Paralleles Soundgehämmer ohne Gelaber
Text: Mats Almegård aus De:Bug 120

Die Elektronika-Institution hat ein neues Album eingespielt, ohne viel Gelaber im Studio, aber mit viel parallelem Soundgehämmer. Sean Booth verrät im Interview, dass er Details liebt und Maximo Park nicht so schlimm findet wie alle anderen.

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Es sind fast drei Jahre seit dem letzten Lebenszeichen auf Tonträger. ”Untilted” sorgte zu der, im Falle Autechres, üblichen Diskussion über die Unhörbarkeit oder Genialität des Albums. Seit den beiden Meilensteinen ”Amber” (1994) und ”Tri Repetae” (1995), die von unendlichen Clones in den 90ern x-mal kopiert wurden, scheint es unter Autechre-Fans keinen Konsens zu geben.

Diejenigen, die sich mehr von Harmonien, ambienten Soundscapes und glitzernden Synthies wünschen, finden die neueren Alben zu hart und unmusikalisch. Diejenigen, die eher auf härtere Beats, verzwicktere Programmierung und weitere Kompromisslosigkeit stehen, finden ”Amber” atypisch und meinen, dass dies Album eher eine noch nicht völlig gereifte Band zeigt, sondern nur Skizzen enthält, die bald in die totale, brachiale Genialität münden sollte.

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Weiter erhitzt wird die Diskussion von der Annahme, Autechre seien geheimnisvoll und schwierig. Hinzu kommt, dass Autechre laut landläufiger Auffassung nicht viele Interviews geben und selten live spielen. “Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, warum dieses Image von uns immer noch existiert. Wir gehen bald auf neue Tournee, nach Untilted haben wir auch viel live gespielt. Und Interviews? Nun, das ist wohl, was du und ich gerade jetzt machen, nicht wahr?”, fragt Sean Booth.

Mit dem Release von ”Quaristice” mag das scheinbar ewig dauernde Streitgespräch zwischen Autechres Ambientfans beziehungsweise Hardcorefans fortgeführt werden. Oder auch nicht. Denn ”Quaristice” verbindet Elemente von beiden Welten, wie die anderen Alben auch. Aber diesmal ist diese Verbindung ein bisschen offensichtlicher. Manche der zwanzig Tracks sind hart, mit Rhythmen, die quer liegen, und Stücke wie ”IO” werden einigen wohl als pure Nervensäge vorkommen. Es gibt aber auch genügend harmonisch-ruhiges Material, um den Fans von ”Amber” entgegenzukommen. ”Parallel Suns” hätte zum Beispiel auch auf Aphex Twins ”Selected Ambient Works II” gut funktioniert. Wie immer die Diskussion sich später entwickeln wird, feststellen lässt sich aber Folgendes: Auch wenn ”Quaristice” sehr nahe am Sound von ”Untilted” liegt, scheint das neue Album gleichzeitig viel direkter und offener.

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Eine Tatsache, die Sean Booth nicht verneint. Laut ihm könnte diese Offenheit mit der Entstehung des Albums zu tun haben:

Sean Booth: Wir fingen diesmal nicht an, ein Album zu produzieren. Nach der Tournee, die auf ”Untilted” folgte, zog ich in ein neues Haus. Mein Studio war auseinander genommen und wir haben einfach mit dem Basteln an unserem LiveSet weitergemacht. Wir haben Tracks verbessert, neue Patches kamen hinzu, und nach und nach fiel uns auf, dass wir eigentlich einen Grundstein für ein neues Album gelegt haben. Das neue Material wurde in langen Jamsessions aufgenommen. Vieles landete später im Papierkorb, aber manches haben wir gespeichert. Das zog sich so ein ganzes Jahr hin. Mit diesen Ergebnissen haben wir dann ein weiteres halbes Jahr gearbeitet, die Stücke editiert und arrangiert. Aber vielleicht könnte es die Live-Aufnahme im Studio sein, die du als ”direkt” empfindest.

Andererseits stehe ich zurzeit sehr darauf, dass ein Track sofort funktionieren muss. Mit meinem musikalischen Geschmack ist es jetzt so, dass ich direkt spüre, ob ein Track gut ist oder scheiße, und so höre ich nun auch Musik. Vielleicht hat das auch mit dem Live-Feeling zu tun, denn wenn man in Echtzeit arbeitet, muss man schneller zu Entschlüssen kommen. Die Zeit zum Nachdenken fehlt einfach. Zwar haben wir sehr lange mit dem Editieren und Arrangieren verbracht, aber diese Einstellung klebt vielleicht immer noch an den Tracks, haha!

De:Bug: 18 Monate insgesamt – ist das schnell oder langsam für ein Autechre-Album?

Sean Booth: Das ist ziemlich lange, aber es geht noch. Wir haben wohl ähnlich lange mit ”Untilted” zugebracht, die Vorgehensweise war damals aber total anders. Wir benutzten eigentlich dieselben Geräte. Auf ”Untilted” waren es eher viele Sequenzer, die sich per Serienschaltungen gesteuert haben. Dann arbeiteten wir auch nicht in Echtzeit und darin liegt wohl der große Unterschied, auch wenn viele Details auch auf dem neuen Album erst im Editieren zustande gekommen sind. Du empfindest es als direkt. Aber für mich ist ”Quaristice” auch ein sehr detailliertes Album. Vielleicht hören andere das aber nicht.

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De:Bug: Doch, aber ich finde alle eure Alben sehr detailliert. Das ist wohl das, was ich am meisten mit dem Autechre-Sound verbinde.

Sean Booth: Schön zu hören. Wir arbeiten nämlich sehr viel mit den sehr kleinen Elementen der Tracks. Die Details sind uns einfach sehr, sehr wichtig. Dabei hören wir natürlich unsere Tracks sehr genau an. Wir bohren uns mit unseren Ohren deep in unsere Musik hinein, um es poetisch zu sagen – haha! Das ist aber immer so, egal ob wir einen Track bauen oder ein Liveset. Für uns sind die verschiedenen Niveaus gleich wichtig und alle Bestandteile eines Tracks verdienen die größte Aufmerksamkeit. Ich glaube aber nicht, dass das typisch für uns ist. So arbeiten wohl alle Produzenten, oder jedenfalls diejenigen, denen es mit ihrer Musik ernst ist.

Für uns gilt es, dass jede Note, die wir aus unseren Geräten holen, einfach klasse sein muss. Diesmal haben wir viel über die Live-Situation nachgedacht und das hat eine neue Perspektive ergeben. Gleichzeitig mussten wir auch an das Album denken. Wenn ein Track nach, sagen wir, sechs Monaten nichts Neues anbietet, ist es nicht gelungen. Ich habe vorhin gesagt, ich mag jetzt Musik, die sofort gut ist, und es mag widersprüchlich klingen, aber so sehe ich das nicht. Wenn du nichts Neues an einem Track hörst, ist er tot. Das wollen wir natürlich nicht, und da kommen wir wieder zu unserer Liebe zu Details zurück. Dem Zuhörer wollen wir was Frisches anbieten, was auch wachsen kann – und muss! Die Überraschung muss immer da sein, auch beim zehnten Zuhören. Deshalb verwenden wir auch unterschiedliche Geräte, sowohl analoge als auch digitale. Wir arbeiten mit Logic, aber nicht nur. Produzieren in Logic kann einfach dazu führen, dass alles ein bisschen zu ähnlich wird. Dann benutzen wir Tracker oder sonst was, um die Musik völlig umzukehren.

De:Bug: Ist die Jamsession dann eine neue Arbeitsweise für Autechre?

Sean Booth: Eigentlich nicht. Früher haben wir es vielleicht aber nicht so stringent gemacht. Aber ja, back in the days hatten wir immer Jamsessions mit unseren Analoggeräten. So haben wir unsere Track gemacht. Auf ”Confield” waren auch drei Tracks, die so produziert sind. Als wir anfingen live aufzutreten, hatten wir die Vorstellung, wir machen halt neue Tracks vor der Crowd. Vielleicht langweilig zu beobachten, aber toll zu hören. Auch dann fanden Leute es komisch, dass wir nicht mit den Armen winkten oder so ”normales” Zeug.

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De:Bug: Du und Rob Brown habt beide eigene Studios. Wie viel bereitest du selber vor, bevor du Rob triffst?

Sean Booth: Unsere Studios sind mehr oder weniger exakte Kopien voneinander. Ich habe einige Geräte, die Rob nicht besitzt, und umgekehrt, aber hauptsächlich haben wir dieselben Tools in unseren Studios. Wir arbeiten ziemlich viel getrennt, schicken uns Files über das Netz. Ab und zu treffen wir uns und kopieren vom Speicher des anderen. Geographische Entfernung ist ja längst kein Thema mehr. Ich habe zwei Freunde, die zusammen produzieren, der eine wohnt in Japan, der andere in Manchester – das läuft prima!

De:Bug: Immerhin trefft ihr euch noch!

Sean Booth: Ja, sonst könnten wir ja nicht zusammen auftreten, haha! Wir treffen uns regelmäßig. Internet und alles ist toll, aber ich habe Rob sehr gern vor mir, wenn ich meine Beats präsentiere. Wenn ich ihm Sachen maile, dann bekomme ich nur ein OK. Wenn ich ihm was vorspiele im Studio, dann kann ich ja seine physische Reaktion sehen, das ist viel wichtiger. Für ”Quaristice” haben wir in unseren eigenen Studios gebastelt und dann drei, vier Tage pro Woche gemeinsam im Studio gearbeitet. Das ist etwa so, wie es immer war. Möglicherweise ein bisschen weniger, Rob hat heute Frau und Kinder und das schränkt natürlich seine Zeit ein bisschen ein.

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De:Bug: Streitet ihr euch im Studio oft?

Sean Booth: Nee, wir sprechen eigentlich nicht viel miteinander. Öfters starten wir einen Loop oder hämmern einen Sound durch die Lautsprecher und der andere macht das gleichzeitig auch. Wir spielen irgendwie parallel. Wir drehen an unseren Geräten und lassen uns alles Mögliche einfallen. Ab und zu sitzen wir auch als Tag Team vor dem Rechner. Jemand arbeitet, der andere sitzt dabei und entwirft Ideen. Das ist unterschiedlich, aber immer ziemlich intuitiv. Wir kennen einander dermaßen gut, dass wir nicht streiten oder viel sprechen müssen. Unser Bauchgefühl ist gut entwickelt, wir wissen jetzt, was gut oder schlecht ist. Wir haben ja auch lange trainiert, jetzt können wir einfach loslegen.

De:Bug: Gab es dann früher Streit?

Sean Booth: Ich muss dich enttäuschen. Gut, ab und zu gab es die Situation, wo jemand gesagt hat: Das könnte ich viel besser machen. Aber wir haben das meistens so gelöst, dass wir gesagt haben: Ok, zeig es mir. Wenn wir dann zwei Versionen hatten, konnten wir uns immer auf eine einigen.

Möglicherweise hat das mit der Universalität der Musik zu tun. Ich denke schon, dass es in der Musik etwas gibt, was das Ego transzendiert. Eine andere Erklärung wäre, dass Rob und ich einen sehr ähnlichen Geschmack haben, haha!

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De:Bug: Wie viel Input bekommt ihr von Warp?

Sean Booth: Wir schicken unser Material, Warp releast. So war das fast immer, und so ist es jetzt. Incunabula haben die Leute von Warp zusammengestellt. Wir haben so viel Material geschickt und sie konnten dann wählen. Endresultat: die am wenigsten aggressiven Tracks aller Zeiten! Danach haben die Warp-Leute uns zwei Mal gebeten, einen Track am Ende eines Albums zu platzieren statt in der Mitte. Einmal haben wir nein gesagt, das andere Mal, ich glaube LP5, fanden wir die Idee gut und haben die Reihenfolge der Tracks geändert.

De:Bug: Gibt es ein familiäres Gefühl auf Warp? Kennst du die anderen Acts?

Sean Booth: Also heute habe ich fast keine Ahnung. Chris Clark kenne ich vom Namen her. Kenne auch seine Musik, finde sie aber nicht immer gut. Maximo Park habe ich im Fernsehen gesehen. Leute haben mir ständig gesagt, wie schlecht sie sind. Aber ich fand sie in Ordnung. Nichts, was ich als Label releasen würde, aber darum geht es ja nicht. Früher war es aber auch nicht so, dass wir die meisten Acts kannten. Ich tendiere dazu, eher mit meinen Freunden Zeit zu verbringen als mit Bekannten oder Kollegen. Aphex und Squarepusher sind keine Freunde, ich kenne sie zwar ein bisschen. Rob und Tom teilten früher eine Wohnung, dann habe ich ihn natürlich getroffen. Er hat uns komische Miles-Davis-Platten vorgespielt. Er ist ein weird jazz guy. Aber Jazz ist weird, nicht wahr? Aphex ist ein ziemlich netter Kerl, aber auch ein Bully. Er jagt vielen Angst ein, was ich gut verstehen kann. Einmal hat er bei mir übernachtet. Ich war nicht da. Als ich zurückkam, waren alle meine CD’s falsch einsortiert. Na so was.

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Elektronische Lebensaspekte.