Das Papier an dem sich die Geister scheiden.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 141

Die Gästeliste macht aus dem Gast einen Platz auf einem Zettel. Sie ist Ausweis einer Tasche voll kulturellem Kapital, für den Nightlife-Überlebenskünstlers bedeutet sie bittere Notwendigkeit. Über Schnorrerbekanntheitsgrad, Wiedererkennungsgefahr, Türverwalter und Gästelistenkapitalismus.

Gäste sind immer willkommen. Das sagt schon der Name. Die Gästeliste macht aus dem Gast einen Platz auf einem Zettel. Eine Nummer. Deshalb ist die Gästeliste schon der erste Grad einer Entwertung der Gastfreundschaft und steht somit unter der Clubmarke, allerdings deutlich über der Getränkemarke. Dennoch ist der Platz auf der Gästeliste kulturelles Kapital, zweifelhafter, aber relevanter sozialer Status, der Ausweg aus der entwürdigenden Schlange des Partymobs, ein wirksames Zeichen, um aus dem eigenen Schmarotzertum Würde heraus zu destillieren, was in einem “Plus 5” oder mehr zur Selbstaufblasung bis zum Egobigbang genutzt werden kann. Ein namenloses “Plus 1” zu sein mag wiederum für manche entwürdigend sein, andere fühlen sich in dieser Anonymität zu Recht wohl, weil ihr Durchmogeln keine Spuren hinterlässt.

Gästelisten sind aber viel mehr als ein psychologisches Spiel, gelegentlich gehen sie in Partystädten sogar als knallharte Währung durch. Wofür soziale Netzwerke lange arbeiten mussten, aus losen Freundschaften wirklich ernsthaftes Kapital zu schlagen, ist hier längst realisiert und bis ins letzte Detail von Währungskursen durchdekliniert. Ein Platz auf der Gästeliste ist ein perfekter Einsatz im Monopoly-Spiel urbaner Pennerexistenzen. “Kannst meinen Platz haben, wenn ich dafür (hier wahlweise Menge X Drogen, oder sonstige Erpressungsversuche einsetzen, wobei X in strenger Korrelation zur Popularität der jeweiligen Party und der sonstigen Unzugänglichkeit des zugehörigen Klubs steht) bekomme”. Waghalsiges Spiel, denn mit steigendem Schnorrerbekanntheitsgrad steigt auch die Wiedererkennungsgefahr durch Türsteher, Gästelistenverwalterinnen oder sonstigen Zwangsneurotikern des Gästelistenkapitalismus.

Einen Platz an der Sonne der Umsonstausgehkultur

Beliebter als der Listenersatz zu sein, ist da logischerweise der Fantasieplatz. Normalerweise mit stabreimartigen Namen belegt wie Susi Supergrau (unauffälliger ist besser, aber ihr würdet euch wundern, was für Namen da noch durchgehen) oder geschlechtsneutraleren Platzhaltern wie Kim Kindel, sichert ein anonymer Avatar auf der Gästeliste auch dem nachträglichsten Reinkommenwoller (aka Freund von Freund, der die Mutter des Warmup-DJs vom dritten Floor kennt, oder auch beliebigen Zufallsbekanntschaften des jeweiligen Abends) einen Platz an der Sonne der Umsonstausgehkultur. Und was bekommen Partyveranstalter für dieses knallharte Brettspiel, der von jedem Selbstzweifel befreiten Szenehyperkapitalisten? Einen nicht zu unterschätzenden Erfolgsmaßstab.

Wer nicht mindestens ein Viertel seiner möglichen Partykapazität fürsorgend mit Gästelistenplätzen ausgepolstert hat, wobei man sich zur Wertsteigerung dieser Geschenke durchaus jeden einzelnen dieser Plätze nur unter Pseudoschmerzen rausleiern lassen sollte, braucht sich um halb drei morgens auch nicht mehr zu fragen, ob es eigentlich noch voll wird. Damit taugen Gästelisten auch jetzt noch weit mehr als Facebookparty-RSVPs zu einer möglichen Erfolgsvorkalkulation und es gilt die Faustregel: Wenn dein Telefon nicht mindestens drei Tage vor der Party durchklingelt, weil ständig wer umsonst rein will, versuch schon mal eine Vorauszahlung auf dein Erbe zu bekommen.

Trial and error an der Tür

Für wirkliche Kenner des Gästelistenspiels, wahre Bachelors of Trittbrettfahrer Art, gibt es diverseste – gelegentlich fast gefährliche – Arten dieses sozialen Spiels. Die typischste: stadtbekannten Partyhengsten den Gästelistenplatz wegschnappen. Ein meist folgenloser Identitätsdiebstahl. Die dümmste, aber durchaus häufigste: einfach einen Namen sagen und hoffen, dass er drauf steht. Wenn der nicht geht, einfach den nächsten Allerweltsnamen probieren. Hier gilt: je dümmer der Versuch, desto höher müssen die eigenen sozialen Engineering-Skills sein.

Wer es schafft als Susi trotz Raverbart auf eine wirklich lohnenswerte Party zu kommen, der sollte allerdings sowieso schon keine Gästeliste mehr brauchen, weil er genau die Qualitäten eines Nightlife-Überlebenskünstlers hat, die ihn aus dem Limbo der Gästeliste erlösen und in den wohlverdienten Olymp des “ich komme überall umsonst rein, weil ich ich bin und jeder mich kennt und will” bringen. Kurzum: Am Ende des großen Spiels der Gästeliste ist ein Erlösungsversprechen. Und genau diese Religion der Gästeliste ist es, die ihre innere Dynamik erst möglich macht.

6 Responses

  1. Chris

    gästeliste is doch irgendwie was für kids, oder ? ich zahl lieber 10€ als den peinlichsten spruch ever zu bringen: “ich steh auf der gästeliste !”. die leute die sich an der schlange vorbeiquetschen und dann auf it-guys machen weil sie mit dem 23:00-DJ in der 4er-WG wohnen… nun ja… das ist doch irgendwie genau das Gegenteil von cool.

  2. Vuwe Seeler

    Um auf fast jeder Party die Kohle für knapp 2 Longdrinks zu sparen nehm ich ein kurzes”ich steh auf der Gästeliste”dann doch gern mal in Kauf.Entweder ist der Chris zu wohlhabend oder aber neidisch drauf nicht selbst in den”Genuss”zu kommen 😉

    Anders kann ich mir sein auf genau EIN Klischee runtergebrochenes Beispiel nicht erklären…

    Desweiteren würden mir dann noch ein Haufen peinlichere Sprüche einfallen.Da besitzt jemand zu wenig Fantasie.

  3. paul

    gästelisten sind doch ok, nicht lange anstehen und als mann ohne begleitung sicher reinzukommen ist doch super.
    leute die sich darauf was einbilden sind aber schon ein bisschen peinlich.