Adrian Nabi Interview aus De:Bug 73

Adrian Nabi, 32, ist nie um einen Superlativ verlegen. “Ich bin pur Hip Hop. Ich bin die wahre Manifestation des Hip Hop.“ Und das glaubt man ihm sofort. Seit 1994 ist er für das Magazin Backjumps verantwortlich. Angetreten als Magazin für die Aerolsolbewegung, bis 2001 – inspiriert durch Jay1 – der Formatwechsel kam. In Zusammenarbeit mit Willi Stratmann/StudioAnti gab es eine radikale Neugestaltung des Magazines, das für 4 Ausgaben mit dem Untertitel ‘urban communication and aesthetics’ erschien.
Adrian Nabi: “Für mich war Backjumps schon immer ein Werkzeug, um Denkstrukturen in der Kultur aufzubrechen. Ich hatte tierisch Angst davor, eines Morgens aufzuwachen und niemanden mehr zu haben, mit dem ich dieselben Interessen teile. Am Anfang, im August 1994, war meine Kritik an dem größten Teil der Magazinmacher, dass sie nur auf Fotos Wert gelegt haben. Viele Magazine sind zu dogmatisch oder gehen zu sehr in eine Richtung: Züge, Züge, Züge, Züge.“
Der Ansatz von Backjumps war von Anfang an weitreichender. Es ging um Aerosolkultur, “wozu die meisten leider immer noch Graffiti sagen“. Das Magazin richtet sich an den “Untergrund, um da den Leuten noch mehr Bewusstsein zu geben. In Form von Kommunikation. Für mich sind Züge nur ein Teil, ich wollte die Kultur so gut als möglich als Ganzes behandeln – Aerosolkultur, underground, global.“
2001 wird das Heft um 90°, vom Quer- aufs Hochformat gedreht und erscheint in neuem Layout, mit neuem Schriftzug und beiliegender CD-ROM. “Das Format von Backjumps hat sich verändert, weil eine große Lücke zwischen den Generationen entstanden ist. Es gibt diesen Begriff im Hip Hop ‘keep it real’ und meine Definition von real ist, ehrlich zu sich selbst zu sein. Wir, die Älteren, haben viele Sachen gemacht, die die Jüngeren jetzt machen, haben ähnliche Erfahrungswerte und interessieren uns auch noch dafür, was sie machen. Viele sind in andere Bereiche gegangen und drücken sich da aus, haben aber immer noch diese ‘getting up’ Mentalität, diese Sprüher-Mentalität in sich drin. Manche waren ja richtig krasse Zugsprüher und sitzen jetzt in irgendwelchen Agenturen. Anstatt mal die Frage zu stellen, wie kommt man von da nach da, sind sie die ganze Zeit damit beschäftigt zu sagen, du bist nicht mehr real. Du wirst erwachsener und älter mit deiner Kultur und das ist es, was Backjumps repräsentiert, wir haben das Bedürfnis diese Lücke zu füllen.“
Zu den Erfahrungswerten gehört bei Adrian das Breaken, 1982/83 auf dem Ku’damm, und Mitte der 80er das Writen. In beiden Fällen aber auch schnell die Einsicht, dass andere immer besser waren. Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis beginnt Adrian später einige Rapper zu managen, unter anderem Amok aus Berlin und die Bad Boys Crew (BBC) aus Paris. “Es waren auch wieder BBC, die mir den Kopf geöffnet haben und sagten, dass sie ausstellen und mit dem Medium Leinwand arbeiten möchten. Ich dachte, wir sind voll geil und haben’s richtig drauf. Total naiv eigentlich. Ich bin rein gerannt in die Kunstwelt und hab gedacht, denen werde ich’s allen zeigen. Ich werde jetzt die geilsten Ausstellungen klarmachen. Scheiße is’ gewesen.“ Die Akzeptanz beim etablierten Kunstmarkt ist bis heute ausgeblieben. “Unsere Kunstform siehst du in den ganzen Lifestyle-mags und in Modezeitschriften, aber in Flashart, Artforum oder Art, da siehst du uns extrem selten. Es stellt sich auch gar nicht die Frage, ob das Kunst ist oder nicht, was wir machen. Wir sind so alt, dass wir wissen, wer wir sind.“
Das hat auch dazu geführt, dass sich ein alternativer Markt entwickelt hat. “Es gibt viele Leute in meinem Alter, die Geld haben, weil sie sich für einen anderen Weg entschieden haben. Das ist eine Käuferschicht, die gerade entsteht und jetzt muss man einfach ein anderes Format finden, indem man Kunst verkauft. Futura hat sich schon vor Jahren entschieden nicht mehr nur Leinwände zu machen, sondern auch mit anderen Medien zu arbeiten und das dann zu verkaufen. Wie es in den letzten Jahren zum Trend geworden ist Spielzeug zu machen. Oder am banalsten T-Shirts in limitierter Auflage, handsigniert.“
Ziel der Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien ist es, den Rahmen von Backjumps um Grafik, Design, Architektur, Mode, Tanz und Urban Art zu erweitern und mittels Gesprächsrunden, Vorträgen und Filmvorführungen neue Berührungs- und Interessenspunkte zu schaffen. “Wir wollen zeigen, auf welchem Niveau sich unsere Kultur mittlerweile befindet. Von vielen wird Street Art und Aerosolkultur als Kunst betrachtet, die auf einem Jugendzentrumsniveau stehen geblieben ist. Das möchten wir durch das Projekt ändern.“
Ein anderer Aspekt, um den es Adrian geht, ist der der Funktionalität. “Funktionalität ist das A und O in all meinen Projekten. Funktionalität heißt, ich mach’ mir Gedanken, bringe Leute zusammen und dadurch entsteht etwas Neues oder sie kommen auf neue Ideen. Hip Hop ist kein totes Ding. Hip Hop lebt in uns allen und manifestiert sich in unseren Taten. Einige Leute werden über den Sommer das Stadtbild verändern, darum geht’s. Ich möchte mich nicht nur auf Innen konzentrieren, dass wäre unehrlich, ich komm von draußen und es muss ein Zusammenspiel geben. Wir leben in einer Zeit, in der Leute zugebombt werden und keinen Raum haben, um sich auszudrücken. Selbst der öffentliche Raum verschwindet, immer mehr. Es ist mein Job als ‘editor in chief’ für den Künstler Raum zu schaffen, damit er sich locker machen kann.“

Text: Alexandra Weltz
Interview: Stéphane Bauer und Alexandra Weltz

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Elektronische Lebensaspekte.

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