Das englische Designer-Duo Basso&Brooke treibt der Stoffdesigner-Branche die avantgardistische Röte ins Gesicht. Dank der Digitalprint-Technik (und ihrer frivolen Muster) läuten sie ein neues Kapitel in der Modegeschichte ein.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 125

Basso&Brooke
Moderevolution durch Digitalprint

Die englischen Modedesigner Basso&Brooke, hatte man uns gesagt, würden nicht viel Zeit für ein Interview haben, sie möchten gleich ins Stahlrohr fahren, den kuscheligen kleinen Dark-Room-Club im Prenzlauer Berg. Als wir sie später fragen, ob wir mitkommen dürfen, wollen sie von nichts wissen, nicht einmal die Panorama Bar kennen sie, loben stattdessen die preußische Architektur in Berlin.

Um Basso&Brooke zu verstehen, muss man in John Galliano hineinschauen, tief in die Seele des Barock-Piraten und Dior-Designers, bis man bei seinen verdrängten Träumen und trashigen Sehnsüchten anlangt, dann blickt man auf ihre bunt bedruckten Kleider.
Bruno Basso (ein Brasilianer) und Christopher Brooke (ein Brite) sind kleine, kugelige Witzbolde. Der eine Grafikdesigner, der andere gelernter Schneider, starteten sie vor acht Saisons ihre Karriere mit Prints von fliegenden Phalli und nackten Jugendstil-Mädchen, die raffiniert aus einem versteckten Faltenwurf lugen.
Zur Fashion Week in Berlin lud man die Gewinner des London Fashion Fringe 04 ein, die Ergebnisse aus acht Kollektionen in einen einzigen Re-Edit zu verwandeln. Unterstützung erhielten sie von ihrer Muse Namalee, der Beauty-Redakteurin der Londoner New-Rave-Fibel “SuperSuper”. Die Retrospektive entwickelte sich unter ihrer Hand zu einem wilden Ritt durch alle Zeiten und Kulturen, in aberwitzig vielen Farben und noch mehr Formen. Und ihre Show bewies, dass die Grenze von Populär- zu Hochkultur, wie sie Susan Sontag in ihrem Essay “Notes on Camp“ 1964 erstmals einzureißen versuchte, längst nicht mehr existent ist.
Als die Models am Ende der Show zu einem bunten Zeichenreigen auf dem Catwalk stehen, weiß man selbst nicht mehr, wohin was jemals gehörte: Art Deco, arabische Schleier und Mondrian-Muster – Krisoline, neonfarbene Leggins und afrikanische Masken. Alles scheint gleich, grell und schön und flößt in seinem ganzen Ausmaß ein bisschen Angst ein.
Die Gleichwertigkeit aller Objekte, die Sontag zur ästhetischen Rezeption einforderte, sie traf sich hier mit einem Hang zur Übertreibung, einer Liebe zur Stilisierung, zum Unnatürlichen und zur Theatralik, wie sie auch Oscar Wilde gefallen hätte. Vor allem aber beweisen sie, dass Verfeinerung nicht ausschließt, zur gleichen Zeit platt, oberflächlich und laut daherzukommen. Die exzentrischen Hüte von Stephen Jones geraten zum I-Tüpfelchen, die gesamte Show (neben den aufwändigen Roben von Scherer und Gonzalez) zum Lichtblick ansonsten oft vorhersehbarer Shows bei der Berlin-Fashion-Week.

Für ihre Präsentation wählten sie Stücke vom Soundtrack zu “Clockwork Orange“ des Komponisten Walter/Wendy Carlos. Carlos wurde berühmt, weil er klassische Werke wie Beethovens Neunte zu einer Symphonie für den Moog-Synthesizer uminterpretierte (und behauptete, dass sie so viel originaler klingen würden).

Debug: Euer hysterischer Eklektizismus fand sein Pendant in der begleitenden Musik. Der Wiener Walzer wird umgestaltet, an den Noten rumgegrapscht. Das Stück fand am Ende wieder zu sich selbst.

Porno, aber versteckt

Basso: Wir haben dieses kitschige Stück vom Clockwork-Orange-Soundtrack gewählt, da es die süßliche Stimmung einer englischen Tea-Garden-Party nachempfindet – dann aber diesen dunklen, subversiven Unterton hat. So etwas haben wir gern.

Debug: Bereits eure allererste Kollektion hat aufgrund provozierender pornografischen Bilder viel Trubel gemacht.

Basso: Wir haben dabei sehr an Hieronymus Bosch gedacht, auch dort findet sich viel versteckte Pornografie. In der Kollektion ging es uns ebenfalls darum, Pornografie mit einer englischen Tea-Time-Stimmung zu verbinden. Im Grunde machen wir Mode für desillusionierte Hausfrauen, die Bridge-Partys und Morgenkaffee durch Pillen und einen Cocktail-Krug noch vor Mittag ersetzt haben.

Debug: Das Besondere war, dass man den Porno erst auf den zweiten Blick zu sehen bekam, beispielsweise wenn sich der Plisseerock auffaltete. Gab es nachträgliche Reklamationen der Käufer?

Brooke: Wir haben die Kleider bei Harrods verkauft, diesem recht teuren Kaufhaus, und die Damen kauften unsere Stücke, trugen sie nach Hause und führten sie ihren Ehemännern vor. Als die realisierten, was sie da gekauft hatten, gaben sie es oft wieder zurück.

Debug: Wenn man seine erste Kollektion macht, will man sich ja positionieren. Was wolltet ihr denn da über euch sagen?

Brooke: Natürlich möchte man in so einem Wettbewerb die Presse über sich reden machen. Wir sind die Pioniere des Digitaldrucks. Die Farben, die wir präsentieren, sind nur aufgrund des neuartigen digitalen Verfahrens möglich. Durch die anrüchigen Drucke kam dieser Umstand gut zur Geltung.

Debug: Es waren aber nicht nur die vielen Farben, die eure Show geprägt haben, sondern auch die vielen Verweise in andere Kulturen und Zeiten, so gab es viele Anklänge an die Popkultur, aber auch afrikanische Masken, Schleier und Krisoline?

Namalee: Ich denke, Basso und Brooke zeigen besonders mit dieser Show, in welcher Zeit wir leben. Wir bekommen ja ständig alles in einem wahnsinnigen Tempo vor die Nase gestellt, werden mit einem Weltwissen konfrontiert – dabei kommt es eben darauf an, sich nicht abzuschotten, zu versuchen alles aufzunehmen und es dann zu filtern und in eine eigene Richtung zu entwickeln.

Basso: Es ist sehr schwierig, Dinge, die nicht zusammen gehören, gut zusammen aussehen zu lassen. Das ist aber der ganze Trick dabei.

Namalee: Wir trainieren uns ja selbst die ganze Zeit darin. Vielleicht geht es wirklich genau darum: “perfectly mismatch things”.

Königin in Krisoline

Debug: Gibt es eine historische Dekade, die ihr nie samplen würdet?

Basso: Nein, irgendwas kann ich mit allem anfangen. Obwohl, eins mag ich nicht: wenn Frauen sich anziehen wie Männer. Ausgenommen natürlich bei Yves Saint Laurent. Also wenn sie von Kopf bis Fuß bewusst gestylt sind, dann ist es ok. Also anders: Ich mag keine Frauen in billigen Business-Suits.

Brooke: Da stimme ich nicht mir dir überein.

Namalee: Ich auch nicht. Ich liebe das!

Basso: Na, mir gefällt es eben nicht. Ich finde, die Frau muss auf anregende Art schön sein. Die Frau in der westlichen Welt hat heute eine wahnsinnige Kraft und auch Macht. Sie darf rauchen, wählen und arbeiten. Sie hat alle Möglichkeiten. Und dies sollte sie doch mit maximalem Genuss ausführen. Sie ist die Königin, die Mutterfigur, die Prinzessin.

Debug: Du sprichst von der Frau, die ihr euch vorstellt, für die ihr designt?

Basso: Schau, England ist in dieser Hinsicht ein besonders Land. Ich bin nicht britisch, aber ich respektiere die Queen. Sie ist eine Mutterfigur, ein wichtiger Teil der englischen Gesellschaft und sehr wichtig für unsere Arbeit.

Debug: Wie schätzt ihr die Situation in London ein. New Rave ist nun mit Karacho vor die Wand gefahren, es bleibt eine neonfarbene Blutspur, die bald verwischt sein wird.

Basso: Nun, die Trends in London kommen und gehen so schnell.

Debug: Wir hörten bereits von New Grave.

Brooke: Ich mochte den Term New Rave nie. Ich denke, es gab in diesem Umfeld gerade in dem Verbund aus Kunst, Musik und Mode viele Dinge, die weiterreichendes Potential haben. Ich denke, es geht nun um die Verfeinerung. Leute wie Jean-Charles de Castelbajac, der Madonna seinerzeit in ein Teddybärkostüm steckte, macht ähnliche Sachen schon jahrelang. Und es funktioniert. Es ist doch so, in einer Stadt wie London bist du aufgrund der Wetterverhältnisse praktisch gezwungen, Farben zu tragen, ansonsten kommst du um, das städtische Grau erstickt dich.

Debug: Gibt es Stoffdesigner, die ihr als Einfluss sehen würdet?

Basso: Nein, eigentlich nicht. Klar, es gibt Pucci, Jonathan Saunders, Eley Kishimoto, aber alle haben eigentlich eine andere Art zu arbeiten, andere Ziele und Ergebnisse. Ich persönlich bevorzuge meine eigenen.

Debug: Ein über 50-jähriges Traditionshaus wie Pucci hat sicher auch einiges zu bieten?

Basso: Natürlich, ich respektiere das Haus Pucci, Sie haben so lange überlebt. (…) Was soll ich sagen, ich denke, Pucci hat großes Potential.

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Elektronische Lebensaspekte.

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