Text: thaddeus herrman aus De:Bug 28

Every Noise Has A Note Matmos Drew Daniel und Martin Schmidt sind zwei Jungs, die einfach machen, egal, ob das jemanden interessiert oder sie sich damit im Land des Rock’n’Roll unbeliebt machen. Was durchaus passieren könnte, denn Menschen, die als Einflüsse Throbbing Gristle, Breakbeat, Daft Punk und Pierre Henry in einem Atemzug nennen und als Samplematerial menschliche Schädel verwenden, die aus irgendwelchen Lehrmittelsammlungen geklaut sind, denen sie dann Latex-Fetischhemden überziehen, um das ganze mit Kontaktmikrophonen aufzunehmen, und die nebenher mal eben Björk remixen, dürften selbst in San Francisco im besten Fall noch als Spinner durchgehen. Ihre drei bislang veröffentlichten Alben, von denen zwei inzwischen von Matador für Europa lizensiert wurden, zu beschreiben, ist ungefähr so einfach, wie nachts im Coca Cola Hauptquartier vorzusprechen und dem Nachtwächter mit vorgehaltener Pistole die Rezeptur der klebrigen Brause aus dem Kreuz zu leiern. Matmos, der Name, ist dem Film Barbarella entliehen, klingt ungefähr so, als ob ein Trupp aggressiver Tausendfüssler in der kalifornischen Wüste im Akkord über ein riesiges Mikrophon krabbelt, was das Zeug hält, um gleich danach in einem unterirdischen Forschungszentrum der NASA jedes einzelne KrchKrchKrch im Rechner zu zerlegen, mit schamanischen Indianerrufen zu kreuzen, gesampelte Industrialpercussion hinzuzufügen, um schliesslich alles von einem entfernt an Breakbeats erinnernden Soundgewitter garantiert keimfrei erschlagen zu lassen. Klingt nach Kunst und Konzept? Im Gegenteil, denn Matmos sind unwiderstehlich catchy, humorvoll und groovy und unter Garantie die ersten, die die guten alten Traditionen des Industrial endlich mit einem neuen Eprom für die 90er versehen und den Sound so wieder erträglich gemacht und ihnen einen wunderbar schräg groovenden Touch verliehen haben. Damit sind sie vielleicht auch die einzigen, die die Brücke zwischen kollagierter Soundart und funkender Mitwipplust ins nächste Jahrtausend schlagen können. Am Anfang war Techno Auch für Matmos. Drew legte Anfang der 90er in San Francisco Platten auf, hatte einige Tracks produziert, sogar ein Vertrag war in Aussicht. Doch dann kam alles anders, Rave mutierte zum Feind, und die beiden kramten ihre alten Industrial Platten wieder aus, rekonstruierten Noise am heimischen Macintosh, pressten die Soundfiles in ein krakliges Rhythmuskorsett, liessen alles ein paar Jahre liegen, putzten dann noch mal die Festplatte und…fertig war das erste Album. “Wir haben einen ähnlichen Ansatz wie damals Throbbing GristleÒ, sagt Drew, “zumindest was ungewöhnliche Soundquellen angeht. Für ‘Last Delicious Cigarette’ auf unserem neuen Album haben wir uns vor unser Plattenregal gesetzt und mit einer Münze Kopf oder Zahl gespielt und so bestimmt, welche Platten wir als Samplematerial benutzen mussten. Interessante Erfahrung, mit Zufallssounds einen Track machen zu müssen. Letzte Woche habe ich zum Beispiel merkwürdige chirurgische Praktiken in einem Operationssaal aufgenommen. Klingt schon sehr nach Industrial, oder? (lacht). Der Unterschied ist aber, dass Matmos einen Popsong aus diesen Sounds macht. Keinen herkömmlichen natürlich, denn mit Melodien sind wir ausgesprochen vorsichtig. Das Problem mit Popsongs ist, dass sie zuviele kleine Details haben, die deine volle Aufmerksamkeit haben wollen und dir mit einem breiten Lächeln ins Gehirn springen. Du fängst an mitzusingen, im Zimmer herumzuspringen, deine Nackenhaare kräuseln sich…du fühlst dich wohl. Aber dieses angenehme Gefühl basiert ja nur auf Nostalgie, die dich letztendlich davon abhält, neue Dinge zu tun. Die grosse Chance im Moment ist Musik, die sehr kontrollierte Anteile von Pop und einem artifiziellen Gefühl verbindet: Super Collider, The Sea & Cake, Jim O Rourke…diese Platten haben poppige Momente, sind aber gleichzeitig super pervertiert. Dennoch ist Matmos irgendwie Pop, zittrig, instabil, lustig und beängstigend. Und diejenigen, die unsere Platten mehrmals hören, werden mit immer neuen Überraschungen belohnt, so, als ob man in einem unaufgeräumten Zimmer plötzlich etwas findet. Noise haben wir hinter unsÒ. Way Out West Das stimmt spätestens seit ihrem aktuellen Album “The West”, das über weite Strecken einfach wie ein fauler Nachmittag an einem staubigen Highway-Drive-In klingt. Ab und zu kommen ein paar digitale Cowboys vorbei und spielen Banjo oder Steelguitar, bevor Drew den Breakbeat zieht und der Cowboy die Flucht ergreift. Gute Nacht, Amerika. “”The West” war ein Experiment, und wir waren uns ganz sicher, dass jeder die Platte hassen würde. Wir waren es leid, dass wir mit unseren ersten beiden Alben mit Autechre verglichen wurden, was in unseren Augen komplett absurd ist. Also machten wir ein Album mit unterschiedlichsten Gitarren. Jetzt mögen alle die Platte…komische Welt.” Fragt man Drew nach Verbündeten im eigenen Land, wird klar, wie klein diese Szene experimenteller elektronischer Musik in den USA wirklich ist und wieviel Raum für Unterschiede und Vielfältigkeit sie allen Beteiligten lässt: Kit Clayton, Kid 606, Lesser, Lucky Kitchen, Sutekh, RKK, Jake Mandell, Schematic…das Traumline-up für einen gelungenen Abend. “Als wir mit Matmos anfingen, war die 4/4 Bassdrum ganz eindeutig unser grösster Feind. Heute identifiziere ich eher Faulheit und sich daraus ergebene niedrige Standards als das, wogegen man kämpfen sollte. Was ist an 4/4 so schlimm? Chain Reaction, Kit Clayton, Thomas Brinkmann…sie alle beherrschen das. Auch wenn wir eigentlich lieber offene Strukturen mögen, wird es auf unserem nächsten Album ein paar straightere Tracks geben. Damit werden wir bestimmt alle komplett verwirren.”

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Elektronische Lebensaspekte.