Text: jan joswig aus De:Bug 28

Das Lego Mindstorms System Eine Tautologie: der intelligente Lego-Stein Das Lego-System stand immer in einem Konkurrenzverhältnis zum Fischertechnik-System. Soll unser Nachwuchs Schöngeist werden oder Ingenieur? Mit Lego lässt sich das äussere Erscheinungsbild der Welt nachbauen, mit Fischertechnik die inneren Funktionsweisen. Ein Lego-Jeep sieht aus wie ein Jeep, höchstens schöner, man muss ihn aber schieben. Ein Fischertechnik-Jeep sieht aus wie ein ausgebranntes Gerippe, es fährt aber selbstätig. Lego ist das Spielzeug für angehende Ästheten, Fischertechnik für Techniker. Uneinholbar ist Lego bei dem Vorausträumen von Zukunftswelten. Fischertechnik kann vielleicht gerade noch eine Rakete mit selbstzusammengeschraubtem Atomantrieb durch die Kinderzimmerdecke steigen lassen. Aber wie unsere Welt aussehen könnte, wenn Atomantriebe nur noch im Museum stehen, das kann man viel besser auf zwei, drei zusammengesteckten Lego-Grundplatten entwerfen. Hier der laserdruckknopfgesteuerte Verwahrungssatellit für die Eltern, zum Beispiel. Mit der an Fischertechnik angelehnten Lego-Technic-Serie hatte Lego denn auch gegen sein eigenes Prinzip verstossen. Der Basisbausteinekasten blieb immer attraktiver. Intelligent an Lego ist ja, dass es die poetische Intelligenz der Spieler anspricht. Mit dem “intelligenten Baustein Lego Mindstorms” schafft Lego nun die Synthese zwischen ästhetischem und technischem Vorausbauen der Zukunft und zieht Fischertechnik davon. Jetzt kann man den Elternverwahrungssatelliten nicht mehr nur als Wunschgebilde erbauen, er schliesst mit dem integrierten Mindstorms-Roboterentwicklungs-System seine Klappe über Lichtschranke auch unüberwindbar hinter den Eltern. (Man braucht dazu allerdings schon eine ganze Menge Basisbausteine.) Die antiautoritäre Pubertätsnerdhilfe wird seit 1984 von der Lego-Gruppe und dem renomierten amerkianischen MIT entwickelt und diesen Herbst auf dem deutschen Markt lanciert. Wie lassen sich die Lego-Welten zu eigenständigem Semi-Leben erwecken? Kinder, keine Angst vor dem Prometheus-Mythos. Mit Hilfe einer CD-Rom kann man am Computer über eine speziell kinderleichte Sprache unterschiedliche Reaktionsfunktionen programmieren, die per Infrarot an den RCX-Mikrocomputerbaustein in dem Legokörper weitergegeben werden. Über Licht und Berührungssensoren wird der Lego-Roboter zu dem programmierten Verhalten animiert. Du willst nicht vom Bett aufstehen, um die Schallplatte umzudrehen? Programmiere die notwendigen Bewegungsabläufe und lasse sie über den Bewegungssensor aktivieren, der immer dann reagiert, wenn der Tonarm in der Auslaufrille ruht. Ob dein Roboter mehr die Gesichtszüge von WestBam oder mehr von Andrea Parker trägt, entscheidest du. Als Einführungshilfe stellt Lego neben dem universellen Arbeitsroboterprogramm “Robotics Invention System” einen “Droid Developer Kit”, eine “Lego Mindstorms Digital Video Camera” und ein “Exploration Mars KitÒ in Aussicht, damit man sich unter Anleitung Schritt für Schritt der Robotertechnik nähern kann. Das ãDroid Developer KitÒ hängt sich an die Lego-Star Wars-Serie an: Der Droide, der dich zum Jedi-Ritter schlägt. Was die Mars-Geländewagen des ãExploration Mars KitsÒ können sollen, bleibt bis März 2000 noch geheim. Entscheidender ist sowieso, wie man das Roboterangebot unabhängig von den Vorgaben für eigene Bedürfnisse nutzbar macht. Vielleicht in sentimentaler World Wide Web-Verbundenheit als erstes an einen Toaster koppeln. Nie wieder angebrannte Morning Muffins. Sich unter lenkender Anweisung in Camps mit dem Mindstorms-System zu “zukünftigen Pioniere(n) der Wissenschaft und Technik in unserem Land” (gemeint ist Amerika) erziehen zu lassen, wie es der Gründer der mit Lego assoziierten FIRST-Gesellschaft (For Inspiration and Recognition of Science and Technology) Dean Kamen formuliert, ist dann die andere Seite der Einsatzmöglichkeit. Mit einem amerikanisch-darwinistischen Didaktikrahmenprogramm (Hilfe, mein Kind wird ausselektiert, es spielt nur mit mechanischem Aufziehspielzeug) will sich Lego zusammen mit FIRST mit dem Mindstorms-System gleich als erziehungspraktischer Vorreiter für die zukünftigen Weltverwalter empfehlen. Der “Vorsprung durch Technik”-Ideologie der Entwickler folgend, sollen Kinder aus aller Welt in “First Lego Leagues” zu Elitekadern ausgebildet werden, die ihre virtuelle Einsatzzentrale unter http://www.legomindstorms.com finden. Dem muss man sich ja nicht anschliessen. Mindstorms klingt zwar wie Desertstorm, technologischer Imperialismus, aber die RAF benutzte auch die gleichen Waffen wie der Bundesgrenzschutz.

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Elektronische Lebensaspekte.