Barbara Morgenstern nimmt uns mit auf den Dancefloor des introvertiert verträumten Autorenpops.
Text: Kerstin Schäfer aus De:Bug 70

Bye, bye, Vermona

“Nichts Muss”, aber vieles kann. Barbara Morgenstein will poppiger und tanzbarer werden: “Ich will die Leute zum Rocken bringen.” War die Musik auf den anderen Morgenstern-Alben “Vermona” und “Fjorden” durch die Texte so wertvoll, so privat, geht “Nichts Muss” noch einen Schritt weiter. Emotions-Sharing als Prinzip. Dem introvertierten Selbstbezug der Texte auf den früheren Alben wird auf “Nichts Muss” die Abstraktion vom Autorensubjekt entgegengestellt. Man darf nicht mehr so nah ran an Barbara Morgenstern, was aber auch Vorzüge hat, da wir ja auch nicht im stillen Kämmerlein tanzen gehen. “Nichts Muss” verlässt selbstbewusst die Lofi-Nische mit ihrem Vermona-Schaukelstuhl und traut sich raus in die große Welt hochglänzenden Songwriter-Entertainments mit ihren Intimitätsformeln für Millionen. Genau darin nicht unterzugehen, ist die künstlerische Großtat des Albums. Im Bewusstsein, dass jugendliche Verschrobenheit ab einem bestimmten Professionalitätsgrad nur noch als gekünstelte Lüge durchzuhalten ist, wirft Barbara Morgenstern auch die letzten Reste davon über Bord und wird in einem Riesenschritt “erwachsen” – gewinnt aber nur mehr Charakter dadurch. Man bekommt immer noch ein Riesenhappen Barbara Morgenstern zu spüren. Der persönliche Spagat zwischen “hyperpersonal” Songs und dem Anspruch an distanzschaffende Bewegung tritt dabei am ehesten live zu Tage. Selten hat man jemanden so extrovertiert und dabei doch so stark in sich zurückgezogen spielen sehen.
Groß geworden in einem stark musikorientierten Elternhaus, Hauskonzerte inklusive, macht die Wahl-Berlinerin Morgenstern schnell deutlich, wie sich ihr musikalischer Bezugsrahmen entwickelt hat. Ausgebrochen aus der langweiligen westdeutschen Provinz landete sie über Hamburg schließlich 1994 in Berlin.

Transzendentale Distanz

Barbara Morgenstern definiert auf “Nichts Muss” mal eben die Bezugspunkte ihres Universums – und das Schöne ist, jeder darf mitkommen. ”Berühr’ meine Seele, aber fass mich nicht an. Der Platz zwischen uns ist immer notwendig, damit man das Gesamte sehen kann.” Das Oszillieren von Selbst- und Außenbezug funktioniert in Barbaras Kosmos eher durch Menschen, die ihr am wichtigsten und nahesten sind. Mit Robert Lippok und Stefan Schneider von To Rococo Rot wurde in der Vergangenheit das improvisierte Experiment zum Prinzip erhoben. Der Anspruch an Tanzbarkeit entsteht nicht nur in diesem Umfeld, sondern besonders aus der Live-Situation. “Ich will, dass die Leute meine Musik so spüren können, dass sie sich bewegen. Klar ist das manchmal schwer bei meiner Musik, aber mit dem neuen Album bin ich dieser Idee auf jeden Fall auf der Spur.” Der Bass wird manchmal konkreter, das Arrangement scheint klarer und doch weiter gefasst zu sein als noch bei “Vermona” und “Fjorden”. Ganz aus der Hand gibt Barbara Morgenstern den Hang zum Groove bei ihren Remixen. Auf dem aktuellen Release aus “Nichts Muss” wird bei den “Himmel Mixen” (Monika Enterprise) Salz und Pfeffer den anderen Köchen überlassen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Die Indietronicpoetin Barbara Morgenstern traut sich mit ihrem zweiten Album aus der Lofi-Sicherheitszone. Zusammen mit Stefan Betke, Thomas Fehlmann und Robert Lippok steuert sie zielstrebig verspielt die Grand Prix-Teilnahme an.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 42

Grand-Prix mit Restschrägheit
Barbara Morgenstern

Eigentlich kommt Barbara aus Werde-Popstar-Hagen. Schnell zog es sie via Hamburger Schule nach Berlin. “Nirgendwo sonst kannst Du z. B. aus einem Wohnzimmer einen Club machen. Die Stadt ist ständig in Bewegung. Du hast viel Platz, wenig Miete und tausend Leute, mit denen du was zusammmen machen kannst.” Neue Leute kennenzulernen fällt in diesen Berliner Szeneamöben oft leichter als in klarer strukturierten anderen Großstädten. Barbara Morgensterns Schilderungen zeugen von einer Person, die sich ständig im Prozess befindet.

Reduktion im kreativen Fluss
So zeigt sich auch in ihrer Musik eine Entwicklung hin zum elektronisierten Pop. Ihr Debüt “Vermona ET 6-1” war noch klar heimorgelgeprägt. Mit “Fjorden” geht sie nun einen Schritt weiter in Richtung Indietronics-Grand-Prix mit Restschrägheit. Sicherlich auch ein Resultat der Mitarbeit von Thomas Fehlmann, Robert Lippok und Stefan Betke aka Pole. All diese kooperativen Freundschaften erwachsen eben auch aus Berliner Kontakten. Wie war das Arbeiten mit ‘Mr. Konsens’ Pole? “Kurz vor Fertigstellung der Platte habe ich erst die Texte eingesungen. Eigentlich mache ich alles selber, aber irgendwann hat man keine Distanz mehr. Pole ist toningenieurmäßig begnadet. Dazu sind wir befreundet. Ich konnte ihm vertrauen. Er kann sich gefangen nehmen lassen, auch von der Stimme. Er hat mich auch überzeugt, vieles aus den Tracks wieder zu entfernen.” Reduktion ist das Wort, aber nicht im Abschneidesinn, sondern als Hilfestellung und Konzentration: “Es geht um Klarheit und was bei den Songs im Vordergrund steht.” Minimalismus bedeutet Professionalität. Im Prozess lernen, umstrukturieren. Und so entstand mit “Fjorden” ein auf Erfahrung basierendes, wundervoll-persönliches Stück Pop.

Das Klavier und Barbara

Barbaras neues Album ist deutlich computergeprägt. Und doch schleichen sich die Songs wie kleine Freunde in dein Gehirn ein, bearbeiten dich, bis du dir mit ihnen einig bist und sie dir sogar ein bisschen weiterhelfen. Ja, schließlich, aber das braucht etwas Zeit und Zuneigung, verliebst du dich sogar in Songs wie “Der Augenblick” oder “Teil für Teil”. Obwohl Frau Morgenstern mit dem Resultat sehr zufrieden zu sein scheint, strebt sie bereits wieder weiter: “Ich komponiere meine Stücke zunächst meist auf dem Klavier. Demgegenüber macht das Produzieren am Computer zwar auch Spaß, ist aber oft sehr vorgegeben. Demnächst möchte ich gerne freier und improvisatorischer aufnehmen.” Das lässt sich prima vorstellen: Morgensterns traurig-ehrliche Geschichten fokussiert auf Klavier und Gesang. “Ich stehe aber auch total auf Beats, das probiere ich ja auch live aus. Mit E-Drums und rockiger verliert die Musik etwas von ihrem Gewicht und entwickelt eine ganz andere Kraft. Das ist im Studio schwer zu transportieren.”

Text und Sound

Die Gratwanderung zwischen zumal deutschen Texten und elektronischem Sound gelingt Barbara auf “Fjorden” par excellance. Des Schutzschilds englischer Texte entblößt Barbara sich und begibt sich auf das dünne Eis deutscher Popmusik: “Man kann viel schöner mit verwinkelten Texten spielen und assoziativ schreiben. Das kickt total. Manche Leute können vielleicht überhaupt nichts damit anfangen. Deswegen auch Pole als Kitsch-Barometer. Es verlangt einfach viel von einem, solch persönliche Sachen aus sich rauszulassen.” Morgensterns Texte leben aber von einer Ambivalenz aus Wehleidigkeit und Stolz. Zudem muss man ihnen eine Chance geben. So wie sie für die Musikerin bei jeder Interpretation unterschiedlich empfunden werden, versteht auch der Zuhörende sie jedesmal anders und meist besser. Man muss sich auf den Morgensternschen Textkomos einlassen. Stufe eins: Kopfkratzen und leichte Unentschlossenheit. Stufe zwei: Reinhängen und Liebhaben.
Und vielleicht triffst du Frau Morgenstern morgen im Plattenladen deines Vertrauens, wo sie gerade nach der neuen Sigur Rós oder Múm fragt. Schweden hat Stina Nordenstam. Wir haben Barbara Morgenstern: also auf zum besseren Grand Prix!

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