehend, kräftig, mit selbst gemachtem schrägen T-Shirt, und rief: Küss mich, küss mich. Aber eine Stunde vor Schichtende wollte ich mich nicht auf eine Betrunkene einlassen. Sie war einfach viel zu betrunken.

Debug: Machst du noch was neben der Musik?

Justine Electra: Ich spiele jeden Donnerstag Fußball. Da lerne ich viel. Viel Körperaction. Stürmer ist mein Ziel. Einer im Team ist ein richtiger fucking Fußball-Trainer, der immer ruft: ”He Justine, mach den Ball rein, jetzt mach ihn einfach rein.“ Das bringt mich richtig gut drauf.

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Elektronische Lebensaspekte.