Text: Jörg Sundermeier aus De:Bug 28

Musik in der Literatur IV: Der Dilbert der Popkultur Auf du junger Wandersmann WIR BRAUCHEN EINE BILDUNTERSCHRIFT. benjamin von stuckrad-barre DAS SOLL AUF DEM BILD STEHEN Lesen bedeutet im besten Falle, dass einem Anregungen vermittelt werden. Man bekommt Erkenntnisse mitgeteilt, die man dann, öhm, nacherkennen kann oder so. Oder es überrascht. Auf jeden Fall wird Lesen eigentlich nicht der Charakter einer redundanten Einübung des Schongewussten nachgesagt. Benjamin von Stuckrad-Barre (24) ist ein wesentlicher Teil des vom SPIEGEL in gendertechnisch ziemlich gewagter Form als “Fräuleinwunder” bejubelten Erfolgskurses der “jungen deutschen Literatur”. Und bei ihm muss man das oben beschriebene Leseerlebnis absolut missen. Nicht nur, dass Benjamin von Stuckrad-Barre in seinen Publikationen bislang ausnahmslos über sich und seine Beobachtungen plaudert, nein, diese Beobachtungen hat jede und jeder schon vor der Lektüre seines Buches in gleicher Weise gemacht. Deutsche Filme sind hohl, ihre Stars sind auch nur Menschen und gänzlich unglamourös, Intellektuelle stehen unter dem Zwang, schlau sein zu müssen, Studenten neigen zu leeren studentischen Gesten, mit Hipness ist in der “Frankfurter Rundschau” nicht zu rechnen und Katja Riemann ist so wie Katja Riemann. Aha. Der Jungblaublüter hat sich vom Rolling Stone aus via Taz und Allegra an die Frankfurter Allgemeine rangewanzt, deren Redakteur er nun ist. Die FAZ erwartet von ihrem Redakteur vermutlich das, was er am besten kann, nämlich dass er den Jugendlichen spielt. Und wie sein Arbeitgeber und sein Verlag Kiepenheuer & Witsch verwechselt Stuckrad-Barre vermutlich selbst Jungsein mit Pop-Sein und Pop-Sein mit Startum. Daher hält er es für angebracht, seiner schülerhaften Rock’n’Love-Story “Soloalbum” – in dem ein Verlassener der Gegangenen in einem Wehleidston hinterdreintrauert, der schon bei Thomas Manns “Kleiner Herr Friedemann” nur noch lächerlich wirkte – das Buch “Livealbum” folgen zu lassen, in dem der Autor schildert, was der Autor erlebt, wenn der Autor vorliest. Und natürlich, denn wir sind ja Pop!, hagelt es Groupies und Koks und unverständige Alte wie sonst nur in Highschool-Filmen oder bei “Eis am Stiel”. (Lustigerweise war trotz intensiver Recherche niemand ausfindig zu machen, die oder der sich im Nachtleben autonom bewegt und dabei das Illustriertengesicht des BenjaminVSB angetroffen hätte. Ist er also nur NOCH VIEL cooler?) In “Remix”, der parallel zu “Livealbum” erschienenen Sammlung seiner Aufsätze, erweist sich dann von Stuckrad-Barres essayistisches Totalgenie. Harald Schmidt, so liest man erstaunt, denkt sich seine Witze nicht selbst aus, sondern hat einen Stab, der hart arbeitet, ohne dabei tolle Witzchen zu machen. Na sieh mal einer schau! Und Salman Rushdie ist popkulturell auch nicht eben auf der Höhe von – sagen wir mal – Britney Spears. Ansonsten liest sich seine Welt wie sie ihm gefällt, auch hier gilt: Blöde sind blöd, wenn das Wörtchen wenn nicht wär… und Frauen müssen of course “Mädels” heissen. Nichts, aber auch gar nichts wird entdeckt, was a) der Grossvater von Bret Easton Ellis nicht auch schon so gesehen hätte und b) ebendieser heute nicht auch schon irgendwie als langweilig empfindet. Es ist, denke ich, kaum nötig zu sagen, dass von Stuckrad-Barre mit seinen so ausserordentlich souverän vorgetragenen Gemeinplätzen mächtig Erfolg hat. Er ist eben eine männliche Hera Lind für Leute unter dreissig.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.