Text: Sven von Thülen aus De:Bug 105

Legende

B12

Anfang der Neunziger, als man dank Techno gerade anfing, die Stadt Detroit auf der aktuellen Musiklandkarte neu zu verorten und mit so manchem Mythos und mancher Legende auszustatten und zu überhöhen, da erschienen in Europa plötzlich einige Platten, die dieselbe geheimnisvolle Aura umgab. Limitierte Pressungen in buntem Vinyl mit kunstvoll zwischen die Tracks und in die Auslaufrillen gekratzten Botschaften. Dazu ein enigmatischer Labelname, B12, und Tracks, die so ätherisch und introvertiert klangen, als wären sie via Detroit direkt von den Sternen auf die Erde gebeamt worden. Die Überraschung war groß, als sich kurz darauf herausstellte, dass B12 ihre Heimat im britischen Essex haben. Steven Rutter und Mike Golding, die beiden Köpfe hinter B12, waren mit die ersten, die die britische Detroit-Techno-Verehrung in einen eigenen Sound übersetzten, der erst mal ganz unbeholfen “Intelligent Techno” geschimpft wurde und letztendlich den Beginn von Genres wie Elektronika oder IDM darstellte. Ende der Neunziger verschwanden B12 von der Bildfläche elektronischer Musik. Wir haben sie in London aufgestöbert und sie zu ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft befragt.

Musik und Mädchen

Debug: Lasst uns am Anfang beginnen …

Mike Golding: Gibt es überhaupt einen Anfang?

Steven Rutter: Wir kannten uns schon etwa zwei, drei Jahre, als wir angefangen haben zusammen Musik zu machen. Wir haben viel zusammen rumgehangen und Platten aufgelegt, scratchen geübt. Wir haben damals eine ganze Menge Electro und HipHop gehört.

Mike Golding: (zeigt auf Steven) Er hat mir beigebracht, wie man zwei Platten ineinander mixt.

Steven Rutter: Ehrlich gesagt stand ich auf seine Schwester, und die erzählte mir von ihrem Bruder Mike. So habe ich ihn kennen gelernt.

Mike Golding: Nein, nein, das ist nicht ganz korrekt. Er hat meine Schwester flachgelegt …

Steven Rutter: Ich hab’s versucht, aber …

Mike Golding: Ist das so? Soweit ich weiß, hast du meine Schwester flachgelegt, und dann …

Steven Rutter: Sie erzählte mir von ihrem Bruder, der all diese Mixtapes machen würde …

Mike Golding: Sie waren fürchterlich.

Steven Rutter: Ja, sie waren fürchterlich. Dilettantisch gemixt. Ich wusste sofort, dem kann ich noch was beibringen. Und letztendlich haben wir uns unter diesen Voraussetzungen kennen gelernt.

Debug: Wann war das?

Simpel wie Frankie Bones

Steven Rutter: Mitte, Ende der Achtziger. Mike fing dann bei einem Piratensender eine Radioshow an und wir organisierten hier und da ein paar Parties in Londoner Pubs. Ich bin mir nicht sicher, wie Mike das in Erinnerung hat, aber ich kann mich daran erinnern, wie wir alte Frankie-Bones-Platten hörten und auflegten und dachten, das können wir auch, das ist nicht so schwer. Kurz darauf haben wir uns dann unseren ersten Sampler gekauft. Diese Platten von Frankie Bones haben mir deutlich gemacht, wie einfach es sein kann, Musik zu machen. Einfach samplen, loopen, Beat drunter, fertig.

Mike Golding: Bones Breaks waren ohne Zweifel der größte Einfluss für uns, Musik zu machen. Stilistisch haben uns die Platten nicht sonderlich lange beeinflusst. Aber um überhaupt erst einmal anzufangen schon. Der entscheidende Katalysator. Frankie Bones war ein Genie. Er nahm sich einfach all diese Platten, loopte sie, legte diese Loops übereinander und brachte das Ergebnis dann auf Platte heraus. Und alle DJs liebten sie. Die perfekten Tools. Irgendwann stellte Steve fest, dass wir das ja wohl auch könnten und kaufte für sechshundert Pfund einen Akai Sampler mit Keyboard, ein ganz fürchterliches Ding, und ein Vierspur-Kassettenrekorder. Ab hier hieß es dann ganz eindeutig: Ja, wir können das auch. Und, jippie, wir werden Superstars. Verdient haben wir mit unserer Musik seitdem trotzdem keinen Penny (lacht).

Debug: Ihr wart also typische Kinder der Acid-House-Explosion und des Summer of Love?

Mike Golding: Ich hatte noch nie einen Summer of Love. Ich hoffe, dass es dieses Jahr endlich so weit sein wird, aber bis jetzt warte ich noch. Ich bin verzweifelt.

(Gelächter)

Steven Rutter: (schmunzelt) Würde ich schon sagen. Wir gingen auf all die frühen Raves und liebten die Musik, ja.

Debug: Wie seid ihr von Loop- und Sample-basierten House-Tracks zu eurem teilweise doch sehr komplexen B12-Sound gekommen? Wann erschien Detroit-Techno in eurem Koordinatensystem?

Mike Golding: Wenn du mit Platten von Frankie Bones aufgewachsen bist, die mit ihren fünf übereinander gelegten Loops in Punkto Virtuosität doch recht übersichtlich gestrickt waren, und plötzlich zum ersten Mal hörtest, was Derrick May, Juan Atkins und Kevin Saunderson mit Drumcomputern, Synthesizern und Vierspur-Geräten machten, dann war dieser Unterschied ziemlich beeindruckend. Wir reden hier vom Jahr 1988 und …

Steven Rutter: (unterbricht) Lustigerweise waren es aber nicht die Tracks von Derrick May und Co, die uns den Weg zu unserem B12-Sound vorgezeichnet haben, sondern Richie Hawtins und John Acquavivas Label Plus 8 Records. Würdest du nicht zustimmen, Mike?

Mike Golding: (atmet tief ein) Okay, lass mich das erläutern. Wir haben damals wie besessen Platten gekauft. Alles aus Chicago, Detroit, New York. Der ganze frühe Kram. Ich habe hunderte von obskuren Whitelabels aus Chicago, von den seltsamsten Produzenten, von denen man danach nie wieder gehört hat. Das war alles wahnsinnig minimal. Nicht, weil die Kids aus Chicago es so wollten, sondern weil sie es noch nicht besser konnten. Ein Beat, ein paar HiHats und ein seltsamer Sound, mehr ging da meist ja nicht. Die Jungs aus Detroit haben da dann vieles geändert, neue Räume erschlossen. Und wir saßen zu Hause vor unserem Equipment und haben uns überlegt, wie wir unsere Musik kompliziert machen könnten. Komplexer. Bis dahin wussten wir ja nur, wie man die Platten von anderen sampelt und loopt. Wir haben dann angefangen zu experimentieren und ich kann dir sagen, diese Experimente haben sich fürchterlich angehört. Ganz grässlich. (lacht) Wir waren ja keine Musiker. Steve konnte ein bisschen Klavier spielen, aber das Einzige, das ich spielen konnte, war …

Steven Rutter: (zieht die rechte Augenbraue hoch) Was konntest du spielen? Da bin ich jetzt aber gespannt. Was konntest du denn spielen? (lacht)

Mike Golding: (entrüstet) Hey, ich war Space-Invaders-Schul-Champion im Jahr 1979. Ich war unschlagbar.

Steven Rutter: Okay, Punkt für dich.

(Gelächter)

Hass auf Hardcore

Debug: Das Ergebnis eurer Experimente war aber dann irgendwann ein eigener, tatsächlich sehr komplexer Sound, der Detroit-Techno noch einmal neu durchdeklinierte und den Fokus nicht mehr unbedingt auf dem Dancefloor hatte und letzten Endes Genres wie IDM oder Elektronika auf den Weg brachte.

Steven Rutter: Über diesen Punkt haben Mike und ich vorhin noch diskutiert. Als wir unser Label starteten und unsere ersten Platten herausbrachten, war der Sound der Stunde in England Hardcore. Breakbeats. Wir dachten nicht, dass wir Chill-Out oder Ambient machen würden, sondern Musik zum Tanzen. Emotionale Musik zwar, aber für den Dancefloor. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich Ende der Achtziger zu Derrick Mays ”The Dance“ in irgendeinem runtergekommenen Club getanzt habe und zwei Jahre später war Dancemusic nur noch Hardcore und Euro-Techno.

Mike Golding: Ich denke nicht, dass wir mit dem, was wir gemacht haben, Visionäre waren. Wir hatten unsere Einflüsse eindeutig in Detroit und haben das einfach weiterverarbeitet. Unser eigenes kleines Universum daraus gebaut. Vor allem für uns selber. Ich habe Hardcore gehasst und auch Techno, als Techno immer schneller und immer härter wurde. Wir haben damals die bewusste Entscheidung getroffen, dass wir uns von der Masse absetzen wollten. Wenn du zu der Zeit in England ein Label betrieben hast, war die Norm, dass du Whitelabels hast pressen lassen ohne jegliche Label-Identität, und dann hast du ein paar tausend davon verkauft. Das wollten wir nicht. Wir haben unser Label-Design selber entworfen, haben die Folien, die wir beim Mastern und Schneiden unserer Platten bekommen haben, mit nach Hause genommen und haben selber unsere kleinen Botschaften in die Auslaufrillen geritzt. Uns ging es nicht darum, viele Platten zu verkaufen oder Platten zu machen, die später einen hohen Sammlerwert haben. Wir haben unsere Maxis in farbigem Vinyl gepresst, weil wir dachten, dass das cool aussieht. Ganz einfach. Wir haben Cover entworfen, Sticker gedruckt, die Platten verschweißen lassen und dann verkauft. Wir haben all das für uns gemacht und für die Leute, die an unsere Musik geglaubt haben. Wobei wir niemals gedacht hätten, dass das sonderlich viele sein würden. Wir wollten nicht in dem Meer von gesichtslosen Whitelabels untergehen, die innerhalb von einer Woche vergessen waren. Und ganz ehrlich, unter uns: Niemand interessiert sich für den Scheiß, den wir vor fünfzehn Jahren gemacht haben. Die Einzigen, die sich für unseren Scheiß von damals interessieren, sind die Leute, die verstanden haben, wie wichtig uns das war.

Steven Rutter: Vieles ergab sich auch zufällig. Wir hatten keinen blassen Schimmer, was wir in die Platten einritzen sollten, und haben uns dann halt diesen ganzen Science-Fiction-Kram ausgedacht. Die Küchenlampe schien so heiß auf die Folien, dass ich dachte, sie würden gleich schmelzen oder Blasen werfen.

Mike Golding: Ich habe die rostige Schere noch, mit dem wir damals gearbeitet haben. Und ich werde dieselbe rostige Schere nehmen, wenn wir demnächst unser Label wieder starten und es neue Auslaufrillen gibt, in die wir etwas ritzen können.

Steven Rutter: Das Artwork und der Rest war auch von Plus 8 beeinflusst. In Detroit gab es KMS, Transmat und Metroplex. Das waren die großen drei, die schon ein paar Jahre dabei und sozusagen die Wiege des Ganzen waren. Und dann kam Plus 8 und machten ihr eigenes Ding, das natürlich stark von den eben erwähnten Labeln beeinflusst war. Plus 8 Platten hatten dieses perfekte Design. Das wollten wir auch. Etwas Geheimnisvolles. Wie gesagt, wir haben unser Layout komplett selber gemacht. Alle Zeichnungen und so weiter.

Mike Golding: Plus 8 waren damals die modernste Kopie, nein, Kopie klingt so negativ, und das stimmt ja auch nicht, denn Plus 8 haben Techno damals genauso weitergepuscht wie andere Label später auch. Sie haben uns auf jeden Fall sehr beeinflusst. Wir haben niemandem gesagt, woher wir kamen, wir wollten die Musik für sich stehen lassen. Alles andere war uns egal. Und zu der Zeit dachten dann viele, dass wir aus Detroit wären. Wir haben uns dazu sehr lange gar nicht geäußert.

Steven Rutter. Auf einer unserer ersten Platten haben wir meine damalige Faxnummer in die Auslaufrille geritzt. Die hatte die Vorwahl von Essex.

Debug: Und habt ihr damals viele Faxe bekommen?

Steven Rutter: Oh ja, es waren eine ganze Menge. Ich müsste die alle noch zu Hause irgendwo haben. (wird nostalgisch) Weißt du was, wenn ich nach Hause komme, werde ich sie suchen. Da waren viele lustige Faxe dabei.

Hall of Mirrors

Mike Golding: Da war dieser eine Typ, Stefan Robbers …

Debug: Der Labelchef von Eevolute aus Holland.

Mike Golding: … er schickte uns andauernd Faxe. Und wenn ich mich nicht irre, war er es auch, der für den Titel ”Hall of Mirrors“, einem Track von unserer sechsten Maxi, verantwortlich ist. Ich könnte mich allerdings auch irren. Es waren so viele.

Steven Rutter: Saskia von Djax-Up hat uns auch regelmäßig Faxe geschickt.

Mike Golding: (überlegt) Nein, ich glaube, der Titel geht auf jemanden aus Frankreich zurück …

Steven Rutter: Frankreich?

Mike Golding: Ja, Frankreich. Ich kann mich an den Namen aber nicht mehr erinnern.

Steven Rutter: Frankreich?

Mike Golding: Ja, Frankreich. Und jetzt halt die Klappe und lass mich die Geschichte zu Ende erzählen. Also, in einem dieser Faxe, die wir von diesem Typen aus Frankreich andauernd bekommen haben, kam die Formulierung “Hall of Mirrors” vor, und wir haben das dann benutzt. Okay, so spannend war die Geschichte jetzt auch nicht. Es tut mir auch leid, dass ich den Namen nicht mehr richtig erinnere. Verdammt.

Kirk DeGiorgio

Debug. Wie habt ihr Kirk DeGiorgio kennen gelernt, der ja ein weiterer Fixpunkt für die britische Interpretation von Detroit-Techno war?

Mike Golding: Kirk DeGiorgio haben wir in dem Plattenladen kennen gelernt, in dem er damals hier in London gearbeitet hat. Reckless Records.

Steven Rutter: Wir glauben bis heute noch nicht, dass das sein richtiger Name ist. Er heißt eigentlich Kirk Detroitio.

Mike Golding: Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger haben wir so ziemlich alles gekauft, was aus Detroit kam und was wir in die Finger kriegen konnten. Das war damals gar nicht immer so einfach und deswegen haben wir auch eine ganze Menge Platten verpasst, als sie ursprünglich erschienen. Zum Beispiel ”Essence Of A Dream“ von Risque III . Die beste Platte, die ich heute besitze.

Steven Rutter: (stolz) Ich habe ”Essence Of A Dream“ nicht verpasst. Ich habe die Erstpressung.

Mike Golding: (wedelt ungeduldig mit der rechten Hand) Wie auch immer. ”Essence Of A Dream“ ist die beste Platte, die ich heute besitze und ich habe sie von diesem Typen bei Reckless Records gekauft. Kirk. Er wusste am Anfang noch nicht so viel über House und Techno, aber weil wir und mit Sicherheit noch ein paar andere immer wieder anrückten, um nach dieser oder jener Platte zu fragen, wurde er vom Laden-Manager nach Detroit geschickt, um so viele Platten wir möglich nach England zu importieren, die dann für happige fünfzehn Pfund pro Maxi an Typen wie mich und Steve verkauft werden sollten. Als er mit all den Platten wieder in London ankam, haben wir jeder auf einen Schlag vierhundert Pfund ausgegeben.

Steve Rutter: Manche waren auch teurer als fünfzehn Pfund. Für ”Nightdrive“ auf Metroplex habe ich fünfzig bezahlt.

Mike Golding: Bist du sicher? Egal, durch unsere exzessiven Shopping-Gewohnheiten lernten wir Kirk ganz gut kennen und irgendwann spielte er uns ein paar Tracks vor, die er gemacht hatte. Er wusste nicht, wohin er sie schicken sollte, und er hatte mitbekommen, dass wir unser Label B12 Records gestartet hatten. Also spielte er uns den Kram vor und wir waren begeistert, weil es besser war als alles, was wir bis dahin produziert hatten. Fanden wir zumindest. (grinst) Und jetzt ist er bekannter als wir es jemals waren und spricht nicht mehr mit uns. Er hat uns hinter sich gelassen.

Steven Rutter: (ernst) Nein, nein, wir haben bloß eine ganze Weile keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Natürlich spricht er noch mit uns. Ich glaube, ich schreibe ihm nachher mal eine Email. Genau, ich suche die Faxe raus und schreibe Kirk eine Email, das werde ich tun.

Derrick May

Debug: Habt ihr euch eigentlich irgendwann mal Derrick May oder einen anderen von euren Detroiter Vorbildern getroffen? Gab es Feedback auf eure Platten aus Motorcity?

Steven Rutter: Wir haben Derrick May einmal kurz getroffen. Wir waren seine Warm-Up-DJs im Ministry of Sound in London. Ich bin zu ihm hin und hab mich brav vorgestellt – ”Hi, ich bin Steve von B12.“ Und wenn Blicke töten könnten, würde ich jetzt nicht hier mit euch sitzen. Er hatte so absolut kein Interesse an uns.

Mike Golding: (sarkastisch) Derrick May ist der netteste, umgänglichste Mensch, den ich jemals getroffen habe. Und der Rest der Detroit-Truppe hasst uns auch.

Steve Rutter: Kirk DeGiorgio hat uns einmal erzählt, dass wir in Detroit nicht sonderlich beliebt sind. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Aber spätestens, nachdem ich Derrick getroffen hatte, habe ich es ihm geglaubt.

Mike Golding: Davon haben wir uns aber nicht abhalten lassen. Das hat uns zwar getroffen, aber wir haben weitergemacht. Musikalisch waren sie unser Haupteinfluss, aber es gab immer wieder Leute, die die Musik weitergebracht und neue Dinge probiert haben. Und ehrlich gesagt – und das ist traurig, das sagen zu müssen -, haben fast alle Detroiter Produzenten in ihrer Kreativität und ihrem Einfluss stagniert, während eine ganze Menge anderer Leute die musikalischen Fäden weitergesponnen haben. Der Einzige, bei dem das noch anders ist, ist Carl Craig. Carl Craig hat mich früher wahnsinnig beeinflusst. Das ist heute allerdings auch anders.

Debug: Was beeinflusst dich denn heute?

Mike Golding: Alles, was ich früher gemacht habe. Und alles, was ich morgen nicht erreichen kann.

Debug: So so, und wie sieht es mit dir aus, Steve?

Steven Rutter: Alles, auf dem Mike ist.

(Gelächter)

Debug: Ihr habt euch 1998 vom Musikmachen zurückgezogen. Was waren die Gründe dafür?

Musik oder Mädchen?

Mike Golding: Es gibt mit Sicherheit eine Menge Dinge, die man anführen könnte, wenn es darum geht, warum wir vor knapp zehn Jahren aufgehört haben Musik zu machen und warum wir jetzt wieder anfangen. Es gab wichtige, grundlegende Veränderungen in unseren Leben. Vor fünfzehn Jahren haben wir Musik gemacht, von der dreißig- bis vierzigtausend Menschen dachten, dass sie großartig sei. Wir selber haben uns da nie so große Gedanken drum gemacht. Wir hätten weiter Musik machen können. Aber wir wurden älter, heirateten, bekamen Kinder, hatten Familien und die damit einhergehenden Verpflichtungen. Wir konnten ja auch nie von der Musik leben. Wir hatten immer Jobs. So um 1997 sind wir quasi häuslich geworden. Und ich kann dir eins sagen, vielleicht weißt du es ja sowieso, aber Frauen mögen es nicht, wenn man mit etwas sehr viel Zeit verbringt, wo sie nicht zwangsläufig mit einbezogen sind. Menschen, denen du nahe stehst, fragen sich einfach, warum bin ich nicht involviert? Warum? Es ist schwierig, jemandem zu erklären, warum Musik so wichtig ist, warum man so viel Leidenschaft dafür verspürt. Und wenn du dann zwei, drei Wochenenden im Monat weg bist, dann denkt zum Beispiel deine Freundin, dass du das machst, weil du nicht mit ihr zusammen sein willst. (ballt die Fäuste und knallt sie auf den Tisch) Dabei hat das gar nichts mit ihr zu tun, sondern lediglich damit, dass du diese unglaubliche Leidenschaft in dir spürst. Und es verdammt noch mal richtig und gut machen willst. Du musst es einfach machen.
(Mike schaut zu Steven rüber, der sich vor Lachen den Bauch hält) Nicht mal er versteht wirklich, wovon ich rede. Anyway, das sind die Gründe, warum wir aufgehört haben Musik zu machen und gleichzeitig auch, warum wir jetzt wieder anfangen.

Steven Rutter: Mike und ich hatten dieselbe Unterhaltung alle vier, fünf Monate. Es fing immer damit an, dass einer von uns beiden erwähnte, dass es doch vielleicht eine gute Idee wäre, sich mal wieder ins Studio zu setzen. Dann redeten wir meist nicht viel länger als zehn Minuten darüber und dann war das Thema wieder für die nächsten Monate gegessen. Bis es irgendwann wieder hochkam und das Ganze von vorne anfing. Ich habe in den letzten zehn Jahren vor allem Radiohead gehört. Jeden Tag, um genau zu sein. Ich glaube, unser Freund Josh von Seed Record in London war letzten Endes der ausschlaggebende Grund, warum wir wieder angefangen haben Musik zu machen.

Mike Golding: Wir werden von vorne anfangen, unser Label wieder ins Leben rufen und neue Tracks von uns veröffentlichen. Und dabei geht es nicht um das, was wir damals gemacht haben. Was wir damals gemacht haben, ist abgeschlossen. Über die Jahre wollten immer mal wieder Leute mit uns über die Zeit reden, weil sie dachten, wir wären seltsame Typen, die seltsame Vorstellungen von Musik haben, aber wir sind keine seltsamen Typen. Und wir wollen Musik machen, zu der die Kids von heute verdammt noch mal tanzen. Unsere frühen Sachen waren gut. Wir haben von unserem ersten Album, ”Electro Soma“, auf Warp dreißig- oder vierzigtausend Platten verkauft. Das ist eine Zahl, die nicht so viele Leute erreichen in dem Genre, in dem wir uns befinden. Aber das interessiert heute niemanden mehr. Und wir wollen auch kein ”Electro Soma“-Sequel produzieren. Das sagt heute niemandem mehr etwas. Wir wollen Platten herausbringen, die den Leuten, die heute Musik kaufen und lieben, etwas sagen.

Steve Rutter: Ich bin mir sicher, egal was wir veröffentlichen werden, wir werden dafür kritisiert werden.

Fuck it!

Mike Golding: Fuck it! Im Endeffekt müssen wir Musik machen, die wir mögen und die die Leute heutzutage auch hören wollen. Und klar, es kann sein, dass wir dabei auch seltsame Ecken elektronischer Musik auskundschaften. Manchmal zwingen dich deine Emotionen eben, so etwas zu tun. (hält kurz inne, um plötzlich loszubrüllen) Den Großteil der Woche hasse ich die meisten beschissenen Typen da draußen. Und am liebsten würde ich einfach rausgehen und ihnen allen ins Gesicht brüllen: ”Fickt euch alle, ihr blöden Wichser. Ich hasse euch und eure beschissenen Freunde. Fuck you all.“

Kurze Stille. Steven guckt seinen Partner halb überrascht, halb amüsiert an und fängt dann an zu lachen.

Debug: (etwas verwirrt) … Steve, du hast gerade euren Freund Josh erwähnt. Was hat er getan, dass ihr euch wieder ins Studio gesetzt habt?

Steven Rutter: Er hat uns gefragt, ob wir auf einer seiner Parties spielen wollen. Neun Monate lang hat er uns bekniet und bearbeitet.

Mike Golding: Halt, das ist nicht ganz richtig. Lass mich das noch mal rekapitulieren, um gänzlich pedantisch und präzise zu sein. Was passierte, ist, dass wir nicht mehr so eingespannt waren mit unseren persönlichen Verpflichtungen und ich Steve von Warp Records anrief, Steve ist ein guter Freund von uns, der sich schon damals um uns gekümmert hat. Ich erzählte ihm, dass wir unbedingt wieder Musik machen wollen. Dass wir so viele Ideen haben und wirklich und ehrlich wieder loslegen wollen. Und er war ganz aus dem Häuschen und beschwor mich: ‘Ja bitte, fangt wieder an. Bitte setzt euch wieder ins Studio. Wir organisieren euch Gigs. Bitte macht wieder Musik.’ Er war so enthusiastisch, das hat uns sofort mitgerissen.

Steven Rutter. Ja, das stimmt.

Mike Golding: Unser Vorhaben sprach sich schnell rum und über Tom, einem weiteren Warp-Mitarbeiter, erfuhr Josh davon, der uns wiederum zu einem Gig überredete.

Steven Rutter: Wir waren immer der Meinung, dass eigentlich niemand wirklich an unserer Musik interessiert ist.

Mike Golding: Eine Einschätzung, die wir auch heute noch haben.

Steven Rutter. (lacht) Guter Punkt. Aber als wir diesen ersten Gig nach acht Jahren gespielt haben, war es einfach nur unglaublich intensiv. Der Laden war voll mit B12 …

Mike Golding: (unterbricht) Kann ich eins kurz sagen? Steven sagt, dass dieser Gig unglaublich war. Ich würde sagen, dass es der beste Auftritt war, den wir je gespielt haben.

Steven Rutter: Und es ist wahrscheinlich der einzige Gig jemals, den ich nicht aufgenommen habe.

Josh, der die ganze Zeit still dabei saß, schaltet sich ein.

Josh: Es war eine große Party mit Ceephax Acid Crew und Luke Vibert im LineUp. Als die beiden anfingen, musste die Security den Laden sperren, weil innerhalb von zehn Minuten über tausend Leute in einen Raum wollten, in den nur sechshundert passten. Als die beiden fertig waren, gab es Standing Ovations. Und der DJ, der nach den beiden spielen sollte, verlor die Nerven, weil das Publikum zehn Minuten, nachdem die beiden aufgehört hatten zu spielen, immer noch applaudierte und mehr wollte. Er schrie das Publikum an, sie sollten jetzt endlich die Klappe halten und sich sein Set anhören.

Mike Golding: Wir sind nie vollständig zufrieden mit dem, was wir tun. Waren wir nie. Und wir sind und waren auch immer extrem selbstkritisch, wenn es um unsere Musik geht. Aber nach acht Jahren wieder einen Gig zu spielen, bei dem das Publikum vollkommen außer Rand und Band gerät, und das, wo wir fünfundneunzig Prozent neues Material gespielt haben, war ein besonderes Erlebnis, von dem wir immer noch zehren und ohne das wir wahrscheinlich gar nicht hier sitzen und dieses Interview machen würden. Und wenn wir es in den nächsten zwölf Monaten nicht schaffen, eine Platte zu machen, zu der die Leute heutzutage tanzen wollen, werden wir alles, was wir je produziert haben, mitnehmen, verschwinden und uns selbst begraben. Aber das wird nicht passieren, das verspreche ich dir.

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Elektronische Lebensaspekte.