Ein clever designtes Online Game für lau, mit erfrischenden Spielideen, nervenfreundlich und - oh Wunder - auch noch mit guter Musik, das gibt es. Das aufgeweckte Banja.com hat nicht umsonst auf der letzten Ars Electronica einen Preis gewonnen. Passwortpflanze voraus!
Text: Nils Dittbrenner aus De:Bug 54

Vodka-Honig auf Itland für lau
Das Banja.com-Game

Darts mit lebenden Moskitos, hoovercraftfahrende DJs, eine Wohnung samt Jukebox und phantasievoller Bepflanzung, darin ein Kühlschrank mit lebendem Inhalt und daraus resultierenden verwirrenden Kochduellen, außerdem Horden kleiner fraggleähnlicher Wesen, die emsig eine imaginäre Insel bebauen. Mittendrin der Spieler als Hauptfigur in einem abgefahrenen Adventure, online und umsonst – wie bitte? Bitte: http://banja.com.
Banja ist ein einsteiger- und nervenfreundliches Spiel in knuddeliger 2,5D-Comicgrafik und erstaunlich erträglicher Musik. Man steuert in gewohnter Point & Click-Manier die kleine Rastamann-Hauptfigur namens Banja über die Insel Itland, immer gewillt und bereit, gute Taten zu vollbringen. Diese werden mit sogenannten “Yespapas” belohnt, deren viele zu sammeln man als Spielziel umreißen kann. Möglichkeiten, gute Taten zu vollbringen, sind – das ist nichts Neues bei Adventures – zuhauf vorhanden. Neben den Yespapas laden zahlreiche clever designte und funky präsentierte Minigames zum Verweilen ein. Also fix Nickname und Passwortpflanze (Form, Farbe und Nummer von Banjas Zimmerpflanze sind als Passwort wählbar) ausgesucht und rein ins Spielvergnügen.
Da das Spiel komplett in Flash programmiert ist, kann der Augenblick vom Einloggen bis zum Losspielen je nach verfügbarer Bandbreite und aktuellem Traffic von einigen Sekunden bis hin zur berühmt berüchtigten Kaffeeholpause dauern. Diese Zeit kann man sich jedoch nach einem schickem Intro mit einem Blick in die Banja-Chronik vertreiben, in der für Neueinsteiger the story so far und der aktuelle Stand des Games einsehbar ist. Ab und an gibt es fest determinierte Events, z.B. ein Konzert der Flash-Doppelgänger von Manu Chao oder LKJ am Strand oder die Geburtstagsparty einer der Inselbewohner, zu denen man – um sie nicht zu verpassen – an einem bestimmten Datum spielen muss. Jeder Spieler erlebt aber im Endeffekt (s)eine Singleplayer-Geschichte – eine Tatsache, die bei mir für etwas Stirnrunzeln gesorgt hat, gemessen daran, dass es sich um ein Online-Spiel handelt und man in dem Genre opulente Multiplayerfunktionen erwartet. Banja-Teamchef Stéphane Logier meint dazu im Gespräch, dass abgesehen von einem nett designten Chat Multiplayerfunktionen schwierig implementierbar gewesen seien. Technisch stieß man mit Flash sehr bald an einige Hürden (ach!), sowieso war aber das Gameplay von vorneherein als (Singleplayer-) Adventure konzipiert. Retrospektiv seien gewisse denkbare Features (z.B. InGame-Kommunikation oder Itemtausch unter den Spielern) aber auch schlicht nicht nötig gewesen: In Frankreich, dem Mutterland des Games, spielen über 90 000 User regelmäßig, organisieren Partys (sogenannte Banjapéros) und treffen sich auf diesen u.a. zum geselligen Vodka-Honig-Schlürfen (dem Nationalgetränk Itlands). Wer braucht bei soviel Community noch Multiplayerfunktionen?
Das Programmierteam Team Chman aus Lille ist seit dem Launch kräftig gewachsen und erhielt – sonst hätte von dem Spiel im deutschsprachigen Teil Europas wohl kaum jemand etwas mitbekommen – auf der diesjährigen “ars electronica” im Bereich NetVisions für Banja eine goldene Nica.
Doch wie geht es weiter? Eine zweite Folge in Echtzeit-3D ist ebenso geplant wie eine Konsolenversion; Launchs in Japan, Korea und auch in Deutschland stehen bevor – man befindet sich in Verhandlungen mit einem deutschen ISP (Internet Service Provider), der das Game nach abgeschlossener Marktforschung evtl. in seinen Leistungskatalog aufnehmen möchte. Bis es so weit ist, kann man Banja aber auch getrost in einer der anderen 5 Sprachen spielen. Außer der Spieleinführung, der Chronik und den Hilfetexten werden alle im Spiel selbst stattfindenden Dialoge durch ein cleveres Zeichensprachsystem dargestellt: mit grob designten Strichmännchen, die die Haupt- und Nebencharaktere darstellen, sowie durch Pfeile und andere Icons werden in poppigen Sprechblasen Anweisungen gegeben, was zu tun ist.
Zahlreiche Nebencharaktere, eine mit der Zeit ziemlich schräg werdende Story, die konstant exzellent bleibende Grafik (immerhin in 3 Detailstufen, damit auch Schmalbandsurfer auf ihre Kosten kommen), ein gutes Gameplay ohne zu stressen mit durchdachtem Interface und zahlreiche lustige Settingchanges runden den Gesamteindruck ab: Banja stellt mit seinem Umfang und der technischen Perfektion ein einzigartiges Online-Projekt dar. Reinschauen lohnt sich auf jeden Fall, nicht nur für diejenigen, denen Online-Spiele bisher zu rasant, zu blutrünstig, zu schnell oder zu fordernd waren. Adventure-Freaks sollten eh ein Auge drauf werfen, denn selten gab’s soviel Gameplay für lau.

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Elektronische Lebensaspekte.