Brixton bodenstandig 2001. Basement Jaxx verlassen mit ihrem Nachfolger zum Erfolgsalbum "Remedy" das House-Terrain, bleiben aber rooty und kontern den Daft Punk-Entwurf. Digi-Glampop gegen Zynismus.
Text: jan joswig | janj@de-bug.de aus De:Bug 49

Entropie durch Digi-Glam
Rettung durch Basement Jaxx

Verlassen wir jetzt in unseren zerrissenen Jeans endgültig den Club und lungern mit dem Kofferradio vor den Boutiquen rum? Eine Absetzbewegung von der schon klassisch gewordenen Clubsituation zeichnet sich ab, weg vom Tanzen, hin zum Posieren. Der 80ies Punk-/New Wave-Habitus hat eine musikalische Entsprechung gefunden, die Retro-Elektro in seiner Technoverhaftung nie einlösen konnte: Der neue Digi-Glampop von Daft Punk, Air, Zoot Woman klebt nicht mehr mit der alten Clubber-Attitüde an der einen historischen Referenz (Elektro). Er sammelt alle Versatzstücke ein, die der einen historischen Attitüde entsprechen (Kajalstift80er). Dort, wo die Grenze zwischen kaputtem Styling und gestylter Kaputtheit verwischt. Retroclub und Digi-Glampop scheiden sich nicht mehr an Song oder Track, retro oder nuevo, sondern an einer Gesamtinszenierung, an einem audiosozialen Grundwechsel, der signalisiert: Schluss mit dem gemütlichen Kollektivraven. Jetzt steht wieder jede/r für sich auf der Rampe, on the Edge. And sometimes I wonder how I keep from going under. Hysterie wird unkontrollierbar, eindämmbar nur noch durch eine Ästhetik, die noch greller, leerer, übertriebener einem vorauseilt. Das eigene, schwarze Loch erscheint im Vergleich dazu als solider Humus. Das Supertramp-Piano bei Daft Punk, der Bilitis-Filter bei Air, die gereckten Anzugfäuste bei Zoot Woman sind Signifikanten dieser Leere. Sind die Zombie-haften Zeichen und Posen nur Schminke, oder ist es substantiell? Am dringlichsten stellt “Discovery” von Daft Punk diese Frage.

Und Basement Jaxx?

Felix Buxton und Simon Ratcliffe haben von ihren frühen EPs auf ihrem “Atlantic Jaxx”-Label wie “Summer Daze” bis zum aktuellen Album “Rooty” einen ähnlichen Weg zurückgelegt wie Daft Punk von “Homework” bis “Discovery”. Von House zum Digi-Glampop eben. Aus dem Club vor die Boutique. Und die Attitüde?
Auf “Rooty” schubsen sich die eleganten Welten von R&B, digitalisiertem Jean Jacques Perrey und New Wave und das prollige, ewig-englische Bloke-Universum, das Punk, Ska, Chantees in untergehaktem Gegröhle egalisiert, zu einem raffiniert naiven Pogo zusammen, der genau die Antithese zu “Discovery” darstellt. Wo Daft Punk mit den 70er Bezügen von ELO oder Supertramp nihilistische Anti-Identifikation anbieten, sind Basement Jaxx mit ihrer Digital-Paraphrase von Adam and the Ants bis Blondie die bewusst naiven Optimisten. Sie nehmen Glampop das Todessüchtige, das bei Daft Punks BOF (Boring Old Fart, unerlässlicher Diskreditierungsbegriff aus der Prä-Punk-Phase)-Referenzen immer mitsichelt. Daft Punk ästhetisieren ihre Langeweile, ihr Ennui, in dem sie aus dem ehernen Kanon der gröbsten Scheußlichkeiten around zitieren. Verkommene Popper eben. Basement Jaxx sind dagegen der Simplizissimus, der weder ästhetisiert noch zitiert, sondern einfach in diesem unerschöpflichen Musikwunderpool planscht, der weder Rampen noch Edges kennt. Während Daft Punk durch den Genresprung von Ecstasy zu Heroin gewechselt haben, sind Basement Jaxx ganz rooty bei ihrem Bier aus Sektgläsern geblieben. Wer sich für schicker hält, wenn er an den Blumen des Bösen schnuppert, muss Daft Punk aushalten und “ätzend” zu seinem neuen Lieblingsadjektiv küren. Wer sich resistent gegen die audiosoziale Entropie per Digi-Glam halten will, der bekennt sich mit Basement Jaxx zum Bongoloiden. Felix Buxton: “Bei retro sind alle darauf bedacht, ihre Referenzen aufeinander abzustimmen. Das ist uns zu intellektuell. Wir sind rooty. Rooty wie fruity, booty, squaredancing. A 100 percent jackattack for the bongoloid nation.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.


Text: jan joswig aus De:Bug 23

”Guter Geist ist trocken”, Heraklit ”Guter Geist dreht Nasen”, Basement Jaxx Simon Ratcliffe und Felix “B.” Buxton reissen den Joystick nach links vorne, schiessen an Speedgarage und kinky Franzosenhouse vorbei und landen auf Ibiza. Felix: “Ibiza? Neben Deutschland der einzige Ort, an dem wir noch nie aufgelegt haben. Wir wissen nur, dass die englische Ferienkolonie dort am Strand ihre Extasy-Vorräte vergräbt. Ich habe in London einen der ersten Acid-Clubs besucht, das lag definitiv weit hinter unserem eigenen Club zurück, null Atmosphäre.” Basement Jaxx zielen auf volle Pulle Atmosphäre: “Das Housepublikum ist so damit beschäftigt, sich cool zu geben, es ist so steif, es hat verlernt, das Leben zu feiern. Wir wollen das Leben feiern, wir sind glücklich zu leben.” Mit ihrem ersten Album “Remedy” haben sie die emanzipierte Formensprache zu diesem Imperativ ausgebreitet: “Als wir vor sechs Jahren anfingen, wollten wir die amerikanische Housemusik imitieren, die war mit Seele aufgeladen. Leute wie Larry Heard, die teilten ihre Gefühle mit. Larry Heard ist ein Poet, Masters at Work sind Poeten. Heute aber hat Deep House die Orientierung verloren. Wir wollen etwas Neues ohne Genrerücksichten probieren.” Eine Zusammenballung aller Uplifting-Elemente in einem Over the Top-Schock, der die Stilmerkmale exaltiert ins Narrenkostüm steckt. Waren sie in ihrer Chicago-Verehrung immerhin schon so grosszügig, die Sambaschulen von Rio de Janeiro an den Michigansee zu verlegen und mit “Samba Magic” den Verbrüderungsknaller des vorletzten Sommers zu liefern, ein US-Taxi mit Zuckerhut sozusagen, so haben sie diesen Wagen jetzt gegen eines der Bombay-Taxis eingetauscht, die über und über mit Tand und Flitter behängt sind. Ragga-Vocals, Flamencogitarren, Vocoderstimmen, Verzerrungen vor Casiomelodien, permanent funkt die Telefonanlage dazwischen. Und in “Same old show” ein Sample der TwoTone-Band Selecter, das die endgültige Abkehr von allen Housedogmen besiegelt. Verbeugung und Parodie liegen eng beieinander, aber nur für den Hörer. Ist “You canât stop me” nicht als R&B-Parodie gemeint? Felix: “R&B parodieren? Wir respektieren Timbaland. Er hat mit seinen R&B-Produktionen die Musik weitaus mehr nach vorne gebracht als die meisten Houseproduktionen der letzten Zeit.” Aber bei “Don’t give up” wollt ihr schon vorführen, wie nah Portishead an Pink Floyds “The Wall” heranreicht? Felix: “”Don’t give up” ist ein sehr spiritueller Track. Viele Menschen analysieren das Leben zu sehr. Sie vergessen, worum es eigentlich geht, fabrizieren ungeheuren Lärm in ihrem Kopf. Es ist ein sehr tiefer und spiritueller Track.” Spiritualität im farbenfrohen Eklektizismusgewand. Felix: “Wir lieben alle Formen von Tanzmusik. Im Leben geniesst du eine Vielzahl von Dingen. Du isst nicht nur Käse oder Fleisch, du isst alles, was dir schmeckt.” Ob man mit dem Versuch, der konstatierten Deephouse-Krise durch eine überbordende “Celebrating Life”-Brachialkur beizukommen, nicht nur mit einem gefrorenen Grinsen endet, statt bei einer neuen Form der Beseelung? Felix: “Du kannst einen spirituellen Track auf traditionelle Weise produzieren, das meint, er ist ohne jegliche Spiritualität. Es wird nur kopiert, was jemand vorempfunden hat. Unsere Tracks haben Humor, aber wir nehmen sie sehr ernst. Wir behandeln jeden Track als eine Form von Kunst. Die Hauptforderung heisst: sei ehrlich zu dir selbst, teile dich so aufrichtig mit wie möglich.” Und wie sonst sollte bitte Deephouse definiert sein, wenn man es nicht mit einer beliebig reproduzierbaren Formel verwechselt? Basement Jaxx formulieren den Third Stream des Deephouse. Dass der in der ersten Runde klingt wie ein Balearenhouseupdate, nur weil jegliche Andeutung bourgeoiser Subtilitäten ausgemerzt wird, ist ein Rezeptionsmissverständnis, das dionysische Lebensbejahung mit Vordergründigkeit gleichsetzt. Ihre Tracks verhalten sich zu Latinhouse wie Soca zu Antonio Carlos Jobim, niemand würde das eine gegen das andere ausspielen wollen. Felix: “Unsere Tracks sind zornig, sind emotionsgeladen, aber nicht auf eine deprimierende Weise. In England feiert man unsere Haltung. Wie es in Deutschland steht? Vielleicht ist es etwas zuviel für Deutschland.” Hier würde ja auch niemand wagen, MJ Cole Deephouseaffinitäten zu unterstellen. Felix: “Berührungsängste mit Speedgarage kennen wir nicht. Es gibt viele Parallelen zu Deephouse, MJ Cole-Tracks sind deep.” England hört anders. Bei Basement Jaxx macht es halbverhohlenen Spaß, dem Rätsel hinterherzuforschen. Aber sage nie: “War das lustig.” Servicekasten: Simon Ratcliffe und Felix Buxton gründen 1994 das “Atlantic Jaxx”-Label. Neben ihren eigenen Produktionen als “Basement Jaxx” veröffentlichen sie die Arbeiten benachbarter Produzenten von Ragga bis Samba; im Zentrum steht House, in jeder denkbaren und undenkbaren Spielart; nachzuhören auf dem 1997 erschienenen “Atlantic Jaxx – A Compilation” -Album. Ihr erstes Basement Jaxx-Album “Remedy” erscheint auf XL-Records.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.