Aus der Reihe: Dinge und elektronische Lebensaspekte, ohne die unsere De:Bug-Welt nicht funktionieren würde
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 142

Arpeggio ist ein Akkord, bei dem die einzelnen Töne nicht gleichzeitig, sondern in kurzen Abständen nacheinander erklingen. Die einen sprechen von einem gebrochenen Akkord, die anderen vom wesentlichen Verbindungskleister zwischen Mensch und Maschine.

Im Grunde genommen ist ein Arpeggio nichts anderes als ein gebrochener Akkord. Ein C-Dur-Akkord beispielsweise wird in die einzelnen Töne zerlegt und jeder Ton auf einer eigenen Zählzeit gespielt: zum Beispiel C-E-G und dann wieder von vorne. Jeder Klavierschüler kennt das von den quälenden Clementi-Sonatinen oder Bach-Inventionen, wo die linke Hand stoisch durch die Kadenzen reitet.

Bei einer Gitarre hat man schnell ein Arpeggio, wenn man bei einem Akkord statt alle Saiten auf einmal anzuschlagen einfach mal den Daumen von oben nach unten runterblättern lässt. Klingt wie eine Harfe. Arpa heißt im Italienischen auch nichts anderes. Schon 3000 v. Chr. gab es die ersten Harfen in Mesopotamien und Ägypten und noch immer ist es eines der wuchtigsten, mythischsten und schwersten Instrumente im Orchestergraben.

Harfe, diesem Gerüst der schwingenden Saiten haftete schon immer etwas Transzendentales, Metaphysisches an. König David soll seinem Vorgänger Saul die bösen Geister mit einer Harfe ausgetrieben haben. Auch den Iren ist ihre Harfe heilig. Als ihr Nationalsymbol prangt sie auf irischen Euromünzen, Fahnen und Irish Pubs überall auf der Welt. In der Geschichte “Ein Münchner im Himmel” von Ludwig Thoma wird Alois Hingerl vom Blitz getroffen und darf als Engel Aloisius auf einer Wolke im Himmel stetig auf seiner Harfe frohlocken und Hosianna singen, um die depperten Erdlinge zu bekehren. Engel ohne Flügel und Harfen sind wie Disco-Schorle ohne Wodka, geht nicht und gibt´s nicht.

Profane Gerätschaften
Als die Entwicklung der Synthesizer und Sequenzer in den späten 60ern einen enormen Schub bekam, zum Beispiel der ARP-Sequencer (der Name kommt nicht vom Arpeggio, sein Erfinder hieß Alan Robert Pearlman), und modulare Synths immer mehr in heutige Keyboard-Formen fusionierten, kam der automatische Arpeggiator bei elektronischen Klangerzeugern vermehrt ins Spiel. Hier konnten mit einem Tastendruck lange, harmonische Tonfolgen gespielt werden. Diese stilprägenden, perlenden Tonwellen, die so ziemlich in jeder Synthesizer-basierten Musik eine enorm wichtige Rolle spielen. Aufwärts, abwärts, zufällige Abfolgen, über eine oder gar sechs Oktaven.

Und nun schließt sich wieder jener metaphysische Kreis, denn es war der “deus ex machina”, der Schaltkreis-induzierte Gott, der aus den damals noch neuen, beängstigenden Maschinen zu einem sprach. Der Musiker musste nicht, wie noch bei der Harfe, für jeden Ton seine Hände bewegen. Er ließ seine Hand auf der Tastatur und die Maschine frohlockte nun von selbst Tonfolgen, bei denen selbst ein Vladimir Horowitz gehörig ins Schwitzen gekommen wäre. Jeder Musiker wunderte sich über seine spontan erlangte Virtuosität. Er manipulierte keine Einzeltöne mehr, er konnte von nun an auch selber große Notenfolgen überwachen und programmieren.

Wer machte nun Musik? Der Mensch oder die Maschine? War die Person nur mehr ein Instrument der Maschine oder was war hier los? Nicht nur bei Kraftwerk wurde jener Mensch-Maschine-Diskurs losgetreten. Jean Michel Jarre war ebenfalls ein solch messianischer Zauberer, eine One-Man-Symphonie. Er inszeniert sich heute noch immer so. Die aus den Arpeggiatoren gekitzelten Akkordorgien gossen eben diese neue technologische Kraft in Ton und gehören nun zum Allgemeinplatz der Sounds wie die Bassdrum zum Techno.

Durch die Decke
Als 1977 Donna Summer mit der Giorgio-Moroder-Produktion “I Feel Love” zum großen Star des Discohimmels aufstieg, war es das pumpende elektronische Arpeggio, das den elektrisch geladenen Sex in die Grooves brachte. Ein Jahr später rief sich eine Discoband, programmatisch “Arpeggio” benannt, mit ihrem Hit “Let the music play” auf den Plan. Acid aus der 303, Großraumhits wie “Our Darkness” von Anne Clark, Depeche Modes “Black Celebration”, das sind einige der bekanntesten Kinder der musikalischen Automation durch Akkordbrechung. Vom späteren Euro-Dance und Trance natürlich ganz zu schweigen.

Ein gut eingesetztes Arpeggio zur rechten Zeit ist aber noch immer eine Geheimwaffe für Produzenten und DJs, um den schwitzenden Tänzern Luft an die verklebten Achselhöhlen zu bringen. Es gehen Himmel auf, Wolkendecken werden durchbrochen, Mundwinkel ziehen sich nach oben und innere Sonnen gehen auf. Und wer sich noch immer fragt, woher diese Magie der Synthesizer-Arpeggien stammt, der weiß nun, dass es nur die Engel sein können, die die Harfe spielen und in Chören frohlocken – sie sind ein Zeichen von etwas sehr Großem, auch heute noch.

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