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Text: Jan Rikus Hillmann aus De:Bug 32

/mode 20/20 Twens & Mode Eine photographisch / akustische Retrospektive der Jugendkultur Mode war nicht immer Plug and Play. Das merkt man spätestens bei noch heute geltenden Businesskonventionen, die, etwas antiquiert und fast standardisiert, sich auch mit Hilfe von Gucci nicht unbedingt von Beigeschmack der Boheme und ihrem immanenten Selbstzweck befreien können. Dennoch schufen sie hilfreiche Kleinstgesetze und Standards bzw. geschmackliche Weltwahrheiten zur einfachen Orientierung der User, wenn man an die allgemeine Ächtung weisser Socken denkt. Ein Grossteil unserer geschmacklichen Freiheit jedoch, die wir nach aussen tragen, haben nicht wir uns erkämpft, wir haben zum Grossteil nur Bestehendes recycled, assimiliert und fusioniert. Die Blumen dafür bekommen unsere Vorfahren. Kleidung kann heute durch reflektierte wirkliche Attitüde, aber auch durch blosse affirmative Übernahme bestehender Codes eine akzeptierte Persönlichkeit schaffen. Naturkind kämpft hier Seite an Seite mit Redskin gegen H&M. Doch Bildungs- und Standesniveau (ob Richter, Weber oder Mod ist egal) trägt sich nicht mehr geschlossen nach aussen. Kleidung wurde zunehmend dekodiert , seiner Bedeutung durch gesellschaftliche Evolution und neue Götter beraubt und ganz behutsam durch Finanzkraft, Markenbewusstsein und kreatives Sendungsbewusstsein ersetzt. Gar nicht, ein bisschen, total und zuviel Fashion ist auf unserem Pop-Level akzeptiert, denn man verneint nicht die Roots. Mode ist, wenn man so will die extremste Form der Popkultur mit einer unmerklichen, totalen Durchdringung. (Wir haben alle etwas an.) Die Gesellschaft ist höchst popaffin, denn seine Idole anhimmeln und sie Nachmachen ist verselbstständigte Lebenshilfe und nebenbei ein kreatives und einträgliches Wirtschaftsprinzip. Ausserdem macht es Spass, ohne Kreativitätsdruck populär zu sein, und ist, ganz egoman gedacht, durchaus sinnvoll. Man kann Mode bzw. Popkultur zu 100, aber auch zu 10 Prozent leben und solange es eine Form von Popkutur, auch im archaischen Sinne gab, befruchtete sie die Mode. Man denke da an die Zwanziger oder, wer denn unbedingt will, an die Achtziger. Stars, Early Adopters, Individualisten und die Masse gab es jedoch schon immer. 20/20 schliesst hier den Kreis. Die Fotoausstellung dokumentiert audiovisuell den Kreislauf der Befruchtung zwischen Jugendkultur und Mode. Mode machte Twens, und Twens machten Mode. Kreativität wie gesellschaftliches Diktat werden von den Zehnern bis zu den Neuzigern retrospektiv in detailgenauen Nuancen reflektiert. Der Club der Zwanziger trifft den Club der 90er, gebrochen von den Vierzig- und Fünfzigern. Der dosierte und inszenierte Hedonismus der Modestrecken bringt die Farben zum Leuchten und zeigt so Stimmungen und Stile der Twens dieses Jahrhunderts exemplarisch auf: Ein jungverheiratetes Ehepaar der Jahrhundertwende, Swings während des Naziregimes, Lifestyle in der DDR der 70er. Die Fotos entstanden im Ostteil Berlins, im Bild immer Requisiten des heutigen Berlins und Kids, die noch nie gemodelt hatten. So entstanden keine erklärenden Geschichtsinszenierungen, sondern persönliche Fotos, die mit Toncollagen, zusammengesetzt aus Zeitzeugeninterviews, über das Streben nach Style im letzten Jahrhundert berichten.

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Elektronische Lebensaspekte.