Seit Jahren Teil von Goldies Metalheadz-Crew ist Bailey einer der wenigen Drum-and-Bass-DJs, der ohne eigene Produktionen zu einer der Integrationsfiguren im Drum-and-Bass-Business geworden ist. Seiner Radiosendung auf BBC's 1-Xtra und seinem kompromisslosen Anything Goes Style sei Dank. Jetzt hat er mit Dylan sein eigenes Label gegründet.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 82

Bailey

Drum and Bass ist irgendwie in schwierigen Zeiten. Nicht, dass das etwas Neues wäre. Drum and Bass war immer schon eine verdammte Rangelei und daran wird sich auch nichts ändern. Stilkämpfe, DJs, Dubplates, als Releasepläne getarnte leere Versprechungen, die stranger sind als die Regierungserklärungen aller westlichen Demokratien zusammen, und natürlich ständige Verwirrung, was Vertriebe und andere Gangster betrifft. Wenn jemand da mittendrin steht, ohne große Rückschläge, dann kann das eigentlich nur ein DJ sein. Ein Wunder, dass es neben Bailey eigentlich kaum einen DJ gibt, der nicht über seine Producer-Karriere, sondern einfach als DJ zu den festen Größen gehört. Baileys einzige Produktion (für Full Cycle) war eigentlich eher ein Missverständnis. Er wollte nur einen Track zum Spielen haben und bekam aufgrund von bekiffter Verwirrung, wie wir vermuten, die Samples zum Remixen. Schon sehr früh Teil der Metalheadz-Crew, ist Bailey einer der ganz wenigen DJs, die nie Starallüren angenommen haben, das liegt ihm einfach nicht, Bailey ist dafür einfach zu freundlich. Im Moment steht, nach Jahren zurück im Untergrund und einer übermächtigen Welle von rotzigen Ravetracks, eigentlich die Entscheidung an, ob sich Drum and Bass doch noch wieder in zwei Lager aufteilt, das melodiöse und das brachiale. Einfache Unterscheidungen werden bei Drum and Bass gerne groß geschrieben. Aber das hatten wir schon oft und immer ist es einigen wenigen Leuten zu verdanken, dass eben genau das nicht passiert, weil sie die Fäden zusammenhalten. Bailey ist im Moment einer von ihnen. Nicht nur weil sein neugegründetes und nach seiner ersten Crew benanntes Label Intasound (eine Bailey/Dylan Coproduktion, mit Dylan als Officer und Bailey als Kopf) Tracks releast, die, weil sie die Breaks wieder ins Zentrum setzen, den Fokus von diesem dichotomen Schwachsinn umlenken, sondern auch, weil er mit seiner Radiosendung auf 1xtra, dem digitalen Black Music Sender der BBC, überall abräumt (Show des Jahres im Knowledge Mag) und das eben genau deshalb, weil seine Sets auch hier keine Scheuklappen kennen. Wer sonst würde es wagen, Twisted Individual und Influx UK oder Calibre und Shy FX nebeneinander zu spielen. Sowas gilt im eher strengen Umfeld als Verbrechen. Und genau deshalb wenden sich all die Producer an ihn, die melodiöse und harte Tracks zugleich machen, die Diversity und Deepness über alles stellen, und um nicht in den Sog von Verstrickungen zu geraten, releast Bailey auf Intasound dann vor allem neue Acts. Und stellt damit eine neue Generation vor, denen Breaks wieder über alles gehen, die Beats cutten wie die Weltmeister und damit die Gegensätze zwischen Melodie-über-Alles und technoidem Bassbrummen aushebeln. Southstar & Miracle, Menacer, Trust, Dstar, alles Vorboten einer Generation, die ihre Lektionen von Source Direct und anderen Beatmastern gelernt haben und wie von selbst entsteht dann plötzlich eine dritte Kraft, die alles zusammenhält, weil sie alles auseinander reißt. Und mittendrin Bailey, grinsend, mit seinen meterlangen Dreads, dem man genau das eigentlich gar nicht zutrauen würde.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 03

DJ Bailey Mercedes Bunz
bunz@buzz.de

Bailey Drum’n’Bass auflegen zu hören, macht einem klar, daß Technics für englische DJs mehr sein können als Orte, die sich drehen und auf denen Dubplates abgespielt werden. Im Normalfall stellt man sich mit einem Bier zum englischen DJ, spielt Producerraten und hört, welche Veröffentlichungen man in einem Jahr vor die Nadel bekommt oder auch überhaupt nicht kriegt. Mit Bailey aber kann man eine fließende Reise durch das Universum von Drum’n’Bass unternehmen, eine Umrundung des Planeten in der Lounge von Enterprise, anstelle eines Herumhoppelns mit der ständig auseinenderbrechenden MIR.
Es gibt wenig Drum’n’Bass Arbeiter, die sich hauptsächlich auf’s Mixen konzentrieren. Bailey ist einer davon. Anders als bei Techno, ist bei Drum’n’Bass die Rolle des Producers mit der des DJs wieder enger verbunden und letztendlich steht eher der Producer im Mittelpunkt des Interesses. Man kann ein paar Gründe anreißen, warum eine Musik, die als wichtigsten Ort den Club begreift, so funktioniert. Lange Zeit umgab Jungle in England, wo der Dresscode und das Aufstylen für den Club mindestens ein ebenso wichtiger Fakt ist, wie die Konsumierung von Ecstasy, der Ruf, eine Musik für ein Publikum von ungehobelten ganjasmokenden Troublemakern zu sein, was nicht zuletzt daran liegen mag, daß Jungle immer auch explizit ein schwarzes Publikum angesprochen hat. Noch bis Anfang 1996 war es eher schwierig, als Drum’n’Bass DJs überhaupt regelmäßig Gigs zu bekommen.
Als Terrain, auf dem man sich ungehindert austoben konnte, blieb, abgesehen von Piratensendern, das Vinyl. Über eine kurze Phase des Dejayens gingen viele, die sich mit der Musik intensiver auseinandersetzen wollten, dazu über, selbst Tracks zu produzieren und Labels zu gründen.
Das Profil “Drum’n’Bass” bildete sich von daher über die Producer und immer noch bucht man lieber einen schlecht mixenden Goldie als einen gut mixenden Bailey. Diejenigen, die nur dejayen und es trotzdem geschafft haben, sich einen Namen zu machen, kann man an zwei Händen abzählen. Bailey ist einer von ihnen und sein Interesse gilt dem Mix, irgendwie immer schon.

Bailey: “Ich fing an diese Musik zu hören, als man sie noch Housebeat nannte und gerade angefangen wurde, mit Breakbeats zu experimentieren. Ich wollte damals einfach wissen, wie man das mixt, also versuchte ich es zu Hause. Zuerst hatte ich billige Plattenspieler, richtige Mistteile. Ich mußte ein Loch in reinbohren und einen Pitch einbauen. Irgendwann sparte ich Geld und kaufte Technics und alles begann. Ich hatte dabei keineswegs im Kopf ein bekannter DJ zu werden. Ich habe es nur für mich selbst versucht. Irgendwann fragten mich dann Leute nach Tapes, durch die Tapes kamen Parties und von da aus ist das Ganze gewachsen. Produzieren interessiert mich einfach nicht. Vielleicht irgendwann in der Zukunft. Ich weiß daß, wenn ich einen Tune mache, der nach Israel exportiert wird, ich Bookings aus Israel bekomme. Aber trotzdem interessiert es mich nicht, einen Tune zu machen. Es ist einfach nicht mein Ding – im Moment zumindest.” grinst er. “Natürlich sind Producer diejenigen, die international bekannt sind via die Platten, die überall hinkommen. Mit geht es darum, von überall das Beste zusammenzubringen. Ich arbeite in Kollaboration mit verschiedenen Leuten, auch wenn meine wichtigste Basis Metalheadz ist. Ich war in Norwegen mit Renegade Hardware, ich war mit auf der No U Turn Tour. Kemistry + Storm waren allerdings diejenigen, die zuerst auf mich aufmerksam wurden. Sie hörten mich im Radio auflegen und riefen mich an: Hey, wir wollen einen Clubabend starten, hast Du Lust bei uns aufzulegen? So kam ich ins Bluenote.
Dieser Tage geht es eher darum, wen Du kennst und nicht was Du kannst. Es geht darum, wer Dich nach vorne bringen kann, nicht um Deine Skills, leider. Wenn Du die richtigen Leute kennst, bist Du dabei. Es gibt Djs, die, wie ich denke, nicht so gut sind, aber sie sind oben, zumindest nicht ganz weit oben, aber sie kommen dahin, ganz einfach weil sie die richtigen Leute kennen. Du kommst nicht allein wegen Deinen Mixing Skills nach oben. Was eigentlich eine Schande ist. Jetzt sage ich diesen Shit hier. Ich sollte eigentlich alles nett und lieb machen, oder?

Nicht wirklich. Welche Rolle denkst Du denn, spielen Dubplates dabei? Ist es essentiell wichig, welche zu haben?

B: Auch nicht wirklich. Als ich noch keine Dubplates hatte, habe ich die gleichen Tunes wie jeder im Plattenladen gekauft und einfach anders zusammengemixt. Man muß andere Sachen an den Turntabels machen als andere, damit die Leute auf Dich aufmerksam werden. Es dreht sich nicht alles um Dubplates. Eventuell, ja, wenn man auf einer bestimmten Ebene ankommt, benötigt man schon welche. Das ergibt sich irgendwie. Man trifft eine Person durch eine andere. Aber eigentlich geht es um die richtigen Tunes und darum, sie in der richtigen Abfolge zu spielen. Ich spiele gerne auch ältere Tunes. Wenn es wirklich gute sind und wenn sie an der richtigen Stelle kommen, finden es die Leute richtig gut. Es geht nicht unbedingt um die ‘most upfront selection’. Es dreht sich nicht alles darum. Ein guter Tune ist ein guter Tune, ob er nun auf Plastik oder auf Vinyl ist. Mir ist das egal.
Ein Dubplate ist ja eigentlich nur dazu da, einen Track zu promoten, dafür zu sorgen, daß alle ihn hören – und kennen wollen. In dem Moment, in dem alle ihn haben wollen, bringt man ihn heraus. Auf diese Weise verdient man am meisten Geld damit. Aber viele Leute halten die Tunes zur Zeit zurück. Für diejenigen DJs, die nicht an Dubplates herankommen, ist es das ziemlich schlecht, weil mittlerweile die Tunes schon gekillt sind, bevor sie überhaupt herauskommen. Es müßte viel schneller gehen. Ich weiß nicht genau, warum das so ist. Manchmal gibt es ein Problem mit dem Klären von Sampels. Manchmal mastert man einen Tune und jemand versaut den Cut oder so. Mit Valve, dem Label von Dillinja, war es zum Beispiel so. Die Plattenfirma, die das Ganze pressen sollte, verlor das Masterplate und sie mußten alles nochmal schneiden, neu mastern usw. Das dauerte. Solche Sachen passieren auch.
Es tut mir allerdings für die Leute, die Platten kaufen wollen, im Augenblick leid, es gibt nicht so viel zu kaufen. Im Moment ist alles auf Dubplates, es wird alles zurückgehalten. Es ist so langsam. Vielleicht liegt das nur am Sommerloch. Die meisten Producer sind auch sehr beschäftigt, sie haben Gigs überall auf der Welt und kommen nicht zum produzieren, was bedeutet, es gibt keine Tracks zum Auflegen. Im Moment ist es nicht gerade einfach, es ist sogar für mich schwierig. Es gibt einige Tracks, aber bei weitem nicht so viele, wie man es gewohnt war. So viele, daß ich gar nicht genug Geld hatte, um mir alle schneiden zu lassen. Dieser Tage kommt ein bißchen hier und ein wenig da. (schüttelt den Kopf) No Tunes. Alle sind im Urlaub oder die Producer deejayen oder arbeiten an ihren Alben.
Vor ein paar Monaten signten die Major-Plattenfirmen die Leute, als ob sie verrückt geworden wären. Einfach jeder bekam einen Deal. Ich glaube nicht, daß die Majors wirklich verstehen, worum es hier geht. Ich denke, sie glauben vor allem an das Geld. Glaub mir, sie würden sich sofort mit etwas anderem beschäftigen, wenn es dort mehr Geld geben würde. Drum’n’Bass kann zum Glück immernoch auf seine eigenen Label zurückgreifen, erst durch sie ist das Ganze gewachsen und wichtig geworden. Die Majors hier haben leider immer noch nicht verstanden, daß sie die kleineren und spezialisierteren Vertriebe brauchen, um den Tune in den Underground hinein zu bekommen und von da wieder in alle Welt. Sie werfen das Zeug einfach bei den großen Shops ab, wo man alles kaufen kann. Sie sind nicht wirklich dahinter gekommen. Solche Sachen wie der Grooverider Remix vom Roni Size Track “Share the Fall” kam beispielsweise überhaupt nicht in die Underground Shops. Die kleineren Läden mußten losgehen, den Track von den großen kaufen, um ihn in den eigenen Läden zu haben. Nur wenn man Kontakte hatte, kam man an den Track heran. Es wird also langsam lächerlich. Sie trennen es auf diese Weise von den Leuten, die die Szene aufgebaut haben. Es wird irgendwie ziemlich unangenehm hier drüben.
Es ist natürlich nicht nur alles schlimm. Deejayen ist richtig gute Arbeit, oh ja, das ist es. Ich könnte keinen 9 to 5 Job machen. Ich habe vorher verschiedene andere Sachen gemacht, in Superstores gearbeitet und so. Das ging nicht. Es ging einfach nicht. Wirklich nicht. Ich habe für ein Catering-Firma gearbeitet in so einem Freizeitkomplex mit Schwimmbad und Cafeteria. Ich habe es gehasst. Ich kann einfach nicht früh am Morgen aufstehen, deshalb ging das noch nie.

Welche Tunes magst Du zur Zeit am liebsten?

Dillinjas Remix von Faith no More. Nicht mal das gab es auf Vinyl. Ich mußte die CD kaufen und es mir auf Dubplate schneiden. Der Tune ist einfach wicked. Im Moment denke ich, dieser Tune ist es. Und der Jazz Track vom Roni Size Album, den es ebenfalls nur auf CD gibt. Ich habe mir den auch auf Dubplate geschnitten. Es ist wirklich lächerlich. Die frischesten Tunes kommen derzeit von Optical und seine Tunes werden einen großen Impact auf Drum’n’Bass haben. Er macht einfach was Eigenes, weil er nicht wie ich oder wie die meisten von uns von HipHop oder Reggae her kommt, sondern von Techno. Dadurch kann man wieder etwas Neues in den Tunes hören. Und Boymerang. Ich persönlich finde auch Future Forces spannend, ihr Studio ist in Süd-London, Vauxhall.

Arbeitest Du gerne mit MCs zusammen?

B: Ja, solange sie Teil der Musik sind und nicht versuchen, sie zu übertrumpfen. Das kann ich nicht ausstehen. GQ, Justice oder Flux wissen beispielsweise genau, was sie wann sagen müssen. Sie übertreiben es einfach nie. Deshalb mag ich sie. Sie arbeiten mit dir, sie sind nicht allein wegen sich selbst da.

In Deutschland wird mehr und mehr zwischen Jump Up und Drum’n’Bass unterschieden, wie ist das in England?

B: Das ist hier nicht anders. Es ist aber zum Beispiel schwer Tunes wie die von Roni Size oder Krust zu kategorisieren, man kann sie wie Drum’n’Bass oder Jump up einsetzen, sie sind nicht genau zu lokalisieren. Ich interessiere mich nicht so für Jump Up, aber nicht alles davon ist Mist.

Was legst Du auf, wenn Du spielst?

B: The hardest stuff. Für ein Main-Set die härteren Sachen, wenn ich ein früheres Set auflege, ein wenig mehr mellow – steppy strong Beats, aber ein bißchen jazzig. Ansonsten meistens, abhängig davon wo ich bin, so hart wie ich kann. Das hängt auch vom Vibe ab.
Ich komme meistens eine halbe Stunde früher, um zu sehen, wie die Leute auf die Tunes reagieren. Manchmal ist es klar, manchmal muß man blind ins Set gehen und einfach raten, verschiedene Tunes austesten, um zu sehen, worauf sie reagieren und mit dem Style weiterarbeiten. Ich spiele sehr oft in Europa und meistens ist die Reaktion gut, aber das kommt auch daher, weil man aus England ist. Man ist fremd. Man wird woanders meistens besser aufgenommen.
Ich spiele zur Zeit übrigens ein paar deutsche Tracks, das letzte Release von L-X (Alex/Don Q) zum Beispiel. Alex ist auch ein ziemlich guter Producer. Ich versuche eben andere Sachen zu spielen, weil im Moment alle irgendwie das Gleiche auflegen. Also versuche ich an Sachen heranzukommen, die nicht alle haben.
Für die Producer von woanders ist es natürlich immer viel härter, weil niemand sie kennt. Es ist einfach eher so, wenn ein Tune von Metalheadz rauskommt, der nicht so gut ist, wird der trotzdem schneller gespielt, als ein guter Tune auf einem unbekannten Label. Aber wenn der Tune wirklich gut ist, werden die Leute schon darauf aufmerksam.

ZITATE TO USE:
Jetzt sage ich diesen Shit hier. Ich sollte eigentlich alles nett und lieb machen, oder?

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