Es gibt Dinge und elektronische Lebensaspekte, ohne die das De:Bug-Universum nicht funktionieren würde. An dieser Stelle wird jeden Monat eines dieser Basics unter die kritische Lupe genommen. Diesmal: die Kunstfaser. Der Stoff, aus dem einmal Raver-Träume bestanden.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 137

Eine Faser ist ein im Verhältnis zur Länge dünnes und flexibles Gebilde. Fasern können keine Druck-, sondern nur Zugkräfte aufnehmen, da sie bei Druckbelastung knicken. Die meisten Chemiefasern (früher: Kunstfasern) sind Polymere.

Mit Techno, so steht es in der populärkulturellen Geschichtsschreibung, war die erste Jugendkultur geboren, die keine eigene, sie eindeutig ausweisende Mode auf den Plan rief. Damit stand man am Ende einer Entwicklung, die in den 1950er Jahren mit dem weißen T-Shirt von Marlon Brando begann und immer weitere, musikalisch beförderte Moderichtungen ermöglichte um sich gegen Eltern, Establishment und überhaupt die anderen abzugrenzen.

Mit Techno war das nun egal geworden, denn es gab kein “anderes” mehr. Aus welchen Bestandteilen dein Hemd ist, welchen Schnitt das T-Shirt hat und wie die Frisur sitzt ist dann naturgemäß schnuppe. Die langjährig und angestrengt über Stilwillen gebildeten Distinktionen, Hierarchien und Rockblödheiten, die am Rande des Pop stetig und gerne über den Style ausgetragen wurden: Sie lösten sich auf in einem Fiepsen und Bummsen. “Wie siehst du denn aus?” wurde einfach umgeformt in “Tanz mit”. Keine Mods mussten mehr gegen Rocker, keine Popper gegen Heavy-Metaller, Kleinbürger gegen Proleten, Agenturschnösel gegen Brandenburger antreten. Niemand musste sich mehr modisch verhalten. Alles egal, alles Happy Nation.

Eigentlich hat man schon ein relativ akzentuiertes Bild vor Augen, wenn man an Techno in seiner Entstehungsphase und Hochzeit denkt: Bauwagen, Camouflage, Müllabfuhr, Funkenmariechen, Fetisch und die überbordend-fantasievollen “Versuche” Jay Dees Superstück “Plastik Dreams” an sich selbst zu visualisieren. Beim Raven, zu Beginn vor allem auch eine Kultur des Draußen-Seins, ging es zum einen um das Weglassen von Stoffen, das Nacktsein. Zum anderen führte es interessante neue Stoffe ein, die so zuvor keine Rolle gespielt hatten, wie Plastik und Plüsch. Was im Grunde nur eine Grundfaser hat, die Kunstfaser. Das wesentliche Accessoire dieser ganzen Bewegung ist bereits in der Literatur hochkulturig historisiert.

In Christian Krachts fiesem Debüt Faserland von 1995 trifft der Protagonist auf einem München Rave auf einer Wiese sitzend einen der von ihm so beschriebenen Menschen: “Sie sehen alle nicht besonders schlau aus, und ich schätze, die meisten haben irgendwelche Drogen genommen.” Na jedenfalls, einer der Raver kommt zu dem Protagonisten und seinem Freund und zeigt ihnen seinen Rucksack. Er möchte, dass sie ihn streicheln, er sei so schön weich. Der Protagonist, hier ganz Chronist, beschreibt den Kunststoffbeutel detailliert: “Der blöde Sack hat tatsächlich Ohren an der Seite, so große Schlappohren wie ein Hase, und er ist ganz mit plüschigem Kunstfell überzogen, in so schmutzigem Beige.”

Glatt und glänzend vs. flauschig und weich. Man inkarnierte praktische Gegensätze in seine eigene modische Kulturtechnik und versuchte sie dort aufzulösen – das war wirklich revolutionär. In der Post-89er Techno-Clubkultur wurde dieses Prinzip auf ein einheitsbildendes soziales Projekt (siehe Covergeschichte) übertragen, das besonders in Berlin zwischen Ost und West versucht wurde, oder einfach nur passiert ist. An der Kunststofffaser lässt sich all das nachvollziehen.

Dies sah in der Regel nicht nur schrecklich aus, das war vor allem überhaupt nicht cool. Und genau darum ging es auch. Das war das Coole daran, dass man modische Abgrenzungen nicht mehr nötig hatte und es versteht auch der Protagonist in Faserlanad, dem es ja mithin ständig um die Distinktionsverspekulationen seiner Mitmenschen geht: “Hier ist ein ganzer Haufen Menschen, die man überhaupt nicht ernst nehmen kann, aber auf eine bestimmte Art haben sie alle recht …”.

Was mal ein totaler Basic war, spielt heute überhaupt keine Rolle mehr. Im Gegensatz zu synthetischen Drogen und synthetischer Musik ist uns der Sinn eines synthetischen modischen Projekts innerhalb zweier Jahrzehnte abhanden gekommen. Die Utopie, einst bis ins Detail, bis in die Stofffaser tangiert, in der die Essenzen aus High-Tech und Heimeligkeit fusionieren sollten, in eine synthetische Faser – einfach vorbei. Gut so, werdet ihr sagen. Aber heute sehen nicht alle anders aus, sondern alle wie alle.

So muss am Ende die Vermutung stehen, dass das Großprojekt deswegen flöten gegangen ist, weil man die synthetische Klamotte, die Techno-Faser aus den Augen verloren hat. Man hat das Potential aus der Verschmelzung von Kleidung und Digitaltechnik dem Fraunhofer-Institut und Firmen wie Interactive Wear AG überlassen, die nun fadenscheinige Elektronik für intelligente Kleidung entwickeln. Was sich vordergründig crazy anhört, bedeutet aber nur, dass man in schrecklich langweilige Baumwollkleidung Mikrofone, Solarzellen, Lautsprecher, Tastaturen oder Sensoren einbaut.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. De:Bug Mode » UDK Rundgang

    […] Retro-Revival war, oder einfach die natürlich umgesetzte Idee ihrer modischen Gegenwart. Also die Techno-Faser nun doch noch in der Wirklichkeit tragbar […]