Einen Monat, bevor das neue Autechre Album erschien, gab es nicht nur wilde Diskussionen, warum das Ding nun "Confield" heißt. Ein für Autechre, die scheinbar eine Vorliebe für wahlweise Anagramme, gälische Vokalcluster, Frankfurter Vorstädte oder Medizinpackungsbeilagen haben, eigentlich sympathisch zugänglicher Titel.
Text: sascha kösch | bleed@de-bug.de aus De:Bug 48

The ultimate folk music
Laptops, Napster, Derrida & Autechre

Einen Monat, bevor das neue Autechre Album erschien, gab es nicht nur wilde Diskussionen, warum das Ding nun “Confield” heißt. Ein für Autechre, die scheinbar eine Vorliebe für wahlweise Anagramme, gälische Vokalcluster, Frankfurter Vorstädte oder Medizinpackungsbeilagen haben, eigentlich sympathisch zugänglicher Titel. Nein, es gab das ganze Album auch auf Napster. Guerillasuicidemarketing? Vorlaute, Medienkrieg treibende Journalisten mit Standleitung? Nein. Irgendwer hatte die Tracktitel säuberlich aus einer Newsgroup abgeschrieben, eine Sammlung Autechre-ähnlicher Tracks von Monolake bis Microstoria umbenannt und als neues Autechre-Album ins Netz gestellt. Keiner hat sich beschwert, dass es nicht das richtige Autechre-Album war. Keiner hat es gewusst. Autechre Fans sind eine eigenwillige Spezies. Autechre verstehen das selber kaum. Sean Booth und Rob Brown, die vielleicht mit Skam und Mask (Blindenschrift, Pseudonyme en masse, hochlimitierte Ebay Auktionskassenschlager) lange Zeit nicht grade zu einer Entmystifizierung beigetragen haben, sind quer über die Kontinente hinweg immer wieder ein Anlass zu flamebereiter Spekulation. Es gibt von den ersten HipHop Tagen über die Ravezeiten mit Pilzbewuchs in und um Sheffield und ihren Releases auf Warp in minutiösestem Detail kaum etwas, das an Autechre nicht in langen Kompendien dichter Fanarbeit irgendwo digital zusammengetragen wurde. Für mindestens strange hält man sie aber auf jeden Fall. Übertroffen auf der Insel vielleicht nur noch von Aphex Twin. Panzer- und (fast) bartlos jedoch.

Zurück ins Netz

Sean hätte das selber gerne gemacht. Diese Napsterdekonstruktionsgeschichte. Und ist ziemlich amüsiert bei dem Gedanken daran, dass viele Leute jetzt zu Hause sitzen und denken, ihr neues Album zu haben. Sean hat es genaugenommen selber gemacht. Nur keiner wollte das, was er als neues Autechre Album auf Napster angeboten hatte, als das akzeptieren. Die Files waren einfach zu groß, denn es waren Livesets von Autechre, die er selber, dankend dem großen Netz und den vielen Minidisk Kids, die noch die ephemerste Live-Kultur archivieren, von Napster gezogen hatte. Oder waren es vielleicht Warp, die, sofort Stellung beziehend, in dem digitalen Copyright-Weltweit-Wahn, es selber auch gerne getan hätten? Oder zumindest ähnlich. Was ist unter diesen Voraussetzungen eigentlich noch ein Autechre Track, und was kann man darüber sagen? Außer, dass Autechre denkbar ungerne über Autechre reden. Sean z.B. spricht lieber über Derrida, Laptops und Software.
Autechre arbeiten, wie viele Leute, an Tracks, die mehr programmiert sind als konstruiert. Tracks, die viele Tracks hätten werden können, bevor man sie auf Vinyl oder CD mastert. Tracks, die eigentlich mal ein Programm waren und nur auf Grund der Nichtakzeptanz von Copyrights eines Musikformats als Generatives überhaupt noch Tracks werden. Oder das, was man sich heute noch als Format vorstellt. Autechre produzieren oder lassen in eben diesem ständig reflektierenden Prozess zwischen sich selber als Programmierer, sich selber als Hörer, und vielen kleinen Agenten, Patches, Algorithmen etc. ca. eine Stunde Musik die Woche produzieren. Mal bis ins letzte Detail codiert, häufiger aber läuft es und läuft und läuft. Autechre Tracks sind für Autechre eine Art akustische Untermalung, wenn sie grade keine Musik machen. Genau so wie es ein Vertiefen ist in eine Sprache, die keine Endpunkte kennen muss, nur Aufbrüche, Abbrüche, Fragestellungen, Prozesse, digitale Feinheiten und Tauchstationen, von denen man nichts heraufholt als Musik, die Art, wie Musik sich verändert und sich selber zu etwas Anderem macht als einem Genre. “Ich glaube, dass das, was Derrida über Gesellschaft sagt, viel mit dem zu tun hat mit dem, was ich mir über Musik denke.” Endlos, keine Affirmation von Systematiken zulassen, und wenn man schon mal etwas setzt, dann unter dem Vorbehalt, dass man selbst vielleicht doch nur Scheiß macht. Genialität ist für Autechre der letzte Dreck. Und sie sind in dieser Hinsicht froh, zu zweit zu sein. Genies kommen meistens alleine. “Ich mag die Tatsache, dass es endlose Einheiten sind. Es ist egal, wie weit man in etwas hineingeht, es geht immer weiter, und man bewahrt immer die gleiche Menge an Information.”

Hauptsache billig

Autechre Tracks sind, so Sean, “The ultimate Folk music”. Nicht als Genre, sondern weil sie mit dem gemacht sind, was zumeist das Billigste ist. Das Naheliegenste, Computer. Folk heißt für Autechre nicht irgendein Bezug zu Bäumchen und Bienchen, sondern die Bäumchen und Bienchen auf das Jetzt runterzubrechen, wo sie Chips und Motherboards, Open Source und Netzwerk heißen. Musik niemals von den ökonomischen Grundlagen zu trennen, oder überhaupt auslösen zu wollen, ohne Musik allerdings in ihnen aufgehen zu lassen. Die radikale Differenz von Musik zu allem Anderen zu behaupten, ohne Musik allerdings von irgendetwas oder irgendwem ausschließen zu können. Differance. Musik ist nicht einfach ein Stück, nicht einfach ein Genre, nicht einfach ein Format, sondern all das immer zugleich, und wenn es klingt, dann immer auch, weil es eine Aussage über das macht, was nicht klingt.
Nicht, dass die beiden Angebote von diversesten Software Developern ausschlagen würden, ihnen immer brav die neusten Updates zuzuschicken. Irgendwer muss schließlich die Laborratte spielen. Aber in der Basis ist das Equipment, mit dem sie arbeiten (MAX, Sybolic Composer, Supercollider etc.) zumindest zum Teil ein fast akademisches, vor allem aber offenes und grundlegendes. Environments mehr als Applications im klassischen Sinn, die man normalerweise meint, wenn man Software sagt. “Ich glaube, dass die Entwicklung von Software so weiter gehen wird. Man implementiert Dinge in akademische Software, die dann hinterher in eher kommerziellen Produkten ausgeschlachtet werden. Es wird vermutlich dazwischen interessante Dinge geben, aber dennoch dürfte es sich in zwei Camps aufteilen. Die Open Source und akademische Seite und die, die daraus Profit schlagen.”
Und das in einem immer wieder neu auf’s Spiel gesetzten Verhältnis zu Formaten und Ökonomie.
So wie die verschiedenen Mixe auf 12″es lange Zeit eine Methode waren, mit dem Ende von Songs umzugehen, ist es jetzt Napster, das mit dem kommenden Ende der Mixe umgeht, indem man dort andere Edits von Tracks releast, mit mehr DSP Tricks, noch mehr Berechnung, und anderen Weisheiten die man mit den Maschinen so vor sich her geträllert hat. Autechre sind resolute Verfechter von einem Recht auf Technologie als Weltverbesserungsideologie. Jedem Kid sein Laptop, und die Welt wäre ein besserer Ort. 23.000 iBooks hat grade heute ein US County für seine Schoolkids gekauft. Mediatisierungsvorsprung durch technologische Aufrüstung der Biomasse, sicher, aber dass man mit mehr Möglichkeiten restriktiver umgehen wird als mit weniger, war schon immer ein Aberglaube, der politisch entfernteste Gräben miteinander verbunden hat.
“Es wird erst losgehen in den nächsten 10 Jahren. Es wird verrückt sein. Schon die nächsten paar werden eine riesen Umwälzung sein. Noch sieht es so aus. als würden einfach nur die Leute, die elektronische Musik oder Tanzmusik interessiert, Computer benutzen, um Musik zu machen, aber es werden alle sein. Jeder, der Musik machen wird, wird sie auf Computern machen… The ultimate folk music.”

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: thaddi aus De:Bug 13

Wider den Diskurs mit Autechre! Thaddeus Herrmann thaddi@de-bug.de Beats, digital zerschreddert, bis auf die Makroebene entpellte und wieder neu übereinander geschichtete Sounds: Dafür steht Autechre, einer der künstlerisch interessantesten und künstlerisch am konstantesten arbeitenden Acts von Warp Records. Der Feind ist dabei leicht auszumachen: eingefahrene Strukturen und Hörgewohnheiten, kurz: die musikalische Langeweile. Dabei beweisen Autechre auf eindrucksvolle Weise, daß Sound- und Beatforschung nicht unerträglich eingebildet und unhörbar sein müssen. Denn: Autechre lassen einen beim Hören ihrer Musik nicht wirklich allein. Mag ein Track noch so verquer und unlogisch beginnen, so fügen sich ab einem bestimmten Punkt die verschiedenen Elemente auf wunderbare Weise zusammen und ergeben ein neues Ganzes. Nebenbei pfeifen sie auf durchgehende Tempi in ihren Tracks und erfinden auf ihren Platten immer wieder die wunderbarsten, fast hymnisch anmutenden Melodien. Mit dieser Mischung aus digitaler Beatfeinmechanik und einem fast schon konservativen Melodieverständnis sind Autechre Wegbereiter einer ganzen Strömung von Musikern. Eine These, die in jedem Plattenladen locker anhand von zehn oder zwölf Platten nachgewiesen werden kann. Fünf Alben, jede Menge EPs und eine schier unüberschaubare Flut von Remixen für so unterschiedliche Bands und Projekte wie Saint Etienne, Jimi Tenor und Merzbow lassen auch für die Zukunft hoffen. Autechre ist das programmierte Baby von Sean Booth und Rob Brown, und die sind nach ihrem Konzert in Berlin sauer. “Das zweite Mal in Berlin, und wieder müssen wir in so einer dämlichen Kunstakademie spielen, wo die Leute blöd rumsitzen. Mir reicht’s! I wanna play the fucking Tresor!”, sagt Sean, als wir nach dem Gig in der Akademie der Künste im Foyer stehen und auf die Auszahlung der Gage warten. “Und dann auch noch so ein beschissener Sound. Dabei hatte der Saal eine hervorragende Akustik. Wie kann man da nur so eine schlechte Anlage reinstellen”! Das mit der Gage dauert noch, und ich frage schon mal los. Daß Autechre ja schon sehr sophisticated sei, nach einem hochkomplizierten Produktionsprozeß klinge, bestimmt ein ausdefiniertes Konzept darüber schwebe und riesige Monitore benötige, um die einzelnen Elemente überhaupt noch ordentlich orten zu können, und wie das denn live funktionieren würde. “Das ist alles gar nicht kompliziert. Live kommen wir völlig ohne Rechner aus, wir haben zwar so ein Laptop dabei, benutzen ihn aber nicht. Sampler, zwei alte Sequencer, ein Nordlead-Synth für die Percussion- und Drumsounds, fertig”, erklärt Sean. Das klingt, als wollten Autechre ihre Geheimnisse nicht unbedingt jedem unter die Nase reiben. Inzwischen hat die Bar in der Akademie geschlossen, das Foyer leert sich, der Hausmeister spielt nervös mit seinem Schlüsselbund und murmelt irgendwas von abschließen. Sean setzt noch einmal an. ”Konzepte haben wir nicht, ich kann Dir da keine modische Diskursantwort geben. Wir versuchen, so wenige Dinge wie möglich zweimal zu machen, da bleibt es nicht aus, daß man sich noch detaillierter mit Sound und dessen Verarbeitungsmöglichkeiten auseinandersetzt. Im Studio benutzen wir grundsätzlich alles, was wir unter die Finger bekommen, wir profitieren aber nicht wirklich von neuen Maschinen und immer schnelleren Rechnern. Altes Equipment kann viel mehr leisten, als man denkt. Es hat ewig gedauert, bis wir diese Tempoveränderungen begriffen hatten, funktioniert aber, auch auf Ataris”, schließt er seinen Abgesang auf die neuesten Digitalspielzeuge ab. Tempo … ein gutes Stichwort. Es gibt Tracks von Autechre, die beginnen auf gutem HipHop-Tempo, ziehen dann an auf vielleicht 135 bpm und enden wieder im HipHop-Jam. Dabei wird das Tempo nicht linear erhöht. Es herrscht schlichtweg Chaos, zumindest oberflächlich. Beim zweiten und dritten Hinhören macht plötzlich alles Sinn, schnelle und langsame Loops greifen ineinander und verschmelzen schließlich. Was haben Sean und Rob im Hinterkopf, wenn sie mit dem Tempo spielen? ”Time, it’s all about time”. Häh? Offenbar weiß Sean es auch nicht ganz genau. Der Tourmanager wird bei dem Stichwort Time wieder etwas unruhig und schaut vergebens nach dem Mann mit der Gage. “Time, Man … Acid”. Ach so! “Ich habe darüber noch nie nachgedacht. Irgendwie wissenschaftlich möchte ich das sowieso nicht verstanden wissen! Vielleicht sind Zeitkonstanten einfach langweilig”? Was weiß denn ich! “Wir wollten immer schon Tracks machen, die immer langsamer und dann wieder schneller werden, so entsteht ein ganz neuer Fluß in der Musik, sie wird weniger konkret”. Musik ist ein stetiger Lernprozeß. Läßt man Autechres erste Veröffentlichung überhaupt (eine Breakbeat-12″ auf einem längst untergegangenen Label) außen vor und vergleicht ihr neustes und frühere Alben, findet sich zumindest ein wiederkehrendes Element, eine weitere Trademark: Melodien. Sie machen die Musik von Autechre zu dem, was sie ist. Crunchy verknusperte Beats, die einen ganz in Anspruch nehmen und dann meistens doch in einer wohligen Verwirrung zurücklassen, sind das Skelett, die Melodien das Drumherum. Klingt fast nach einer schizophrenen Persönlichkeit. Ruhe und Unruhe. “Wir haben beide unterschiedliche Herangehensweisen an die Musik, andere Stile. Es ist aber nicht so, daß einer sich nur um die Melodien kümmert, und der andere die Beats programmiert. Wir haben das selbe Ziel, wissen genau wie ein Track am Ende klingen soll. Dabei ergänzen wir uns”, sagt Sean. Und welchen Stellenwert haben die Melodien? “Sie sind genauso wichtig wie die Rhythmik. Man kann beide Elemente nicht voneinander trennen. Eigentlich sind Melodien ja auch Rhythmen, ein in verschiedenen Tonhöhen rhythmisch gespielter Sound. Sobald man mit Sound arbeitet, Rohmaterial, ignoriert man diese traditionelle Trennung von Rhythmus und Melodie. Es ist alles Sound. Wir sind inzwischen einfach an diesem Punkt angekommen, wir denken darüber nicht nach, wie wir was machen, und die Leute sollten es auch nicht tun. Das ist langweilig. Jeder, der eine Zeit lang Musik macht, wird automatisch auch an diesen Punkt kommen.” Autechre benutzen leidenschaftlich gern den Sound anderer Musiker, die Anzahl der Remixe beweist es. Dabei sind Remixe für sie mehr als Auftragsarbeiten. “Wir begreifen Remixe schon als eigene Autechre-Stücke”, sagt Sean. “Die zu remixenden Stücke sind eine Art von musikalischem Input, Klangmaterial, was wir sonst wahrscheinlich nie benutzen würden. Wir versuchen immer das Beste aus dem Originalmaterial rauszuholen, benutzen nach Möglichkeit nichts anderes. Dieser Klangaustausch mit anderen Musikern wird für uns immer wichtiger. Derzeit arbeiten wir an Kollaboration mit Coil und Soviet*France. Coil waren für unsere persönliche musikalische Entwicklung sehr wichtig. Ich nenne das immer “Early Darkness”, was sie gemacht haben. Wir schicken Tapes hin und her mit Ideen und Demos. Es dauert sicherlich noch eine ganze Weile, bis wir davon etwas veröffentlichen können … mal sehen. Wichtig ist uns, daß wir musikalisch vorankommen.” Da kann man nur Glück wünschen. Die Gage ist dann am Ende des Gespräches immer noch nicht da, das ist aber eine andere Geschichte. Autechres neues selbstbetiteltes Album erscheint am 13. Juli bei Rough Trade. ——————————————————————— ZITAT: Der Feind ist leicht auszumachen: eingefahrene Strukturen und Hörgewohnheiten. Kurz: die musikalische Langeweile.

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