Ein schwuler Hintergrund, Kunst und Mode im Vordergrund, und alles mit Musik. Yusuf Etiman kuratiert in Berlin-Kreuzberg das Basso: Magazin und Veranstaltungsraum.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 104


Basso
Verführerische Nische

“Wenn wir älter werden, hält die Welt immer weniger Überraschungen bereit. Umso schöner werden aber ihre seltsamen, verführerischen, kleinen Nischen“, schreibt Daniel Wang im aktuellen Basso Magazin. Er meint diese schummrigen Orte, in denen sich auf kleinem Raum Menschen treffen, die sich niemals zuvor begegnet sind. Orte, in denen für kurze Zeit die üblichen Spielregeln außer Kraft gesetzt werden können, sachte beleuchtete Zimmer, abgedunkelte Zugabteile zum Beispiel, oder rot ausgeleuchtete Sauna Clubs. Daniel Wang könnte ebenso gut über das Basso selber schreiben. Nein, das Basso ist natürlich kein dampfiger Sauna-Club, auch kein Dark Room. Es ist ein Magazin, ein papierner Ort sozusagen. Aber es gibt ihn eben auch, den realen Ort Basso in Berlin-Kreuzberg, den intimen Mini-Club, die Galerie und das Kino. Basso-Mäzen Yusuf Etiman kuratiert mit geschmackvoller Intuition das Programm. Filme von Jesus Christ Superstar bis Resnais und Antonioni, Performances von Tarra DeLong, Parties des lesbischen Fashion- und Kultur-Magazins Girls Like Us oder im Sommer eine Party des New Yorker Butt Magazins: alles geht, wenn es denn gefällt. An klar gesteckte Spielregeln sollen sich andere halten. Die Highbrow-Galerie-Fuzzis zum Beispiel oder die plüschig bequeme Berliner Schwulen-Community.

Yusuf Etiman ist stilsicherer Spielverderber aus Prinzip. Die Flyer des Clubs Berghain, die Yusuf ebenfalls gestaltet, bringen den Inhalt in die Clubkultur, das Basso versöhnt Intimität und hedonistischen Glamour mit dem Galerie- und Kunst-Kontext. Im Basso erzählt Yusuf Etiman vor lichtdurchfluteten, milchigen Glasscheiben über das Magazin, den Raum und seine ästhetische und politische Mission. Kurz: über eine dieser seltsamen, verführerischen Nischen.

Wie ist es zu der Gründung von Basso gekommen?

Yusuf:
Basso besteht aus dem Veranstaltungs-Raum in Berlin-Kreuzberg und dem Magazin. Den Raum gab es zuerst. Die Gründung war eine eher ungeplante und spontane Sache. Basso gibt es seit eineinhalb Jahren. Vorher habe ich in einem Gemeinschaftsbüro als Grafiker gearbeitet. In dieser klassischen Bürosituation habe ich mich aber auf Dauer nicht wohl gefühlt. Es hat mich irgendwann ein Freund angesprochen, der auf der Suche nach einer Veränderung in seinem Leben war. Er hat mir den Raum vom heutigen Basso vorgeschlagen. Wir verstrickten uns in sehr aufwendige Diskussionen über die Renovierung. In den Diskussionen haben wir uns verloren, so dass mein Partner letztendlich ausgestiegen ist. Das Basso, so wie es heute ist, beruht also allein auf meiner Initiative.
Zu dem Basso Magazin kam es, weil ich eigentlich immer schon ein Magazin machen wollte. Die Legende ist, dass ich ursprünglich nach Japan verreisen wollte. Bevor ich da aber tausende von Euros ausgegeben hätte, nur um blinkende Lichter zu sehen und um dann sagen zu können, dass Japan so toll ist und Sushi echt lecker schmeckt, hab ich gedacht, ich verwirkliche mir hier einen Traum, der mehr Substanz hat. Und das für weniger Geld.

Das Magazin ist also eine gewachsene Idee?

Yusuf:
Ja, ich hatte vorher schon mit anderen Leuten Pläne, ein Heft auf die Beine zu stellen. Das sollte noch klarer eine schwule Position beziehen. Basso hat zwar einen schwulen Hintergrund, ich würde es jedoch nicht als ausschließlich schwul bezeichnen. ”Wanker“, so sollte das Magazin heißen, ist aber daran gescheitert, dass wir fünf Leute waren und alle Prinzessinnen sein wollten. Einige hatten eher die Porno-Richtung im Hinterkopf. Das interessiert mich weniger. Ich habe zwar auch nacktes Fleisch in Basso und könnte mir auch vorstellen, da mehr zu machen, aber ich finde Porno als Stil immer schwierig. Die anderen fanden Politik schwierig. Das war mir wichtig. Tagespolitik war mir dann wieder zu beschränkt. Wir haben letztendlich keine stabile, gemeinsame Basis gefunden.
Davor habe ich über ein Heft nachgedacht, das mehr in Richtung Mode gehen sollte. Zu dem Zeitpunkt arbeitete ich in Mailand bei einem schlechten Modemagazin und war in die Fashion-Szene involviert. Das hat sich auch zerschlagen. Bei Basso bin ich dann, wie man sieht, sehr weit von all dem weggekommen, obwohl es in dem aktuellen Heft eine sehr Fashion-lastige Strecke gibt. Diese Strecke hat für mich aber auch starke Kunst-Elemente. Die Protagonisten sind nicht gestylet. Basso flirtet mehr mit der Kunst- als mit der Modewelt. Ich finde sowieso, dass gute Modemagazine mittlerweile keine Mode mehr zeigen sollten.

Du würdest Basso also nicht in erster Linie als schwules Heft bezeichnen?

Yusuf:
Nein. Obwohl es fast ein wenig langweilig ist, habe ich das erste Heft ganz bewusst unter das Oberthema sexuelle Ambiguität gestellt, um in Basso einen queeren Grundstock anzulegen. Die Texte von Terre Thaemlitz oder den Beatric Preciato gehen in diese Richtung. Ich wollte schon klarstellen, dass Basso schwul ist, aber eben nicht nur. Mich schon so ein wenig an diesen Transgender-Theorien orientieren und weggehen von der klaren Trennung schwul, lesbisch, hetero. Aber natürlich sind viele Leute, die zu Basso beitragen, schwul, und der offensive Umgang mit Sexualität trennt den Inhalte von Basso sehr scharf von anderen Magazinen. Die Texte von Daniel Wang zum Beispiel. Die würden in keinem normalen Musikmagazin als Disko-Memoiren auftauchen. Aber eigentlich verschwimmen die Grenzen ja sowieso mehr denn je. Es gibt Leute, die schwul sind und nichts klassisch Schwules machen, oder Leute, die hetero sind, aber mit diesem Hintergrund spielen und Sachen machen, die eigentlich sehr schwul wirken.

Das Butt hat als Lifestyle-Magazin eine andere Ästhetik geprägt, Körper darzustellen. Viel frontaler, viel offensiver, vielleicht auch verletzlicher. Inwiefern spielt das bei Basso eine Rolle?

Yusuf:
Butt hat den Anspruch, dass alles möglichst echt aussehen soll. Basso ist aber vielmehr an einer Ästhetik interessiert, die künstlicher und überdrehter ist. Das ist der Grundunterschied. Ich mag es opulent. Ich mag Brüche, kombiniere gerne Dinge, von denen man denkt, sie würden nicht zusammenpassen, spiele mit emotionalen Schnitten. Ich möchte, dass das Heft dadurch einen ganz eigenen Fluss entwickelt. Für manche ist das dann ein totales Durcheinander. In gewisser Hinsicht geht es mir genau darum: die Leute herauszufordern, sich das Heft selber zu erschließen.

Ich finde, die Basso-Ästhetik wirkt sehr intim und persönlich gefärbt. Wie siehst du das?

Yusuf:
Ich wollte kein Magazin machen, in dem es nur um plakative Drogen- und Feiergeschichten geht. Der Titel des aktuellen Hefts ist “Traveling without moving”. Natürlich geht es da auch um Drogen. Bei dem Thema liegt das ja auf der Hand, aber ich glaube, dass andere Hefte das nicht so behandeln wie wir, so privat und soft. Das Basso soll widerspiegeln, wie es hier ist. Das Cover zum Beispiel ist ein Foto aus einer Session, die wir in einer exzessiven Nacht unter Freunden im Basso gemacht haben. Eine Skulptur aus einem Styropor-Block, die bei dieser Session entstanden ist, haben wir anschließend im Basso einfach stehen gelassen. Die Besucher können also das, was im Heft abgebildet ist, unmittelbar sehen. Basso funktioniert ganz stark aus so einer Netzwerk-Geschichte heraus.

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Elektronische Lebensaspekte.