Gescheitertes Gemeinwesen als TV-Epos
Text: Tobias Rapp aus De:Bug 120


Baltimore ist das Somalia der US-Städte. Ein gescheitertes Gemeinwesen, das nach dem Niedergang von Hafen und Schwerindustrie vom Mittelstand verlassen wurde. Zurück blieben Arme, Arbeitslose und Ausgegrenzte, deren Alltag von Mangel und Kriminalität bestimmt wird. Der Sound dieser düsteren Stadt ist ein schneller Bastard aus HipHop und House namens Baltimore Club Music. Johanna Grabsch führt durch die Szene zwischen Bass und B-Seiten-Schicksal. Anschließend erklärt Tobias Rapp, warum die TV-Serie “The Wire” so großartig ist. Hier wird aus Baltimore in seiner glorreichen Verkommenheit die Hauptfigur einer ausufernd epischen Erzählung.


Baltimore, Part 2: Sound der Stadt.

Die HBO-Serie “The Wire” hat noch nie einen Emmy gewonnen. Und doch gilt das Portrait der Stadt Baltimore und der Verflechtungen ihrer Institutionen von Polizei über Schule, Gewerkschaften, Drogenhändler und Medien als eine der besten und fortschrittlichsten Fernsehserien. Jetzt ist die fünfte und wahrscheinlich letzte Staffel in den USA angelaufen. Eine Laudatio von Tobias Rapp.

Am Anfang ist die Überwachungskamera, ein paar Sekunden nur. Sie filmt, wie sie durch einen Steinwurf außer Gefecht gesetzt wird. Der Vorspann, der die Folgen der amerikanischen Fernsehserie “The Wire“ einleitet, ändert sich zwar von Staffel zu Staffel, die Überwachungskamera findet sich aber auch jetzt, in den Folgen der fünften Staffel, die Anfang Januar in den USA angelaufen ist. Die Kamera soll eine Straßenecke überwachen, an der gedealt wird. Es ist nur eine kleine Einstellung, aber man weiß sofort, worum es geht. Die Beherrschung des urbanen Raums. Wer ist sichtbar? Für wen? Wer verstößt gegen das Gesetz? Und wer macht die Regeln?

Die fünfte wird die letzte Staffel von “The Wire“ sein, Schlussstein und großes Finale eines der großen Kunstwerke der Nullerjahre. Zwar hat “The Wire“ noch nie einen Emmy bekommen, das sind die Oscars der amerikanischen TV-Industrie. Aber nur weil es Eigenwerbung ist, ist es noch lange nicht falsch, wenn ein Fernsehkritiker auf einer der Bonus-DVDs der vierten Staffel sagt: “Emmys? Wen interessieren die Emmys? Wir reden hier von Shakespeare!“ “The Wire“ hat wie kein anderes Kunstwerk der vergangenen Jahre die Möglichkeiten des Erzählens erweitert.

Die verlorene Stadt

Worum geht es? “The Wire“ spielt in Baltimore. Bis weit in die Siebziger florierte hier die Industrie, vor allem die Werften. Doch mit der zunehmenden Automatisierung und dem Verlagern von Industrieanlagen in die Dritte Welt setzte jener Niedergang ein, den man überall in der Welt von Städten dieser Art kennt. Es gibt keine Arbeit mehr, die Bevölkerungszahl sinkt – das ist in den USA nicht anders als in Ostdeutschland. Baltimore schrumpfte von fast einer Million Einwohner 1970 auf mittlerweile nur noch rund 650.000. Es ist keine Medien-Stadt. Die einzigen originären Bilder, die sich mit ihr verbinden, sind die White-Trash-Porträts, die John Waters in seinen Filmen zeichnet (was die “Wire“-Macher schön mitreflektieren: Bei der ersten Redaktionskonferenz der Baltimore Sun, die man in der fünften Staffel zu sehen bekommt, gibt es einen neuen Waters-Film, über den berichtet werden muss).

Anders als Detroit hat Baltimore auch keine große Musikgeschichte (abgesehen von der electroiden HipHop-Spielart Baltimore Club, deren Protagonisten man besser kennen sollte, wenn man auf den Straßen der Stadt zu tun hat: In der vierten Staffel müssen einige New Yorker Dealer, die auf den Markt von West Baltimore drängen, dran glauben, weil sie den Namen von Radio-DJs nicht kennen). Es ist einfach eine Stadt an der Ostküste, irgendwo zwischen Philadelphia und Washington, D.C. Was der Durchschnittsamerikaner über Baltimore weiß, ist, dass die Verbrechensrate der Stadt seit Jahren zu den höchsten des Landes gehört. Die Mordrate ist in Baltimore gegenwärtig etwa vier Mal so hoch wie im US-Durchschnitt, rund 300 Morde gibt es pro Jahr. 64 Prozent der Bevölkerung sind schwarz, zehn Prozent gelten als drogenabhängig.

Entwickelt wurde die Serie von Ed Burns, einem Ex-Polizisten aus Baltimore, und David Simon, einem ehemaligen Journalisten der Baltimore Sun. Als “The Wire“ 2002 startete, war es eine Crime-Serie. Avantgardistisch erzählt (“The Wire“ verhält sich zu den Sopranos wie Schönberg zu Tschaikowski, hieß es damals in der New York Times) und politisch auffällig weit links vom Mainstream. Jetzt, wo die fünfte Staffel angelaufen ist, kann man aber feststellen: Sie ist weit mehr. David Simon gelingt nämlich, was seit ungefähr 200 Jahren höchstes Ziel aller Erzählkunst ist, oft versucht wurde und selten erreicht: eine Stadt zu erzählen. Eine Stadt, dargestellt über die umfassende Krise ihrer Institutionen: Polizei, Staatsanwaltschaft, Gefängnis, Schule, Gewerkschaften.

Nun gibt es nichts Langweiligeres, als den Inhalt von Fernsehserien nachzuerzählen – die, die die Serie kennen, wissen eh Bescheid, die anderen hören nur zu, weil sie nicht unhöflich sein wollen (und das erfordert einiges an Höflichkeit, so oft man in den vergangenen Jahren auf Partys mit dem Satz, “ich schau nur noch HBO-Fernsehserien, kennst du eigentlich …“ konfrontiert worden ist). Ganz ohne geht es aber nicht, will man beschreiben, warum “The Wire“ eines der ganz großen Kunstwerke des beginnenden 21. Jahrhunderts ist.

Crack, Terror und der ganze Scheiß

Die erste Staffel handelte noch relativ klassisch von dem alten Dealer-gegen-Bullen-Spiel. Das war formal außergewöhnlich gemacht und politisch interessant, weil es den Drogenhandel und seine Verfolgung in einen sozialen Rahmen stellte, wo alle voneinander abhängig sind: Die Politiker müssen ihre Wahlkämpfe bezahlen und Klientelgruppen ruhig stellen, dazu brauchen sie Geld. Dafür zapfen sie gerne die illegalen Finanzkreisläufe an, deren Protagonisten dafür Protektion erwarten. Staatsanwälte wiederum wollen Karriere machen und versuchen diese Dinge aufzudecken, wofür sie die Polizei brauchen. Die wiederum ist darauf angewiesen, ihre Statistiken in Ordnung zu halten: Fälle werden also entweder aufgeklärt oder weggemauschelt.

Die kommenden Staffeln erweiterten dann aber systematisch das Themenfeld. In der zweiten Staffel war es der Hafen, der ins Spiel kam, und sein in kriminelle Geschäfte verwickelter Hafengewerkschaftsboss, der das Geld, das er durch das Stehlen und Verkaufen von Containern macht, als eine Art inoffizielle Arbeitslosenversicherung für seine Leute benutzt und nebenbei versucht, möglichst viel Geld an die richtigen Politiker zu spenden, damit der Hafen ausgebaggert und wieder für mehr Schiffe attraktiv wird. Dabei bleibt es natürlich nicht: Auch Drogen und Frauen kann man mit Containern ins Land schmuggeln. Die zweite Staffel erzählt auch von dem “War On Terror” und den Umstrukturierungen in der amerikanischen Sicherheitsordnung – nach 9/11 müssen schon Araber unter den Verdächtigen sein, damit die Feds sich einschalten.

Reformen und ihr Scheitern ist das große Thema der dritten Staffel, in der die Polizei einen Großversuch startet, das Drogenproblem durch eine Scheinlegalisierung zu lösen. Die vierte Staffel erweitert das Spektrum noch einmal und führt als neuen Schauplatz die Schulen ein und wie ein vollkommen kaputtes Erziehungssystem keines der Probleme löst, die sich den Kindern stellen, ja, wie die Straßenecke die eigentliche Schule ist. Die fünfte und wohl letzte Staffel schließlich – einige Folgen kann man sich schon aus dem Netz herunterladen – erzählt davon, wie Wirklichkeit hergestellt wird. Als neuer Schauplatz wird der Newsroom der Baltimore Sun vorgestellt, die Zeitung, bei der David Simon 20 Jahre lang Polizeireporter war, bevor er einer Entlassungswelle zum Opfer fiel.

Es ist ein würdiger Schluss, weil er genau wie die Überwachungskamera am Anfang so viel über das Selbstverständnis der “The Wire“-Macher erzählt. Denn das, was in dieser Staffel entlang einer Zeitungsredaktion erzählt wird, dass Wahrheit etwas ist, was jeden Tag aufs Neue hergestellt werden muss, über Genauigkeit, Recherche und die Fähigkeit, Widersprüche aufzudecken und auszuhalten, notfalls auch gegen die Profitinteressen des Mediums – das gilt für “The Wire“ natürlich auch.

Eine Stadt in echt

Tatsächlich sind zwei Dinge an “The Wire“ äußerst erstaunlich: zum einen der Ehrgeiz, sich überhaupt ernsthaft vorzunehmen, eine Stadt abbilden zu wollen (und, nur um die Dimensionen klarzumachen und um noch einmal auf die Literatur zurückzukommen: Eine gerade erschienene Hörbuch-Kiste mit sämtlichen Shakespeare-Dramen nimmt auf 40 CDs und knapp 35 Stunden Spieldauer etwas weniger als die Häfte der Zeit ein, die die fünf Staffeln von “The Wire“ haben werden, wenn sie einmal abgeschlossen sind). Zum anderen die Mittel, mit denen er das tut. In einem Wort: Simons Realismusbegriff.

“The Wire“ hat keine Hauptfigur. Stattdessen gibt es etwa 30 gleich wichtige Protagonisten (und noch einmal rund 50 Nebenfiguren). Ihre Dynamik entfaltet die Serie aus den Systemen heraus, in denen sich die Menschen bewegen. Dealerbande, Polizei, Schule, Hafenarbeiter, Medien, Verwaltung, Justiz, Bauunternehmer. Kein System dominiert das andere, alle hängen voneinander ab, alle stehen miteinander in Austausch. Es ist der Geldfluss, der die verschiedenen Systeme untereinander verbindet, und es ist die Sprache, die sie intern zusammenhält. Jede Gruppe spricht ihren eigenen Slang, der ein bestimmtes Territorium definiert. “It‘s all in the game“ ist der wahrscheinlich häufigste Satz in “The Wire“: Jedes System hat seine Regeln, man kann sich dran halten und das eigene Blatt so gut einsetzen wie möglich, oder man kann sie brechen – damit beginnt man meist, die Kreise anderer Systeme zu stören. Was wiederum meist der Augenblick ist, wo die Polizei anfängt “bodys“ einzusammeln.

Dieses fehlende Zentrum hat einen überraschenden Effekt: Es ist ein radikales Demokratierungsprogramm für das Personal, mit dem Simon Baltimore bevölkert. Auf einmal ist der Bürgermeister genauso wichtig wie der Junkie.

Und was das für Figuren sind! Ob es die spektakulären Gestalten sind wie Omar, ein schwuler schwarzer Ghettofreibeuter, der davon lebt, mit der Schrotflinte in der Hand anderen Drogendealern ihre Ware zu klauen. Oder Stringer Bell, der Chef einer Dealerbande, der tagsüber ins Community College geht, um BWL-Kurse zu besuchen, seine Gang führt wie einen Betrieb und abends seine Straßenhändler zum Brainstorming über Geschäftsstrategien einlädt. Oder die unscheinbaren Figuren wie der 13-jährige Duquan, der in einem Junkie-Abbruchhaus wohnt und keine Möglichkeit findet, seine Begabungen einzusetzen. Oder Pryzbylewski, ein miserabler Polizist, der aus Versehen einen Kollegen erschießt und schließlich Lehrer wird. Jede einzelne dieser mehreren dutzend Figuren ist nicht nur mit unglaublicher Akkuratesse gezeichnet, sie hat immer auch die Fallhöhe, die es für wirkliches Drama braucht.

Gut zwei Drittel des Cast sind schwarz. Wie sollte es anders sein, es ist Baltimore. Aber es ist eben noch ein bisschen mehr. Tatsächlich dürfte “The Wire“ die erste Fernsehserie sein, die sich jenseits der in den Achtzigern und Neunzigern vermessenen Gebiete der Repräsentationspolitik bewegt. Womit nichts Negatives über die Political correctness gesagt sein soll – wo es hinführt, wenn Repräsentationsfragen dem guten Willen der Mehrheitsgesellschaft überlassen werden, kann man jeden Sonntag in der “Lindenstraße“ studieren, wo es keinen Chinesen geben kann, ohne dass er fortwährend Konfuzius zitiert. Wahrscheinlich musste das amerikanische Fernsehen eine Phase durchlaufen, wo Lobbygruppen ausrechneten, wie viel Zeit welche Minderheit wo einnimmt. Anders als durch solche Nervensägerei ist ein Gefühl für die Dringlichkeit dieser Dinge wahrscheinlich nicht zu kriegen.

“The Wire” dürfte die erste Fernsehserie sein, für die sich diese Frage nicht mehr stellt. Hautfarbe ist für die Charakterentwicklung so wichtig wie Augenfarbe. Was nicht heißt, dass Hautfarbe unwichtig wäre: Das ist sie nie. “It‘s all in the game.“

Eines kommt dem Realismus von Burns und Simon entgegen: Sie können Ernst machen mit dem Umstand, dass die Kunstform der Fernsehserie nur noch bedingt an den Termin ihrer Ausstrahlung gebunden ist. Schon im Sendeplan von HBO selbst laufen immer mehrere Folgen, mit TV-On-Demand kann man sich auch Folgen anschauen, wann immer man will. Noch wichtiger für “The Wire” ist aber die Sekundärverwertung durch das neue Format der DVD-Box (zumal, wenn man in Deutschland sitzt).

Sich 13 Folgen einer Serie mehr oder weniger am Stück anschauen zu können, eröffnet ganz neue Möglichkeiten für ein wirklich episches Erzählen. Ganz ähnlich übrigens dem realistischen Roman des 19. Jahrhunderts – Charles Dickens veröffentlichte seine Geschichten ja auch zuerst als Fortsetzungen in Zeitschriften, bevor sie in Büchern abgedruckt wurden. Und in seinem Anspruch, die Londoner Gesellschaft von ihrer Spitze bis zum letzten Waisenhaus in ihrer ganzen großartigen Verkommenheit abzubilden, ist Dickens gar nicht so weit entfernt von Simon und Baltimore.


http://www.hbo.com/thewire

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. The Wire « The Mile High Blog

    […] mal zwei etwas längere Beiträge zu der Serie gefunden, einen auf Maxiststudent und einen auf de:bug, das eigentlich gar kein Blog, sondern ein Mix aus Web- und Printmagazin ist. Das ist erstaunlich, […]