Welten wollen gefüllt werden. Freiräume mit Leben ausgestattet. Die Plattform "Beck's Gold Urban Experiences" eröffnet in Berlin eine von vielen Veranstaltungen, in der unterschiedliche kreative Disziplinen für einen Tag fusionieren. In dem intermediären Geflecht aus Graffiti-Künstlern, Modedesignern, Filmemachern oder Architekten finden wir den finnischen Medienkünstler Jussi Ängeslevä, der uns das Potential der AR für die bildende Kunst erklärt.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 138

Es gibt Räume, in denen passiert bereits so viel, dass eine mögliche, dort noch aufzusetzende Zeichenwelt und Untertitel undenkbar scheint. Wie etwa dieser hier: Ein Vorführraum in der Art einer riesigen Schulaula, die Sitze sind orange und windelweich. Das Haus in Berlins Mitte war einmal eine Privathochschule der SED. Fast alle Sessel sind frei, nur Nilz Bokelberg bloggt live in seinen Laptop. Er schaut dafür auf die Bühne des Raumes, von der es nach frisch gesägtem Holz riecht, nach Leim, Aufregung und durchgeschlissenen Druckerpatronen. Der Kurator Louis Rafael Berrios-Negron hat für den ersten Workshop der “Beck’s Gold Urban Experiences” ein kastenförmiges, verschachteltes Bühnenareal gebaut, in dem sich elf Künstler verschiedener Disziplinen das Thema Customize in verschiedenste Richtungen ausloten.


In der Mitte dieser Kistenwelt steht Jussi Ängeslevä. Er hält sich eine aus Pappe ausgeschnittene Brille vor die Augen und lächelt ein schiefes Spitzbubenlächeln. Er ist 32 Jahre, Finne und Medienkünstler, arbeitet als Art-Director für eine Designagentur und unterrichtet als Gastprofessor an der Universität der Künste. Er hat sich schon früh künstlerisch mit AR auseinandergesetzt. Wir sagen dem Parcours Adieu, wo Ängeslevä eine Art Retro-Pixel-Welt anhand kleiner, analoger Tricks erschafft und setzen uns mit ihm an einen customizeten Tisch.

De:Bug: Welche neuen Möglichkeiten eröffnet AR Künstlern?

Jussi: Ein gutes Beispiel ist etwa Pablo Valbuena, der erstmals wirklich beeindruckende Augmented Sculptures entwickelte. Dort hat man die mögliche Verzerrung der Projektion bereits vorher herausgerechnet, sodass das Bild der physischen Geometrie, dem Bildträger, folgt. White Void aus Berlin machen das auch.

De:Bug: Das spielt dann eher im Club- und Kunstkontext?

Jussi: Es ist vor allem eine andere Lesart der AR. Durch die Kombination von Kompass, Geokoordinaten und Beschleunigungssensoren in Endgeräten wie dem iPhone können vollkommen neue Bilder generiert und mit dem Inhalt des Kamera-Displays kombiniert werden.

De:Bug: Wo liegt der Unterschied zwischen der “populären Bedeutung” von AR, die du oft erwähnst und der “neuen Welle” von AR?

Jussi: Die weitere Bedeutung ergibt sich aus einer eher literarischen Auslegung und meint eine Augmentation der Realität auf weitreichende Weise: etwa via Audio, Projektionen und haptischem Feedback. Hier ist der Sci-Fi-Autor Wiliam Gibson eine wichtige Inspirationsquelle. In “Spook Country” schreibt er über “Site Specific 3D Kunstwerke”, die man mit Blasen um den Kopf betrachtet, mit einem Display vor dem Auge, an dem die Welten überlappt werden. Künstler können in die Welt hineinmalen. Man muss nicht in eine Galerie gehen um sie zu sehen, sondern an ihren realen Ort.

De:Bug: Die Technik potenziert die Möglichkeiten der Public-Art?

Jussi: Stelle dir mal eine 400 Meter hohe Skulptur vor, die neben und über dem Fernsehturm steht: Die Technik ermöglicht ganz andere Dimensionen. Man muss es nicht mehr real bauen, sondern macht es als Augmented Erfahrung erlebbar.

De:Bug: Das birgt natürlich auch ein großes Potenzial für Guerilla-Aktivitäten.

Jussi: Natürlich, weil du niemanden mehr fragen musst. Du kannst einfach dein riesiges Kunstwerk überall hinstellen. Geh zu meiner Webseite, lade die App runter und du kannst es sehen.

De:Bug: Welche Anwendungen lassen sich für AR neben der Informationsvermittlung denken?

Jussi: Das ist die Eine-Millionen-Dollar-Frage. Ich bin sehr gespannt, wer die als nächstes zu beantworten weiß.

De:Bug: Wie findest du, dass Beck’s den Künstlern diesen Raum gibt?

Jussi: Beck’s beschleunigt dadurch kreative Entwicklungen und nimmt interessante Themen wie etwa Mass Customization auf. Menschen schauen gerne Kunst an und Künstler trinken gerne Bier. Das passt.

Aus dem Special in De:Bug 138: AUGMENTED REALITY SPECIAL